Diese Fehlerquellen führen zum Riggverlust auf Segelyachten

Von Dirk Hilcken

Dirk Hilcken ist Koordinator Vertrieb und Underwriting bei Europas führendem Anbieter von Yachtversicherungen Pantaenius und hat in seinen rund 20 Jahren so einiges gesehen, was schwimmt und Eigner gern abgesichert wissen möchten. Hier immer die richtige Einschätzung zu finden, geht nur mit eigener Erfahrung auf möglichst vielen Kielen. Groß geworden auf dem elterlichen Segelboot, war es lange vor allem das Dickschiff-Regattasegeln im Team, das Dirk faszinierte. Nach einem Intermezzo, das unter großer Maschine in die USA und die Karibik führte, ist der Hamburger heute öfter mit dem Pantaenius-Sicherungs-RIB auf Klassiker-Regatten anzutreffen. Und für den Notfall wartet der von seinem Vater gebaute Holz-Opti stets segelklar im Keller.

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Titelfoto: ©Sönke Roever

Der Mastbruch ist ein großes Ärgernis auf Segelyachten

Jede Takelage ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied und ein Mastbruch an Bord einer Yacht wohl so ziemlich das Schlimmste, was Seglern widerfahren kann. Dennoch wird das Rigg aus Bequemlichkeit und technischer Unkenntnis oft vernachlässigt. Dabei können bereits einfache Defizite am Rigg, wie ein zu kleiner Bolzen im Gabelterminal, verschlissene Wanten-Aufhängungen oder ein aufgebogener beziehungsweise fehlender Splint, einen Mastbruch zur Folge haben.

Hier wurde ein viel zu kleiner (Durchmesser) Bolzen im Gabelterminal eingesetzt. Das kann schwere Folgen haben. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Allein in den letzten drei Jahren wurden bei uns in der Schadenabteilung rund 500 Fälle in diesem Zusammenhang bearbeitet. Unser Leiter der Schadenabteilung bei Pantaenius in Hamburg Axel zu Putlitz-Lürmann sagt dazu: „Schäden am Mastprofil und am stehenden Gut bis hin zum Verlust aller Segel und erhebliche Schäden an Deck, Reling, Beschlägen und Elektronik können bei einer typischen 42-Fuß-Yacht schnell zwischen 30.000 und 100.000 Euro kosten. Für ältere Boote kann dies sogar den wirtschaftlichen Totalschaden bedeuten.“

Mit einem professionellen Rigg-Check Fehler vermeiden

Hand aufs Herz: Wann hast du zuletzt einen professionellen Rigg-Check von einem Sachverständigen oder einem Rigger durchführen lassen? Am Rigg hängt bekanntlich alles, und doch erfährt die Überprüfung an Bord vieler Yachten eher eine stiefmütterliche Behandlung.

Fehler wie dieser lose Splint fallen beim Rigg-Check sofort ins Auge. ©Sönke Roever

Klar, viele Eigner begutachten ihr Rigg in Eigenregie, aber werden dabei immer alle Fehler gefunden? Die geschulten Augen eines professionellen Riggers hingegen entdecken potenzielle Fehler beziehungsweise Gefahrenstellen oft schon im Anfangsstadium. Am Ende kann eine überraschende Situation mit Starkwind und entsprechender Welle ausreichen, ein angeschlagenes Rigg zu überlasten, und das nicht für möglich Gehaltene passiert.

Tipp: Viele Servicebetriebe bieten umfangreiche Rigg-Checks an – eine wirklich sinnvolle Investition, die man in regelmäßigen Zeitabständen tätigen sollte!

Auf vielen Werften wintern Eigner ihre Yacht mit stehendem Rigg ein. ©Sönke Roever

Manche Yachteigner lassen den Mast das ganze Jahr stehen. Allerdings ist sowohl im Wasser als auch an Land eine vollumfängliche Prüfung aller Komponenten am stehenden Rigg gar nicht möglich. Daher ist es ratsam, den Mast regelmäßig zu legen, die Verbindungen der Wanten mit dem Mast zu lösen und zu kontrollieren. Ich empfehle, dies im Herbst zu tun! Auch wenn man dann sein Rigg gerne schnell verstaut, ist es zu diesem Zeitpunkt sinnvoller als kurz vor Beginn der Saison. So bleibt noch ausreichend Zeit, sich über Ersatzteile zu informieren, diese zu bestellen und in Ruhe einzubauen oder einbauen zu lassen.

Hier hat sich ein Riss im Mast gebildet (rechts unten im Bild). Bei einem Rigg-Check sollten solche Schwachstellen gefunden werden. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Wie häufig ein professioneller Rigg-Check durchgeführt werden sollte, bemisst sich nach den Belastungen, denen das Rigg ausgesetzt ist. Regattayachten, Blauwasseryachten oder Fahrtenyachten, mit denen lange Touren absolviert werden, müssen häufiger durchgecheckt werden als Boote, die nur tage- oder stundenweise gesegelt werden.

Hinweis: Welche Schäden am Rigg besonders häufig auftreten und was die typischen Fehlerquellen sind, werde ich gleich ausführlich betrachten. Es handelt sich hierbei um eine Auswahl möglicher Fehlerquellen, die Übersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ersetzt nicht die Prüfung durch einen Rigger.

Die häufigsten Fehlerquellen am Rigg

Neben der genannten ausführlichen Überprüfung des Riggs vor oder nach der Saison sind Zwischendurch-Checks mindestens genauso wichtig für die Sicherheit an Bord. Nur wenige Minuten dauert eine Runde über Deck, um einen Teil des Mastes, Bolzen oder auch Splinte selbst zu inspizieren.

Hier hat sich ein Riss im Mastprofil durch Belastung gebildet (rote Markierung). ©Pantaenius Yachtversicherungen

Dabei fällt auf, dass Verschleiß und Beschädigungen vor allem durch drei Dinge entstehen: Korrosion, Belastung und fehlerhafte Montage. Korrosion kann verschiedentlich entstehen, beispielsweise durch eine elektrolytische Reaktion von unterschiedlichen Materialien wie Stahl und Aluminium. Je feuchter und salziger die Luft, desto höher ist das Risiko.

Korrosion an einem Mast-Beschlag: Sie kann schwere Folgen haben. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Ein weiterer Aspekt bei der Alterung des Riggs sind wechselnde, starke Belastungen des stehenden Gutes, wie sie beispielsweise beim Stampfen in der See vorkommen. Und nicht zuletzt spielen oft auch die fehlerhafte Montage und damit oftmals einhergehende mangelhafte Verbindungen eine Rolle.

Fehlerquellen am Mast

In den wenigsten Fällen ist das Mastprofil selbst schadenverursachend. Vielmehr sind es defekte (An-)Bauteile oder Fehler am stehenden Gut. Haarrisse am Mastfuß, Einkerbungen, Beulen oder starke Korrosionsschäden können die Festigkeit des Masts jedoch beeinflussen.

Ein heftiger Stauchschaden, wie an diesem Mastkragen, ist eher die Ausnahme. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Rigg-Fehlerquellen an den Halteplatten der Wanten

Halteplatten dienen der Want-Aufnahme am Mast und somit der Krafteinleitung vom Mastprofil in das Want. Die Wanten sind heute meistens in das Mastprofil eingehängt und die Halteplatten mit Schrauben oder Nieten gegen Verschiebung oder Rausfallen im unbelasteten Zustand gesichert. Ist der Sitz noch korrekt oder beginnt die Platte zu kippen/wandern? Erkennen kann ich das an der Lage der Platte und im fortgeschrittenen Fall an Rissbildungen und Verformungen der Aussparung im Mast.

Diese Halteplatte ist zu klein. Sie passt nicht zum Ausschnitt im Mast. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Rigg-Fehlerquellen an Wanten und Stagen

Verformungen wie etwa Knicke im Draht sieht man vor allem, wenn der Draht bei gelösten Wanten nicht belastet ist. Draht besteht aus Kardeelen: Wenn ein Kardeel bricht, steht an der Stelle das abgebrochene Ende des Kardeels aus dem Draht. Besonders am Übergang zum Terminal neigt der Draht durch Abnutzung oder Korrosion zur Bruchbildung. Bei aufgedrehten Litzen oder Kinken im Draht muss ein Want oder Stag ersetzt werden. Dies sollte bei Wanten paarweise erfolgen.

Bei diesem Want ist ein Kardeel gebrochen. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Rigg-Fehlerquellen an Terminals

Terminals sitzen am Ende von Wanten und Stagen und sind auf diese meistens aufgepresst. Sie sollten regelmäßig einer genauen Kontrolle unterzogen werden. Bei Haarrissen oder Verformungen sollte man sofort reagieren, denn schnell kann ein Bruch die Folge sein.

Besonders anfällig: die Biegung zwischen Walzung und T-Stück am Want-Terminal. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Ein Terminal kann bei Belastung in Fehlstellung verbiegen. Es ist wichtig, auf dessen ursprüngliche Form zu achten und diese im Zweifel mit den anderen Terminals zu vergleichen. T-Terminals sind in der Biegung zwischen Walzung und T-Stück besonders anfällig, weshalb hier genau hingeschaut werden sollte.

Rigg-Fehlerquellen an Gabelterminals

Gabelterminals finden sich beispielsweise bei der Verbindung eines Wants beziehungsweise Vor- und Achterstags mit einem Püttingeisen. Rutscht ein Bolzen aufgrund einer nicht vorhandenen Sicherung aus einem Steg der Gabel, so biegt sich das Terminal auf und löst sich von dem Püttingeisen.

So sieht ein aufgebogenes Gabelterminal aus. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Rigg-Fehlerquellen bei Bolzen

Zu kleine oder falsch gewählte Bolzen oder Pins führen zu Beschädigungen des Bolzensitzes. Die Folge können Verformungen an dem Bolzen selbst, dem Terminal als auch dem verbundenen Püttingeisen sein.

Dieser Bolzen sieht ziemlich verschlissen aus und sollte getauscht werden. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Wichtig: Die Verbindung der Bolzen mit dem Terminal und dem Püttingeisen sollten regelmäßig getrennt und geprüft werden. Insbesondere eine Prüfung auf Korrosionsschäden, Verformungen und Risse ist enorm wichtig. Risse können durch Verformung, aber auch durch Korrosion entstehen. Eine Reinigung und ein Polieren der Flächen machen mögliche Beschädigungen sichtbar und sind somit als eine normale Wartung anzusehen.

Rigg-Fehlerquellen bei der Verwendung von Splinten

Aufgebogene Ringsplinte und nicht gespreizte Stecksplinte können zum Sicherungsverlust des Bolzens und damit zur Lösung der so wichtigen Verbindung führen. Diesbezüglich hilft es, an allen Stellen, wo Schoten, Festmacher oder ähnliches über Ringsplinte rutschen können, diese Splintart zu vermeiden. Aber auch Schuhwerk, Reisetaschen und andere Gegenstände können durch Einhaken in den Ringsplint selbigen aufbiegen.

Der rechte Ringsplint ist aufgebogen und wird zeitnah herausfallen … ©Pantaenius Yachtversicherungen

Mehr noch: Es ist ratsam, Splinte mit Tape zu umwickeln, um sie gegen Aufbiegen und/oder Herausfallen zu sichern. Und: Splinte sollten nicht mehrfach benutzt werden, denn die Festigkeit des Materials verringert sich mit jedem Auf- und Zubiegen.

Splinte können gut mit Tape gegen unbeabsichtigtes Öffnen gesichert werden. ©Sönke Roever

Rigg-Fehlerquellen an Püttingen und Wantenspannern

Risse, Korrosion, Verschleiß oder Verformungen? Verbogene oder ausgeriebene Bolzen? Ein verschlissenes Püttingeisen kann man am typischen „Langloch“ erkennen und/oder an Riss- und Rostbildung. Die Ursache hierfür kann ein zu kleiner Bolzen oder eine Überbeanspruchung sein.

„Langloch“-Bildung an einem Püttingeisen. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Werden die Wantenspanner zu Beginn der Saison montiert, müssen die Gewinde gesäubert und gefettet werden, damit sie leichtgängig sind. Im zusammengeschraubten Zustand sollten sie dann gegen Verdrehen gesichert werden.

Neben der Kontrolle an Deck sollte das Pütting auch unter Deck kontrolliert werden. Sind Schrauben und Muttern im Schott oder Rahmenschott noch fest angezogen? Gibt es Korrosion im Bereich der Decksdurchführung?

Die Muttern der Püttinge können bei vielen Yachten unter Deck kontrolliert werden. ©Sönke Roever

Rigg-Fehlerquellen an den Salingen

Sind Bolzen und Verschraubungen an der Saling gesichert? Sowohl die Verbindung der Salinge zum Mast als auch die Verbindung der Salingendbeschläge zur Saling müssen gegen Rausrutschen gesichert sein. Durch die Lose am Leewant und das kontinuierliche Hin- und Herbewegen des Wants in Lee ist das Risiko des Rausrutschens bei ungenügender Sicherung sehr groß.

Die Salingbeschläge am Mast sollten auch hin und wieder gecheckt werden. ©Sönke Roever

Korrosion: Wird der Salingendbeschlag nicht regelmäßig geöffnet und gewartet, kann sich hier starke Korrosion bilden, die wiederum zum Bruch führen kann.

Ermüdungsrisse: Sobald sich der Mast biegt und die Wanten starr sind, neigt die Saling dazu, sich auf dem Sitz zu bewegen. Die Salingaufnahme wird dadurch beansprucht und Rissbildung in der Saling sowie in der Aufnahme am Mast kann die Folge sein.

An dieser Saling hat sich ein Ermüdungsriss gebildet (roter Kreis). ©Pantaenius Yachtversicherungen

Rigg-Fehlerquellen an der Rollreffanlage

Häufig ist ein Vorstagbruch die Ursache für einen Mastbruch. Besonders beim Eindrehen der Vorsegel sind die Rollreffanlage und dadurch auch das darin befindliche Vorstag einer hohen Belastung ausgesetzt.

Rissbildung am Vorstagterminal einer Rollanlage. ©Pantaenius Yachtversicherungen

Die Lagerung der Rollreffanlage auf dem Vorstag kann bei erhöhtem Verschleiß zu erhöhten Lasten auf den Vorstagdraht führen. In vielen Fällen wird der Draht dann regelrecht aufgedreht und die einzelnen Kardeele fangen an zu brechen. Spanner, Draht und Lager innerhalb der Rollreffanlage sollten deshalb öfter geprüft werden.

Aufgedrehte Kardeele des Vorstags einer Rollreffanlage. Unter dem Profil nicht zu sehen. ©Jan Kuffel

Fazit

Salzwasser, UV-Strahlung, Seegang: Das Rigg ist über die gesamte Saison enormen Belastungen ausgesetzt. Klar, dass da irgendwann auch das stärkste Material seine natürliche Halbwertszeit erreicht hat. Nicht ohne Grund empfehlen die Hersteller den Austausch des stehenden Gutes alle zehn bis fünfzehn Jahre oder spätestens nach 20.000 bis 25.000 Seemeilen.

Professionelle Rigger haben ein geschultes Auge und können sehr gut einschätzen, ob ein Austausch des stehenden Guts wie Wanten, Stagen und Aufhängungen aufgrund der Nutzung und des Alters nötig ist. Aber auch der Eigner selbst kann einiges dazu beitragen, Schäden am Rigg, die gegebenenfalls gravierende Folgen haben können, frühzeitig zu erkennen. Hierbei kann die vorstehende Liste helfen, da sie aufzeigt, wo die typischen Gefahren auf einer Fahrtenyacht lauern.

Wer Verschleißerscheinungen, Korrosion oder Risse feststellt, sollte umgehend einen Rigg-Fachmann hinzuziehen. Dabei würde ich dem Rigger bei der Inspektion über die Schulter schauen, um die Verbindungen am Mast zu verstehen und ein noch besser geschultes Auge für mögliche Gefahrenquellen zu bekommen.

So soll es sein: mit heilem Rigg entspannt unterwegs. ©Sönke Roever

Tipp: Zahlreiche Masten-Hersteller, Rigger und Segelmacher bieten auf ihren Websites Checklisten zum Download an. Diese regelmäßig durchzugehen und den Stand zu protokollieren lohnt sich. Veränderungen fallen einem so viel schneller auf.

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Seit 50 Jahren bietet Pantaenius Eignern, Skippern und Crews ausgezeichneten Versicherungsschutz. Über 100.000 Kunden machen das Unternehmen zu Europas führendem Spezialisten für Yachtversicherungen.
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Roland Hinke
Roland Hinke
6 Monaten her

Das sind tolle Vorschläge, die für mich als ausgeprägtem Nichttechniker sehr wertvoll sind. Leite sie gleich an meinen Bootsbauer weiter… Segle eine HR29.