Törnbericht: Irland – wunderschönes, anspruchsvolles Segelrevier

Von Antonia Pidner

Antonia Pidner kommt aus Tirol in Österreich und nahm sich ein Jahr Auszeit, um mit ihrem Lebensgefährten von der nördlichen Adria über Irland, die Orkneys, die Shetlands, Norwegen und Schweden in die dänische Südsee zu segeln. Dort wartet ihre Fahrtenyacht BEL AMI auf neue Abenteuer.

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Unsere Anreise

Als wir im Mai 2017 die südlichste Landspitze Großbritanniens – „Land`s End” genannt – runden, liegt die erste Nachtfahrt auf dem Weg nach Irland und fast die Hälfte unseres bisherigen Weges hinter uns.

Im August 2016 sind wir von Kroatien aus aufgebrochen, haben Süditalien, die Äolischen Inseln, Sizilien und Sardinien besucht, sind über die Balearen ans spanische Festland, durch die Straßen von Gibraltar an die Algarve, entlang der portugiesischen Westküste hinauf ins nordspanische Galizien und von dort über die berühmt-berüchtigte Biskaya nach Frankreich. Nun liegt der Ärmelkanal in unserem Kielwasser und Irland voraus.

Bei durchschnittlich 20 Knoten Wind schräg von achtern rauscht unser Segelboot BEL AMI zielstrebig der „grünen Insel“ entgegen. Das Wetter ist gut und der Wind auf unserer Seite. Also segeln wir nonstop vom bretonischen St. Evette nach Irland. Nach rund 270 Seemeilen und zweieinhalb Tagen auf See machen wir in Waterford im Herzen der Südküste des Landes fest.

Segeln an der nordirischen Küste

In der Wiege der Wikinger

Die älteste Stadt Irlands wurde 914 von den Wikingern gegründet und liegt circa 15 Seemeilen landeinwärts am Fluss Suir. Über Jahrhunderte hinweg spielte Waterford als Hafenstadt und Handelszentrum eine wichtige Rolle. Darüber hinaus ist die Stadt für ihre Glasbläserei und Kristallkunst bekannt.

Das historische Waterford ist herzlich und multikulti.

In der Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft im Südosten Irlands fühlen wir uns auf Anhieb wohl. Die Marina ist ein wenig veraltet, aber die Menschen sind sehr freundlich und die nahen Versorgungsmöglichkeiten gut. Wir liegen an einem langen Steg mit Strom und Wasser, an dem längsseits festgemacht wird – es gibt freie Platzwahl.

Bevor wir uns auf den Weg nach Dublin bzw. das nördlich gelegene Örtchen Howth machen, geht es in eine nahe gelegene Ankerbucht in einem Seitenarm des Flusses Suir – dem King’s Channel (52°14.9N 007°03.9W). Und zwar, um die richtige Strömung abzuwarten.

Wir leben von Tide zu Tide

Rund um Irland herrschen starke Strömungen, die es bei der Routenplanung unbedingt zu berücksichtigen gilt. Außerdem säumen unzählige „Lobsterpots“ die irische Ostküste. Die Reusen zum Krabbenfischen sind mit Schnüren verbunden, die meist nur knapp unter der Wasseroberfläche schwimmen. Deren Enden sind mit Bojen markiert, die sich manchmal aber nur schlecht ausmachen lassen.

Den malerischen Ort Howth und die gleichnamige Halbinsel etwas außerhalb von Dublin erreichen wir im Takt der Tide mit zwei Zwischenstopps nach circa 105 Seemeilen. Beim ersten Zwischenstopp werfen wir in der Flussmündung von Waterford Harbour für drei Stunden den Anker in der Lunsdin Bay (52°09.5N 006°54.8W).

Eine Nacht später folgt ein Anker-Zwischenstopp neben dem Fährhafen Rosslare (52°16.4N 006°19.3W), um den ungünstigen Gegenstrom abzuwarten. Dieser Platz ist allerdings nur bei gutem Wetter für einen Zwischenstopp geeignet. Es gibt zudem Schwell durch Fähren.

Unterm Strich ist die Strömung teilweise über viereinhalb Knoten stark und mit ihr zu segeln bringt deutlich mehr. Durch die Zwischenstopps legen wir weite Teile der Strecke mit über neun Knoten zurück.

Der idyllische Fischerort Howth

Der Hafen von Howth wurde 1807 errichtet und ist mit unserem Tiefgang von 1,8 Metern nur bei steigendem Wasser erreichbar. Wir kommen ungünstig und müssen ein paar Ehrenrunden drehen. Die Marina ist das Zentrum eines sehr aktiven Segelvereins. Da es nur wenige Gästeliegeplätze gibt, wird eine Reservierung empfohlen.

Beschaulich – der Fischerhafen von Howth nahe Dublin

Beim Landgang sehen wir auf der Hafenmole einen 200 Jahre alten Leuchtturm und am westlichen Pier finden sich Fußabdrücke von König George IV aus dem Jahr 1821. Mitten im Ort liegt ein Friedhof aus dem 13. Jahrhundert. Drei Martellos – Wachtürme aus dem frühen 19. Jahrhundert zum Schutz vor Napoleons Truppen – sind noch erhalten. In einem Wäldchen etwas außerhalb soll außerdem die Figur Aideen aus der irischen Mythologie in einem 4.000 Jahre alten Steingrab ihre letzte Ruhe gefunden haben. Kurzum: Howth ist ein geschichtsträchtiger Ort.

Howth bei Niedrigwasser

Die Informationen, welche wir von den freundlichen Hafenmitarbeitern über den idyllischen Fischort Howth mit einigen Bars und Restaurants bekommen, klingen sehr vielversprechend und so unternehmen wir mehrere Wanderungen auf der Halbinsel. Einziger Makel: Die Einkaufsmöglichkeiten in Howth sind beschränkt.

Wir unternehmen mehrere Wanderungen auf der östlich von Dublin gelegenen Halbinsel Howth.

Die Hauptstadt – Dublin

Howth ist übrigens der perfekte Ausgangspunkt für Ausflüge nach Dublin. Die Zugfahrt dauert circa 30 Minuten und endet im Zentrum der irischen Hauptstadt. Sonne, Regen und Wolken wechseln sich bei unserem Besuch im Minutentakt ab. Das ist typisches Wetter in Irland und man sollte immer Regenbekleidung dabei haben – auch im Sommer.

Wir brechen im Zwiebellook und mit Regenschirmen bewaffnet zum Sightseeing auf. Über die 1819 errichtete Half Penny Bridge geht es über den Fluss Liffey zum Trinity College. Dort wird das 680 Seiten starke „Book of Kells“ aufbewahrt. Das 800 n. Chr. von Mönchen kalligrafisch aufwendig gestaltete Buch beinhaltet die vier Evangelien und ist ein wahrer Touristenmagnet.

Durch den Stephen’s Green Park und das gleichnamige Shopping Center spazieren wir ins Zentrum und durch das lebendige Viertel „Temple Bar” weiter zur 120 Meter hohen Säule „Spire“ – der „Zahnstocher“ wie das „Monument des Lichts“ von den Einheimischen genannt wird.

Dublin ist einen Besuch wert.

Vor der Weiterfahrt Richtung Norden stehen noch Wartungsarbeiten an Boot und Maschine auf dem Programm. Mit der Bahn fahren wir dazu in den Vorort Dún Laoghaire (gesprochen „Don Liri”). Dort gibt es nicht nur eine weitere Marina, sondern auch einen gut sortierten Nautikshop. Der Ausrüster in Howth hingegen ist auf die Berufsfischerei spezialisiert und bietet Seglern nicht alles, was das nautische Herz begehrt.

Neben Karten und Revierführern für die nächsten Etappen unserer Reise, rüsten wir uns in Dún Laoghaire auch gleich mit einer zusätzlichen extralangen Festmacherleine für die Fahrt durch den rund 100 Kilometer langen Kaledonischen Kanal aus, der Schottlands Ost- und Westküste verbindet.

Segeln wie im Flug

Der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm. In unserem Fall erwischt er die richtige Strömung. Diese kann im North Channel zwischen Irland und England zur Springzeit bis zu siebeneinhalb Knoten erreichen.

Wie eine diebische Elster raubt uns der Wecker daher bereits um fünf Uhr morgens den Schlaf. Dafür legen wir die mehr als 50 Seemeilen von Howth in das nordirische Städtchen Ardglass in einem Schlag zurück. Ardglass ist ein sehr ruhiges Pflaster mit eingeschränkten Versorgungsmöglichkeiten. Für uns ein willkommener Zwischenstopp auf dem Weg nach Nordirland.

Ardglass

Tipp: Am Golfplatz nahe der Marina befindet sich ein gutes Restaurant.

Und auch die Etappe nach Bangor vergeht fast wie im Flug. In Bangor finden wir eine zentral gelegene Marina mit guter Anbindung nach Belfast. Im Ort gibt es zahlreiche Bars, Restaurants sowie kleinere Supermärkte in unmittelbarer Nähe.

Ansteuerung auf Bangor

Belfast – der Geburtsort der Titanic

Wir nutzen die gute Infrastruktur und besuchen mit dem Zug Belfast. Mit über 277.000 Einwohnern ist Belfast die zweitgrößte Stadt der „grünen Insel“. Von 1969 bis 1998 machte sie als Schauplatz des Nordirlandkonflikts traurige Schlagzeilen. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken sind heutzutage – zumindest für Besucher – nur noch in politischen Wandmalereien präsent, die entweder als Reviermarkierungen oder Provokationen dienten. Die Geschichte der Industrie- und Arbeiterstadt ist aber um einige Facetten reicher. So ließ zum Beispiel die einst weltgrößte Werft „Harland“ mit rund 30.000 Beschäftigten die Titanic vom Stapel rollen. Davon erzählt eindrücklich das Museum „Titanic Experience“.

Titanic Quarter – Belfast

Zwischen Mythen und Märchen

Von Belfast geht es weiter nach Ballycastle. Die Marina ist klein, aber fein. Die Duschen sind die komfortabelsten der bisherigen Reise: Fußbodenheizung, auf Anhieb warmes Wasser und kostenlose Waschmaschinen. Ein Traum. Außerdem liegt das kleine Städtchen für die Weiterfahrt auf die Hebriden ideal. Im Ort gibt es Supermärkte sowie Bars und Restaurants – alles ist fußläufig erreichbar. Zudem ist Ballycastle ein idealer Ausgangspunkt für schöne und ausgedehnte Wanderungen entlang der Küste.

Der „Damm des Riesen“ – geformt vor circa 60 Millionen Jahren durch eine Vulkaneruption.

Und so fahren wir mit dem Bus zum Naturwelterbe „Giant`s Causeway”. Der sogenannte „Damm des Riesen“ besteht aus 40.000 mehreckigen Basaltsäulen und säumt diesen einzigartigen Abschnitt an der nordirischen Küste.

Der „Damm des Riesen“ besteht aus 40.000 mehreckigen Basaltsäulen.

Der Legende nach soll der Riese Fionn mac Cumhaill den Damm errichtet haben, um seinem schottischen Erzfeind Benandonner einen kampflustigen Besuch abzustatten. Dieser kommt ihm aber zuvor. Schnell verkleidet sich der Riese – vom Bau erschöpft – als Baby. Als der Schotte das „Kleinkind“ sieht, rennt er aus Angst vor dessen Vater zurück nach Hause und zerstört sicherheitshalber auch gleich den Damm.

Dass die dichten Wälder, von Nebel verhangenen Berge und vom Meer umkämpften Klippen Mythen und Legenden beflügeln, ist nicht verwunderlich. Auch nicht, dass die nordirische Küste Drehort verschiedenster Filme und Fantasyserien wie „Game of Thrones“ ist. Und ja, auf unsere Wanderung zurück nach Ballycastle bekommen wir hin und wieder das Gefühl, als könnten die Männer der „Eiseninseln” in der nächsten Bucht in See stechen.

Nordirland lässt sich entlang der steilen Küsten gut per pedes erkunden.

Leider halten meine Bergschuhe die rund 23 Kilometer lange Strecke zurück nach Ballycastle nicht durch. Nach und nach zerfallen sie in ihre Bestandteile. Am Ende gehe ich nur mehr auf meinen Socken. Doch ich habe Glück im Unglück und finde am nächsten Tag sofort Ersatz. So steht unserer Weitereise in Benandonners Heimat nichts mehr im Wege. Denn in Schottland wollen wir vor allem eins: Rauf auf die Berge. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Volker MönchJens Franke Recent comment authors
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Jens Franke
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Jens Franke

Da habt Ihr ja die weit weniger interessante Route genommen. Die Westküste Irlands hat zudem nicht so starke Tiden und ist inzwischen – dank intensiver Bemühung der Tourismusbehörde und den Kommunen – recht gut entwickelt, was sichere Häfen, Ankerplätze und Versorgung betrifft. Zudem ist die Natur atemberaubend. Nirgendwo in Nordeuropa gibt es soviele Wale, Delfine und Seevögel zu sehen wie (insbesondere an der Süd-)Westküste Irlands. Von den herrlichen Landschaften ganz zu schweigen… Also, falls Ihr mal wieder zur Grünen Insel kommt, nehmt die längere Route (von Nord nach Süd ist es ein bißchen schwierig wegen der vorherrschenden Winde aus Südwest)!

Volker Mönch
Guest
Volker Mönch

Danke für den schönen Bericht. Bin ganz neidisch, da dies unser Plan für 2018 war und leider aus technischen Gründen nicht klappte.