Kein Sonnenspray an Deck, bitte! Skurrile Erlebnisse eines Charterskippers

Ein Leben unter Palmen – doch nicht immer im Sonnenschein

Türkisfarbenes Wasser, warmer Passat, ein schneeweißer Katamaran vor Anker und an Bord gut gelaunte Gäste mit kalten Drinks. So stellten sich Johannes Erdmann und seine Frau Cati ihr neues Leben vor, als sie nach ihrer Atlantikrunde beschlossen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Stattdessen machten sie sich auf ihren Lieblingsinseln, den Bahamas, als Charterskipper selbstständig. Drei Jahre lang segelten sie mit ihrem Katamaran MAVERICK XL Gäste durch die Exumas – jeweils zehn Tage lang, Tour für Tour neu zusammengewürfelt.

Das Bild stimmte. Es war nur nicht die ganze Geschichte. Denn nur ein kleiner Teil des Jobs hat tatsächlich mit Segeln zu tun. Den Rest der Zeit dreht sich alles um die Menschen an Bord, auf engstem Raum und ohne Feierabend. Genau davon handelt dieses Buch.

Drei Jahre lang war der 13,5 Meter lange Katamaran MAVERICK XL Arbeitsplatz und Zuhause zugleich. ©Johannes Erdmann

»Wir hatten mal einen Gast, …«

So beginnt jedes der 33 Kapitel. Alle Gäste bleiben zwar anonym, doch die Geschichten stammen aus dem echten Bordleben.

Da ist beispielsweise der Mitsegler, der die Notausstiegsluke im Rumpf öffnet, weil so mehr Luft hereinkommt – knapp über der Wasserlinie … Oder der Gast, der seine Kabine so gründlich mit Mückenspray einnebelt, dass sich das Mittel durch den Klarlack der Mahagonidecke frisst … Die Sonnenanbeterin, die den Skipper bittet, das Segel doch bitte so zu drehen, dass sie vorn auf dem Trampolin in der Sonne liegt … Und natürlich der eine Gast, der das Bordklo so lange spült, bis gar nichts mehr geht – und während die anderen Gäste den Sternenhimmel bewundern, pult der Skipper auf der Badeplattform Maiskörner aus dem Kloschlauch …

Die schwimmenden Schweine vor Big Majors Spot bei Staniel Cay sind Pflichtprogramm jeder Tour durch die Exumas. ©Johannes Erdmann

Dazu kommen sonnencremegelbe Fußabdrücke an Deck, ein Kajakpaddel im Windgenerator, ein Heiratsantrag per Drohne und ein Biss von einem der berühmten schwimmenden Schweine. Und natürlich die Frage, die am ersten Abend garantiert kommt: „Gibt’s hier vor Anker eigentlich Internet?“

Charteralltag mit viel Selbstironie

Die Geschichten leben davon, dass Erdmann sich selbst nicht schont. Er gibt zu, dass er sich bei der Sicherheitseinweisung manchen Scherz nicht verkneifen kann. Als er beim Putzen sonnencremegelbe Fußabdrücke an Deck findet, ahnt er, dass sein eigener Tipp mit der Stelle zwischen den Zehen wohl etwas zu gut angekommen ist. Und nach einer langen Saison zieht er nüchtern Bilanz: Eigentlich eigne er sich eher dazu, Fracht zu transportieren.

Wie aus dem Bilderbuch: Hinter jeder Insel der Exumas wartet eine Bucht, die noch schöner ist als die letzte. ©Johannes Erdmann

Die gute Seele an Bord ist seine Frau Cati: Sie kocht, putzt, kümmert sich rührend um seekranke Gäste und behält fast immer die gute Laune. Leicht machen es ihr die Gäste nicht immer. Eine ältere Dame eröffnet das Gespräch mit „Eure Scheiben sind ja ganz schön schmutzig“ – und schaut ihr anschließend beim Gemüseschnippeln fürs Abendessen auf die Finger: „Du bist ja ganz schön langsam.“ Da fehlen selbst Cati die Worte.

Die Kehrseite des Traums

Zwischen den Anekdoten erzählt das Buch ehrlich, was der Job wirklich bedeutet. Die allererste bezahlte Tour fährt das Paar beispielsweise mit genau einem Gast. In der ersten Saison geht außerdem ein Kiel auf einem nicht kartierten Riff verloren – die nächste Tour mit den weit angeflogenen Gästen führt nicht in die Exumas, sondern direkt in die Werft.

Von November bis Mai gibt es keine freien Tage. Zwischen zwei Touren bleiben oft nur 20 bis 24 Stunden für Putzen, Einkaufen, Reparaturen und Flughafentransfers. Ein Gehalt zahlen sich die beiden nie aus. Wer selbst davon träumt, mit dem eigenen Boot Gäste durch die Karibik zu segeln, bekommt hier einen sehr realistischen Eindruck.

Glasklares Wasser und kilometerlange Sandbänke: Die Exumas gehören zu den schönsten Segelrevieren der Welt – und sind zugleich ein anspruchsvoller Arbeitsplatz. ©Susann Adam

Viel Wissenswertes über die Bahamas

Nebenbei lernen Leser eine Menge über das Revier: die oft ruppige erste Passage von Nassau hoch am Wind über flaches Wasser, die Thunderball-Grotte, die Iguanas auf Allens Cay und die Kriminalität in Nassau. Dazu die Frage, wie man zehn Tage lang vier bis fünf Gäste satt bekommt, wenn es unterwegs kaum einen Supermarkt gibt. Ein Rezept aus der Bordküche gibt es gleich mit dazu.

Im Epilog geht es zurück über den Atlantik, teils einhand bis Schottland und weiter nach Cuxhaven – kurz bevor Sohn Theo zur Welt kommt, ein echter „Island Boy“.

Viele großartige Gäste haben die Zeit an Bord zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht – andere eher zu einer Geschichte für dieses Buch. ©Johannes Erdmann

Über den Autor

Johannes Erdmann, Jahrgang 1985, lernte als Elfjähriger im Opti auf dem Wolfsburger Allersee segeln. Direkt nach dem Abitur überquerte er 2005 einhand den Atlantik mit der ersten MAVERICK, einer bei Ebay ersteigerten Fellowship 27, und schrieb während seines Schiffbaustudiums sein erstes Buch „Allein über den Atlantik“. Später war er Redakteur bei der YACHT, segelte mit Cati auf der MAVERICK TOO zwei Jahre rund um den Atlantik und betrieb anschließend drei Jahre lang ein Charterunternehmen auf den Bahamas. Nach fünf Atlantiküberquerungen, rund 60.000 Seemeilen im Kielwasser und sieben Jahren auf See gibt er seine Erfahrung heute als Chefredakteur von BLAUWASSER.DE weiter und begleitet mit Shorecrew.de angehende Eigner auf dem Weg zur eigenen Yacht. Mit seiner Familie ist er noch heute oft auf seinem Katamaran unterwegs – meist im Mittelmeer.

Johannes Erdmann hat sein Leben als Charterskipper mit viel Humor aufgeschrieben. ©Johannes Erdmann

Fazit: Ein Segelbuch zum Schmunzeln und Wiedererkennen

„Kein Sonnenspray an Deck, bitte!“ ist ein Buch zum Schmunzeln, Kopfschütteln und Wiedererkennen. Wer schon einmal mit Fremden auf engem Raum gesegelt ist, findet sich in vielen Geschichten wieder – auf der einen oder der anderen Seite. Wer vom eigenen Charterbetrieb unter Palmen träumt, bekommt zugleich einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen.

Die kurzen Kapitel eignen sich perfekt für die Koje oder die Ankerbucht – und als Geschenk für alle, die gern über das Segeln und über sich selbst lachen. Am Ende bleibt vor allem ein Satz aus dem Epilog hängen: Sie kamen als Fremde. Sie gingen als Freunde.

Abenteuer ist auf den Bahamas allgegenwärtig: Vor Normans Cay, einst Hauptquartier des Drogenbarons Carlos Lehder, ankert die MAVERICK XL direkt neben dem Wrack eines Schmugglerflugzeugs. ©Johannes Erdmann

Mehr über den Autor

Shorecrew.de

Shorecrew begleitet dich unabhängig und persönlich beim Bootskauf und in den ersten Jahren als Eigner – von der Idee bis zur Umsetzung. Mit Erfahrung aus mehr als 60.000 Seemeilen sorgt Johannes Erdmann dafür, dass dein Boot nicht nur zum Traum, sondern zu deinem Leben passt.

Weiterführende Bücher

Blauwassersegeln kompakt – Planung, Ausrüstung, Tipps

„Blauwassersegeln kompakt“ ist das Standardwerk für alle Fahrten- und Langfahrtsegler, geschrieben von den Weltumseglern Sönke und Judith Roever. Ein unverzichtbares Nachschlagewerk mit vielen Experten-Tipps!

Sieben Farben Blau

Einfach lossegeln, um die Welt zu erkunden. Claudia und Jonathan kündigen ihre Jobs und stechen in See. Eine geplante Auszeit entwickelt sich zu einem siebenjährigen Abenteuer. Ein inspirierendes Buch über eine außergewöhnliche Blauwasserreise von Berlin in die Südsee.

Warum wir immer Sauerkraut an Bord haben

33 persönliche Antworten auf häufig gestellte Fragen für angehende Blauwassersegler! In diesem praktischen Ratgeber teilen die Autoren auf unterhaltsame Art ihre Erfahrungen, die sie auf ihrer siebenjährigen Blauwasserreise über den Atlantik und Pazifik gesammelt haben.
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