Erfahrungsbericht: Weltumsegler Moritz Herrmann muss sein Schiff aufgeben

Von Redaktion Blauwasser.de

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Dramatisches Ende einer Weltumsegelung. Moritz Herrmann ist der Vater von Hochseesegelprofi Boris Hermann. Seit 2013 ist er auf Weltumsegelung. Doch nun musste er sich abbergen lassen und sein Schiff den Tiefen des Ozeans überlassen.

In einem offenen und emotionalen Brief, den wir hier mit seinem Einverständnis veröffentlichen dürfen, schildert er das Ende seiner Reise.

Moritz Herrmann schreibt:

Liebe Freunde und Freundinnen des Segelns!

Dieser Brief fällt mir etwas schwer, es ist ein Abschied von Träumen und meinem geliebten Boot. In den letzten Monaten hatte ich viele Niederlagen erlebt: immer wieder versagte die Hydraulik der Ruderanlage. In Bali entschloss ich mich, das Ruder umbauen zu lassen, damit es leichter drehte. Die Hydraulik wurde (noch einmal) generalüberholt. So startete ich nach Christmas Island und den Cocos Islands mit gutem Gefühl und erlebte glückliche Segeltage vor einem beständigen Südost. Ein Nordseesegler kann sich dieses Glück kaum vorstellen,  bei warmen Temperaturen tagelang, fast ohne die Segel zu bedienen, dahinzugleiten in einer Meeresweite, die hier, 1000 Seemeilen von allem Land entfernt, keine Untiefen hat. Auf den Cocos Inseln fand ich den schönsten Ankerplatz meiner Reise, kristallklares Wasser über weißem Sand. Die meisten Segler waren nach Norden abgebogen, nur ein kleiner Trupp strebte weiter nach Westen Richtung Südafrika.

Cocos Islands

Mein nächstes Ziel nach Cocos war Rodrigues, eine Insel, die zu Mauritius gehört. Ich erlebte die schönsten Segeltage überhaupt mit Etmalen von 140 Seemeilen und sah mich schon in etwa 10 Tagen am Zwischenziel. Da brach die neue Roll Reffanlage aus dem Deck, an der Mastspitze hängend schleuderte der schwere Rollkorb und die ganze Anlage mit dem Segel weit nach Lee, um dann immer wieder, wie eine Abrissbirne gegen das Boot zu donnern. Es begann ein lebensgefährlicher Kampf, um den Fuß zu fangen. Eine besonders heftige Böe, unterstützt von einer heftigen See wirbelte die Anlage hoch über den Mast auf die Luvseite. Da gelang es mir, die sie mit einer Leine zu fangen und  an der Reling zu verzurren. Verschnaufpause nur für einen kurzen Augenblick, denn das Segel riss so heftig, dass die Reffstange unberechenbar stieß und zerrte und die Fenster in der Bordwand einzuschlagen drohte. Die aber kamen bei jedem Rollen weit unter Wasser… Bei diesem Kampf wurde ich mehrfach hin- und her geschleudert, schorte mit dem Rücken übers Deck, konnte mich aber immer an der Reling halten, blutete an Händen und Füßen, nach einem Schlag mit der Stange auch aus der Nase. Nächstes Kampfziel, das Vor Segel zerfetzen. Es entwickelte einen ungeheuren Druck auf die Mastspitze, die nicht mehr nach vorne gesichert war. An einen scharfen Fischhaken band ich ein langes Aluminiumrohr und versuchte, mit diesem schweren Ding in das Segel zu hacken. Frei zu stehen, ging natürlich nicht, immer wieder wurde ich aus meiner Verklammerung an einem Want geschleudert. Einmal kletterte ich auf das Dach der Kuchenbude und ehe ich mich aufrichten konnte, katapultierte mich eine Welle nach unten. Unglaubliches Glück, ich fiel nicht nach außenbords, sondern auf das Seitendeck zwischen Aufbauten und Reling. Es dauerte Tage, ehe ich die nervenaufreibend knatternden Segelfetzen kleiner gehackt hatte.

Nächster Schritt, eine Schot war ins Wasser gefallen und hatte sich um den Propeller gewickelt. Ich versuchte zu tauchen, aber das auf – und niedersausende Heck drohte mich zu erschlagen. Da zog ich eine andere Leine so um das Heck, dass ich mich daran runterziehen und festhalten konnte, wenn das Boot eintauchte. Es gelang mir, die Leine zu lösen. Nun konnte ich wieder auf Kurs gehen. Damit beruhigte sich das Rollen und ich wagte es, ein Stück in den Mast zu steigen, um einen Block anzubringen, durch den ich eine Leine scheren konnte, um ein Sturmsegel zu hissen, schließlich setzte ich noch das gereffte Besan Segel und tatsächlich segelte das Boot mit drei Knoten Richtung Rodrigues.

Ich atmete auf und entspannte mich; okay, dann wäre ich also noch 20 Tage unterwegs, statt 10. Na und, das konnte mich nicht bekümmern. Den Motor brauchte ich regelmäßig, um Strom für den Autopiloten zu erzeugen und er lief ruhig , wie immer, nachdem ich einen Defekt am Aussteller entdeckt hatte.

Wieder das Hochgefühl, mit Blick über die lebende, immer bewegte Weite des Ozeans, wo du die Wetter kommen und wieder abziehen siehst, hinter dir der Sonnenaufgang, vor dir Ihr Untergang. Du hast all dieses, den Tagesablauf, den Blick zum Horizont, das Wetter, den Wind und die ewige See für dich, unverstellt durch Reklamewände, ungestört von Beschallungen und immer frische, würzige Luft, die zu atmen eine Lust ist.

Segelyacht FIDEL von Moritz Herrmann

In der Nacht stellte der Autopilot seine Arbeit ein, Fidel taumelte quer zur See, rollte und schleuderte mich hin und her. Ich drehe energisch am Steuerrad, es geht verdächtig leicht, das Boot reagiert nicht mehr. Ich robbe zur Achter Piek und klettere rein: überall Öl ! Die Hydraulik ist hin, alle Dichtungen tropfen. Wie kann das sein, nach all den Reparaturen? Ich spüre, wie etwas in mir bricht: das ist das Ende. Nein, schreie ich, jetzt keine Entscheidung fällen, verkeil dich in der Koje. Versuch erst einmal zu schlafen. Ich krieche ins Vorschiff und krame die einzige Dose Bier heraus, die ich mitgenommen hatte. Ich binde mich an, um trinken zu können und schaue über das nächtliche Meer. So lebendig und schön siehst du au, denke ich, aber im Hintergrund meines Bewusstseins quillt, wie eine giftige Wolke der Gedanke auf: Moritz, du hast verloren.

Am nächsten Morgen rief ich meinen Sohn Boris an, erklärte, dass ich bereit sei, mich von einem Schiff aufnehmen zu lassen, gab ihm meine Position und bat ihn, die Seenotleitstelle in Bremen zu benachrichtigen, die die Meldung an Australien weitergab.

Die erste Nachricht, dass es wohl einige Tage dauern könne, weil die Gegend sei sehr abgelegen sei. Aber dann wurde mir plötzlich ein Schiff In den nächsten Stunden angekündigt. Bald tauchten seine Umrisse am Horizont auf, hastig rasieren, etwas waschen, ein paar nötige Dinge zusammenpacken. Es war ein Riesenpott, der da von Nordosten kam, wie ich später genauer erfuhr, 280 Meter lang, 40 Meter breit. Der Kapitän zog langsam einen Kreis um mich, aber er kam nicht an mich ran. Für enge Manöver sind diese Kolosse nicht gebaut. Es wurde dunkel, schließlich startete ich meinen Motor und fuhr quer auf die PACIFIC SPIRIT zu. Was würde passieren? Fidel rammte gegen die hohe Bordwand und legte sich dann, wie schutzsuchend, längsseits. Eine schwere Leine kam von oben, ich konnte sie greifen, es war unglaublich schwierig, sie zum Bug zu ziehen und durch die Klüse zu zerren und schließlich über die Klampen zu belegen. Von oben kam eine zweite Leine. Ich band meine kleinen Gepäckstücke an und brüllte aus dem Dunklen nach oben: hiev an. Von dort kamen Enttäuschungs-Schreie: wir wollen nicht dein Luggage retten, sondern dein Leben! Ich hatte mir Ölzeug angezogen und die Schwimmweste angelegt, um zumindest dieses Zeug zu retten. In der Brusttasche hatte ich das Hand-UKW-Gerät, der Kapitän schrie, ich solle sofort kommen, die Mannschaft brüllte von oben, aber ich musste noch eine schwere Pflicht erfüllen: ich stieg noch einmal nach unten, durchschnitt einen Schlauch und öffnete das Seeventil. So würde Fidel untergehen und nicht als Geister Schiff andere gefährden.

PACIFIC SPIRIT – (C) MarineTraffic.com/G. Savaugeau

Eine weitere Leine kam von oben, daran hing ein Lifebelt, aber ich konnte ihn nicht anlegen, alles war verdreht und meine Hände flogen. Da bat ich um eine Strickleiter. Die kam auch. Fidel schoss an der Bordwand auf und ab und wurde immer wieder grausam gegen den Großen geschmettert. Ich erlebte , wie stark mein Boot gebaut worden war, jedes Holz- oder Plastikboot wäre zerschellt. Am unglaublichsten war, dass der Mast noch immer stand, die Salinge waren neben mir herabgestürzt, ohne mich zu treffen, jederzeit konnte der Mast brechen und bei jedem Brecher, der Fidel gegen die hohe Bordwand schmetterte, schrie die Crew oben auf.

Ich musste nun die Strickleiter mit beiden Händen erwischen. Dazu musste ich das Want von Fidel loslassen. Ich hatte Angst, mal war Fidel mehr als einen Meter von der Bordwand entfernt, mal knallte sie dagegen und immerzu ging es meterweise auf und ab. Das Schwierigste war, auch die Füße blitzschnell auf die Leiter zu bewegen. Irgendwie ist es mir gelungen. Ich kletterte ein Paar Stufen hoch und fühlte, dass die Kräfte mich verließen, war schweißüberströmt und rang um Luft. Der Blick nach oben drohte, mir den Rest zugeben, die Bordwand verschwand nach oben im Dunklen, ich hörte die Crew nur schreien, sie feuerten mich an!

Der erste Teil der Kletterei war der schwerste. Die Leiter hing am einfallenden Teil des Schiffskörpers unten frei und drehte sich auch noch. So hing die ganze Last an den Armen. Die Hände verkrampften sich um das Seil und ich konnte sie kaum lösen. Dann kam ich In den Bereich, wo die Leiter an der senkrechten Bordwand anlag, da wurde das Klettern leichter. Schließlich konnte mich die Crew von oben packen und dann lag ich zwischen ihnen an Deck, keuchend, gerettet. Ich rappelte mich hoch, von vielen Händen unterstützt und sah in freundliche Gesichter: Wir haben um dich Angst gehabt, sagten sie immer wieder. Die PACIFIC SPIRIT ist ein rein chinesisches Schiff einer chinesischen Gesellschaft.

Fortan ist es mir gut gegangen, chinesisches Essen ist gesund und schmeckt gut, ich lernte, chinesischen Tee zu lieben und die chinesische Gastfreundschaft zu genießen. Der Kapitän schenkte mir 2 Hemden und einen weißen Anzug, lies mir die Haare schneiden, denn ich sollte ja für die vielen Fototermine als ihr Geretteter ordentlich aussehen. Die Crew sammelte chinesischen Tee für mich. In mein Zimmer wurde Milch, Wasser, Obst gestellt und immer wieder nach meinen Wünschen gefragt. Die Kompanie, die das Schiff betreibt, änderte den Kurs in Richtung Mauritius, weil von da der kürzeste Heimflug für mich möglich war, sie organisierte eine Barkasse, die mich vom ankernden Schiff abholte und einen Agenten, der den Behördenkram erledigte und für den Weiterflug sorgte. Die Zeit bis zum Abflug verbrachte ich beim deutschen Honorarkonsul auf Mauritius, auch von ihm wohlverpflegt.

Tja, nun Suche ich nach einer Wohnung und versuche eines Neuanfangs. Eine schmerzhafte Lücke klafft noch neben mir: da ist kein Boot mehr, das so viele Jahre meine Heimat gewesen ist.

Mein Sohn Boris und seine Freundin und meine langjährige Freundin Ulla helfen mir über die ersten Tage hinweg in den neuen Lebensabschnitt.

Liebe Grüße an Euch alle

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Niki
Guest

Eindrücklicher Bericht! Ich drück dir die Daumen für den Neustart. Wenn du so kämpfst wie auf deinem Boot, wird dir auch das wieder gelingen. Werde an dich denken wenn ich in deinem Kielwasser fahre im 2018 vermutlich auf der ähnlichen Route.
Niki

Stefan
Guest

Du heiliger Bimbam! Du scheinst eine Armada von Schutzengeln zu haben. Dein geliebtes Boot, ja klar das schmerzt. Aber vergiss nicht: Was ist Dein Leben gegen ein Boot? Boote gibts wie Sand am Meer, Dein Leben gibts nur einmal und kaum zu glauben, es wurde Dir ein zweites Mal geschenkt! Halt dir das vor Augen, dann wird der Schmerz über das Boot hoffentlich bald vergehen…..;-)
Du bist offensichtlich bärenstark, bald wird Dir Dein Lichtlein wieder aufgehen. Dazu wünsch ich Dir alles Glück der Welt. Dein Bericht hat mich sehr beeindruckt.
Stefan

Dieter Rudat
Guest
Nee Moritz, ich bring da kein Verständnis auf. Das Schiff schwamm und es hatte kein Leck. Dass es unterwegs Probleme geben kann, darauf muss man gefasst sein. Du lässt in Deinem Brief offen, welche Versuche Du unternommen hast, ein Notruder etwa mit Bordmittel herzustellen, oder die Ursache für den Schaden an der Hydraulik herauszufinden. Sicher ein mit Öl bespritzter Maschinenraum sieht erst mal schockierend aus. Wenn man aber geduldig und besonnen vorgeht, bekommt man das wieder hin. Also ich hätte das Schiff niemals aufgegeben. Es fühlt sich für mich so an als hättest Du die Nase einfach voll gehabt, besonders… Mehr lesen »
Edi
Guest
Auch ich kann nicht nachvollziehen warum du das Schiff aufgegeben hast , es ist sicher nicht schön was dir pasiert ist , aber damit muss ich als Blauwassersegler rechnen , nochdazu wenn mein schiff schon einige jahre auf den Buckel hat….ich bin seit 3 Jahren mit einer alten 41 Ketsch einhand unterwegs und mit den sachen die sich bei mir in den 3 jahren aufgelöst haben könnte ich Bücher füllen , Strak der Rollgenua gebrochen , Starkhalterung am Masttop abgerissen , Baumbruch am Grossmast uvm…..aber ich wäre nie auf den gedanken gekommen meine alte Lady aufzugeben sollange sie noch über… Mehr lesen »
Manni
Guest

Mir als Süßwassermatrose steht kein Urteil zu, ich denke aber, Erdmann hat mit seinem “Less is more” den Punkt getroffen. Eine Defekt an einer Rollanlage führt bei schwerem Wetter ebenso zu einer extrem kritischen Situation wie Defekte an Elektronik oder Pneumatik. Erdmann hat all dies konsequent abgelehnt. Mit Erfolg. Für schmerzbefreite Hochsee-Regattasegler heute kein Problem, für Blauwassersegler zumindest fragwürdig.

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