Wie man Gewitter frühzeitig erkennt

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von Thomas Käsbohrer

Buchautor, Filmemacher und vor allem Segler. Auf seiner Segelyacht LEVJE ist er im Mittelmeer unterwegs.

1. Akt

Selten kommt ein Gewitter überraschend. Es gibt kaum eine Gewitterfront, die von den Wetterdiensten nicht Tage vorher angekündigt wird. Aber vor allen technischen Hilfsmitteln kommt es auf das eigene Beobachten an. Denn meist gibt das Wolkenbild rundherum stundenlang vorher schon guten Aufschluss, ob etwas vor sich geht.

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Diese Wolken sind höher als breit. Ein Indiz? (Foto: Thomas Käsbohrer)

Meine einfache Faustregel – und sie gilt für Stadt, Land, Meer: „Sind die Wolken höher als breit: Schau rundrum. Und sei bereit.“

Diese Faustregel sagt einfach: sobald sich die Wolkenentwicklung „in die Höhe“ richtet, Wolken „quellen“, sollte man Wetter und Wolken ständig beobachten. Und ständig rundum Ausschau halten.

Wo entsteht etwas? Wo bilden sich Quellwolken? Und: entstehen aus einfachen Quellwolken großräumige Gewitterzellen? Und wo bewegen sie sich hin?

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Wolken in der Aufwärts-Ausdehnung. (Foto: Thomas Käsbohrer)

2. Akt

Auf dem Foto ein scheinbar harmloses Wolkenbild, das sich an einem entspannten Mittag von Korfu aus über der Küste Albaniens zeigt. Bei genauem Hinsehen erkennt man hier bereits die „Aufwärts-Ausdehnung“, das „höher als breit“ der Wolken sehr deutlich: Vor allem in den Wolken links der beiden Großmasten. Die Verfärbung der Wolken ganz rechts bereits am Vormittag ist ein deutliches Warnsignal.

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Wolken am Nachmittag vor Korfu. Was kommt? (Foto: Thomas Käsbohrer)

3. Akt

Hat sich tatsächlich eine Gewitterzelle gebildet: Zugbahn beobachten. Kommt mir das Ding in die Quere? Und: Wenn es meinen Kurs voraussichtlich kreuzt: Wird es auf seiner Zugbahn noch stärker („größer“, „dunkler“, „bedrohlicher“)? Oder weht es aus?

Der Nachmittag desselben Tages vor Korfu: Weit im Süden haben sich zwei Gewittertürme mit rasch aufwärts schießenden feuchtwarmen Luftmassen gebildet – wie das vorstehende Foto zeigt. Der rechte Turm über der Segelyacht „weht“ bereits oben nach links und rechts aus, verliert an Kraft und hat sich entschärft.

Das linke Gebilde verdient vor allem oben rechts unsere Aufmerksamkeit: Die Ränder sind nicht unscharf oder konturlos verwischend, sondern scharf konturiert. Das Gebilde ist noch in der Entwicklung begriffen. Augen auf.

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Ein beeindruckendes Wolkengebilde. (Foto: Thomas Käsbohrer)

4. Akt

Hat sich ein Gewitter entwickelt und liegt es auf meinem Kurs, gibt es drei denkbare Verhaltensweisen:

„Drum-herum-Segeln“

Immer wieder gerne in solchen Situationen diskutiert. Hat aber noch nie funktioniert. Scheidet als Möglichkeit aus. Gewitter sehen aus der Distanz aus wie „lokale Gebilde“, ähnlich Möbelwagen. Das sind sie aber nicht. Sondern großräumige Vorgänge in riesigen Dimensionen.

Möbelwagen kann man umfahren. Bewegliche Alpen-Bergmassive nicht.

„Ankern. Abwarten. Vorbei ziehen lassen“

Schon besser. Ist das Gewitter voraus und seine Zugrichtung liegt quer zum Kurs und nicht geradewegs auf das Schiff zu: kann das klappen.

Halbwegs geschützte Bucht suchen. Noch besser: Hafen. Anker fallen lassen. Gewitter den Vortritt lassen. Wetter beobachten. Nach zwei, drei Stunden weitersegeln.

Der Haken: Wo ein Gewitter entsteht, entsteht manchmal auch gleich ein zweites. Und: Für dieses Verfahren muss die Zugrichtung ausgeprägt klar erkennbar sein. Und da lehrt ein gewitterreiches Gebiet wie die Nordadria gelegentlich anderes: Erst Gewitterfront von Nord nach Süd. Dann unmittelbar mit dem Schiff mitziehendes Gewitter von Süd nach Nord. Also: Für dieses Verfahren muss glasklar die Zugrichtung des Gewitters erkennbar sein.

„Da fahren wir jetzt einfach durch“

Irgendwann kommt für den, der sich einem Gewitter nähert, der Punkt, wo man den Dingen ins Auge schauen muss. Und unabänderlich erkennt:

Es wird größer.
Es kommt genau auf uns zu.
Es ist unabänderlich.
Wir müssen da jetzt durch.

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Unwetter in Mittelitalien. (Foto: Thomas Käsbohrer)

5. Akt

Ich war früher ein großer Verfechter der Methode „Durchfahren“. Segel runter. Alles festbändseln.

Schwimmwesten und Lifebelts an. Letzte Position in Seekarte eintragen. Motor an. Geradewegs durch. Manchmal kommt man damit buchstäblich „gut durch“: Ein paar Momente heftige Böen. Ein gewaltiger Guss. Und in 20 Minuten ist alles vorbei.

Das Unwetter auf dem vorstehenden Foto zog genau von West nach Ost den Sporn des Gargano in Mittelitalien entlang. Von Norden her kommend, „querte“ das Gewitter unseren Kurs. In diesem Fall funktionierte die Taktik „Bucht suchen. Ankern. Vorbeiziehen lassen.“ Vom kroatischen Vis kommende Yachten, die vor dem Hafen von Vieste in genau dieses Gewitter gerieten, traf es weniger glücklich: Starkwindböen.

Über eine Stunde Starkregen mit deutlich verminderter Sicht. Der Hafen von Vieste nicht ansteuerbar. Kleine Crews, die nach mehr als 12stündiger Überfahrt gezwungen sind, vor dem Hafen im Starkregen zu kreuzen.

Demut, vor allem. Gewitter ist nicht gleich Gewitter. Und Gewitter ist keineswegs nur „Hoffentlich schlägt der Blitz nicht in den Mast“. Anderes ist da mindestens ebenso bedrohlich:

>> Sicht: Das Juli-Unwetter, in das ich hieingeriet, währte über eine Stunde. Über eine Stunde „Sicht null“ im dichten Regen. Zeitweise Hagel. Zwei Yachten, vorher auf Parallelkurs zur Küste, waren nicht mehr erkennbar. Bis eine, mitten im Starkregen, ungefähr 20, 30 Meter vor meinem Bug vorbei schoss. Nicht gut.

>> Wind: Die Front brachte enorme Windböen mit sich. Sie drehten immer wieder LEVJEs Bug aus dem Wind – und einfach in die Gegenrichtung, trotz starkem Motor. Es war ein „Kreise fahren in unsichtigem Wetter“. Nicht gut.

>> Hagel: Ruder gehen war zeitweise wegen der Größe der Hagelkörner, die den Verklicker zerstörten, nicht mehr möglich.

>> Regen: Starkregen führte zum Ausfall meines Autopiloten: Der Wartungstechniker von RAYMARINE stellte später einen „starken Wassereinbruch“ fest, der die Platine sofort zerstörte.

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Sicher im Hafen… Stimmt das? (Foto: Thomas Käsbohrer)

Spätestens diese Beispiele eines heftigen Unwetters führen vor Augen: Wenn es grell blitzt und laut donnert: Gefahren drohen von ganz unterschiedlicher Seite.

„Ab in den Hafen.“

Am besten: gar nicht erst rausgehen! Schon richtig. Aber: Wer chartert, der will seine 14 Tage segeln. Wer sich mühsam eine Woche Urlaub erkämpft hat, auch. Und nicht womöglich aus einem Hafentag drei werden lassen. Oft ist die Situation nicht so eindeutig. Zwischen „Das geht schon!“ und „Wir bleiben lieber im Hafen“ liegen oft nur Millimeter.

Gewitter nachts vor Anker. In solchen Situationen beschränkt sich meine Aktivität, sofern wir geschützt liegen, auf „Ankerwache“ und „Auszählen“. Kommt das Gewitter näher – oder zieht es vorbei? Die gute alte Methode des „Wieviele Sekunden vergehen zwischen Blitz und nachfolgendem Donner?“ hat seit den Kindertagen nichts an Wirksamkeit und Effektivität verloren.

Und ist ein untrüglicher Warner. Danach: sehen, was kommt.

GewitterSegeln-Cover

Thomas Käsbohrer hat über das Thema ein Buch herausgegeben. Es ist bei millemari erschienen und trägt den Titel:

GEWITTERSEGELN – Seemannschaft und Grenzerfahrung. 40 Segler berichten.

Das Buch hat 272 Seiten, ist von leidenschaftlichen Fahrten-, Regattaseglern und Profiskippern geschrieben. Sozusagen aus der Community. Für die Community.

ISBN 978-3-946014-01-0
29,95 €
Link zum Buch

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