Riggdaten für den Segelmacher: Die wichtigsten Maße im Überblick

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Marco Haase segelt seit seiner Kindheit. Er ist Trimmexperte und auf der Regattabahn genauso zu Hause wie im Mittelmeer oder Ostseeraum als Fahrtensegler. Zudem ist er Segelmacher und Inhaber von OneSails Deutschland/Haase Segel GmbH. OneSails ist ein weltweit vernetzter Verbund von Segelmachern und liefert leistungsorientierte Fahrten- und Regattasegel.

Das Rigg der Yacht für den Segelmacher ausmessen

Wer ein neues Segel für seine Yacht bestellen möchte, muss üblicherweise einige Maße an Bord nehmen. Diesen Vorgang nennt man Aufmaß. Normalerweise wird das Aufmaß nach der Bestellung durchgeführt.

Nur mit den richtigen Maßangaben kann ein Segelmacher ein Segel anfertigen, das optimal auf das Rigg der Yacht abgestimmt ist. Die Segelmacher bieten dazu oft praktische Maßblätter an, in denen genau vorgegeben wird, welche Daten zur Anfertigung des Segels benötigt werden. Wichtig ist dabei zu verstehen, zwischen welchen Punkten der Yacht oder des alten Segels gemessen werden muss.

Muster-Maßblatt zur Vermessung des Großsegels

Muster-Maßblatt zur Vermessung des Vorsegels

Wer zunächst nur ein Angebot einholen und noch keinen Auftrag erteilen möchte, benötigt in der Regel keine vollständige Vermessung, sondern nur einige Grunddaten, wie zum Beispiel die Segelfläche oder die Länge der Lieken.

Für den Bau eines Segels benötigt der Segelmacher umfangreiche Informationen. ©IrkIngwer/stock.adobe.com

Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt die gängigen Maßangaben zur Berechnung von Vor- und Großsegeln. Die aufgeführten Bezeichnungen beziehen sich exemplarisch auf die Anforderungen des Segelmachers OneSails, sie sind leider nicht bei allen Segelmachern gleich. Ist das Prinzip jedoch einmal klar, lassen sie sich leicht auf die Anforderungen anderer Segelmacher übertragen.

Tipp: Zum Vermessen eignet sich am besten ein ausreichend langes Maßband (Mindestlänge = Masthöhe). Besonders genau und praktisch ist ein Bandmaß aus Glasfaser mit einer Schlaufe zum Anschäkeln an ein Fall. Dabei ist darauf zu achten, wo sich der Nullpunkt befindet. Es hat sich bewährt, ein Maßband zu verwenden, bei dem der Nullpunkt am Druckpunkt der Öse/Schlaufe liegt. Dann müssen die Messergebnisse nicht umgerechnet werden und es können sich keine Fehler einschleichen.

Der Anschlagpunkt des Vorstags ist ein Bezugspunkt bei der Vermessung. ©Sönke Roever

Maßeinheiten zur Berechnung des Vorsegels

I – Vorstaganschlagpunkt: Das Maß I bezeichnet den Abstand zwischen dem Deck und dem Anschlagpunkt des Vorstags am Mast. Dabei wird nicht die Länge des Vorstags (VST) gemessen, sondern das Maß parallel zum Mast (senkrecht nach unten gemessen).

I2 – Top-Fallauslass: Der Abstand zwischen Fallauslass für das Vorsegel am Masttop zum Deck wird mit dem Maß I2 bezeichnet. Auch hier muss parallel zum Mast, also senkrecht gemessen werden.

VST – Länge des Vorstags: Wie der Name schon sagt, gibt das Maß VST die Länge des Vorstags an. Für den Segelmacher ist dieses Maß beim Bau eines Vorsegels unerlässlich.

AL1 – Genua-Schiene Anfang: Mit diesen Angaben kann der Zugwinkel der Vorsegelschot ermittelt werden. AL1 bemisst den Anfang der Genua-Schiene an Deck bis zum hochgezogenen Fallschlitten am Masttop.

AL2 – Genua-Schiene Ende: Bei AL2 muss entsprechend das Ende der Genua-Schiene an Deck bis zum hochgezogenen Fallschlitten am Masttop gemessen werden.

K – Höhe Schothorn über Deck: Dieses Maß ist wichtig für Eigner, die das alte Segel noch zur Hand haben und den Schnitt des neuen nicht wesentlich ändern möchten. Gemessen wird bei voll ausgerolltem Segel der Abstand des Schothorns zum Deck.

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J – Vorstaganschlagpunkt bis Mastvorderkante: Um das Maß J zu ermitteln, muss auf Deck gemessen werden. Es bezeichnet den Abstand zwischen dem Anschlagpunkt für das Vorstag am Bug bis zur Vorderkante des Mastes.

J2 – Bugspriet bis Mastvorderkante: Sollte die Yacht einen Bugspriet haben, an dem ein Vorsegel gefahren werden soll, kommt ein weiteres Maß zum Tragen. J2 bezeichnet den Abstand zwischen dem vorderen Ende des Bugspriets bis zur Vorderkante des Mastes.

W – Wanten: Den Abstand der vordersten Want bis zum Bug beschreibt das Maß W. Gemessen wird an Deck vom Anschlagpunkt der Want bis zum Anschlagpunkt des Vorstags.

T1 – Unterliek/Holepunkt Anfang: Die Maße T1 und T2 haben Einfluss auf die Konstruktion des Unterlieks des Vorsegels. T1 beschreibt den Abstand zwischen dem vorderen Ende der Genua-Schiene bis zum Anschlagpunkt des Vorstags an Deck. Um ein dem Unterliek entsprechendes Maß zu erhalten, muss außerhalb, also um die Wanten herum gemessen werden.

T2 – Unterliek/Holepunkt Ende: Das Maß T2 beschreibt folglich den Abstand zwischen dem hinteren Ende der Genua-Schiene bis zum Anschlagpunkt des Vorstags an Deck. Auch hier muss außerhalb der Wanten gemessen werden.

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VL – Vorliekslänge: Das Maß VL bezeichnet beim Vorsegel die maximal mögliche Länge des Vorlieks. Gemessen wird vom Anschlagpunkt des Segels an Deck, das Vorstag entlang bis zum Schäkel am Vorsegelfall. Wer eine Rollreffanlage fährt, misst vom Anschlagpunkt auf der Trommel der Rollanlage bis zum Anschlagpunkt am hochgezogenen Fallschlitten.

Q – Anschlagpunkt des Segels über Deck: Hier wird die Höhe gemessen, auf der das Vorsegel über Deck angeschlagen werden kann. Bei Rollreffanlagen befindet sich der Anschlagpunkt meist auf der Trommel. Folglich muss der vom Anschlagpunkt des Vorstags auf Deck bis zum Anschlagpunkt des Segels auf der Trommel gemessen werden.

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H – Höhe Einfädler: Das Maß H ist wichtig, wenn ein neues Vorsegel für eine Rollreffanlage hergestellt werden soll. Um zu bestimmen, in welcher Höhe der Vorliekstau (Keder) für die Befestigung des Vorlieks in der Profilschiene genäht werden muss, wird der Abstand vom Anschlagpunkt an der Trommel zum Einfädler an der Profilschiene gemessen.

Generell hilft einem Segelmacher zu wissen, welches Modell und welcher Typ von Rollreffanlage an Bord verbaut wurde/wird. Auch die Stärke des Vorliektaus in Millimeter beugt Fehlkonstruktionen vor. Zudem können Sonderwünsche wie das Aufnähen eines UV-Schutzes, die Farbe des Segels oder das Einnähen eines Fensters berücksichtigt werden.

So werden die Vorsegel an Bord der Yacht vermessen

Theorie ist das eine, Praxis das andere. Deshalb erläutere ich hier exemplarisch die Vorgehensweise bei der Vermessung von Vorsegeln.

Zuerst das Vorsegel vom Fallschlitten der Rollreffanlage trennen. Dann wird das Maßband am unteren Schäkel des Fallschlittens befestigt. Nun kann das Maßband am Fallschlitten über das Fall bis zum Anschlag der Rollreffanlage hochgezogen werden. Dann wird das Fall unter leichte Spannung belegt. So können VL, AL1 und AL2 gemessen werden.

Hier wird das Vorliek vermessen. ©Marco Haase

Danach kann das Fall wieder gelöst werden. Mit Hilfe des Maßbandes wird der Fallschlitten wieder nach unten gezogen. Bitte den Fallschlitten circa zwei Meter über Deck stoppen, damit er sich nicht durch seinen eigenen Schwung am Einfädler verklemmt, falls er ungebremst nach unten rasen sollte.

Im nächsten Schritt wird das Maßband direkt an dem Fall befestigt, das am Vorstag aus dem Mast kommt. Das Fall wird bis zum Mastanschlag hochgezogen. Jetzt können I und VST gemessen werden. Danach wird das Maßband wieder nach unten gezogen. Falls ein Spifall am Masttop austritt, kann mit dem gleichen Verfahren auch der Messwert I2 ermittelt werden.

Damit liegen alle vertikalen Maße vor. Nun können die Horizontalabmessungen bestimmt werden. Es werden fünf Maße bestimmt. Für J, W, T1 und T2 ist der Bezugspunkt das Vorstag. Üblicherweise wird der unterste Bolzen des Vorstags als Bezugspunkt verwendet. Es ist hilfreich, wenn eine zweite Person assistiert und den Nullpunkt des Maßbandes in Position hält. Alternativ kann das Maßband auch festgebunden werden. Für den fünften Wert J2 wird zusätzlich der Abstand zwischen dem Vorstagbolzen und dem Anschlagpunkt des Gennakers gemessen. Dieser Wert wird zu J addiert. Man erhält dann J2.

Die übrigen Detailmaße wie Q, K oder H können mit einem Zollstock gemessen werden, für den Durchmesser des Vorliektaus wird eine Schieblehre benötigt.

Die schwarze Messmarke (roter Kreis) hilft bei der Vermessung des P-Maßes. ©Sönke Roever

Maßeinheiten zur Berechnung des Großsegels

Tipp: Auf neueren Yachten sind häufig Messmarken in Form von schwarzen Strichen oder Skalen an Mast und Großbaum zu finden. Sie geben vermessungstechnisch die maximal mögliche Länge des Segels an. Wer keine Messmarken hat, kann diese mit den alten Segeln erstellen, indem er sie maximal nach oben und achtern spannt. Die entsprechenden Enden des Segels können an Mast und Baum markiert werden.

Das Maß E wird von der Mast-Hinterkante aus gemessen. ©Marco Haase

E – Unterliek: Mit E wird das Maß des Unterlieks des Großsegels angegeben. Gemessen wird entlang der Oberkante des Baums von der Hinterkante des Mastes bis zur Messmarke am Großbaum.

E1 – Abstand Achterstag: Das Maß E1 ergibt sich aus E und dem Abstand von der Messmarke am Großbaum bis zum Achterstag (manchmal auch Y genannt). Es beschreibt folglich den Abstand von der Hinterkante des Mastes, an der Oberkante des Baums entlang und weiter bis hin zum Achterstag.

AL – Großfall: Um AL zu bestimmen, muss vom Großfallauslass am Masttopp bis zum achterlichen Ende der E-Marke des Baums gemessen werden.

P – Vorliek: Das Maß P beschreibt das Vorliek des Großsegels, also den Abstand von der Oberkante des Großbaums bis zur Messmarke am Masttop. Gemessen wird direkt am Mast.

R1, R2 und R3 – Reff: Durch das Maß R wird die Position der Reffreihen im Großsegel bestimmt. Gemessen werden muss von der Baumoberkante bis zur Reffreihe. Alternativ kann auch am gesetzten Segel gemessen werden. R1 beschreibt den Abstand zum ersten Reff, R2 zum zweiten Reff und falls gewünscht R3 zum dritten Reff.

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G – Galgen: Das Maß G gibt den Abstand von der Masthinterkante am Masttop bis zum oberen Anschlagpunkt (Bolzen) des Achterstags an. G kann in den meisten Fällen nur geschätzt werden. Hilfreich ist es, den Mastquerschnitt in Längsrichtung zu messen und ins Verhältnis zu setzen.

©OneSails

A – Abstand Einfädler: Mit A wird der Abstand von der Baumoberkante bis zum Einfädler (Keep) gemessen, also der Punkt, an dem das Großsegel oder die Mastrutscher später in die Schiene am Mast eingeführt werden.

RU – Höhe Reffhaken: Das zweite R-Maß RU wird von der Baumoberkante bis zum höchsten Punkt des Reffhakens gemessen.

RB – Anstand Reffhaken: Die Werte mit R beschreiben die Position des Reffhakens am Baum. Mit RB wird der Abstand zwischen der Hinterkante des Mastes bis zur Vorderseite des Reffhakens beschrieben.

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CB – Anschlagpunkt: Mit den C-Werten wird der Anschlagpunkt des Segels vermessen. Gemessen werden muss in der Mitte der Halskausch, also dem Ring, mit dem das Segel am Anschlagpunkt angeschäkelt wird. CB beschreibt den Abstand zwischen der Masthinterkante und der Halskausch am Großsegel.

CU – Höhe Anschlagpunkt: Das zweite C-Maß CU wird von der Baumoberkante bis zur Mitte der Halskausch gemessen.

Mastrutscher: Die Schiene am Mast ist nicht immer gleich, folglich unterscheiden sich auch die Mastrutscher. Mastrutscher können zum Teil wiederverwendet werden, empfehlenswert ist es jedoch, sie bei einem Neukauf des Segels gleich mitzuerneuern. Ganz gleich ob die Rutscher erneuert werden sollen oder nicht, braucht der Segelmacher eine genaue Typenbezeichnung.

Eine Auswahl verschiedener Typen von Mastrutschern zum Ankreuzen. ©OneSails

Zu den beschriebenen Maßen sind verschiedene weitere Angaben für den Segelmacher hilfreich. Dazu gehören die Stärke des Vorliektaus und des Unterliektaus des Großsegels in Millimeter. Auch der Durchmesser von Schothorn-Rutschern kann angegeben werden. Ist ein loses Unterliek gewünscht, sollte natürlich auch das vermerkt werden. Zudem können Sonderwünsche wie das Anbringen von Segelzeichen und Segelnummer oder die Farbe des Segeltuchs berücksichtigt werden.

Segelzeichen oder Nummer können optional bestellt werden. ©Sönke Roever

Fazit

Auf der sicheren Seite ist, wer den Segelmacher mit der Vermessung der eigenen Yacht beauftragt. OneSails beispielsweise bietet das Aufmaß über sein Händlernetz an vielen Standorten an. Zum Beispiel in jedem deutschen Ostseehafen oder im Mittelmeerraum. Die Anwesenheit des Eigners ist nicht erforderlich.

Eine perfekt auf die Yacht abgestimmte Segelgarderobe bereitet viel Freude. ©OneSails

Wer das Aufmaß selbst durchführen möchte, findet in dieser Übersicht die wichtigsten Maßangaben. Wenn man dann noch ein gutes Maßband zur Hand hat, ist das Ausmessen kein Hexenwerk. Mit den zum Rigg passenden Daten kann der Segelmacher schließlich das gewünschte Segel bauen.

Tipp zum Schluss: Bitte Fotos vom Aufmaß machen. Zum einen, um Details zu zeigen, zum anderen, um zu verdeutlichen, wie man gemessen hat. Das erleichtert dem Segelmacher die Arbeit.

Beratung zum Thema

OneSails

OneSails fertigt durchdachte, leistungsstarke und langlebige Blauwassersegel für Yachten. Im weltweiten OneSails Service Netzwerk ist immer ein Segelmacher in der Nähe zu finden.