Optimale Rigg-Spannung – Die Zollstock-Methode

Von Sören Matthiessen

Sören Matthiessen startete seine Segel-Laufbahn mit 6 Jahren im Opti. Erste Langfahrt-Erfahrung sammelte er mit seinen Eltern in Schweden und Norwegen. Im Alter von 23 segelte er 1992 die erste Atlantikrunde in einem 34 Fuß Schiff, die zweite Langfahrt folgte 2004. Auch beruflich ist er als Experte für Seldén Masten bei der Hermann Gotthardt GmbH dem Wasser und Segelsport verbunden.

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Für alle Riggarten ist es grundsätzlich erforderlich, dass die Oberwanten die richtige Spannung haben. Ziel muss es dabei sein, die Oberwanten auf eine Spannung zu bringen, die 15-20% der rechnerischen Bruchlast beträgt. Mit diesem Wert wird eine optimale Querfestigkeit des Riggs erreicht. Dazu sollte man wissen, dass alle 1 x 19-Drähte (Litzen) aus nichtrostendem Stahl sich unter Last recken und bei Entlastung auf die ursprüngliche Länge zurückgehen. 1 Millimeter Reck auf 2 Metern Länge entspricht 5% der Bruchlast des Drahtes, unabhängig vom Draht-Durchmesser. Da rund 15% wünschenswert sind, ergibt sich daraus ein Reck von 3 Millimetern auf 2 Metern.

Wichtig! Ein Rumpf aus GfK verändert seine Form (wenn auch nur geringfügig), sobald das Rigg unter Spannung gesetzt wird. Das macht es erforderlich, die Wantenspannung nach einer gewissen Zeit zu überprüfen. Das gilt besonders für neue Yachten.

Optimal getrimmtes Rigg

Im Hafen haben die Oberwanten an Steuerbord und Backbord immer die gleiche Spannung. Wird die eine Seite gespannt, erhöht sich gleichzeitig die Spannung der anderen Seite auf den gleichen Wert. Doch wie stellt man nun fest, ob die optimale Spannung erreicht ist? Hierzu gibt es mehr oder weniger zuverlässige Messgeräte auf dem Markt. Es geht aber auch ganz einfach mit der Zollstock-Methode, die wir bei Seldén entwickelt haben, um mit Bordmitteln die Wantenspannung genau zu ermitteln.

Für die Zollstock-Methode wird folgendes Material benötigt:

  1. Ein 2 Meter langer Zollstock
  2. Klebeband (Tape)
  3. Schieblehre

Als Vorbereitung werden die Oberwanten nur ganz leicht angezogen. Der Mast soll von den Unterwanten und Vor- und Achterstag gehalten werden. Als nächstes wird der Zollstock am oberen Ende mit Tape an das Backbord-Oberwant geklebt. Das untere Ende des Zollstocks soll ca. 5 Millimeter über der Oberkante des Walzterminals sein. Der exakte Abstand wird notiert. Ich nenne ihn den Ausgangspunkt (kurz A).

Nun wird das Backbord-Oberwant gespannt und dabei mit der Schieblehre der Abstand zwischen Zollstock und Terminal kontrolliert bis A + 1,5 Millimeter erreicht ist. Seitenwechsel. Jetzt wird das Steuerbord-Oberwant gespannt bis ein Abstand von A + 3 mm erreicht ist. Wie eingangs geschildert, entsprechen 3 Millimeter Reck auf zwei Meter Länge eine Bruchlast von 15%. Somit wurde die erforderliche Spannung von 15 % der Bruchlast des Drahtes auf die Oberwanten gebracht (3 x 5% = 15%).

Sollte der Mast nach dem Einstellen wider Erwarten nicht gerade stehen, kann dies mit den Unter- und Mittelwanten korrigiert werden.

Die Zollstock-Methode kann selbstverständlich auch für die Spannungsmessung anderer Stagen, z.B. Achterstag oder Vorstag (ohne Rollreffanlage!), angewendet werden. Auf die gleiche Weise können auch Dyform- oder Rod-Stagen gemessen werden – es müssen allerdings die anderen Reckwerte für diese Stagen beachtet werden (Dyform: 0,95 / Rod: 0,7).

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Reckmann

Seldén

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Ralf
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Ralf

Und die Mittelwanten?

Sören Matthiessen
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Sören Matthiessen

Am besten schaust du einmal im Seldén Trimmbuch, je nach Riggtyp sind da einige Infos auch hinsichtlich der Mittelwanten. http://www.seldenmast.com/files/1456144977/595-540-T.pdf

Dos
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Dos

kann man die Wanten überspannen? Hab mal gehört, dass ginge von Hand überhaupt nicht, man müsse sich da keine Sorgen machen. Wenn das stimmt, müsste man nur darauf achten, dass die Mindestspannung vorhanden ist…

Sören Matthiesen
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Sören Matthiesen

Was heißt den “von Hand”? Wenn ein Rigger einen Engländer (Schraubenschlüssel) mit 1 m Länge einsetzt, kann man sicherlich jedes Want überspannen. Wenn ein Hersteller eine maximale Riggspannung vorgibt sollte man sich daran halten. Wenn ein Eigner nur mit der bloßen Hand seine Wantenspanner dreht, ist der Mastbruch vorprogrammiert.