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Dr. Stefanie Kamke ist Frauenärztin in Bremen und seit ihrer Jugend begeisterte Seglerin. Mit ihrem Partner segelt sie im Urlaub auf der gemeinsamen Swan 48 VELLAMO, mit der er als Skipper für den Kojencharteranbieter SEGELWEGE unterwegs ist. Dazwischen ist sie immer wieder auf anderen Yachten und in wechselnden Revieren anzutreffen. Stefanie gehört als medizinische Beraterin und Autorin zur BLAUWASSER.DE-Stammredaktion.
Das Übel mit der Seekrankheit
Ein stahlblauer Himmel und strahlender Sonnenschein, dazu eine frische Brise von achtern – eigentlich beste Voraussetzungen für einen perfekten Segeltag. Für den Skipper mag das zutreffen, doch die Crew kann die nahezu perfekten Bedingungen auf dem IJsselmeer nur bedingt genießen. Irgendwie ist die See ruppig und setzt den Mitseglern zu. Drei von ihnen hängen bereits in den Seilen und müssen sich regelmäßig übergeben. Der einwöchige Chartertörn beginnt unglücklich. Zumal die unterschwellige Sorge mitreist: Bleibt das nun die ganze Woche so?
Jeder Segler hat vermutlich schon mal eine ähnliche Situation erlebt. Plötzlich geht nicht nur das Konzept vom „Happy Sailing“ verloren – das reine An-Bord-Sein wird durch die Seekrankheit zur Qual. Dabei muss es gar nicht so weit kommen. Vielmehr gibt es effektive Möglichkeiten der Seekrankheit vorzubeugen. Dieser Beitrag soll helfen, Seekrankheit besser zu verstehen – und zugleich Wege aufzeigen, wie man sie behandeln und vor allem vermeiden kann.
In diesem Beitrag betrachte ich neben allgemeinen Aspekten insbesondere medizinische, psychologische und bewegungswissenschaftliche Zusammenhänge. Aus der Medizin fließen vor allem Sinneskonflikte und der Botenstoff Histamin in die Betrachtung ein. Die Psychologie beleuchtet erlernte Muster vom Land und typische Stressreaktionen, während Erkenntnisse aus der Bewegungslehre helfen, Seekrankheit besser zu verstehen – und ihr gezielt vorzubeugen.

Wer wird seekrank?
Seekrankheit betrifft im Durchschnitt rund 30 Prozent der Menschen – und längst nicht nur Neulinge auf dem Wasser. Auch erfahrene Seefahrer können seekrank werden. Die Symptome sind dabei sehr unterschiedlich ausgeprägt und treten zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf: Während bei manchen Seglern schon leichtes Schwanken im Hafen ausreicht, bleiben andere selbst bei starkem Seegang völlig seefest.

Aus Studien wissen wir, dass bei der Wahrscheinlichkeit seekrank zu werden sowohl das Geschlecht als auch das Alter eine Rolle spielen. Frauen werden häufiger seekrank als Männer. Säuglinge und Kleinkinder, die noch nicht laufen können, werden nicht seekrank. Ab dem dritten Lebensjahr steigt das Risiko allerdings an, wobei insbesondere Kinder zwischen dem sechsten bis zwölften Lebensjahr anfällig sind. Mit zunehmendem Alter sinkt das Risiko für Seekrankheit dann wieder.
Wie äußert sich Seekrankheit?
Frühes Anzeichen der Seekrankheit ist das Sopite-Syndrom. Dabei kommt es zu Müdigkeit, Trägheit, Rückzug und Desinteresse der betroffenen Person. Oft nimmt der Betroffene dies allerdings selbst nicht wahr. Hier ist also ein aufmerksamer Skipper wichtig, um die ersten Anzeichen zu erkennen. Fangen vermehrt Mitsegler an, zu gähnen und sich auf den Cockpitbänken auszustrecken, kann dies bereits ein Indiz sein.

Außerdem sind ein vermehrter Speichelfluss, Kopfschmerzen, Kaltschweißigkeit und Blässe erste Zeichen der Seekrankheit. Im Verlauf kann es dann zu Übelkeit und Erbrechen kommen – bis hin zu vollkommener Lethargie und Vernichtungsgedanken. Es gibt auch wiederholt Berichte von Personen, die den Drang verspüren über Bord zu springen und von der Crew davon abgehalten werden müssen. Etwas drastischer drückt es ein Sprichwort aus: „Wer seekrank ist, hat Angst zu sterben. Aber wer richtig seekrank ist, hat Angst am Leben zu bleiben.“
Was ist Seekrankheit?
Seekrankheit fällt in die Gruppe der Bewegungskrankheiten. Diese sogenannten Kinetosen bezeichnen einen Symptomenkomplex, der durch nicht übereinstimmende Sinneseindrücke verursacht wird. Das wissenschaftliche Modell dahinter nennt man „sensorisches Konfliktmodell“ oder auch „mismatch theory“. Je stärker eine Person auf die Bewegungskonflikte reagiert, desto anfälliger für die Seekrankheit ist sie.
Wie entsteht Seekrankheit?
An der Orientierung und Bewegung unseres Körpers in der Welt sind in erster Linie drei Systeme beteiligt, die beispielsweise dafür sorgen, dass wir nicht umfallen, wenn wir uns bewegen. Die drei Systeme sind:

Der Sehsinn (visuelles System)
Über das Auge vermittelt uns der Sehsinn unter anderem, wo wir uns im Raum befinden und ob sich die Umgebung bewegt.
Der Gleichgewichtssinn (vestibuläres System)
Der Gleichgewichtssinn im Innenohr vermittelt uns über zwei unterschiedliche Systeme (Bogengänge und Makulaorgane), wie wir uns beschleunigen. Die Bogengänge sind dabei für die Wahrnehmung der Drehbewegung unseres Kopfes zuständig. Diese drei Gänge sind angeordnet wie drei Seiten eines Würfels und mit einer Flüssigkeit gefüllt. Drehen wir uns beispielsweise auf einem Drehstuhl um die eigene Achse, vermitteln die Bogengänge diese Bewegung. Machen wir das lange genug und halten dann an, bewegt sich die Flüssigkeit in den Bogengängen zunächst weiter, sodass wir das Gefühl haben, uns in die entgegengesetzte Richtung zu drehen.
Die zwei Anteile des Makulaorgans im Innenohr – der Sacculus und der Utriculus – vermitteln über in Gel eingebettete kleine Kristalle, den sogenannten Otholiten, lineare Beschleunigungen. Also Bewegungen nach vorn, hinten, oben oder unten, links oder rechts.
Der Tiefensinn (propriozeptives System)
Die Wahrnehmung der Stellung des Körpers im Raum erfolgt über den Tiefensinn. Dabei melden unzählige Sensoren in Muskeln, Gelenken und der Haut, wo sich unsere Gliedmaßen befinden und wie wir uns bewegen.
Das Zusammenspiel der Systeme
Normalerweise ergänzen sich alle drei Sinne ohne Widersprüche, da sie zusammenpassende Signale aussenden. Wer beispielsweise ein Auto steuert, sieht mit dem Auge, wohin das Fahrzeug fährt, und das steht im Einklang mit den Bewegungsinformationen aus dem Innenohr. Außerdem weiß der Fahrer, wann er auf das Gaspedal drückt und so das Fahrzeug beschleunigt. Die Systeme sind also im Einklang und melden identische Informationen.
Bei Seekrankheit hingegen fehlt dieser Einklang und es kommt zu unterschiedlichen Informationen aus den einzelnen Sinnesorganen, die das Gehirn verwirren und zu einem Konflikt und Stress führen.

Bei diesen Konflikten gibt es zwei verschiedene Kategorien:
Typ-A-Konflikte basieren auf widersprüchlichen Informationen zwischen Gleichgewichtssinn und Sehsinn.
Typ-B-Konflikte kommen durch Widersprüche beziehungsweise Fehlinterpretation der Signale des Gleichgewichtssinns selbst zustande. Beide sind relevant für die Seekrankheit.
Kategorie-A-Konflikte in der Seekrankheit
Für die Seekrankheit sind zwei Varianten dieses Konfliktes verantwortlich. Bei der einen Variante senden der Sehsinn und der Gleichgewichtssinn beide Bewegungssignale, die aber nicht identisch sind. So etwas passiert beispielsweise, wenn eine Person die Wellenbewegung mit dem Auge wahrnimmt und sich diese von der Bewegung des Schiffes unterscheidet.
Bei der anderen Variante meldet der Gleichgewichtssinn eine Bewegung und der Sehsinn nicht. Dies kann unter Deck der Fall sein, wenn jemand ein Buch liest oder am Kartentisch arbeitet. Der Gleichgewichtssinn nimmt dann weiter den Seegang und die damit im Zusammenhang stehenden Bewegungen der Yacht wahr, während der Sehsinn einen ruhigen Raum sieht, auf das Buch oder die Seekarte fixiert ist und keine Bewegung meldet.

Kategorie-B-Konflikte in der Seekrankheit
Die Kategorie B beschreibt sensorische Konflikte, die aus dem Gleichgewichtssinn selbst entstehen und an denen der Sehsinn nicht beteiligt ist. Dabei senden Bogengänge und Makulaorgane Signale, die das Gehirn irritieren. Ein einfacher Selbstversuch macht diesen Effekt spürbar: Dreht man sich auf einem Drehstuhl um die eigene Achse, lässt sich die Bewegung zunächst gut erfassen. Beginnt man jedoch zusätzlich langsam mit dem Kopf zu nicken, gerät das Gehirn plötzlich in Verwirrung – weil unterschiedliche und nicht zueinander passende Informationen verarbeitet werden müssen.
Insbesondere bei langsamen Bewegungen, wie dem Auf und Ab eines Segelbootes auf See, sind die Signale oft nicht eindeutig, sodass es hier verstärkt zu Konflikten kommt. Bei schnelleren, klar definierten Bewegungen hingegen wird selbst anfälligen Personen meist deutlich seltener oder gar nicht schlecht, etwa beim Mountainbiken oder beim Karussellfahren.

Lässt die Seekrankheit mit der Zeit nach?
Allen Modellen ist ein entscheidender Punkt gemeinsam – die Gewöhnung. Vielleicht ist sie sogar der wichtigste Faktor beim Thema Seekrankheit. Nach einigen Tagen gewöhnt sich der Körper an die widersprüchlichen Signale und empfindet die Bewegung als normal.
Nach längeren Seestrecken macht sich das häufig bemerkbar. Nach dem Landfall schwankt dann plötzlich das Land und wir neigen dazu uns festzuhalten, um nicht umzufallen. Dieser Effekt wird, wenn er länger als 48 Stunden anhält, medizinisch als Mal-de-Débarquement-Syndrom bezeichnet. Erst war man seekrank, nun ist man „landkrank“. Am eindrucksvollsten zu spüren ist das in geschlossenen Räumen. Viele Segler kennen das Phänomen der schwankenden Dusche nach einem längeren Törn.
Welche Rolle spielt der Botenstoff Histamin bei der Seekrankheit?
Neben den Bewegungskonflikten spielt beim Thema Seekrankheit der körpereigene Stoff Histamin eine Rolle. Aus Studien wissen wir, dass bei verstärkter Bewegung und Stress der Histaminspiegel steigt. Auch ist schon lange bekannt, dass eine medikamentöse Therapie mit Antihistaminika die Symptome der Seekrankheit lindert. Histamin hat zudem eine Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt und das Herz-Kreislauf-System. Das lässt den Schluss zu, dass Histamin als Botenstoff eine tragende Rolle bei Seekrankheit spielt.
Der Mensch produziert Histamin zum einen selbst und nimmt es zum andern über die Nahrung auf. Folglich ist es zur Vermeidung von Seekrankheit ratsam, den Histaminspiegel möglichst niedrig zu halten. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Ernährung: Lebensmittel wie Rotwein, Käse, Nüsse, Tomaten, Erdbeeren und leider auch Schokolade sind histaminsteigernde Nahrungsmittel. Aber auch Stress lässt den Histaminspiegel ansteigen.

Welchen Einfluss hat die Psychologie?
Vom Leben an Land her hat der Mensch gelernt, dass Wände senkrecht stehen und Böden waagerecht sind. Ebenso gilt dort ein einfaches Ordnungsprinzip: Das Kleine gilt als beweglich, das Große und Umgebende als fest. Ein anschauliches Beispiel dafür ist eine schief hängende Petroleumlampe unter Deck bei Schräglage. Unser Gehirn ordnet die Wände als „groß und umgebend“ ein – und damit als stabil. Die Lampe hingegen erscheint „klein“ und wird folglich als beweglich wahrgenommen.
Diese erlernten Muster nehmen wir mit an Bord, doch dort funktionieren sie nicht mehr. Auf See sind Wände und Böden keineswegs fest, sondern bewegen sich permanent. In Wirklichkeit hängt die Lampe der Schwerkraft folgend korrekt senkrecht zum Horizont, während die Wände schief dazu stehen.
Die Erkenntnis, dass an Bord etwas grundlegend anders ist als gewohnt, löst – vereinfacht gesagt – Stressreaktionen im Körper aus. Stress wiederum führt zu einem Anstieg des Histaminspiegels und erhöht damit das Risiko für Seekrankheit. Kommen frühere Erfahrungen hinzu, entsteht häufig zusätzlich die Angst vor einer erneuten Seekrankheit – ein Kreislauf, der die Symptome weiter verstärken kann.
Welche Auswirkungen haben die Schiffsbewegungen auf unsere Körperlage?
An Bord – insbesondere unter Deck – versucht der Körper, sich am Boot auszurichten, das er als groß und vermeintlich fest wahrnimmt. Gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass sich dieses „feste“ Bezugssystem ständig bewegt. Die naheliegende Reaktion ist, sich festzuhalten – ein Verhalten, das an Land vollkommen sinnvoll wäre.
An Bord halten wir uns allerdings an etwas fest, das selbst wackelt. Das führt dazu, dass wir die Bewegungen des Schiffes direkt mitmachen und sie über den Gleichgewichtssinn sehr deutlich wahrnehmen. Der Sehsinn hingegen liefert weiterhin das Bild scheinbar fester Wände und Böden. Der daraus entstehende Widerspruch zwischen den Sinneseindrücken macht den sensorischen Konflikt – und damit die Seekrankheit – nahezu unvermeidlich.
Wie kann ich Seekrankheit behandeln?
Gleich vorweg: Am sinnvollsten und wirksamsten ist es, mit verschiedenen Maßnahmen und Tricks vorzubeugen. Nichtsdestotrotz gibt es auch Mittel und Wege, eine bereits vorhandene Übelkeit zu behandeln.
Auf dem Markt im In- und Ausland gibt es eine Reihe von Medikamenten, die über unterschiedliche Wirkmechanismen die Symptome lindern. Allen voran Antihistaminika, die die Wirkung des Histamins vermindern. Einer der bekanntesten, rezeptfrei zu erwerbenden Wirkstoffe ist Dimenhydrinat. Er ist beispielsweise im Produkt Vomex enthalten.

Auch wissen wir, dass Vitamin C in ausreichender Höhe den Histaminspiegel senkt. Daher hilft es, dieses zu sich zu nehmen. Am einfachsten geht das über einen Vitamin-C-haltigen Kaugummi oder Lutschtabletten, die den Vitamin-C-Spiegel zügig ansteigen lassen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Medikamenten macht Vitamin C auch nicht müde. Als Kaugummi besitzt es zusätzlich einen hilfreichen Nebeneffekt, weil Kaubewegungen selbst nachgesagt werden, dass sie Übelkeit reduzieren.
Eine umfangreiche Medikamentenliste steht unter diesem Link bereit.
Wie kann ich Seekrankheit vermeiden?
Der sicherste Schutz vor Seekrankheit wäre, gar nicht erst an Bord zu gehen. Aber das ist natürlich keine Option. Hilfreicher ist eine Lösung nach dem Motto: „Vorbeugen ist besser, als auf die Schuhe zu kotzen.“
Medizinische Ansätze
Wer von sich weiß, dass er oder sie schnell seekrank wird, sollte Medikamente bereits sechs bis zwölf Stunden vor dem Törnbeginn einnehmen, da diese dann beim Ablegen den größten Effekt besitzen. Der Vitamin-C-Spiegel kann auch bereits eine Woche vor Törnbeginn mit 1.000 mg täglich angehoben werden.
Neben der Einnahme von Medikamenten kann das prophylaktische Tragen von Akupressurbändern (Sea-Band) oder Akupunkturnadeln (Dauernadeln) im Ohr einen positiven Effekt auf den Körper haben. Statt ein Akupressurband zu tragen, kann aber auch der Nei-Kuan-Punkt mit dem Finger massiert werden.

Psychologische Ansätze
Zur Verringerung von Stress und Angst können an Bord verschiedene einfache Maßnahmen helfen. Dazu gehören beispielsweise Atemübungen, die beruhigend wirken und den Stresspegel senken.
Auch die Angst vor Seekrankheit lässt sich durch bewusst positive Formulierungen reduzieren. Sätze wie „Bei dem Wind ist garantiert viel Welle, und ich werde bestimmt wieder seekrank“ sollten aus dem inneren Repertoire gestrichen werden. Sinnvoller ist es, den Fokus auf positive Aspekte zu lenken: „Bei dem Wind lässt sich mit einem Reff im Groß angenehm segeln – und wir sind trotzdem flott unterwegs. Vielleicht bleibt am Nachmittag sogar noch Zeit zum Schwimmen und Grillen am Ankerplatz.“
Ebenso wichtig ist eine klar formulierte Zielvorstellung. Der Satz „Ich möchte nicht seekrank werden“ ist dabei genauso unpräzise, wie einem Taxifahrer zu sagen: „Ich möchte nicht zum Bahnhof.“ Aus diesem Grund haben wir den Begriff seefit entwickelt. Die Aussage „Ich bin seefit“ beschreibt eine klare, positive Zielvorstellung – und hilft dem Körper, sich darauf einzustellen.
Ansätze aus der Bewegungslehre
Um an Bord nicht seekrank zu werden, ist es – salopp gesagt – notwendig, der Wahrnehmung des Sehsinns weniger Glauben zu schenken. Denn dieser übermittelt uns in Bezug auf die Bewegungen des Bootes in der Regel nicht die Wahrheit. Einzig beim Blick auf den Horizont ist der Sehsinn einer Meinung mit dem Gleichgewichts- und Tiefensinn. Dabei sieht das Auge den wahren Horizont und übermittelt zudem, dass das Boot das „Kleine, Bewegliche“ und der Horizont das „Große, Feste“ ist.
Damit die Wahrnehmung des Horizonts nicht nur beim Betrachten desselben funktioniert, wäre es an Bord sinnvoller, diesen nicht über den Sehsinn, sondern über den Tiefensinn wahrzunehmen, ihn also zu spüren. Dass dies funktionieren kann, zeigen uns unter anderem Akrobaten, Turner und Tänzer. Sie können die Lage ihres Körpers im Raum jederzeit und sehr akkurat spüren und sich so an der Schwerkraft und dem wahren Horizont ausrichten. Sie spüren diesen wie eine Art „inneren Horizont“.
Aber auch ohne sportlich ein Profi zu sein, ist eine Ausrichtung an eben diesem Horizont möglich, dafür muss allerdings der Tiefensinn trainiert werden. Zur Vorbereitung an Land gelingt dies durch unterschiedliche Übungen auf Wackelbrettern, an Bord lassen sich spezielle Übungen zum „schnellen Einschaukeln“ durchführen. Der Effekt ist, dass der Körper sich direkt an die Bootsbewegungen gewöhnt und nicht – wie sonst – erst nach zwei bis drei Tagen. Damit ist man seefit statt seekrank – und kann das Leben an Bord sofort genießen.
Crewführung zur Vermeidung vor Seekrankheit
Seekrankheits-Prophylaxe: vorausschauende Planung
Nicht jeder, der an Bord kommt, hat einen gut trainierten Tiefensinn und ist in der Lage, sich direkt auf die Bewegungen des Bootes einzustellen. Umso wichtiger ist es, dass der Skipper seine Crew im Blick behält und rechtzeitig gegensteuert – mit einfachen Maßnahmen, die dafür sorgen können, dass Seekrankheit selbst bei ungeübten Mitseglern gar nicht erst entsteht. Da es, wie erwähnt, einen hohen Gewöhnungseffekt gibt, kann es hilfreich sein, vor einem langen Schlag eine Nacht vor Anker zu verbringen, um den Körper schonmal an die Schiffsbewegungen zu gewöhnen.
Um den Histaminspiegel zu senken, sollte ein verantwortungsvoller Skipper seine Crew nach einem passenden Abendessen (histaminarm und nicht zu viel) früh ins Bett schicken. Ausgeschlafen, nüchtern und mit einem niedrigen Histaminspiegel sind die Mitsegler ideal auf den Törn vorbereitet.
Erfahrungsgemäß machen allerdings nicht wenige Segler genau das Gegenteil: Meist kommt die Crew nach einer stressigen Anreise abends an Bord an und feiert dann gut gelaunt bis tief in die Nacht mit reichlich Alkohol im Cockpit den Törnbeginn. Morgens springen dann alle Crewmitglieder früh aus den Kojen, um über den Tag Strecke zu machen – denn häufig haben sie ja nur eine Woche Urlaub. Wenn dann noch die ungewohnten Bewegungen dazukommen, ist Unwohlsein und Übelkeit vorprogrammiert. Die Crew hatte zwar einen netten ersten Abend, der aber für den nächsten Tag leider völlig kontraproduktiv war. Daher sollte die Welcome-Party besser auf den zweiten Abend verschoben werden.

Anfällige Personen werden tendenziell unter Deck eher seekrank als an Deck, weil der oben beschriebene Konflikt A dann verstärkt auftritt. So gesehen ist es ratsam, gerade zu Törnbeginn und bis zu einer gewissen Eingewöhnung den Gang unter Deck zu vermeiden. So könnte beispielsweise die Routenplanung am Abend vorher im Hafen oder vor Anker gemacht werden. Es werden alle Wegpunkte eingegeben, Seekarten herausgesucht, Hafenbeschreibungen gelesen und vielleicht ein Tablet für die elektronische Navigation an Deck vorbereitet.
Damit ist die Crew erstens gut vorbereitet, was für Entspannung sorgt, und zweites muss sich während des Segelns niemand länger als nötig unter Deck aufhalten, um am Kartentisch bei schaukelndem Boot die Wegpunkte ins GPS einzugeben oder etwas nachzulesen.
Seekrankheits-Prophylaxe: Nahrungsaufnahme
Vor längeren Seestrecken empfiehlt es sich, Mahlzeiten vorzubereiten. Einer Person mit gesättigtem Magen wird seltener schlecht als einer Person mit leerem Magen. Vorab ein paar belegte Brote zu schmieren, ist kein großer Zeitaufwand. Auch lässt sich eine Fertigsuppe in einer Thermoskanne vorbereiten und wirkt unterwegs Wunder.
Studentenfutter mit Nüssen klingt ebenfalls nach einer einfachen Idee, um zwischendurch den Magen zu beschäftigen. Allerdings enthält solch eine Nussmischung recht viel Histamin. Das gleiche gilt leider auch für Schokolade. Salzstangen, Kekse und Kräcker sind daher als Snack zwischendurch besser geeignet.
Für längere Strecken oder bei Törns durch schlechtes Wetter können Gerichte vorgekocht und in Thermobehältern sehr lange warmgehalten werden. Allein schon der Duft von warmem Essen wirkt stimmungssteigernd und beruhigend, gute Gerüche führen zugleich zu weniger Unwohlsein. Schlechte Gerüche hingegen – wie etwa Dieselgeruch – fördern die Übelkeit. Wer sich bei negativen Gerüchen unter Deck aufhalten muss, strapaziert seine Sinnessysteme zusätzlich.

Seekrankheits-Prophylaxe: Flüssigkeitszufuhr
Ein oft vergessener Punkt ist, für ausreichend Flüssigkeitszufuhr zu sorgen, insbesondere auch, weil der Bedarf an Bord deutlich höher ist als an Land. Dieser zusätzliche Bedarf entsteht unter anderem durch den Wind, die Sonneneinstrahlung und die dauerhafte Bewegung der Yacht.
Wasser, Tee oder Säfte sind zur Aufrechterhaltung des Flüssigkeitshaushalts gut geeignet. Wenn der Magen immer ein wenig mit einer dieser Flüssigkeiten gefüllt ist, hilft das deutlich, der Seekrankheit vorzubeugen. Leider haben vor allem Frauen oft die Sorge, dass sie nach viel Aufnahme von Flüssigkeit häufiger auf die Toilette müssen – was in der Regel einen Gang unter Deck bedeutet. Allein der Gedanke, sich unter Deck aus dem Ölzeug schälen zu müssen, sorgt bei vielen Mitseglerinnen bereits für Anflüge von Übelkeit.
Aber Achtung! Wer aus Angst vor dem Toilettengang zu wenig trinkt, handelt eher kontraproduktiv. Denn je geringer die Aufnahme von Flüssigkeit, desto konzentrierter ist der Urin, desto gereizter ist die Blase – und desto höher der Harndrang und das Bedürfnis, auf die Toilette zu gehen. Zudem wird einer Person schneller schlecht, wenn sich nichts in ihrem Magen befindet. Auch sinkt das allgemeine Wohlbefinden bei verminderter Flüssigkeitszufuhr. Daher: unbedingt auf das Trinkverhalten achten!
Tipp: Bei Gruppen ist es hilfreich, wenn jedes Crewmitglied eine eigene Flasche bekommt, die mindestens an dem Tag geleert werden muss. So entsteht ein guter Überblick über die Trinkmenge.

Wer dann trotzdem irgendwann in die Verlegenheit gerät, unter Deck beim Gang auf die Toilette aus seinem Ölzeug klettern zu müssen, kann dies zur Entspannung der Sinne im Liegen machen. Für Frauen gibt es inzwischen sogar Hosen, bei denen sich der hintere Teil bequem herunterklappen lässt. Damit wird ein mühsames „Aus-dem-Ölzeug-Schälen“ überflüssig. Und nicht zuletzt kann, wenn der Seeraum es erlaubt, auch einfach mal kurz beigedreht werden. Das bringt Ruhe an Bord.

Und mal ehrlich, auch wenn in jedem Buch über Seemannschaft erwähnt wird, dass die häufigste Ursache für das Über-Bord-Gehen das Über-Bord-Pinkeln ist, so ist es für die Männer im Falle von Seekrankheit meist doch die einfachste Variante sich zu erleichtern – gut gesichert, versteht sich!
Seekrankheits-Prophylaxe: Kleidung
Die Kleidung sollte immer dem Wetter angepasst sein. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass wir kursabhängig unterschiedlich starken Wind an Bord verspüren und gegebenenfalls auf Amwind-Kursen schneller auskühlen als auf Kursen mit achterlichem Wind, weil der scheinbare Wind an Bord stärker ist.

Frieren ist Stress für den Körper, hebt den Histaminspiegel und ist daher kontraproduktiv. „Warm anziehen“ lautet deshalb die Devise. Warme Socken helfen und eine Mütze ist ein essentielles Kleidungsstück, weil am Kopf ein Großteil der Körperwärme verloren geht. Ich bin schon ganze Törns mit kurzer Hose, aber Mütze auf dem Kopf gesegelt. Nochmal: Alle stressauslösenden Faktoren sollten soweit möglich reduziert werden, damit auch dadurch der Histaminspiegel sinkt.
Seekrankheits-Prophylaxe: Sinneskonflikte reduzieren
Um die Sinne zu beruhigen, hilft an Deck häufig das Betrachten des Horizonts oder der herannahenden Wellen. So kann sich der Körper auf die Bewegung einstellen. Der Effekt tritt auch beim Rudergehen ein. Wir haben das Steuer in der Hand und stellen uns unbewusst damit besser auf die Schiffsbewegungen ein. Die Wahrnehmung von Sehsinn und Gleichgewichtssinn stimmt dann wieder überein.

Um die Sinne zu stabilisieren, hilft es auch, sich in die Koje zu legen. Am besten liegt es sich mittschiffs unter Deck. Dort sind die Schiffsbewegungen am geringsten, weil sich hier der Drehpunkt der Yacht befindet. Wer in dieser Lage die Augen schließt, schaltet ihren Input ab. Außerdem reduzieren sich Kopfbewegungen deutlich, sodass der Gleichgewichtssinn im Liegen weniger Signale sendet.
Wer dann noch in der Position einschläft, macht alles richtig. Während des Schlafens sinkt der Histaminspiegel von ganz allein. Effekt: Wer schläft, wird nicht seekrank. Beim Wachwerden ist die Übelkeit dann oft sogar weg – sofern sie vorher überhaupt vorhanden war. Das funktioniert in den meisten Fällen auch im Cockpit.

Einige Segler schwören darauf, einen Ohrstöpsel im Ohr zu tragen – und zwar nur in einem Ohr! Durch die Blockade des einen Ohrs soll angeblich das Sinnesorgan „stillgelegt“ werden. Das Gehirn hat dann soviel mit den unterschiedlichen Ohrsignalen zu tun, dass es die anderen Sinne quasi ausblendet. Belastbare Studien gibt es dazu nicht, aber einen Versuch ist es sicher wert.
Seekrankheits-Prophylaxe: gute Stimmung an Bord
Einen großen Anteil am Wohlbefinden an Bord hat die Psyche. Angst ist beispielsweise kein guter Partner, da bei Angst die Stresshormone steigen und damit auch der Histaminspiegel. Hier ist der Skipper gefragt. Seine Aufgabe ist es, für Entspannung und gute Stimmung an Bord zu sorgen. Eine gründliche Creweinweisung hilft dabei, Ängste abzubauen – ebenso das Teilen von Informationen über den weiteren Törnverlauf. Wenn jeder Mitsegler weiß, was ihn erwartet, wird Ängsten und der damit verbundenen Ungewissheit der Nährboden entzogen.
Außerdem helfen gute Laune, lachen und singen. Zur Erheiterung kann auch eine banale Witze-CD beitragen. Es gibt auch Crews, die mit Après-Ski-Musik durch ruppiges Wetter segeln – was vielleicht nicht jedermanns Sache ist – aber hier heiligt der Zweck die Mittel.

Ganz wichtig: Fragen nach dem Motto „Und? Geht es dir noch gut oder ist dir schon schlecht?“ oder das permanente Thematisieren der Seekrankheit sind wenig hilfreich. Jede Person, die oft genug gefragt wird, ist irgendwann seekrank. Solche Fragen sind kontraproduktiv. Viel wichtiger ist es, dem Hirn klar zu machen, dass alles gut ist und es sich bei dem merkwürdigen Gefühl nur um Sinneseindrücke handelt.
Fazit
Das Thema Seekrankheit ist sehr facettenreich und vielschichtig – und dennoch gilt am Ende die Devise: entspannt bleiben! Seekrankheit wird mit der Zeit besser und verschwindet bei fast allen Menschen nach einigen Tagen vollständig von selbst. Bis dahin nutzen wir einfach alle Optionen, die wir haben, und freuen uns über die Zeit danach.
Und sollte einer Person doch so schlecht werden, dass sie sich übergeben muss, gilt es, davor keine Angst zu haben. Den meisten Menschen geht es nach dem Spucken nämlich erstmal wieder deutlich besser – und das ist doch auch etwas.
Zum Abschluss sei noch erwähnt, was ein Skipper auf hoher See einst zu einem Mitsegler gesagt haben soll: „Soll ich dir deine Portion des Essens auf einen Teller füllen – oder gleich über Bord werfen?“
Ein zwar nicht ernst gemeinter Spruch, der jedoch eine kleine Veränderung schaffen kann: nämlich die Seekrankheit nicht mit Verbissenheit, sondern mit Humor zu nehmen. Und das ist der erste Schritt zur Besserung.























