Familiensegeln in den Stockholmer Schären: zu fünft auf sieben Metern

Ein Beitrag von

H. Koch

Seit dem 16. Lebensjahr begeisterter Segler, ist H. heute vorwiegend mit seinem schnellen, trailerbaren Hubkieler vom Typ Mak7 unterwegs. Als DSV-Segellehrer gibt er Kurse und bringt auch Schüler einer Segel-AG aufs Wasser. Seine Lieblingsreviere reichen von Friesland und dem Wattenmeer über die Ostsee bis nach Schweden und Südfrankreich.

Wenn das Boot mit jedem Kind kleiner wird

Wenn wir mit unserer SHACKLETON irgendwo im Hafen festmachen, läuft es fast immer ähnlich ab. Zuerst sehen die Menschen auf dem Steg nur meine Frau und mich. Ein Paar auf einem sieben Meter langen Segelboot – das passt. Dann erscheint unser Sohn an Deck, nimmt die Bugleine und reicht sie hinüber. Kurz darauf klettert die erste Tochter aus dem Niedergang. Und schließlich noch eine. Spätestens jetzt verändert sich der Gesichtsausdruck der Zuschauer. Fast wie bei einem dieser viel zu kleinen Autos, aus denen immer noch jemand aussteigt, scheint unser Boot mit jedem neuen Kopf an Deck ein Stück kleiner zu werden. Jetzt sind wir zu fünft, und in den Gesichtern am Steg lässt sich ziemlich genau ablesen, was die anderen denken: Wie schlaft ihr alle auf diesem Boot?

Manchmal sind die Blicke mitleidig, häufiger aber erstaunt. Wenn wir später im Hafen miteinander ins Gespräch kommen, werden daraus fast immer Anerkennung und Respekt. Drei Wochen im Stockholmer Schärengarten, zwei Erwachsene, drei Kinder im Alter von 15, 13 und neun Jahren – auf einer Mak Seven Cruise mit gerade einmal 24 Fuß Länge. Für zwei Personen wäre unsere SHACKLETON ein großzügiges kleines Fahrtenboot. Für fünf ist sie vor allem eines: voll.

Und dennoch wurde diese Reise einer der besten Törns, die wir je gemacht haben. Nicht, weil 24 Fuß plötzlich geräumig geworden wären. Sondern, weil wir die Reise an das Boot und an unsere Familie anpassten – und nicht umgekehrt.

Die sieben Meter lange SHACKLETON bei der Ankunft in Schweden. Klein genug für den Trailer, groß genug für fünf. ©H. Koch

Der Wunsch nach Familiensegeln kam von den Kindern

Begonnen hatte alles mit einem Fotobuch, das ich zu meinem 50. Geburtstag bekam. Es erzählte von einer Reise, die wir 2019 schon einmal unternommen hatten. Unsere Kinder waren damals sieben Jahre jünger und als sie die Bilder sahen, waren sie so beeindruckt, dass ausgerechnet sie sagten: „Lasst uns diese Reise doch noch einmal machen.“

Ich war sofort Feuer und Flamme. Gleichzeitig hatte ich Zweifel. Nicht wegen des Reviers. Ich war bereits zweimal in den Stockholmer Schären gesegelt und hatte vor der mitunter kniffligen Navigation Respekt, aber keinen Bammel. Elektronische Seekarten auf dem Smartphone erleichtern zudem heute vieles, auch einhand. Meine Sorge galt eher der Größe der Kinder – und der Größe unseres Bootes.

Im Sommer zuvor war unser Sohn, damals 14, gar nicht mehr mitgesegelt. Er fand es an Bord zu eng und befürchtete, dass es in der Geschwisterkonstellation zu viel Streit geben würde. Wir ließen ihn bei Oma und Opa zurück und fragten uns durchaus, ob man das überhaupt darf: einen Vierzehnjährigen nicht mit in den Familienurlaub nehmen. Weil wir in den Oster- und Herbstferien aber weiterhin gemeinsam verreisten, entschieden wir, dass ein Sommer ohne Segeltörn für ihn in Ordnung war.

Zur Hauptsaison kann es in Schweden auch mal voll werden. ©H. Koch

Wir fuhren zu viert mit den beiden Mädchen in dänische Gewässer. In den beiden Jahren davor hatten wir jeweils für zwei Wochen ein 31-Fuß-Boot für die Dänische Südsee gechartert. Das war komfortabler, aber auch teuer. Hätten wir ein drittes Mal gechartert, wären insgesamt ungefähr 9.000 Euro allein für die Boote zusammengekommen. Dafür bekommt man bereits ein ordentliches gebrauchtes Segelboot. Außerdem ertappte ich mich auf den größeren Yachten ständig bei dem Gedanken: „Das könnte unsere SHACKLETON besser.“ Bei wenig Wind, bei viel Wind – eigentlich bei jedem Wind vermisste ich mein eigenes Boot. Das Chartern kam mir irgendwann sogar fast wie Verrat vor. Und im Hafen erklärte ich peinlich oft, dass ich „eigentlich“ Bootseigner sei und „nicht bloß Charterer“. Eine kleine seglerische Eitelkeit, die im Rückblick ziemlich komisch ist.

Der Wunsch der Kinder, nach Schweden zurückzukehren, war deshalb mehr als eine Reiseidee. Er war die Frage, ob aus uns noch einmal eine fünfköpfige Familiencrew werden konnte.

Stockholmer Schärengarten: drei Welten in dreißig Seemeilen

Für mich gehört der Stockholmer Schärengarten zu den schönsten Segelrevieren Europas. In einem Radius von kaum 30 Seemeilen – gut 55 Kilometern – bietet er drei fast gegensätzliche Landschaften. Nahe Stockholm liegen die lebhaften Innenschären mit vielen Booten und Häfen. Es folgen die lieblichen, bewaldeten Mittelschären. Und weiter draußen werden die Inseln immer niedriger und karger, bis zwischen den Außenschären fast nur noch Fels, Wasser und Himmel übrig bleiben. Mit einem Segelboot lässt sich all das in einer, höchstens zwei Tagesetappen erreichen.

Der Stockholmer Schärengarten ist ein ideales Kleinkreuzer-Revier. ©H. Koch

Zugleich ist der Schärengarten ein erstaunlich geschütztes Revier. Die unzähligen Inseln nehmen den Wellen meist den langen Anlauf, Häfen liegen oft nur zehn bis 15 Seemeilen auseinander, und fast überall findet sich eine Naturbucht als Ausweichziel. Selbst wenn ein geplanter Hafen nicht mehr erreichbar war, mussten wir deshalb nicht stundenlang nach einem sicheren Platz suchen. Nur weiter draußen in den kargeren Außenschären wird der Schutz geringer – dort planten wir entsprechend vorsichtiger. Je weiter wir nach außen kamen, desto dünner wurde der Bootsverkehr. Dort öffnete sich diese nordische Weite, die sich kaum fotografieren lässt.

Nachts wurde es im Hochsommer fast nicht richtig dunkel, und gegen drei Uhr begann der Himmel schon wieder hell zu werden. Manchmal fanden wir Plätze, an denen wir keinem anderen Menschen begegneten. Wenn uns nach Gesellschaft war, konnten wir uns genauso gut in eine belebte Naturbucht legen. Lagen dort bereits fünf Boote, nahm niemand Anstoß daran, wenn noch ein sechstes dazukam.

Nachts wurde es so weit im Norden nie richtig dunkel. ©H. Koch

Besonders ist auch die Art, wie man dort ankert. In Deutschland oder Dänemark liegt man meist frei in einer Bucht und fährt mit dem Beiboot an Land. In den Schären ließen wir hinter dem Boot einen Heckanker fallen, näherten uns langsam einem glatten Felsen und vertäuten den Bug unmittelbar am Ufer. Das Boot schwamm, der Fels wurde zur Terrasse, und wir konnten direkt über den Bug an Land steigen. Ankern und Landzugang zugleich – für mich ist das ziemlich einzigartig. Allerdings ist die SHACKLETON für diese Art von Landgang nicht ideal gebaut. Ihr moderner Steven fällt am Bug fast senkrecht ins Wasser. Viele ältere Boote in den Schären haben dagegen einen stark überhängenden Bug: Die Wasserlinie endet deutlich früher, während der Bug schräg nach vorn und oben ragt. So schwebt die Bugspitze fast wie eine natürliche Gangway über dem Felsen.

Bei uns endete das Deck ziemlich genau dort, wo auch das Wasser begann. Unsere Lösung kam aus dem Baumarkt und kostete ungefähr sieben Euro: ein zwei Meter langes Stück Konstruktionsholz mit einem Querschnitt von fünf mal acht Zentimetern. Ich bohrte an einem Ende ein großes Loch hinein und befestigte das Holz an der Mittelklampe. So entstand eine Art provisorischer Bugspriet, der weit über den senkrechten Steven hinausragte. Elegant war die Konstruktion nicht. Aber sie machte den letzten Meter zwischen Boot und Felsen deutlich weniger akrobatisch. Wenn wir die „Gangway“ nicht nutzten, lag das Kantholz übrigens gut sichtbar längs an Deck – unscheinbarer lässt sich eine Gangway kaum verstauen.

Ein Kantholz aus dem Baumarkt ersetzt die Gangway. Durch die moderne Form des Bugs musste SHACKLETON immer ein wenig Abstand zu den Felsen wahren. ©H. Koch

Ein kleines Boot beginnt im Kopf

Auch mental wollten wir uns nicht selbst begrenzen. Clint Eastwood antwortete auf die Frage, woher er trotz seines Alters noch so viel Energie nehme: „Don’t let the old man in.“ Viele in unserem Alter sehen ein 24-Fuß-Boot höchstens noch als Daysailer. Wir wollten den alten Mann aber auch gedanklich nicht an Bord lassen und uns einreden, eine dreiwöchige Familienreise sei auf sieben Metern unmöglich. So wurde Clint Eastwood zu unserem unerwarteten Mental-Coach für das Segeln auf kleinen Booten.

Wir bereiteten nicht nur das Boot vor, sondern auch uns selbst. Bei Übungswochenenden in Friesland testeten wir Rituale für das Zusammenleben. Abends saßen wir im Salon oder im Cockpit und jede Person beantwortete drei Fragen. Was hat heute genervt? Was war schön? Was wünsche ich mir für morgen? Die Kinder hatten die Reihenfolge selbst verändert: erst das Negative, dann das Positive, schließlich der Blick auf den nächsten Tag. Niemand durfte die Aussagen der anderen kommentieren oder bewerten.

Um die Stimmung an Bord aufrechtzuerhalten, saß die Crew jeden Abend zusammen und führte ein Debriefing durch: Was war schön? Was hat genervt? Was machen wir morgen besser? ©H. Koch

Vor der Abreise hielten wir mindestens zwei Familienkonferenzen ab. Wovor habe ich Respekt? Worauf freue ich mich? Was erwarte ich von den anderen? Das klingt für einen Urlaub vielleicht übertrieben. Aber fünf Menschen drei Wochen lang in einen Raum zu setzen, der kleiner ist als manches Badezimmer, ist eben nicht nur eine Frage von Schwimmwesten und Seekarten. Auch die unspektakulären Dinge halfen. Fliegengitter vor Vorluke und Niedergang hielten die schwedischen Mücken draußen. Für die kleinen Fächer unter den Kojen gab es eine Stauliste: Was liegt wo, was ist bereits verbraucht? So mussten wir nicht jeden Abend das halbe Boot ausräumen, um festzustellen, ob noch Nudeln vorhanden waren.

Mal fehlten Bananen oder Äpfel. Wirklich Wichtiges ging uns aber nicht aus. Hunger hatten wir als ernst zu nehmenden Gegner der Bordmoral erkannt. Obwohl wir meistens erst gegen elf Uhr ablegten und kurz zuvor gefrühstückt hatten, kam gefühlt direkt nach dem Segelsetzen die Frage: „Was gibt es jetzt zu essen?“ Unsere 13-Jährige wurde zur Mittagssnack-Beauftragten, schmierte Brote und bereitete sogar eigene Guacamole zu. Für geeignete Energieriegel hatten wir vorab einen familiären Geschmackstest mit Produkten aus Drogeriemärkten veranstaltet. Meine Frau packte außerdem für jedes Kind eine eigene Süßigkeitendose für den Tag. So war klar, was wem gehörte, und das ständige Verhandeln darüber, ob und wie viel noch gegessen werden durfte, entfiel.

Gekocht wird auf nur einer Flamme. Die Gerichte bleiben entsprechend einfach – schmecken nach einem Tag auf dem Wasser aber trotzdem allen. ©H. Koch

Überhaupt aßen wir erstaunlich gut. Als Grundlage hatten wir Nudeln, Reis und Kartoffeln dabei, ergänzt durch frische Sachen aus dem Landhandel oder ganz pragmatisch durch schwedische Köttbullar aus der Tüte. Dank einer kleinen Kompressor-Kühlbox konnten wir auch Fleisch einige Zeit aufbewahren. Gekocht wurde auf einem einzigen Campingaz-Brenner. Zuerst garte ich die Beilage und hielt sie in einem doppelwandigen Edelstahlbehälter – unserem „Henkelmann“ – warm. Danach kamen Gemüse, Soße oder Fleisch an die Reihe. Keine große Bordküche, aber erstaunlich alltagstauglich.

Auf einer Schäre zu kochen ist deutlich angenehmer als an Bord. ©H. Koch

Fast noch bemerkenswerter war, dass die Kinder ohne Diskussion aßen, was auf den Tisch kam. Zu Hause findet sich bei drei Kindern fast immer eines, das ein Gericht nicht mag. An Bord gab es keine zweite Pfanne und keine Alternative. „Das ist jetzt meine Welt“, begriffen sie schnell. Das funktionierte allerdings auch, weil wir fair blieben: Wir verzichteten auf die kulinarischen Experimente, die wir zu Hause durchaus ausprobieren, und kochten bekannte Gerichte, die alle mochten. Die Begrenzung machte das Essen nicht ärmer, sondern erstaunlich entspannt. Jeder Morgen begann ähnlich. Meine Frau machte Müsli, ich kochte Kaffee. Wenn das Frühstück fertig und der erste Kaffee der Erwachsenen getrunken war, erklang Paul Simons „You Can Call Me Al“ als Wecklied. Wir standen nicht besonders früh auf. Aber fast nie wachte jemand mit schlechter Laune auf.

Wohin in den Stockholmer Schären? Der Wind durfte entscheiden

Wir hatten kein Ziel, das wir unbedingt erreichen mussten. Die Etappen planten wir möglichst nach dem Wind, damit das Segeln komfortabel blieb. Natürlich gab es Strecken am Wind, bei denen das Boot sich zur Seite legte und jede Bewegung anstrengender wurde. Aber meistens waren wir nur zweieinhalb, höchstens drei Stunden unterwegs. Danach lagen wir in einer Naturbucht oder in einem Hafen, möglichst mit einem kleinen Landhandel. Die Dorfläden waren teurer als Supermärkte auf dem Festland, für frisches Obst und neue Vorräte aber unbezahlbar praktisch.

Ausflüge an Land oder mit dem Dingi schufen Abwechslung. ©H. Koch

Fast jeder Hafen hatte auch eine Sauna, häufig mit Holz beheizt und direkt am Wasser. Die schwedische Saunakultur befremdete uns zunächst ein wenig: Alle saßen in Badehose oder Bikini auf den Bänken, unterhielten sich lautstark, und viele hatten eine kleine Bierdose dabei, die während des Saunagangs geleert wurde. Niemand vermied Blicke oder Gespräche. Im Gegenteil: Dort kamen wir mit Schwedinnen und Schweden so leicht ins Gespräch wie kaum irgendwo sonst. Was uns anfangs fremd erschien, erwies sich gerade für eine Familie als wunderbar unkompliziert. Jung und Alt konnten ohne Scheu gemeinsam hineingehen; die Nacktheit, die bei uns manchen von einem Saunabesuch abhält, spielte keine Rolle. Anschließend öffneten wir die Tür der warmen Holzsauna, liefen über den Steg und sprangen direkt ins kühle Meer. Viel schwedischer konnte sich ein Abend kaum anfühlen.

Der Blick aus einer der vielen Saunen auf das Wasser. ©H. Koch

Nicht einmal Stockholm musste die SHACKLETON auf eigenem Kiel erreichen. Wir ließen das Boot außerhalb liegen und fuhren mit dem Bus in die Stadt. Das war keine Niederlage, sondern eine der wichtigsten Freiheiten dieser Reise: Wir mussten niemandem beweisen, wie viele Meilen wir geschafft oder welche berühmten Orte wir mit dem Boot erreicht hatten. Die Route hatte der Familie zu dienen, nicht die Familie der Route. Auch beim Strom wollten wir unabhängig bleiben. In manchen Häfen kostete der Liegeplatz ungefähr 25 Euro, der Stromanschluss aber noch einmal etwa 15 Euro. Darauf verzichteten wir. Die Bordbatterie versorgte Navigation und wichtige Technik wie Funk, Wind- und Tiefenmesser. Für die Unterhaltungselektronik der Kinder hatten wir eine kleine Powerstation mit eigenem Solarpanel. Wir nannten sie die „Spaßbatterie“. So konkurrierte ein leerer Bildschirm nie mit Navigation und Sicherheit – und wir mussten trotzdem keine Grundsatzdebatte darüber führen, ob digitale Unterhaltung auf einem Segelboot erlaubt ist.

Ist die „Spaßbatterie“ leer, werden in der Vorschiffskoje Karten gespielt. ©H. Koch

Einhand wäre manchmal leichter gewesen als eine Familiencrew

Ich bin im Einhandsegeln erfahren. Allein kann ich auf der kleinen SHACKLETON in wenigen Sekunden vom Bug bis zum Heck gelangen und viele Manöver ohne Hilfe erledigen. In den ersten Tagen mit Familie war das paradoxerweise schwieriger. Vier Menschen suchten im Cockpit bequeme Sitzpositionen, an Deck lagen noch Dinge herum – und ich kam kaum durch. Während ich arbeitete, hing meine Crew bisweilen etwas lethargisch im Weg. Das nervte mich. Ebenso nervte mich, dass die anderen Aufgaben nicht von selbst sahen und ich jeden Schritt erklären musste.

Schwedische Häuser. Das Land übt einen ganz besonderen Charme aus. ©H. Koch

Aber das Problem lag nicht nur bei ihnen. Ich musste erst wieder lernen, Arbeit abzugeben. Wer sein Boot allein beherrscht, ist noch lange kein guter Skipper für eine Familiencrew. Nach ein, zwei Tagen hatten wir uns eingegroovt. Unser Sohn übernahm routiniert viele Bootsaufgaben. Die anderen fanden ebenfalls ihre Rollen – und ich fand langsam den Ton, in dem aus vier Mitreisenden eine Crew werden konnte. Meine Frau gehört übrigens nicht zu den Menschen, die Segeln für die komfortabelste Art der Fortbewegung halten. Eigentlich segelt sie nicht einmal besonders gern. Sie flucht über Krängung, Enge und unbequeme Abläufe. Und trotzdem findet sie unsere Reisen am Ende immer wieder „cool“. Tief im Inneren weiß sie, wie besonders diese Form des Urlaubs ist.

Weder beim Segeln noch beim Schlafen bot die Mak7 viel Platz. ©H. Koch

Das Leben auf einem kleinen Boot ähnelt dem Reisen mit Zelt oder Bulli: wenig Platz, einfache Küche, viel gemeinsamer Alltag. Und man sollte das Revier nicht größer und schwieriger reden, als es ist. Wer sein eigenes Boot auf den vertrauten Gewässern sicher bewegt, muss sich im Stockholmer Schärengarten nicht plötzlich als Hochseesegler beweisen. Kurze Etappen, geschützte Fahrwasser und viele erreichbare Häfen und Buchten machen es leicht, den Törn an Wetter und Familie anzupassen. Ein vertrautes kleines Boot kann dafür sogar die bessere Wahl sein als eine ungewohnte große Charteryacht.

Unter Deck ist der Platz knapp. Mit guter Organisation gelingt es der fünfköpfigen Crew dennoch, sich auf den sieben Metern zu arrangieren. ©H. Koch

Bei einem Familientörn auf kleiner Yacht jede Nacht unvermeidbar: Schlaf-Tetris

Unter Deck ist die SHACKLETON nicht in Kabinen unterteilt. Sie besteht im Grunde aus einem offenen Raum mit dreieckiger Bugkoje, Salonbänken und zwei sogenannten Hundekojen, die weit nach achtern unter das Cockpit reichen. Wir entwickelten ein familiäres Schlaf-Tetris. Ich lag auf einer schmalen Salonbank mit dem Kopf in Fahrtrichtung. Mein Sohn tauchte mit dem Kopf zum Heck in die geräumige Hundekoje ein. Unsere Füße begegneten sich irgendwo dazwischen. Auf der anderen Seite lagen meine Frau und unsere jüngste Tochter ebenfalls Fuß an Fuß. Für sie hatten wir eigens eine 2,20 Meter breite und ungefähr 2,60 Meter lange Decke gekauft. So konnte niemand die Decke bis unters Kinn ziehen und die andere nur noch bis zum Bauchnabel zudecken.

Illustration der Schlafsituation an Bord der SHACKLETON. Damit jede Liegefläche genutzt werden konnte, besaß jedes Crewmitglied eine eigene wasserdichte Ortlieb-Tasche, die über Nacht an Deck kam. ©H. Koch

Unsere 13-Jährige bewohnte allein die dreieckige Bugkoje. Nach der ersten Nacht drehte sie sich mit dem Kopf in Richtung Bug. Trotzdem hatte sie mit Abstand den größten Schlafraum. Wir tauften ihn „Königinnenkajüte“. Natürlich hätten sich die beiden Mädchen die Bugkoje teilen können. Aber dann hätten wir vermutlich jeden Abend darüber verhandelt, wessen Bein die imaginäre Mittellinie überschritten hatte. Die scheinbar ungerechte Verteilung war friedlicher: jeweils ein Erwachsener und ein Kind Fuß an Fuß – und eine Königin allein im Bug.

Beim Familientörn gibt es kein Vorzelt als Fluchtort

Unsere Jüngste wurde zur inoffiziellen „Gute-Laune-Beauftragten“. Jeden Tag sprang sie vom Heck ins Wasser, auch bei 18 Grad. Während die beiden Älteren gelegentlich pubertätsbedingte Wolken über das Cockpit zogen, ließ sie sich ihre Begeisterung nicht nehmen. Abends plante meine Frau oft eine gemeinsame Aktion. Wir malten unter Deck, hörten Hörbücher oder wanderten im langen schwedischen Abendlicht über eine Schäre. Manchmal sagte ich zu ihr: „So eng bekommen wir unsere Familie wahrscheinlich nie wieder zusammen.“ Das war wörtlich und im übertragenen Sinn gemeint. In einem Wohnwagen gäbe es ein Vorzelt, auf einem Campingplatz den Weg zum nächsten Spielplatz oder Waschhaus. Auf unserem Boot fehlten solche Fluchtorte.

Das jüngste Familienmitglied wurde zur „Gute-Laune-Beauftragten“ und sprang täglich bei jedem Wetter vom Heck ins Wasser. ©H. Koch

Wir mussten uns arrangieren. Das konnte anstrengend sein. Wenn es gelang, wurde es umso gemütlicher: fünf Menschen in einem kleinen, warmen Raum, draußen Wasser und Felsen, drinnen ein Hörbuch und das Gefühl, für diesen Abend nirgendwo anders sein zu müssen.

Fazit

Auf der Autobahn begegneten uns auf der langen Fahrt in Richtung Schweden vielleicht drei Trailerboote und hunderte Wohnwagen. Das ließ uns exotischer erscheinen, als wir waren. Denn im Grunde machten wir etwas, das viele Familien aus dem Campingurlaub kennen: wenig Platz, ein kleiner Kocher, einfache Abläufe und sehr viel gemeinsamer Alltag. Mit dem Unterschied, dass unser Wohnraum eben „schwamm“ – und er brachte uns von Insel zu Insel.

Nicht nur die Boote sind in den vergangenen Jahrzehnten größer geworden. Auch unsere Vorstellung davon, wie viel Platz, Komfort und Geld eine Familie für einen gelungenen Urlaub benötigt, ist gewachsen. Drei Wochen zu fünft auf 24 Fuß sind sicher nicht für jede Familie die richtige Wahl. Für uns waren sie keine Heldentat. Die drei Wochen waren gut vorbereitet, manchmal eng, gelegentlich nervig, aber überraschend schön. Man muss für einen solchen Törn kein erfahrener Seebär sein.

Familienfoto der SHACKLETON-Crew ©H. Koch

Unsere Vorbereitung unterschied sich gar nicht so grundsätzlich von der eines gut geplanten Campingurlaubs. Wir probierten das Zusammenleben an ein paar Wochenenden aus, verteilten Aufgaben, planten kurze Etappen und nahmen genügend Essen mit. Vor allem blieben wir bereit, ein Ziel auszulassen, wenn Wind oder Familienlaune etwas anderes nahelegten. Aber man muss nicht auf das größere Boot oder das größere Urlaubsbudget warten.

Der Skipper an Bord seiner SHACKLETON. Die 24-Fuß-Yacht ist alles andere als ein Fahrtenkreuzer, doch es fehlte während der dreiwöchigen Reise wenig. ©H. Koch

Wir kochten auf einer Flamme, verzichteten auf teuren Landstrom, fuhren mit dem Bus nach Stockholm und bauten unseren Landgang für sieben Euro aus Baumarktholz. Nichts davon machte die Reise kleiner. Im Gegenteil: Die Beschränkung zwang uns, genau hinzusehen, was wir wirklich brauchten – und was nicht. Vielleicht war die SHACKLETON nicht trotz ihrer sieben Meter das richtige Boot für diese Reise. Vielleicht war sie es gerade deshalb. Und vielleicht macht genau das anderen Familien mit kleinen Booten Mut, einfach einmal etwas weiter zu segeln.

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Petra
Petra
8 Tagen her

Tolle Familie! ❤️