Folgen des Klimawandels: So ändert sich das Segelwetter

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Sebastian ist Diplom-/Medien-Meteorologe, Buchautor und Wetter-Router bei der WetterWelt GmbH aus Kiel, die mit rund 20 Mitarbeitern weltweit Wassersportler und die Berufsschifffahrt berät. Sebastian hat schon unzählige Crews erfolgreich über alle Weltmeere geroutet unter anderem auch Boris Herrmann. Wenn er sich nicht mit dem Wetter beschäftigt, segelt er gerne auf der Kieler Förde.

Der Klimawandel führt zu Veränderungen der Eisflächen und des Jetstreams

Immer mehr Daten belegen, dass es global kontinuierlich wärmer wird. Dadurch verändert sich nicht nur das Klima insgesamt, sondern auch das alltägliche Wetter in allen Regionen der Erde. Davon sind die Ozeane sowie die beliebten Segelrouten und -reviere nicht ausgenommen.

Um die Hintergründe zu verstehen, müssen wir betrachten, was global passiert: Die dafür vorausgesetzte globale Erwärmung schlägt vor allem in den polaren Breiten stärker zu als beispielsweise in den Tropen. Dadurch sehen wir eine kontinuierliche Abnahme der Eisflächen. Je weniger Eis und Schnee sich dort befinden, desto geringer ist die Sonnenreflektion. Dunkle Flächen nehmen mehr Wärme auf, weshalb es sich dort zusätzlich erwärmt.

Wenn das Eis an den Polen schmilzt, hat das einen Effekt auf das weltweite Wetter. ©AlfazetChronicles/stock.adobe.com

Normalerweise brauchen wir kalte Pole und warme Tropenregionen. Denn diese starken Gegensätze treiben den sogenannten Jetstream an, ein Starkwindband bei circa 60 Grad nördlicher Breite, das im Normalfall von West nach Ost weht. Zwar nimmt dieses Windband auch immer mal wieder Wellenmuster an, womit warme Luft nach Norden und kalte nach Süden transportiert wird, doch lösen sich diese Wellen (Rossbywellen) regelmäßig wieder auf. Dann haben wir wieder eine West-Ost-Strömung.

Durch die Erwärmung der Pole sind diese Temperaturgegensätze schwächer. Somit ist auch der Jetstream nicht immer stark ausgeprägt und tendiert mehr in Richtung von Wellenmustern.

Der normale und der wellenförmige Jetstream im Vergleich. ©zombiu26/stock.adobe.com

Beim Klimawandel nehmen Blockingphasen zu und verändern das Wetter

Befindet sich eine Region unter einer Welle, die nach Norden tendiert, liegt sie in einem sogenannten Rücken, unter dem sich warme Luft ansammelt. Hier bildet sich ein Hochdruckgebiet, das oft lange stabil an einer Stelle bleibt. Dabei blockiert das Hoch Tiefdruckgebiete in ihrer Zugbahn. Die Tiefs müssen also nach Norden oder Süden ausweichen. Man nennt diese Blockaden entsprechend „Blockingphasen“. Seit fünf bis zehn Jahren treten sie immer häufiger auf.

Hochdruckgebiete, wie hier über Skandinavien, können die Zugbahnen von Tiefs blockieren. ©Sönke Roever

Die Blockingphasen wirken sich auch auf Regionen aus, die südlicher als 60 Grad nördlicher Breite liegen. Denn Tiefs, die dadurch nach Süden abgelenkt werden, reichen mit ihren Schlechtwetterzonen zum Teil südlicher als 30 Grad nördlicher Breite.

Je weiter die kalte Luft aus dem Norden nach Süden vordringt, desto intensiver fällt dort das Wetter aus. Es bildet sich eine instabile Schichtung in der Atmosphäre aus. Kalte Luft wird in der Höhe mit dem Tief dorthin transportiert, wo weiter unten am Erdboden warme Luft liegt. Diese warme Luft befindet sich dann unter der kalten Luft. Damit werden starke Quellwolken mit kräftigen Schauern und Gewittern sowie Stürmen ausgelöst. Häufig mit Unwetterpotential.

Das Unwetterpotential steigt mit dem Klimawandel. ©Sönke Roever

Auch hier kommt der Klimawandel ins Spiel: Jedes Grad mehr an Temperatur in der Atmosphäre kann sieben Prozent mehr Wasserdampf in der Luft aufnehmen. Wasserdampf ist dabei ein Energieträger. Wird diese Energie durch solche Wettermuster „rausgelassen“, gibt es massive Unwetter mit unter anderem Starkregen, Überflutungen oder Sturm.

Der Klimawandel verändert die Ozeanströmungen

Da die Ozeane eine riesige Menge an überschüssiger Wärme aus der Atmosphäre aufnehmen, gleichzeitig aber auch mit der Atmosphäre interagieren, nehmen sie Einfluss auf das Wetter. Daher sind auch hier Veränderungen zu erwarten: Wärmeres Wasser verdunstet stärker, wodurch mehr Wasserdampf und damit auch mehr Energie in die Atmosphäre gelangt.

Der Golfstrom (weiß) ist eine wichtige Meeresströmung für das Wetter in Nordeuropa. ©Windy.com

Neben den Temperaturunterschieden treiben auch Salzgehaltsunterschiede die Meeresströmungen an. Langfristig werden wir auch hier Veränderungen sehen. Durch das Schmelzwasser des kalten Grönländischen Eisschildes oder der Antarktis ist davon auszugehen, dass neben den Temperaturunterschieden auch die Zunahme an Süßwasser die Salzgehaltsunterschiede stört. Dies wirkt sich erheblich auf die Ozeanströmungen aus. Berechnungen zeigen beispielsweise schon eine Abschwächung des Nordatlantikstromes, was sich langfristig ebenfalls aufs Wetter auswirken wird.

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf die vorherrschenden Winde?

Bei all den Veränderungen stellt sich die Frage, inwieweit unsere Segelreviere und die Barfußrouten davon betroffen sind. In den Tropenregionen zeigen sich bislang noch keine Auswirkungen und auch die Barfußroute ist bislang noch wenig beeinflusst.

Allerding nehmen wir Meteorologen in den höheren Breiten erhebliche Änderungen wahr. Denn die Wind- und Wettermuster, wie man sie vielleicht noch aus Büchern oder Pilotcharts kennt, unterliegen immer größeren Schwankungen. Dennoch sind die Schwankungen noch nicht so groß, als dass die globale Zirkulation zusammenbricht.

Der Passatwind ist der Motor vieler Atlantiküberquerungen unter Segeln. ©Sönke Roever

Solange die Erde sich dreht, wird es Passat- und Westwinde in den gemäßigten Breiten geben. Es gibt jedoch zunehmend Störungen in den bekannten Windfeldern und damit auch im Wettergeschehen. Allein bei der Ozeanrallye Atlantic Rallye for Cruisers (ARC) erlebe ich nun schon seit Jahren einen häufig gestörten Passatwind. Das mag zwar Zufall sein, doch begleite ich im Wetterrouting auch abseits der ARC unzählige Yachten über den Atlantik und auch hier müssen wir beim Routing immer mehr nach geeigneten Wetterfenstern suchen.

Der Klimawandel bringt mehr Sturm im Mittelmeer und mehr Flaute an Nordsee und Ostsee

Die Störung des Passatwinds ist nur ein Beispiel für Veränderungen aus dem Klimawandel, die uns Segler betreffen. Auch in anderen Regionen sind die Folgen zu spüren. Beispielsweise sorgte eine sehr stabile Wetterlage (Blockingphase) über Mitteleuropa im Herbst 2022 dafür, dass über Wochen immer wieder Tiefs in die Biskaya eindrangen und dort hohen Seegang und Sturm mit sich brachten. Segler kamen mitunter wochenlang nicht aus Marinas heraus, um zu den Kanaren zu segeln.

Mehr Flaute auf der Ostsee. Auch ein Effekt des Wandels. ©Sönke Roever

Ein anderes Beispiel zeigte sich im Sommer und damit mitten in der Hauptzeit der Segelsaison. Legt sich ein solch blockierendes Hoch zum Beispiel im Juli oder August über die Nord- und Ostsee, fehlt hier über lange Zeit der Segelwind. Thermik ist dann auch kein Thema, da sie warmes Land und kaltes Wasser benötigt. Wenn das Wasser bereits über 20 Grad aufweist, ist das nicht mehr gegeben.

Die Jahre 2018 und 2022 waren von zu wenig Wind an Nordsee und Ostsee geprägt. Gleichzeitig sorgten die Tiefdrucklagen anderenorts für ein höheres Zerstörungspotential, wie beispielsweise auf Korsika 2022 oder Mallorca 2023. Hier zeigte sich, wie viel Energie global höhere Temperaturen mitbringen. Dazu zählen auch Tropenstürme. Sie sind ebenfalls Tiefdruckgebiete, die ihre Energie aus der Wärme der Luft und des Wassers ziehen. Der Hurrikan Ian hat 2022 gezeigt, was er in Florida anrichten konnte. Zwar nimmt die Anzahl der tropischen Wirbelstürme nicht zu, doch die Intensität der Systeme kann mittlerweile weitaus größer ausfallen.

Die Intensität von Hurrikans nimmt mit dem Klimawandel zu. ©Met/adobe.stock.com

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wettervorhersagen

So dramatisch die Folgen aus dem Klimawandel auch klingen mögen, bleibt nur eins: Wir Wetterrouter und Segler müssen mit diesen Veränderungen umgehen. Jedoch können wir dem Negativen auch etwas Positives abgewinnen: Die Wetterplanung eines Törns wird leichter. Wetterlagen werden durch die Wellenbildung in der Höhenströmung stabiler und damit zumindest in Teilen längerfristig einfacher vorherzusagen.

Problematisch kann jedoch sein, dass sich selbst die Wettermodelle nicht unbedingt auf die neuen Intensitäten eingestellt haben, wie sich am Beispiel der Unwetterlage auf Korsika im Jahr 2022 zeigte. Erst spät war klar, dass sich eine solche Lage einstellen würde. Die Stärke der Böen mit über 80 Knoten wurde von allen Vorhersage-Modellen unterschätzt. Mit einer Vorhersage von 50 bis 60 Knoten kam ein Modell der Realität am nächsten.

Ein regelmäßiger Check der Wettervorhersage mit verlässlichen Tools ist unabdingbar. ©Seaman Pro/WetterWelt

Grundsätzlich gilt es, Wetterdaten, auch bei stabilen Blockingphasen, regelmäßig – wenn möglich zwei Mal täglich – zu aktualisieren. Selbst wenn man im Hafen liegt, gilt es, sich immer mit dem Wetter auseinanderzusetzen und wenigstens einen Blick auf die Entwicklung der kommenden sieben Tage zu werfen. Bei der heutigen Qualität der Karten liegt der Aufwand bei täglich maximal drei bis vier Minuten.

Der Klimawandel führt zu einer größeren Unsicherheit bezüglich des Wetters

Die Planung einer längeren Reise sollte weiterhin so ablaufen wie bisher. Zunächst gilt es, sich mit der globalen Wind- und Strömungszirkulation vertraut zu machen, zu wissen, wie Winde entstehen und wo sie normalerweise wehen. Pilotcharts können dabei helfen. Auf die Windstatistiken sollte man sich dabei jedoch nicht zu sehr verlassen. Am Ende kommt es auf die Wetterlage vor Ort an, die diese Statistiken nicht zwingend zeigen.

Das ist auch einer der Gründe, warum Wetter-Webinare so gut besucht sind und warum Wetterrouter immer häufiger angefragt werden. Die Unsicherheit der Segelcrews bezogen auf das Wetter sind groß.

Unwetter mit heftigen Folgen nehmen mit dem Klimawandel leider zu (hier Hurrikan Sally). ©Alejandro/stock.adobe.com

Diese Unsicherheit wird noch größer, wenn sich das vorhergesagte Wetter vor Ort nicht wiederfindet. Beim Medicane (Mediterranean Hurricane) im Ionischen Meer 2020 fragten mich viele Segler, wo sie hinfahren müssen, um dem aufziehenden Sturm auszuweichen.

Nicht wenige Crews schickte ich nach Korfu, da sie dort sicher waren. Die Entwicklung dieses Sturms war schon recht früh erkennbar. Selbst in so veränderten Zeiten sind die Wettermodelle sehr verlässlich. Man muss sich nur damit beschäftigen. Ich sehe bei Seglern eine Entwicklung in diese Richtung. Ob Ventusky, Windy, WXcharts oder andere Wetter-Software: All diese Seiten zeigen das Wetter sehr nutzerfreundlich an, ohne dass ein Studium der Meteorologie notwendig wäre, um die Karten zu verstehen. Bei Detailfragen – besonders, da diese hochkomplexen Darstellungen auf dem offenen Ozean so nicht angezeigt werden können – sind Wetterrouter da.

Im Sommer 2023 hat ein ausgeprägtes Tief tagelang die Segler auf der Ostsee in Schach gehalten. ©Sliver/stock.adobe.com

Die Hurrikansaison bestimmt die Crossing-Saison

Aufgrund der Veränderungen der globalen Wettermuster wird die Törnplanung in Zukunft kurzfristiger. Wenn ich heute für den kommenden Sommer plane, weiß ich nicht, was mir droht. Habe ich Zeit, schiebe ich einfach um zwei oder drei Wochen. Bin ich auf meinen Zeitraum festgelegt, droht womöglich eine stabile Wetterlage, die extrem werden kann oder gar gefährlich wird. Die Entwicklung geht hin zu mehr Last-Minute-Urlauben. Crews schauen auf die kommenden 10 bis 14 Tage und buchen dann recht spontan.

Für lange Blauwassertörns hingegen, wie zum Beispiel die Passage über den Atlantik, bleibt es bei den klassischen Saisons. Im Herbst geht es in Richtung Karibik und im Frühjahr zurück nach Europa. Die Hurrikansaison beeinflusst weiterhin die Segelzeit.

Auf Atlantiküberquerungen hat der Klimawandel bis jetzt kaum Effekte. ©Sönke Roever

Der Klimawandel bringt stärkere Stürme im Herbst

Doch auch hier zeigte sich in den vergangenen Jahren, dass es „neue“ Einflüsse durch die Erderwärmung gibt. In den Jahren 2017 bis 2020 (2017 Hurricane Ophelia, 2018 Tropensturm Pablo, 2020 Tropensturm Theta) wurde deutlich, wozu zu warmes Wasser im Herbst führen kann. Kalte Luftmassen aus dem Norden trafen auf zu warmes Wasser auf dem Atlantik. Es bildeten sich Tiefs zu Tropenstürmen und Hurrikans in Regionen, in denen sie normalerweise gar nicht entstehen.

Nahe der Azoren, Madeira und der Kanaren zeigten sich Wirbel von enormer Stärke, die für die Jahreszeit und Region völlig untypisch sind. Sogar Portugal, Spanien und Irland hatten in diesen Jahren große Angst die volle Wucht dieser Stürme abzubekommen. Glücklicherweise trafen sie abgeschwächt oder auch gar nicht die Landmassen der besagten Länder. Allerdings ist das eine neue Qualität in der Wetterentwicklung in der Herbstphase.

Solche Stürme gehen zwar in die Statistik ein, fallen jedoch nicht auf, wenn sie nur an einem Tag in einem Jahr in einem der Quadranten der Pilotcharts auftauchen und dann weiterziehen.

So soll es sein: schönes Segeln zum Tagesausklang. ©BrianScantlebury/stock.adobe.com

Fazit

Das theoretische Wissen über die möglichen Geschehnisse rund um das Wetter ist wichtig, insbesondere, weil der Klimawandel das Wetter verändert. Heutzutage müssen dann die tatsächlichen Wetterdaten betrachtet werden, um alle Gefahren zu erkennen. Es ist ein absolutes Muss, sich regelmäßig mit dem Wetter zu befassen.

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Manfred Stoll
Manfred Stoll
6 Monaten her

Danke für den wirklich informativen Artikel.

Sailing Mistral
Sailing Mistral
6 Monaten her

Was in diesem Jahr auffällt, sind die kurz hintereinander folgenden Sturm-/Starkwindphasen besonders in diesem Herbst. Auch im gesamten Juli hatten wir im Englischen Kanal Starkwind bis Sturm bis zum abwinken. Kontinuierlich SW von 5 – 8 Bft. was ein vorankommen nach West unmöglich machte.
Welche Rolle spielt der El Nino Efekkt bei uns?
Danke Sebastian für den informativen Beitrag. Gruß von d. Unterelbe.

Klaus Willeken-Konermann
Klaus Willeken-Konermann
6 Monaten her

Danke an Sebastian, für die tollen Infos. In diesem Jahr habe ich eine Rundfahrt über DK-N, dann weiter nach Shetland und runter bis zu den Hebriden gemacht, am Schluß auf dem direkten Weg nach Helgoland zurück. Ich kann in meiner Wetterapp (Windy Premium) diverse Modelle auswählen und vergleichen. Länger als max. zwei Tage hat nichts gepasst. Wenn man auf sichere Ankerplätze angewiesen ist, ist das ein sehr überschaubarer Zeitraum. Ok, es ist der Atlantikeinfluß, der ein Tief nach dem anderen rüberschickte, doch etwas mehr Stabilität hatte ich mir schon erhofft. Gefühlt wird es immer schwieriger, mehr als einen Tag vorauszuschauen.

Last edited 6 Monaten her by Klaus Willeken-Konermann