Ist eine Segelyacht ein geeignetes Fluchtmittel im Katastrophenfall?

Von Uwe Röttgering

Uwe Röttgering fing im Kindesalter an zu segeln. Bislang hat der studierte Jurist mehr als 135.000 Seemeilen zurückgelegt und so ziemlich jede Ecke der Welt besegelt. Dazu gehört auch eine Einhand-Weltumsegelung mit einer 40 Fuß Aluyacht rund Kap Hoorn (über 50.000 Seemeilen in 784 Tagen). Außerdem hat Uwe Röttgering an verschiedenen Offshore-Regatten erfolgreich teilgenommen.

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Gibt es eine grenzenlose Freiheit an Bord?

Eine Segelyacht kann vieles sein: ein Sportgerät, ein Ferienhaus, ein Transportmittel, ein Lifestyle-Accessoire oder auch ein Mittel zur Flucht. Zur Flucht? Ja, zur Flucht. So kam es beispielsweise in der DDR immer wieder vor, dass Segler Yachten zur sogenannten Republikflucht nutzten. Aus diesem Grund hat der Staat genau hingeschaut, wen er auf die offene See ließ. Wer sich mit älteren Seglern aus Ostdeutschland unterhält, hört immer wieder Geschichten, mit welchem Aufwand und oft auch mit welchen Schikanen die entsprechenden Genehmigungen, PM 18 und PM 19 genannt, verbunden waren.

Segeln als Exit-Strategie – hier auf einem T-Shirt

Nach Ende des Ost-West-Konfliktes schien das Thema „Segelyacht als Fluchtmittel“ beendet zu sein. Wovor sollte man auch fliehen, außer vor der Tristesse des Alltags? Die Welt schien frei, grenzenlos und auf absehbare Zeit befriedet. Dass sich die Erwartungen nicht erfüllt haben, weiß jeder, der die Weltpolitik aufmerksam verfolgt. Das westliche, demokratische Gesellschaftsmodell hat nicht den erwarteten Siegeszug angetreten. Es gibt weiterhin Terror und Krieg. Die europäische Einigung scheint weiter entfernt denn je. Selbst in traditionellen Demokratien sind Männer an die Macht gekommen, von denen man bis vor einigen Jahren nicht hätte glauben können, dass sie einen demokratischen Selektionsprozess bis an die Spitze eines Landes überstehen würden. Kurz: Die Welt hat an Stabilität in einem Ausmaß eingebüßt, wie es den meisten Bürgern noch vor einigen Jahren nicht in den Sinn gekommen wäre.

Vor diesem Hintergrund empfand ich es immer als ein beruhigendes Gefühl, an der Ostseeküste ein Segelboot liegen zu haben. Kaum ein Verkehrsmittel bietet so viel Autonomie und Freiheit vor dem Zugriff Dritter. Zumindest dann, wenn man das Land hinter sich gelassen hat. Gut vorbereitet und mit etwas Glück können wir Segler in Cuxhaven an Bord gehen und sechs Monate später in Neuseeland ankommen. Und dies aus eigener Kraft und ohne bis zum Einklarieren einen Behördenvertreter zu Gesicht bekommen zu haben. So etwas geht nur mit dem eigenen Boot.

Grenzenlose Freiheit: Hinterm Horizont geht’s weiter, bis Land in Sicht kommt.

Wenn in Deutschland politische Wirrköpfe an die Macht kommen oder es zu einer großen Rezession mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen und abgeriegelten Grenzen kommen würde, dann würde ich großzügig einkaufen, die Familie einschiffen, ablegen und dann irgendwo, wo es besser ist, wieder an Land gehen. So meine naive Idee. Dass ich mit meiner Naivität nicht allein bin, zeigt ein Blogeintrag des Langfahrtseglers und Buchautors Michael Wnuk. Er schreibt sinngemäß:

„Ich dachte IMMER: Ich mache alles richtig. Im Falle eines Falles, dass es zu einem großen GAU kommt auf unserer Welt, habe ich immer noch die MARLIN und kann unabhängig in einen Teil der Welt segeln, der unberührt durch die Katastrophe ist. Dafür ist die MARLIN ausgerüstet. Mit der […] Pandemie habe ich nicht gerechnet. Womit ich noch viel weniger gerechnet habe, ist, dass uns Menschen die Grundrechte der freien Bewegung von den Politikern entzogen werden.“

Kontrolle einer Yacht auf See

Ist die Yacht ein Rückzugsort bei einer Pandemie?

Die Realität der aktuellen Corona-Pandemie sieht so aus: Derzeit kann ich nicht einmal zum Boot fahren. Mecklenburg-Vorpommern hat die Grenzen für Berliner wie mich geschlossen. Das steht nicht nur auf dem Papier, sondern wird auch von der Polizei durchgesetzt. Das Boot für eine lange Reise zu verproviantieren, wäre zwar noch möglich, doch zeigen sich in den Regalen gerade bei lange haltbaren Lebensmitteln Lücken. Vom Schenkelklopferthema „Toilettenpapier“ gar nicht zu reden.

Kein Durchkommen! Die eigene Yacht kann kaum vorzeitig aus dem Winterlager geholt werden.

Angekommen im Hafen, muss das Boot erst ins Wasser gelassen werden. Wer die Yacht wie ich hinter 30 anderen Booten stehen hat, wird erahnen, dass hier die nächste Falle lauern kann. Angenommen, die genannten Hürden sind genommen, wäre die Frage zu beantworten, wohin die Reise gehen soll. Die Antwort fällt ernüchternd aus: nirgendwo hin!

In vielen Ländern ist das Aus- oder Einlaufen für Yachten verboten. Und: Wo wäre es derzeit besser als in Deutschland? Dass diese Antwort für viele Segler „nirgends“ heißt, belegt der Umstand, dass viele Langfahrtsegler nach Wegen suchen (müssen), um wieder in die Heimat zu kommen. Auch wer beispielsweise seine Yacht „fluchtbereit“ in einem Mittelmeerhafen liegen hat, steht vor den gleichen Problemen. Wie hinkommen? Wie auslaufen? Wohin segeln?

Wohin segeln, wenn Häfen gesperrt sind?

Zumindest im Fall einer Pandemie hat sich schon im Fall des Covid-19-Virus gezeigt, dass eine Segelyacht nicht einmal dazu taugt, sich vor der Krankheit selbst in Sicherheit zu bringen, da selbst das Bewohnen der Yacht vielfach nicht erlaubt ist.

Und eine Pandemie auf See aussitzen? Auf diese Idee kam BILD-Zeitung-Kolumnist Franz Josef Wagner kürzlich: […] Ich träume, ich hätte ein Segelboot. Ich wäre allein, ohne Menschen, die mich anstecken. Ich habe einen Wasserfilter an Bord, der Salzwasser in Süßwasser umwandelt. […] Kein Virus verfolgt mich. Ich lebe im Meer, ich fange Fische. […] Niemand kann mich anstecken, kein Husten, kein Ausspucken. Niemand infiziert mich im Supermarkt. […] Das verderbliche Land ist weit weg.[…].

„Ich lebe im Meer, ich fange Fische“

Ja, denkbar und möglich wäre es, sich auf einer Yacht etwa in den gemäßigten Breiten des hurrikanfreien Südatlantiks treiben zu lassen. Wochenlang. Monatelang. Vielleicht auch ein Jahr. Hartgesottene Einhandsegler mögen das durchhalten, für eine Durchschnittsfamilie erscheint das nicht machbar.

Wie sieht es mit anderen Fluchtszenarien aus?

Die Pandemie ist nur ein Szenario. Was passiert, wenn ein autoritäres Regime an die Macht kommt? Was, wenn ein Bürgerkrieg ausbricht? Ein internationaler Krieg? Ein Notstand als Folge des Zusammenbruchs der Stromversorgung?

Weder ein autoritäres Regime noch ein Krieg stehen von heute auf morgen für Deutschland vor der Tür. Im Fall eines politischen Umbruchs könnte ich mit meiner Yacht eher auswandern als flüchten. Entsprechend länger ist der Vorlauf, der zur Planung benötigt wird. Ein Krieg erscheint derzeit mehr als unwahrscheinlich. Dies vor allem in der Variante des Bürgerkrieges. Und abgesehen davon, dass Deutschland im Fall eines internationalen Krieges eher ein Land sein wird, in das man flieht, als ein Land, aus dem man flieht, dürften andere Länder die Grenzen im Fall eines Großkonflikts für Flüchtlinge aus Deutschland schnell dicht machen.

Früher selbstverständlich – der Umgang mit dem Sextanten

Im Kriegsfall nicht zu unterschätzen sind die Themen Navigation und Kommunikation. Es ist davon auszugehen, dass alle satellitengestützten Navigationssysteme für Zivilisten dann nicht mehr oder nur noch eingeschränkt verfügbar sein werden. Wer so eine Phase an einem karibischen Strand überstehen will, sollte also wissen, wie ein Sextant bedient wird. Das gleiche gilt vermutlich auch für die Kommunikation über Satellitentelefonnetze wie Iridium oder Inmarsat, da die Nutzung dieser Systeme dann vorrangig oder ausschließlich durch das Militär erfolgen wird.

Zudem wird der Staat im Kriegsfall die Bewegungsfreiheit seiner Bürger wahrscheinlich durch Notstandsgesetze massiv einschränken. Auch nur zum Boot zu kommen, dürfte vielerorts unmöglich werden. Wer Kanäle oder Schleusen passieren muss, um die offene See zu erreichen, muss damit rechnen, dass diese für Yachten dann nicht mehr passierbar sein werden.

Wer auf See autark sein will, muss die Systeme im Griff haben.

Das vielleicht realistischste Szenario, für das eine Yacht als Zufluchtsort im Katastrophenfall einen Sinn machen könnte, ist das eines langen und großflächigen Stromausfalls. Das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag hat sich im Jahr 2011 unter der Überschrift „Folgen eines langandauernden und großflächigen Stromausfalls“ mit dem Thema beschäftigt. Es bilanziert:

„Aufgrund der nahezu vollständigen Durchdringung der Lebens- und Arbeitswelt mit elektrisch betriebenen Geräten würden sich die Folgen eines langandauernden und großflächigen Stromausfalls zu einer Schadenslage von besonderer Qualität summieren. Betroffen wären alle kritischen Infrastrukturen und ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern.“

Naturgemäß sind die Folgen des Zerfalls staatlicher Ordnung in Ballungszentren am kritischsten. Entsprechend wird es mit der Zeit zu verstärkten Fluchtbewegungen in Gebieten mit noch funktionierender staatlicher Ordnung oder zumindest aufs Land geben. Wer dann ein Auto hat, dessen Tankfüllung noch bis zum Boot reicht und sich ausreichend verproviantiert hat, kann den Stromausfall auf seinem Boot aussitzen. Aber das geht auch mit einem Wohnmobil am Strand, einer Datsche in Brandenburg oder einer Almhütte in den Bergen.

Vorbereitung auf den Ernstfall? Eine Crew bunkert für den Törn.

Fazit

Im Einzelfall kann sich der Besitz einer Yacht als Rettung in der Not herausstellen. Verlassen sollten wir uns meiner Meinung nach nicht darauf. Dafür sind im Katastrophenfall zu viele Variablen im Spiel. Was bleiben wird, ist die unserer Generation vielfach abhandengekommene Erkenntnis, dass unsere Freiheit ein empfindliches Gut ist, das wir binnen Tagen oder Wochen verlieren können.

Umso mehr sollten wir jede Seemeile schätzen, die in unserem Kielwasser liegt – zumal eine gut ausgerüstete Blauwasseryacht trotz aller Einschränkungen immer noch mehr Autonomie und selbstbestimmtes Reisen ermöglicht als jedes andere Reisegefährt.