Mit Kind und Segel – Elternzeit an Bord

Von Jochen Schwertfeger

Dipl.-Pädagoge in einer Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und deren Familien und begeisterter Blauwassersegler mit 50.000 Seemeilen Erfahrung.

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Blauwassersegeln mit Kindern ist eine intensive aber auch sehr bereichernde Familienerfahrung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder Familien-Crews in See stechen. Insbesondere die vom Staat geregelte Elternzeit ermöglicht es Berufstätigen, eine Pause mit Jobgarantie einzulegen. Warum soll man also in dieser Zeit nicht einfach die beruflichen Segel streichen, die eigenen Segel setzen und mit dem Nachwuchs auf Törn gehen? Zumal der Wiedereinstieg am alten Arbeitsplatz staatlich garantiert ist und die ersten 14 Monate nach der Geburt sogar durch das Elterngeld finanziell unterstützt werden.

Mit Nachwuchs auf Törn. Das Cockpit wird zum Spielplatz.

So gesehen ist das erste Lebensjahr des Kindes eigentlich für einen Familien-Elternzeit-Blauwassertörn prädestiniert, da – wie gesagt – das Elterngeld als Lohnersatz eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit bietet. Meine Frau und ich haben davon auch schon Gebrauch gemacht, als wir mit unserem Sohn im Alter von sechs Monaten zu einem einjährigen Blauwassertörn von Bremen entlang der europäischen Atlantikküste bis Andalusien und zurück aufgebrochen sind. Eine wunderbare Zeit, die uns als Familie zusammengeschweißt hat.

Spaß an Bord

Wir sind da kein Einzelfall. Auch die Blauwassersegler Judith und Sönke Roever sind – als ihr Sohn ein Jahr alt war – einen Sommer lang 2000 Seemeilen quer durch das Mittelmeer von der Türkei über Griechenland, Italien, Sardinien, Korsika, den Balearen und Spanien nach Gibraltar gesegelt. Zitat Sönke: „Wir waren überrascht, wie gut das Segeln mit dem kleinen Matrosen funktioniert hat. So lange wir entspannt waren, war er es auch!“

Wenn die Eltern entspannt sind, sind es die Kinder in der Regel auch.

Eine weitere Familienzeit haben wir uns letzten Sommer gegönnt. Von Bremen ging es diesmal an die Algarve und zurück. Unser Sohn hat an Bord seinen sechsten Geburtstag gefeiert und wir waren in Summe ein Jahr lang unterwegs. Auch diesmal hatten wir eine intensive und schöne Zeit. Egal ob beim Delfine-am-Bug-Beobachten, Brot-bei-Lage-Backen, Lego-an-der-Kreuz-Bauen, Im-Ozean-Schwimmen-Lernen oder Schlauchboot-am-Ankerplatz-Fahren.

Kinder übernehmen gerne Aufgaben an Bord und lernen früh mit Verantwortung umzugehen.

Viele Eltern, denen ich von unseren beiden Reisen erzählt habe, waren verwundert, dass wir einen Törn mit einem kleinen Kind unternehmen. Manche hielten es gar für verantwortungslos. Das sehe ich anders. Vielmehr halte ich es für sinnvoll und förderlich einen Törn mit einem Säugling oder Kleinkind zu unternehmen. Je kleiner die Kinder, desto einfacher ist es, mit ihnen auf Langfahrt zu gehen. Sie haben noch keine sozialen Verpflichtungen (Kita, Kinderturnen, Freunde, Kindergeburtstagseinladungen uvm.) und brauchen im Prinzip vor allem Mama und/oder Papa um glücklich zu sein.

Je kleiner die Kinder, desto einfacher ist es, mit ihnen auf Langfahrt zu gehen.

Folglich eignet sich das Säuglingsalter hervorragend zum Segeln. Die Eltern entfernen sich maximal so weit, wie das Schiff lang ist und sind ständig verfügbar bzw. anwesend. Die Mobilität des Kindes ist sehr begrenzt – anfangs reicht schon der Platz unter der Sprayhood neben dem Niedergang als schattiges Plätzchen. Windeln (Koje oder Kartentisch werden dann schon mal zum Wickeltisch), Gläschen mit Babynahrung und Spielzeug können, wie bei keiner anderen Reiseform, gebunkert und gelagert werden. Schließlich hat man sein eigenes Hotel immer dabei.

Eine einfache Schüssel oder Kiste wird spielend zur Badewanne.

Kinder sind Eisbrecher. Vor allem im Umgang mit Behörden. Und auch Sozialkontakte kommen nicht zu kurz. Da bleibt auch Zeit für den Plausch mit anderen Seglern. Denn abends kommt der Besuch von der Nachbaryacht einfach im eigenen Cockpit vorbei, während der kleine Seemann entspannt in der Vorpiek schläft. Dafür wird nicht einmal ein Babyphone benötigt.

Kinder sind Eisbrecher. Hier mit griechischen Offiziellen beim Einklarieren.

Mit anderen Worten: Alle Bedürfnisse des Säuglings können, im wahrsten Sinne des Wortes, von der Elterncrew sofort „gestillt“ werden. Zudem stärkt der intensive Kontakt zwischen den Eltern und dem Nachwuchs den Aufbau einer sicheren Bindung. Insbesondere für Väter kann hierbei ein Beziehungsaufbau zum Nachwuchs gelingen, der einmalig ist und die weiteren Jahre prägt. Im klassischen Alltag in der Heimat wäre das so ganz sicher nicht möglich.

Für Väter ist die Elternzeit ideal, um eine enge Bindung zum Nachwuchs aufzubauen.

Und dann wären da noch die ständigen Schiffsbewegungen. Sie stimulieren und fördern motorische und kognitive Entwicklungsprozesse beim Kind. Übrigens: So lange Kinder noch nicht laufen können, werden sie auch nicht seekrank. Ihr Gleichgewichtsinn ist dann noch nicht so ausgeprägt. Und wenn die Eltern gar so gewieft sind, das Thema „Seekrankheit“ nicht zum Thema zu machen, werden die Kinder meistens auch nicht seekrank. Schließlich wissen sie gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. 🙂

Segel-Alltag mit Kindern an Bord.

Spätestens nach dem Ende des ersten Lebensjahres werden die Schwimmweste und ein festes Relingsnetz Pflicht, denn nun will das Kind stehen und laufen lernen. Tipp: Schiffe mit Achtercockpit sollten am Heck ein rundum geschlossenes Relingsnetz haben, damit der Nachwuchs dort nicht ins Wasser fallen kann. Das entspannt die gesamte Crew, da so das Cockpit zum sicheren Ort wird und es kein Problem ist, wenn man mal für ein paar Sekunden nicht aufpasst und der neugierige Nachwuchs ohne Schwimmweste das Cockpit erreicht hat.

Relingsnetz und Schwimmweste sind Pflicht beim Segeln mit Kindern.

Mit zunehmendem Alter der Kinder kommen mehr Landaktivitäten mit auf das Tagesprogramm. Der Spielplatz oder der Strand rufen und vor allem Väter fühlen sich zunehmend herausgefordert, ihrem Nachwuchs die Sandburgen-Baukunst zu vermitteln. Eimer und Schaufel lagern fortan in der Backskiste. Trotzdem muss auf den Sundowner nicht verzichtet werden: Denn wenn schließlich die Sonne untergeht, sitzen Mama und Papa am Lagerfeuer bei einem Kaltgetränk, während das Kind, müde von den Eindrücken des Tages, friedlich im Kinderwagen eingeschlafen ist.

Nickerchen am Strand. Die Eltern haben ein wenig Zeit für sich.

Auf einem Törn in warmen Gefilden kann unterwegs Schwimmen gelernt werden.

Irgendwann kommt schließlich das Laufrad an Bord und die Landgänge werden länger. Dann folgt der obligatorische Kescher für den Fisch- und Krebsfang am Steg. Und ehe man sich versieht ist der Nachwuchs den ganzen Tag lang in den Häfen mit anderen Kindern unterwegs und die Eltern haben wieder mehr Zeit für sich. Manche Eltern beruhigt dabei, wenn der Nachwuchs an Wasser gewöhnt ist. Tipp: In wärmeren Gewässern kann mit drei bis vier Jahren das Schwimmen spielend am Strand erlernt werden. Dennoch sollten Kinder immer eine Schwimmweste tragen.

Mit dem Laufrad steigt der Aktionsradius.

Grundsätzlich ist auch eine Übertragung der angesprochenen Elternzeit bis zum achten Lebensjahr des Kindes (inzwischen ohne Zustimmung des Arbeitgebers) möglich. Das ist eine interessante Option. Sie ermöglicht den Joberhalt, eine Auszeit zu nehmen und für die Familie da zu sein – zum Bespiel kann ein längerer Törn vor der Einschulung des Kindes stattfinden. Übrigens führt die Elternzeit nicht selten zu einer Steuererstattung, was ganz nebenbei auch zur Finanzierung des Törns beitragen kann.

Auch das ist eine Möglichkeit ein Kind kurzfristig für ein Manöver zu sichern.

Meine eigene Erfahrung und auch die anderer Eltern hat gezeigt, dass ein Törn mit Kindern in der Regel für die Jahre nach der Familien-Blauwasserzeit eine starke Identifikation des Nachwuchses mit den Ideen der Eltern mit sich bringt. Fast immer segeln nach so einer Reise die eigenen Kinder noch mindestens bis zur Pubertät sehr gerne an Bord mit – das kann auch eine weitere Blauwasseretappe zu einem späteren Zeitpunkt sein.

Spaß am Strand und am Ankerplatz.

Natürlich klingt das alles in allem sehr ideal und einfach. Daher möchte ich auch ein paar kritische Gedanken einflechten: Wie schon angedeutet, steht ein – im späteren Lebensalter der Kinder geplanter Törn – nicht selten in Konkurrenz zu den zunehmend bedeutsam werdenden Freundschaften der Kinder – das fängt schon in der Kita an. Und spätestens mit Beginn der Schulpflicht wird es zunehmend komplizierter, die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld heraus zu nehmen. Mitunter wollen sie es selbst auch gar nicht mehr.

Mit Kleinkindern ist das Segeln recht umkompliziert.

Und eines darf man bei all den Träumen nicht vergessen: Die Familiengründungsphase, besonders mit dem ersten Kind, ist häufig auch eine krisenhafte Paarerfahrung. Eine neue Verantwortung, schlaflose Nächte und natürlich auch eine gewisse Portion Unsicherheit im Umgang mit dem neuen Erdenbewohner. Wer hierbei keine gute Vorerfahrungen mit dem eigenen Schiff hat, läuft Gefahr, sich und die Familie zu überfordern. Dies kann zu starkem Stress führen und den Törn gefährden.

Ein Highlight: Delfine spielen mit dem Schiff.

Eine gründliche Vorbereitung, ein im Umgang vertrautes und gut ausgerüstetes Schiff sind somit eine elementare Voraussetzung für einen gelungenen Familien-Törn. Wer mit dem Segeln gerade erst angefangen hatte, sollte sich daher vielleicht eher ein begrenztes Revier mit guter Infrastruktur wie die Dänische Südsee, die Balearen oder die Algarve vornehmen, als gleich zu den Kanaren aufzubrechen. Mitunter ist es auch eine gute Idee, das Schiff ohne Kind über lange Strecken zu einem Ziel zu bringen und der Rest der Familie kommt entspannt nachgereist. Auch habe ich durchaus schon Familien getroffen, die am Ende der Elternzeit die Rückreise aus dem warmen Süden auf dem Landwege gemeistert haben. Das Schiff wurde auf der Straße transportiert.

Duplo-Steine auf der Cockpitbank gehören zum Bordalltag mit Kindern.

Wer sich auf das Abenteuer „Segeln mit Kind(ern)“ einlässt, muss bereit sein, von den üblichen Segelgewohnheiten abzuweichen. Weniger ist hier meistens mehr. Es müssen eben erst einmal die Duplo-Steine von der einen auf die andere Cockpitbank geräumt werden, bevor die Wende gefahren wird. Dafür wird die Familie mit einem einmaligen Erlebnis belohnt, dass voller schöner, intensiver Momente steckt und sie meistens auf lange Jahre verbindet. Das ist es allemal wert!

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Svenja neumann
Guest

Hallo Jochen,
habt Ihr Erfahrungen mit der Schulbefreiung? Ich scheiterte vergangenes Jahr an der Schulbehörde (nicht an den Lehrern, die das unterstützt haben), als ich lediglich eine drei-wöchige Befreiung für einen Ostsee-Sommertörn erwirken wollte. Im Endergebnis hätte ich a) eine irgendwie geartete berufliche Notwendigkeit nachweisen müssen b) das Kind hätte “krank” sein müssen oder c) den Wohnsitz abmelden müssen. Am Ende haben wir uns mit Kindern an Bord auf die Sommerferien beschränkt + der Rest ging einhand. Mit anderen Worten – es scheint hinderlich, zu ehrlich zu sein… aber krankmelden ist für längere Törns keine Alternative.

Schöne Grüße
Svenja

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