Im Gespräch mit Weltumseglerin Mareike Guhr

Sarah Hummel

Von Sarah Hummel

Sarah lebt in München und ist im Sommer 2016 dem Langfahrtsegeln verfallen als sie zusammen mit ihrem Mann Basti spontan die gesamte Ostsee umrundet hat.

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Mareike, du bist Skipperin, Segelsportjournalistin, PR-Fachfrau und jetzt auch Weltumseglerin. Nach viereinhalb Jahren auf den Weltmeeren bist du seit September wieder in deiner Heimatstadt Hamburg zurück (einen ausführlichen Bericht dazu gibt es hier). Du hast 37 Länder besucht, 143 Inseln erkundet und 45.000 Seemeilen im Kielwasser gelassen. Dazu erst einmal „Herzlichen Glückwunsch“!

Viele Segler träumen davon. Du hast es gemacht. Wie bist Du zu der Entscheidung gekommen, diese Weltumsegelung zu starten?

Wir haben nur ein Leben. Man weiß nicht wie lang dieses Leben ist und dem entsprechend muss man rechtzeitig die Sachen angehen, die man wirklich machen möchte. Deswegen glaube ich, dass wir früh im Leben Dinge wagen und nicht aufschieben sollten. Ausschlaggebend für mich war eben diese Erkenntnis: „Das Leben ist endlich.“ Ereignisse im privaten Umfeld haben mir verdeutlicht, dass ich die Nächste sein kann, die einfach nicht wieder aufwacht. Und dazu kam, aber das ist eine längere Geschichte, dass die Situation es gerade erlaubt hat, denn es standen keine großen Projekte an. Es ist nicht so, dass ich Arbeit suchte, aber es gab gerade nichts, was mich abgehalten hat. Große wichtige Geschichten lassen einen häufig nicht losfahren.

Für eine solche Reise braucht man ein Schiff. Du hattest die „LA MEDIANOCHE“. Was kannst du uns über sie erzählen?

Der Katamaran „LA MEDIANOCHE“ ist eine Spezialanfertigung aus Aluminium – 15 Meter lang und 8,10 Meter breit. Das Schiff wurde 2008 gebaut und war zu meinem Reiseantritt 2012 bereits vier Jahre alt. Es ist ein sehr sicheres Schiff, unsinkbar und extrem stabil gebaut. Ansonsten ist der Katamaran recht komfortabel. Die Wohnqualität ist zu Hause nicht besser, da ich dort nicht ständig draußen bin und auch nicht eben mal ins Wasser springen kann…

Katamaran LA MEDIANOCHE

Welche drei Ausrüstungsgegenstände haben sich auf Deiner Reise bewährt?

AIS, Satellitentelefon, Wassermacher. Das sind für mich die drei wichtigsten Errungenschaften.

Inwiefern?

Der Wassermacher, zum Beispiel. Es ist zwar nicht so, dass er durchgängig gearbeitet hätte. Es gab einiges auszutauschen, zu pflegen und zu warten. Aber es ist ein großartiger Mehrgewinn Wasser zu haben. In der Stunde bereitet er 100 Liter Wasser auf.

Über das Satellitentelefon wiederum habe ich alle meine Wetterdaten geladen, da ich leider über Kurzwellenfunk keine vernünftige Verbindung bekommen habe und zu viel Zeit damit verbrachte die Einstellungen anzupassen.

Na und das AIS: Sehen und gesehen werden eben. Das ist großartig.

Hattest Du neben dem AIS auch ein Radargerät an Bord?

Ja! Tatsächlich habe ich dieses aber erst zum Ende der Reise verstärkt genutzt. Anfangs habe ich das Radar fast nie eingeschaltet, eigentlich immer nur, wenn Regen- oder Gewitterwolken zu sehen waren und ich die Zugrichtung ermitteln wollte. Das ist zwar nicht immer einfach, aber möglich. Ansonsten habe ich sehr viel mit dem Plotter gearbeitet, der immer eingeschaltet war.

Mareike Guhr

Gab es auch etwas in Deiner Ausrüstung, das sich als vollkommen überflüssig erwies?

Ja, der Generator! Ich würde freiwillig nie wieder einen Generator an Bord nehmen. Er hat mir so viel Ärger bereitet. Er hat ständig gebockt und ging immer wieder aus. Es haben 15 verschiedene Mechaniker daran gearbeitet, die alle dachten, sie wüssten genau was ihm fehlt. Alle dachten, dass sie das Problem gelöst hätten, was jedoch nicht der Fall war. Ich würde mittlerweile fast dazu tendieren, wenn ich denn unbedingt einen Generator haben wollte, einen Benziner zu nehmen.

Gab es weitere überflüssige Gegenstände?

Einen Hochdruckreiniger! Das war allerdings nicht meine Entscheidung, denn er war schon an Bord. Ich habe ihn tatsächlich nie benutzt. Selbst die Gangway hätte ich nach dem Mittelmeer am liebsten sofort entsorgt. Dort habe ich sie gebraucht, danach war sie nur noch im Weg. Ausrüstungstechnisch würde ich generell, wenn ich könnte wie ich wollte, immer noch weniger mitnehmen, als ich jetzt dabeihatte. Das lag bei mir aber auch mit daran, dass ich häufig zahlende Gäste an Bord hatte und für ein ganz anderes Niveau sorgen musste, als ich es für mich hätte haben wollen.

Mareike Guhr auf See.

Drei Dinge die an Bord häufig kaputtgehen sind Autopilot, Wassermacher und Generator. Über Generator und Wassermacher haben wir bereits gesprochen. Wie sieht es mit dem Autopiloten aus?

Der Autopilot lief super. Natürlich gab es den üblichen Fehler, dass die Bürsten durchgekohlt sind. Aber das weiß man irgendwann und hat Ersatzbürsten parat. Einmal musste ich dazu den gesamten Antriebsmotor austauschen.

Ist Dein Motto hierbei „Selbst ist die Frau“? Konntest Du anstehende Reparaturen eigenständig durchführen?

Nein, nicht alle, aber sehr viele Reparaturen. Ich habe auf meiner Reise viel dazu gelernt. Oft habe ich improvisiert und Möglichkeiten gefunden das Problem zu lösen. Aber es gab klare Grenzen für mich. Es gibt Probleme bei denen ich merkte, da will und kann ich mich nicht einmischen. Dies betrifft insbesondere spezifische Reparaturen des Motors und der Elektrik.

Und Dein Energiemanagement? Wie hast Du dieses gehandhabt?

Der Katamaran hat zwei anständige Lichtmaschinen und um die Batterien zu laden, habe ich am Tag den Motor für eine gute Stunde laufen lassen. Auf See war es etwas mehr, da viele verschiedene Dinge am Strom hingen. Neben dem Kühlschrank und dem Rechner lief der Plotter durchgehend.

Hast Du weitere Energiequellen wie Solarzellen oder Windgenerator genutzt?

Solarzellen ja, aber wenig im Verhältnis. Ich hatte 180 Watt (peak) Solar, was allerdings für den genannten Verbrauch, mit dem recht großen Kühlschrank, nicht ausreichend war. Den Eisschrank habe ich immer wieder abgeschaltet, weil er tatsächlich zu viel Energie zog. Einen Windgenerator hatte ich nicht an Bord. Über den Daumen würde ich sagen: Die Energie kam zu 90 Prozent aus den beiden Lichtmaschinen, die anderen 10 Prozent waren Solarenergie.

LA MEDIANOCHE vor Anker im Pazifik.

Gibt es rückblickend auf dem Törn heute etwas, das Du bei der Streckenplanung anders machen würdest?

Ich empfehle mittlerweile jedem zu prüfen, ob man nicht länger im Pazifik bleiben und beispielsweise in Tahiti die Zyklonsaison aussitzen kann. Das hatte ich für mich ausgeschlossen, da es leider immer hieß, dass es keinen Platz gäbe. Heute weiß ich, dass es geht und ich würde es anders machen. Einfach aus dem Grund, dass man im Passatwind nur schwer zurückfahren kann.

Dein Herz schlägt also für den Pazifik. Was macht ihn so einzigartig?

Der Pazifik ist der größte und schönste Ozean der Welt. Es gibt viele Segler, die gar nicht wissen, was der Pazifik zu bieten hat. Viele glauben, dass es dort so ähnlich ist, wie in der Karibik, nur eben ein wenig weiter weg. Aber das stimmt nicht, es ist eine ganz eigene Welt. Es ist spannender als in der zivilisierten westlichen Welt. Die Menschen sind sehr viel weniger angebunden an dieses hektische Leben und den Kommerz, der beispielsweise aus Amerika und Europa in die Karibik schwappt. Die Karibik hat sich leider stark verändert. Ich würde sagen der Pazifik ist das, was die Karibik vor mehr als 50 Jahren war.

In der Südsee.

Die Ozeane stecken voller Leben. Gibt es ein Erlebnis, dass Dir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist?

Nicht nur von dieser Reise, auch von den Reisen davor. Ich finde die portugiesischen Galeeren absolut faszinierend und spannend. Was für eine Lebensform! Man sieht sie in großen Mengen auf dem Atlantik. Auch Wale sind für mich absolut einzigartig. Wir lagen vor Südafrika in einem Pulk von 30 Tieren, die sich überhaupt nicht stören ließen. Wir haben den Motor ausgeschaltet und uns einfach treiben lassen. Es waren zwar nicht die ganz großen Wale, aber es war eine unglaubliche Ansammlung, die ich vorher und danach auch nie wieder so gesehen habe. Ich wusste nicht wohin ich meine Kamera zuerst richten soll.

Portugiesische Galeere

Nachdem wir nun schon einiges von Deiner traumhaften Reise erfahren haben, werden sich einige Leser fragen, wie Du Dir diese finanziert hast.

Ich habe einmal im Jahr auf der Messe „boot“ in Düsseldorf gearbeitet. Das ist natürlich nicht ausreichend, aber es hilft. Zudem habe ich vorher gespart, um mir diesen Traum zu verwirklichen. Den Katamaran habe ich mir geliehen und im Gegenzug Chartergäste an Bord genommen. Somit hatte ich keine Kosten, aber auch keine Einnahmen. Für den Skipperjob wurde ich nicht bezahlt. Das Geld, dass ich für mich selber benötigte beispielsweise für Versicherungen, Flugtickets, Telefonate oder auch mal für einen Mietwagen habe ich von meinem Ersparten genommen.

Du hattest viele Chartergäste an Bord. In den vier Jahren haben Dich 140 Menschen auf Deiner Reise begleitet. Hat das gut geklappt oder hast Du es manchmal auch bereut?

Es gab Tage, da habe ich mir gewünscht, dass ich mehr Freiheit hätte und mir aussuchen kann, ob ich bleibe oder weiterfahre. Aber ich musste zu bestimmten Terminen an bestimmten Orten sein. Es ist schon eine große Freiheit, wenn man keine Crewwechsel geplant hat.

Sind die Crewwechsel denn immer gelungen?

Ja und darauf bin ich auch ziemlich stolz. Das war eine ganz schöne Herausforderung und ohne die vielen Crewwechsel und die Gästebetreuung wäre es sicherlich leichter gewesen.

… aber auch viel einsamer? Oder bist Du vom Typ her eher ein Einhandsegler?

Nein, das bin ich nicht. Aber ich finde diese Reise als Paar zu segeln ist die ideale Lösung. Man weiß genau was der andere leistet und kann sich darauf verlassen. Es muss nicht ständig alles neu erklärt werden, man hat genug Manpower und es ist natürlich auch die „richtige“ Gesellschaft.

Im Pazifik – Abendstimmung am Ankerplatz.

Was war für Dich die größte Entbehrung auf Deiner Reise?

Eindeutig, Freunde und Familie.

Bist Du zwischendurch auch mal nach Hause geflogen, um Freunde und Familie zu sehen?

Ja, einmal im Jahr nach Düsseldorf zur Messe und dann für einen kurzen Abstecher nach Hause. Viel zu kurz. Selbst dann hatte ich fast keine Zeit für meine Freunde. Logischerweise haben sie es auch nur vereinzelt geschafft zu mir an das andere Ende der Welt zu reisen. Meine Mutter hat mich am häufigsten besucht.

Gab es auch kulinarische Entbehrungen?

Ich liebe Lakritz und Schwarzbrot und beides ist schwer zu bekommen. Aber zum Glück kam durch die häufigen Crewwechsel immer mal wieder etwas an Bord. Natürlich ist abgepacktes Schwarzbrot nicht das Gleiche wie frisch gebackenes. Ansonsten habe ich frischen Salat vermisst. Er ist häufig nicht erhältlich und leider auch bei langen Strecken nicht haltbar.

Konnte denn frischer Fisch helfen?

Ja permanent! Mein damaliger Freund war ein großer Fischer und hat das im Pazifik erstmalig so richtig zum Erfolg geführt und entsprechend habe ich viel von ihm gelernt.

Wie lautet hierfür das Erfolgsrezept?

Natürlich gehört immer eine Portion Glück dazu. Wichtig ist eine richtig kräftige Sehne, die nicht durchreißt, denn das passiert bei den größeren Fischen gerne mal. Wir haben die Leine hinterher gezogen und sie war immer mindestens 50 cm unter Wasser. Wenn sie anfängt zu springen, sollte man mehr Schnur geben oder mehr Blei anhängen. Die richtige Befestigung des Hakens ist auch zu beachten und vor allem sollte er groß genug sein. Da können schon mal fünfzehn Kilo Fisch dranhängen. Das ist dann eine fette Beute.

Zum Abschluss noch eine Frage: Welchen Tipp würdest Du anderen Seglern mit auf den Weg geben?

Man sollte nicht zu ängstlich sein. Natürlich ist es wichtig Respekt zu haben und ausreichend vorsichtig vorzugehen, aber man muss im Leben in meinen Augen auch mal etwas wagen. Ich bin froh, dass ich unterwegs war. Natürlich gab es viele Fragezeichen vor der Abfahrt. Aber nun kann mir meine Reise keiner mehr nehmen.

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