Umgang mit Wassereinbruch / Leck

seonke_roever

von Sönke Roever

Ein Wassereinbruch ist eine unschöne Angelegenheit, auf die wohl jeder Segler gerne verzichten würde. Dennoch lässt er sich trotz guter Prävention nicht immer vermeiden. Insbesondere auf einer Langfahrt ist es normal, früher oder später mit einem Gegenstand zu kollidieren, der auf oder im Wasser treibt. Wir sind im Laufe unserer verschiedenen Reisen an diversen Euro-Paletten, einer toten Kuh im Mittelmeer und einem Kühlschrank in Südostasien vorbeigesegelt. Auch haben wir schon Gegenstände gerammt. Auf unserer Weltumsegelung waren es zwei Baumstämme. Einmal vor der Küste Panamas und das andere Mal vor der Küste Papua-Neuguineas. Beide Kollisionen haben zum Glück nur ein paar Kratzer am Unterwasserschiff hinterlassen.

leck13

Auf einer Langfahrt ist es normal mit Gegenständen zu kollidieren, die im Wasser treiben.

Einer befreundeten Crew hingegen ging es anders. Ihr ist nach einer Kollision mit einem unbekannten Objekt im Mittelmeer innerhalb von acht Minuten das Schiff gesunken. In solch einer extremen Situation ist es (überlebens)wichtig, dass jedes Crewmitglied weiß, was zu tun ist. Hierzu trägt eine ausführliche Sicherheitseinweisung durch den Skipper vor der Abfahrt bei. Dabei sollten mindestens folgende Fragen beantwortet werden: Wo gibt es Seeventile und wie werden diese bedient? Wo sind die Leckpfropfen verstaut? Welche Pumpen gibt es und wie werden diese bedient?

Natürlich klingt das in der Theorie sehr einfach – in der Praxis geht es in solch einer Situation eher nicht sehr ruhig und gesittet an Bord zu. Daher habe ich nachstehend ein paar Tipps zur Leckbekämpfung aufgeführt, die vielleicht helfen könnten, eine Lecksituation unter Kontrolle zu bekommen.

leck14

Dieses Schiff sank in der Rodney Bay Marina (St. Lucia) durch ein Leck im Rumpf.

Tritt Wasser in das Schiff ein, ist es wichtig dies so schnell wie möglich mitzubekommen. Hierbei hilft ein akustisches Warnsignal. Beispielsweise kann der Schwimmschalter der Bilgepumpe mit einem Buzzer kombiniert werden. Das ist auch deshalb wichtig, weil Bilgepumpen mitunter sehr leise sind und man nicht immer hört, wenn sie laufen – schon gar nicht unter Maschine. Alternativ kann auch jede andere Form von Wasser-Alarm eingesetzt werden.

So ein Alarm ist einfach umzusetzen und kostet sehr wenig. Eine simple Möglichkeit ist, einen Wassermelder, einen Buzzer und einen Schwimmschalter zu kombinieren.

Wird Wasser im Schiff festgestellt, muss als Erstes herausgefunden werden, ob es sich um Süß- oder Salzwasser handelt. Dazu reicht es völlig aus, einen Finger in das Wasser zu halten und den Geschmack zu testen. Handelt es sich um Süßwasser, können wir uns entspannen, da das Wasser dann aus dem Schiffsinneren kommt und keine große Gefahr darstellt — schließlich war es vorher auch an Bord, und die Menge ist begrenzt. Schmeckt das Wasser hingegen salzig, haben wir ein Problem. Hier gilt es je nach Einströmmenge mehr oder minder schnell das Leck zu finden und zu stoppen, was nicht immer einfach ist. Andernfalls kann das Schiff sinken.

leck10

Wassereinbruch auf unserer Überfahrt nach Marokko. Das Fach unter der Koje steht voll Wasser.

Wir können uns noch gut erinnern, wie wir auf dem Weg von Gibraltar nach Marokko einen Wassereinbruch hatten. Allerdings haben wir trotz strukturierter Suche das Leck nicht finden können. Da es sich um einen ruhigen Tag auf See handelte und die einströmende Menge Wasser überschaubar war, lösten wir das Problem auf unkonventionelle Art und Weise. Eine Schnorchelrunde um das Unterwasserschiff ergab, dass der Geber des Sumlogs ins Schiff gerutscht war. Wir hatten bei den Vorbereitungen zu unserer großen Reise im Eifer des Gefechtes schlicht den Sicherungssplint vergessen. Kleiner Fehler — große Wirkung. Der Geber sitzt unter den Vorschiffskojen in einem Fach. Es war voll Wasser gelaufen — was wir jedoch nicht bemerkt haben, weil die Wände höher als die Wasserlinie sind. Allerdings ist immer dann, wenn das Schiff etwas Schräglage hatte, Wasser entlang einer Schlauchdurchführung in die Bilge im Bad gelaufen und von dort weiter in die Hauptbilge. Mitunter kann man manchmal gar nicht so verquer denken, wie die Dinge laufen.

leck2

Bei der Leckbekämpfung hilft Kreativität. Mit Brille und Schnorchel wurde das Leck im Unterwasserschiff gesucht.

leck7

Löcher im Rumpf einer Ferrozement-Yacht nach einer Kollision mit einem Unterwasserhindernis.

Durch die Öffnung eines Seeventils mit einem Durchmesser von gerade mal einem Zoll (2,54 Zentimeter), treten bereits 1,5 Liter Wasser pro Sekunde bzw. 90 Liter Wasser pro Minute ein, wenn sich der Einbauort einen halben Meter unter der Wasserlinie befindet. Das ist eine gehörige Menge für das kleine Loch, und es braucht nicht viel Fantasie, um zu erahnen, was bei größeren Löchern passiert. Folglich geht es bei der Leckbekämpfung zunächst nicht darum, eine möglichst elegante Lösung zu finden, sondern den Wassereinbruch zügig zu minimieren. Und wenn erst einmal nur ein Handtuch auf das Loch gelegt und ein Fuß darauf gestellt wird. So wird der Sturzbach zum Rinnsal und wertvolle Zeit gewonnen. Danach kann in Ruhe überlegt werden, wo eigentlich die Leckpfropfen verstaut wurden ;-)

leck8

So sollte ein Seeventil nicht aussehen.

In der Praxis hat es sich bewährt, in der Nähe jedes Rumpfdurchlasses einen Leckpfropfen in der passenden Größe zu platzieren. Bei einem Seeventil kann er zum Beispiel mit einem Tape am Schlauch befestigt werden. Im Notfall ist er griffbereit. Neben dem klassischen Holzstopfen gibt es im Handel auch flexible Leckpfropfen. Sie sind für Löcher mit ausgefransten und unsymmetrischen Rändern gedacht.

leck5

An jedem Seeventil sollte der passende Leckpfropfen griffbereit befestigt sein.

Meist erfolgt der Wassereinbruch durch ein im Rumpf vorhandenes Loch. Sei es, dass ein Seeventil abgeschert ist oder im Motorraum die Stopfbuchse leckt. Wir hatten das Problem auf dem Atlantik. Auf den letzten tausend Seemeilen war ständig Wasser im Schiff, das durch einen der Borddurchlässe zu kommen schien. Allerdings waren alle Seeventile trocken. Und dennoch: Immer wenn wir auf Steuerbordbug segelten, stieg das Wasser in der Bilge. Nach längerem Suchen sind wir dahintergekommen, dass über den Schlauchauslass der elektrischen Bilgepumpe Wasser ins Schiff gedrückt wurde, wenn wir uns auf die Seite legten und der Auslass unter Wasser geriet. Als einfache Notmaßnahme haben wir den Auslass an der Bordwand mit Klebeband verschlossen. Nach Ankunft in der Karibik haben wir in alle Bilgepumpenleitungen Rückschlagventile eingebaut. Damit war diese Kinderkrankheit vom Tisch. Aber Achtung! Rückschlagventile vermindern die Durchflussmenge, daher ist der Schlauchdurchmesser gegebenenfalls anzupassen.

Eine bessere Lösung als Rückschlagventile bieten Schwanenhälse. Diese sind in der Praxis allerdings nicht immer realisierbar. Das hängt vom zur Verfügung stehenden Platz und der maximalen Förderhöhe der Bilgepumpe ab.

leck9

Rückschlagventile verhindern, dass Seewasser von außen in das Schiffsinnere dringen kann.

Befindet sich der Wassereinbruch hinter Einbauten, wird die Lokalisierung schwieriger. Hier ist es hilfreich, wenn mindestens eine wasserfeste Taschenlampe an Bord griffbereit mitgeführt wird. Oft müssen zum Auffinden eines solchen Lecks Einbauten entfernt werden. Da es dabei nicht um Schönheit, sondern um Geschwindigkeit geht, gehört auf jede Langfahrtyacht eine Brechstange — auch Kuhfuß genannt. Damit das Stahlwerkzeug nicht rostet, kann es in Frischhaltefolie eingewickelt werden (sie muss bei einem Einsatz nicht entfernt werden). Zudem kann es sein, dass etwas zum Verkeilen benötigt wird. Da kann es schon mal sein, dass der Spinnakerbaum oder der Kartentischdeckel mit der Säge passend abgelängt werden muss. Der Gedanke an das splitternde Holz der Einbauten oder den halben Spinnakerbaum beziehungsweise Tischdeckel ist nicht schön, aber was nützt es, mit einem heilen Schiff unterzugehen. Eine Rettung auf einem demolierten Schiff erscheint da sinnvoller und hat Priorität.

leck1

Bei der Leckbekämpfung hilft eine Brechstange, Einbauten aus dem Weg zu räumen.

Oft hilft bei der Leckbekämpfung Kreativität. So kann zum Beispiel bei einem größeren Leck — etwa durch eine Kollision — ein Segel unter den Rumpf gezogen werden, um das Loch zu verschließen. Ebenso können Kissen in große Müllsäcke gesteckt und von innen auf dem Loch verkeilt werden. Auch hört man immer wieder von Seglern, die mit Unterwasserepoxid Leckagen abgedichtet haben — um nur einige Beispiele zu nennen.

Leck11

Bilgepumpen können schnell große Mengen Wasser aus dem Schiff pumpen, sofern die Dimensionierung stimmt.

Neben den Möglichkeiten zur Leckabdichtung müssen an Bord geeignete Pumpen vorhanden sein, um das eindringende Wasser aus dem Schiff zu bekommen. Hier gilt das Motto »viel hilft viel« — die Fördermenge der elektrischen Bilgepumpe sollte entsprechend bemessen sein (auf dem vorstehenden Foto befördert die Pumpe 7500 Liter in der Stunde außenbords – das sind 125 Liter/Minute bzw. ca. 2 Liter/Sekunde) . Bei der Installation muss allerdings unbedingt die maximale Förderhöhe beachtet werden, andernfalls nützt die beste Pumpe nichts. Auch sollte die Akkubank im Schiff nicht zu tief verbaut sein, damit bei einem Wassereinbruch Strom zur Verfügung steht.

Zudem kann eine mobile Tauchpumpe mit großer Kabellänge sehr hilfreich sein, um ein Leck in den Griff zu bekommen. Voraussetzung hierfür ist ein Inverter mit entsprechender Leistung. Wichtig: den Inverter so montieren, dass er bei einem Wassereinbruch nicht gleich nasse Füße bekommt und in der Folge den Dienst versagt.

Natürlich sollte auch eine Handpumpe an Bord sein. Dabei ist zu bedenken, dass bei den meisten Handpumpen mit den Jahren die Gummimembran der Pumpe spröde wird und ausgetauscht werden muss. Nicht, dass die Pumpe im Ernstfall den Dienst versagt.

leck12

Bei Handpumpen muss regelmäßig die Gummimembran auf Risse geprüft werden.

Und dann wäre da noch der klassische Eimer — die Pütz. Mit ihr können ebenfalls größere Mengen Wasser aus dem Schiff befördert werden. Dabei reicht es auf den meisten Yachten, das Wasser durch den Niedergang ins Cockpit zu entleeren. Es sucht sich seinen Weg durch die Selbstlenzer.

leck6

Altbewährt — die Pütz.

Was oft vergessen wird, ist, dass es neben der Pütz und den Bilgepumpen weitere Pumpen an Bord gibt. Reichen die genannten Maßnahmen nicht aus, die eindringende Menge in Schach zu halten, können diese für den Zweck der Leckbekämpfung missbraucht werden — beispielsweise Pumpen, die Duschwasser abpumpen. Auch kann in Erwägung gezogen werden, den Ansaugschlauch für das Kühlwasser des Motors vom Seeventil zu nehmen und in das eingedrungene Wasser zu führen (zur Not mit dem Messer kappen und das Seeventil vorher schließen). Wird der Motor gestartet, saugt er über die Kühlwasserpumpe das Schiff zusätzlich leer. Gleiches geht theoretisch auch mit der Trinkwasserpumpe eines Druckwassersystems. Dazu wird der Schlauch vom Trinkwassertank abgezogen, der Tank gegen Entleerung gesichert (Leckpfropfen) und der Wasserhahn aufgedreht. So wird das Wasser durch Waschbecken oder Spüle ebenfalls aus dem Schiff geführt.

Wie gesagt: Oft hilft Kreativität bei der Leckbekämpfung!

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar...

Informiere mich bei
avatar

Sortierreihenfolge:   Aktuellste | Älteste | Likes
Klaus Pauly
Guest
Klaus Pauly
11. April 2016 18:59

Wir haben glücklicherweise bisher erst einmal „Wasser im Schiff“ erlebt. Der flexible Süßwassertank war geplatzt, was sehr schnell durch die Geschmacksprobe festgestellt werden konnte.
Auf dem Weg nach Amrum haben wir einmal einen Kavenzmann von 4 Meterpfosten aus dem Wasser gefischt und dem Hafenmeister von Wittdühn übergeben. Vielleicht hat das nachfolgende Segler vor unliebsamer Überraschung bewahrt.
Danke für Eure lehrreichen Tips.
Gruß Klaus Pauly von der SY Kopernikus

Andreas Augst
Guest
Andreas Augst
12. April 2016 13:02
Hallo Sönke, super tolle Tipps zu Thema „Wasser, wo man es nicht braucht“. Ich habe leider immer wieder einmal mit Wasser im Schiff zu kämpfen – aus den unterschiedlichsten Gründen. In der letzten Saison gab es am Seeventil für das Waschbecken vorn einen Längsriss (PVC-Ventil der Marke KTM (sehr groß und stabil ausgeführt) wegen Alu-Rumpf), leider auf der Seeseite, so dass ein Absperren sinnlos war. Ungeplanter Werftaufenthalt in Ajaccio war notwendig. Wenig später eine Mooeringleine in der Schraube, so dass die Welle nach achtern gezogen wurde und zunächst unbemerkt viel Wasser ins Schiff eindrang. Ungeplanter Werftaufenthalt in Calvi notwendig. Da… Mehr lesen »
wpDiscuz