Fünf kuriose Yacht-Versicherungsfälle

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Dirk Hilcken ist Koordinator Vertrieb und Underwriting bei Europas führendem Anbieter von Yachtversicherungen Pantaenius und hat in seinen rund 20 Jahren so einiges gesehen, was schwimmt und Eigner gern abgesichert wissen möchten. Hier immer die richtige Einschätzung zu finden, geht nur mit eigener Erfahrung auf möglichst vielen Kielen. Groß geworden auf dem elterlichen Segelboot, war es lange vor allem das Dickschiff-Regattasegeln im Team, das Dirk faszinierte. Nach einem Intermezzo, das unter großer Maschine in die USA und die Karibik führte, ist der Hamburger heute öfter mit dem Pantaenius-Sicherungs-RIB auf Klassiker-Regatten anzutreffen. Und für den Notfall wartet der von seinem Vater gebaute Holz-Opti stets segelklar im Keller.

Bei manchen Havarien fragt man sich: Wie konnte das passieren?

Schäden an Bord von Yachten durch ein Feuer oder eine Grundberührung gehören zum Alltagsgeschäft der Yachtversicherer. Doch es gibt auch andere Havarien. Welche, bei denen man sich fragt: Wie um alles in der Welt konnte das passieren? In diesem Beitrag stellen wir euch fünf kuriose und lehrreiche Fälle aus den letzten Jahren vor.

Knockout durch Kohlenmonoxid an Bord

Bei seiner abendlichen Hunderunde am Mittellandkanal in Hannover bemerkt ein Spaziergänger am 7. Juli 2015, dass ein Motorboot auf dem Kanal im Zickzack von einer Spundwand zur anderen fährt. Als die kleine Yacht in seine Richtung kommt, wagt der Mann einen Sprung an Bord. Dort findet er drei bewusstlose Personen vor: einen Jungen, einen Mann mittleren Alters und einen älteren Herrn. Später stellt sich heraus: Es sind Sohn, Vater und Großvater. Der Spaziergänger steuert das Boot schnell ans Ufer, macht es fest und wählt den Notruf.

Auf dem Mittellandkanal bei Hannover ereignete sich ein kurioser Schaden. ©AdrianBerger/stock.adobe.com

Bis die Rettungskräfte mit Krankenwagen und Helikopter eintreffen, kann der Mann, der als Krankenpfleger arbeitet, selbst Erste Hilfe leisten. Nach der Erstversorgung bringen die Rettungskräfte die drei Personen ins Krankenhaus. Diagnose: Sie haben sich eine Kohlenmonoxidvergiftung zugezogen. Verantwortlich dafür sind die Abgase des Bootsmotors. Im Auftrag der Wasserschutzpolizei untersucht ein Sachverständiger das Sportboot. Er stellt keinerlei technische Mängel an der kleinen Yacht fest.

Vielmehr hat das Wetter dafür gesorgt, dass die Abgase in das Boot eindringen konnten. Wegen eines aufziehenden Unwetters hatte die Crew die Kuchenbude vorne und an den Seiten geschlossen. Nur am Heck war das Verdeck noch offen. Allerdings herrschte starker Rückenwind, der die Abgase in die Kuchenbude drückte. Hätte die Besatzung das Verdeck vorne geöffnet und für Durchzug gesorgt, hätten die Abgase abziehen können. Wenn die Kuchenbude am Heck verschlossen gewesen wäre, hätten die Abgase gar nicht erst eindringen können.

Bei starkem Rückenwind können Abgase eine Yacht überholen. ©Sönke Roever

Eine Kohlenmonoxidvergiftung kann tödlich enden. Gemessen daran, hält sich der Schaden in diesem Fall in Grenzen. Vor allem trugen die beteiligten Personen keine bleibenden Schäden davon. Allerdings hätte die Hilfe für sie nicht viel später kommen dürfen. Das Motorboot selbst wies beidseitig Schäden an den Scheuerleisten sowie am Gelcoat und am Laminat darunter auf; außerdem an der Schleppöse am Bug und am Bugspriet.

Kollision zwischen Yacht und Eisenbahn

In der Nacht zum 16. Juni 2021 stößt ein Güterzug in den nordfranzösischen Ardennen mit einem Yachttransport zusammen, der auf einem Bahnübergang steht. An der Yacht und dem Transportfahrzeug entsteht ein Totalschaden – einen Personenschaden gibt es nicht.

Der Transport fährt von Flensburg zum Port Vauban in Antibes an der Côte d’Azur. Er besteht aus einem vorausfahrenden Begleitfahrzeug und einem Lkw mit doppelt ausgezogenem Tiefbett-Auflieger speziell für Yachten. Auf dem Trailer befindet sich eine 16 Meter lange Motoryacht.

Gegen 03.00 Uhr nachts nähert sich das Begleitfahrzeug einem geschlossenen Bahnübergang. Ein Personenzug rauscht durch, dann gehen die Schranken auf. Das Begleitfahrzeug passiert, dann setzt sich der Sattelzug in Bewegung. Doch der Tiefbett-Auflieger bleibt wegen mangelnder Bodenfreiheit in der Mitte auf dem Übergang hängen. Plötzlich ertönt ein Signal und die Schranken senken sich wieder: Ein Güterzug mit zwölf Tankwaggons voller Säure nähert sich und hat den Schließvorgang an dem Übergang automatisch ausgelöst.

Ein dramatischer Unfall ereignet sich an einem Bahnübergang in Frankreich. ©Pantaenius

Der Lokführer sieht wegen des eingeschränkten Blickfelds den Bahnübergang etwa 15 Sekunden vor der geplanten Passage. In der Dunkelheit braucht er einige Sekunden, um die Situation zu erfassen. Dann gibt er Warnsignale und leitet die Bremsung ein. Doch es ist zu spät: Die Lokomotive trifft den Trailer in der Mitte und reißt ihn in drei Teile. Die Lok und sieben Waggons entgleisen und werden beschädigt. Die Motoryacht wird zerstört, fängt Feuer und verbrennt nahezu komplett. Das Beiboot wird von Bord geschleudert und ebenfalls zerstört.

Die Motoryacht wird komplett zerstört und der Zug entgleist. ©Pantaenius

Die Untersuchung dieses Transportunfalls ergibt später, dass die Yachttransporteure sich nicht an die Vorschriften gehalten haben: Die Passage des Bahnübergangs hätte vorher gegenüber der französischen Eisenbahngesellschaft Société nationale des chemins de fer français (SNCF) und den lokalen Behörden angezeigt werden müssen. Zudem erfolgte die Passage unerlaubterweise nachts. Außerdem hatte der Transport auch noch Überbreite. Das hätte regulär ein zweites Begleitfahrzeug erfordert, das dem Sattelzug hätte folgen müssen.

Der Anker gerät in den Propeller

An einem sonnigen Nachmittag versagt einige Seemeilen vor der sardischen Südküste plötzlich die Backbordmaschine einer 25 Meter langen Motoryacht. Das Schiff befindet sich am 27. Juli 2019 auf der Fahrt von Malta nach Cagliari. Der Wind weht mit einer Stärke von fünf Beaufort, der Seegang ist entsprechend bewegt. Wasser dringt in den Rudermaschinenraum auf der Backbordseite ein. Wenig später tritt auch in den davorgelegenen Maschinenraum auf der Backbordseite Wasser ein. Nach etwa einer halben Stunde setzt der Kapitän einen Mayday-Notruf ab.

Bei einem Unfall vor Sardinien sinkt diese Motoryacht. ©Pantaenius

Bald kommt eine zweite Motoryacht dem Havaristen zur Hilfe. Gegen 19 Uhr verlässt die fünfköpfige Besatzung das leckgeschlagene Schiff. Nur der Kapitän bleibt vorerst an Bord. Er versucht, das Schiff in Schlepp nehmen zu lassen. Doch vergeblich: Die Motoryacht macht immer stärker Schlagseite. Schließlich gibt auch der Kapitän das Schiff auf. Wenig später kentert die Motoryacht. Sie bleibt jedoch auf der Backbordseite liegen, schwimmt weiterhin an der Wasseroberfläche und treibt im Mittelmeer.

Eine Woche später taucht ein Gutachter zusammen mit einem Berufstaucher den Rumpf ab. Das Team findet am Heck der Motoryacht den Backbord-Anker, eingeklemmt zwischen dem Backbordpropeller und der Außenhaut. Der Anker hat insgesamt drei Löcher in die Außenhaut geschlagen und ist im letzten steckengeblieben. Augenscheinlich ist der Backbord-Anker auf See ausgerauscht. Das Schiff hat ihn durchs Wasser gezogen, bis er gegen die Welle geschlagen, am Propeller hängengeblieben und von diesem in den Rumpf geschlagen worden ist.

Im Propeller hängt bei diesem Unfall versehentlich der Anker. ©Pantaenius

Mithilfe von Luftsäcken und Pumpen wird die Yacht geborgen, in den Hafen gebracht und inspiziert. Die Untersuchung ergibt, dass der Anker nicht ausreichend gesichert war: Die Ankerkralle war nicht korrekt eingehängt und die Kettenbremse nicht arretiert. Die Bauform der Ankerwinsch verhinderte zudem, dass die Crew auf See bemerkte, dass der Anker sich bewegte. Erschwerend kam hinzu, dass die Schotten des Rudermaschinenraums nicht komplett wasserdicht waren und dass die Crew die Pumpwirkung des Steuerbordmotors nicht nutzte. Die Motoryacht war ein Totalverlust.

Der Schaden führt zum Totalverlust der Yacht. ©Pantaenius

Ruderverlust auf dem Atlantik

Am 24. Mai 2018 ist eine Segelyacht auf der Heimreise aus der Karibik nach Europa. Die Crew – ein Ehepaar – hat seit St. Martin 165 Seemeilen zurückgelegt, als ein Geräusch sie gegen 4 Uhr morgens weckt, gefolgt vom Alarm des Autopiloten. Das Paar stellt fest, dass das Ruder samt dem oberen Ruderlager aus dem Rumpf gerissen ist und Wasser durch ein Loch von etwa 15 cm Durchmesser eindringt. Während die Ehefrau über UKW-Seefunk Notrufe absetzt, versucht ihr Mann, den Wassereinbruch zu stoppen. Doch da das Ruder noch am Quadranten hängt, bleiben seine Versuche erfolglos.

Das Ruder wird samt Ruderlager aus dem Rumpf einer Yacht gerissen. ©Pantaenius

Schnell baut der Ehemann die Kühlsysteme der Antriebsmaschine und des Generators sowie die Duschen zu Lenzpumpen um, um das eindringende Wasser außenbords zu schaffen. So gelingt es ihm, die Yacht über Wasser zu halten, bis gegen 13.30 Uhr ein 180 Meter langes Containerschiff eintrifft. Mithilfe ihres Bugstrahlruders geht die Crew längsseits. Die Eigner wollen ihre Yacht retten. Sie beschließen, sich zurück nach St. Martin schleppen zu lassen, anstatt einfach aufzugeben und nur sich selbst zu retten.

Die Crew versucht, die Yacht zu retten. ©Pantaenius

Also übergibt die Besatzung des Containerschiffes eine Motorpumpe, die mehr Wasser abpumpen kann als nachströmt. Es folgt eine Schleppleine, die zu dick für die Klampen der Yacht ist, sodass sie mit eigenen Festmachern verbunden wird. Im Laufe des Schlepps bricht diese Verbindung mehrfach. Doch nach drei Tagen kommt der Schleppzug an, und eine Werft übernimmt die Yacht vom Containerschiff, um es an Land zu kranen. Die Crew entscheidet sich für eine provisorische Reparatur und einen Transport per Schiff nach Spanien und per Lkw weiter nach Schweden.

Ein Containerschiff schleppt die havarierte Yacht ab. ©Pantaenius

Dort wird festgestellt, dass das Ruder eine Kerbe aufweist, die wohl vom aufgegebenen Fischfanggerät stammt. Doch die Kerbe ist nur klein, und es bleibt rätselhaft, wie sie das Ruder herausgerissen haben soll. Erst als das Ruder wieder am Skeg montiert wird, findet man die Antwort: Die Bolzen des unteren Ruderlagers waren nicht abgerissen, wie vermutet, sondern nicht mehr vorhanden. Die Gewinde sind unbeschädigt. Höchstwahrscheinlich zerfraß galvanische Korrosion die Bolzen. So konnte der Widerstand des Fanggeräts das obere Ruderlager aus dem Rumpf hebeln.

Unter Autopilot fährt eine Yacht gegen eine Felsenwand

Böses Erwachen für einen Segler auf dem Weg vom Atlantik ins Mittelmeer: Ein lautes Krachen schreckt ihn auf, als seine Segelyacht unter Autopilot am Kap Sagres im Südwesten von Portugal in die felsige Steilküste knallt. Der Skipper ist im Sommer 2021 mit seiner Segelyacht auf dem Weg von Dartmouth an der englischen Südküste nach Genua in Italien. Nach einem Zwischenstopp im galizischen La Coruña Mitte Juli bricht er mit dem Etappenziel Menorca zu den Balearen auf. Dort will er Treibstoff bunkern.

In der Felsküste am Kap Sagres havariert eine Yacht. ©Pantaenius

In der Nacht zum 17. Juli 2021 befindet sich die Yacht gut sieben Seemeilen südwestlich des Kap St. Vinzent – dem südwestlichsten Punkt Europas. Der Skipper motort Richtung Ostsüdost. Der Kurs führt ihn in ausreichendem Abstand an der nahen Ponta de Sagres vorbei – wie er meint. Es ist neblig und windstill. Gegen 5 Uhr kommt leichter Wind aus Nordwesten auf und der Nebel löst sich langsam auf. Der Skipper setzt die Genua und schaltet den Motor ab. Er kontrolliert den Kurs noch einmal und schaltet den Autopiloten auf Steuerung nach Windwinkel. Dann legt er sich unter Deck schlafen.

Auf der Karte am Track (rot) gut zu erkennen: An der Küste drehte der Wind. ©Panatenius

Etwa eine Stunde später weckt ein heftiger Schlag den Skipper: Er ist in eine Bucht der Steilküste gefahren. Er greift zunächst zum UKW-Seefunkgerät und setzt einen Notruf ab. Dann schaltet er den Motor ein und gibt rückwärts Vollgas. Die Yacht entfernt sich und der Eigner kann das Segel bergen. Inzwischen ist eine andere Segelyacht zur Hilfe geeilt. Nach 20 Minuten erscheint zudem die portugiesische Küstenwache. Da die Maschine läuft und kein Wasser eindringt, eskortiert sie den Skipper mit seiner Yacht in den knapp zwei Seemeilen entfernten Fischereihafen von Sagres.

Trotz der Havarie mit den Felsen sind am Bug nur kleine Schäden vorhanden. ©Pantaenius

Eine erste Überprüfung ergibt nur leichte Schäden am Bug, an der UKW-Antenne im Masttopp und vermutlich auch am Kiel. Daher kann der Skipper nach Lagos verholen. Dort wird das Boot gekrant und ein Sachverständiger bestätigt, dass die Fahrt zur Werft nach Livorno fortgesetzt werden kann. Der Skipper hatte nicht bedacht, dass sich Windstärke und -richtung ändern würden, je näher er der Küste kam. Zudem hatte er weder einen Wecker noch einen Tiefenalarm eingeschaltet. Warnungen über UKW-Seefunk hatte er nicht gehört, weil das Funkgerät auf die Cockpitlautsprecher geschaltet war.

Fazit

Mitunter kann man gar nicht so dumm denken, wie die Dinge laufen können. Das zeigen diese fünf Beispiele für kuriose Schäden an Yachten sehr eindrücklich. Klar, das sind Einzelfälle und  dennoch wünsche ich jedem Leser immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel sowie die “richtige” Versicherung an der Seite. Und was die vorstehenden Fälle betrifft: Alle geschilderten Ereignisse waren im Versicherungsumfang abgedeckt. 🙂

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Seit 50 Jahren bietet Pantaenius Eignern, Skippern und Crews ausgezeichneten Versicherungsschutz. Über 100.000 Kunden machen das Unternehmen zu Europas führendem Spezialisten für Yachtversicherungen.
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