Atlantiküberquerung – Die richtige Strategie

Ein Beitrag von

Jimmy Cornell ist Buchautor und einer der erfahrensten Segler weltweit mit über 200.000 Seemeilen im Kielwasser. Seine unzähligen Reisen führten ihn über alle Ozeane der Welt einschließlich dreier Weltumseglungen sowie Reisen in die Antarktis, nach Patagonien, Alaska, Grönland oder durch die Nordwest-Passage. Jimmy ist zudem Organisator zahlreicher populärer Blauwasser-Rallyes.

Die typische Route führt von den Kanaren in die Karibik

In den vergangenen Jahren habe ich neun Transatlantik-Rallyes organisiert. Diese starteten entweder von den kanarischen Inseln Lanzarote, Teneriffa und La Palma oder der Kapverdischen Insel Sao Vicente. Zielorte waren die karibischen Inseln Martinique, Grenada oder Barbados. Gestartet wurde wahlweise im November oder im Januar.

Ein netter Begleiteffekt der Organisation dieser neun Rallyes ist, dass ich nun einen guten Überblick habe, welche Wettersituationen in den Wintermonaten während einer Atlantiküberquerung zu erwarten sind.

Zwei Erkenntnisse sind mir besonders wichtig: Erstens hatte jede Überfahrt andere Wetterbedingungen. Diese reichten von stabilen Passatwinden über Schwachwind-Phasen bis hin zu größeren Flauten. Zweitens kann der Klimawandel nicht länger ignoriert werden. Die Tage, an denen man verlässlich mit konstanten Passatwinden eine solche Überfahrt planen konnte, gehören leider der Vergangenheit an.

Ideales Wetter für die Überfahrt. das Azorenhoch bringt Winde aus nordöstlicher Richtung. ©BLAUWASSER.DE

Aufgrund dieser Veränderungen habe ich mich entschlossen, meine Erkenntnisse an dieser Stelle mit anderen Seglern zu teilen und aufzuzeigen welche Möglichkeiten in der heutigen Zeit bestehen, den Atlantischen Ozean möglichst komfortabel zu überqueren.

Zunächst einmal scheint es keinen großen Unterschied zwischen einem Start im November oder Januar zu geben – die Entscheidung hängt hier wohl eher von persönlichen Gründen als vom Wetter ab.

Teilnehmer der Atlantic Odyssee in der Marina Lanzarote. ©Sönke Roever

Die richtige Strategie für die Atlantiküberquerung

Wer von den Kanaren startet, hat im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder segelt man von den Kanaren aus auf direktem Kurs in die Karibik oder aber man nimmt einen kleinen Umweg und folgt damit einer weit verbreiteten Strategie. Sie lautet: Die Kanaren mit einem Kurs in südwestlicher Richtung verlassen und so weit nach Süden segeln, dass die Kapverdischen Inseln in einem Abstand von rund 200-300 Seemeilen passiert werden. Anschließend geht es auf direktem Kurs in Richtung Karibik. Für gewöhnlich bringt dies stabilere und konstante Winde aus dem achterlichen Sektor mit sich.

Welche Taktik? BLAU = direkter Weg. GRÜN = Klassische Strategie. ©BLAUWASSER.DE/Navionics Webapp

Diese Strategie scheint nach wie vor die beste Option zu sein und weiterhin Gültigkeit zu besitzen. Mehr noch: Ich möchte diese Strategie sogar ausdrücklich empfehlen, da sie es erlaubt gegebenenfalls einen Stopp auf den Kapverden einzulegen – was nicht selten von Nöten ist.

Bei jeder Rallye gab es bisher Schiffe, die unerwartet einen Stopp auf der kapverdischen Insel Sao Vicente in der Marina von Mindelo eingelegt haben. Die Gründe dafür waren recht vielseitig. In den meisten Fällen handelte es sich jedoch um technische Probleme mit dem Autopilot, dem Motor, der Ruderanlage, dem Dieselgenerator oder den Segeln. Immer wieder gab es auch persönliche Probleme an Bord, wie Gesundheit oder Zwischenmenschliches. Und nicht zuletzt hatten einige Rallye-Teilnehmer den Dieselverbrauch zwischen den kanarischen Inseln und den kapverdischen Inseln deutlich unterschätzt. Sie legten einen Zwischenstopp ein um ihre Dieselvorräte aufzufüllen.

Blauwassersegler beim Dieselbunkern für die Überfahrt. ©Sönke Roever

Auf das Thema „Dieselvorrat“ möchte ich ganz bewusst alle Crews aufmerksam machen, die planen die Atlantiküberquerung nonstop zu segeln. Nicht selten kommt es vor, dass der Motor viel mehr benötigt wird, als erwartet, da heutzutage – wie bereits erwähnt – öfter als früher, Zonen mit schwachem Wind oder gar Flauten durchquert werden müssen. Es sollte in daher immer ausreichend Diesel an Bord mitgeführt werden.

Marina Mindelo. Strategisch gut gelegen mit Reparaturmöglichkeiten und Serviceeinrichtungen. ©Sönke Roever

Kommt es zu einem Stopover auf den Kapverden, ist die Marina in Mindelo ein hervorragender Ort dafür. Es gibt gute Reparaturmöglichkeiten und Serviceeinrichtungen. Außerdem gibt es von Mindelo Direktflüge nach Portugal (Lissabon) mit entsprechenden Anschlussverbindungen zu vielen europäischen Städten.

Zudem sind die Inseln ein wunderbares Segelrevier, das immer noch sehr unerschlossen ist und eine Vielzahl an Attraktionen bietet.

Die vorherrschenden Winde bei einer Atlantiküberquerung

Wichtig zu beachten ist, dass die vorherrschenden Winde zwischen den Kanaren und den Kapverden aus nordöstlicher Richtung wehen. Dies sind jedoch keine Passatwinde. Selbige wehen erst in südlicheren Gefilden. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass der erste Teil einer Atlantiküberquerung nicht zwingend von konstanten Winden hinsichtlich der Richtung geprägt ist.

Erst ab dem Erreichen der Kapverden, kann heutzutage für gewöhnlich mit konstanten Passatwinden gerechnet werden. Daher möchte ich noch einmal betonen, dass es aus strategischer Sicht ratsam ist, einen Kurs zu wählen, der dicht an den Kapverden vorbeiführt. Es gibt immer wieder Crews, die von den Kanaren aus den direkten Kurs zur Karibik wählen. Natürlich ist diese Variante 100 bis 200 Seemeilen kürzer, aber ich halte sie wie gesagt für bedenklich.

Jimmy Cornell beim Briefing der Rallye-Teilnehmer auf Lanzarote. ©Sönke Roever

Während die meisten Transatlantik-Rallyes in der Vergangenheit von den Kanaren direkt in die Karibik führten, setzen heutzutage immer mehr Veranstalter die Kapverden mit auf das Programm. All jenen, die einen längeren Aufenthalt auf den Kapverden planen, empfehle ich mehrere Inseln anzusteuern. Alle anderen Segler finden in Mindelo eine gute Möglichkeit noch einmal die verschiedenen Systeme an Bord zu überprüfen, die Vorräte aufzufüllen und sich zu erholen, bevor es – auf der dann vergleichsweise kürzeren Strecke von 2000 Seemeilen – über den Ozean nach Barbados geht.

Darüber hinaus bietet die Zubringer-Reise von den Kanaren zu den Kapverden eine gute Möglichkeit herauszufinden, was an Bord langfahrttechnisch funktioniert und was nicht. Wir hatten bisher auf jeder Rallye Schiffe, die einen ungeplanten Stopp auf den Kapverden eingelegt haben, um Reparaturen durchzuführen.

Ein mögliches Ziel: Das Ankerfeld mit Langfahrtyachten in der Carlisle Bay, Barbados. ©Sönke Roever

Auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans ist Barbados die erste Insel, die erreicht wird, wenn man Kurs auf die Karibik nimmt. Die Serviceeinrichtungen und Reparaturmöglichkeiten auf Barbados werden immer besser und der internationale Flughafen erlaubt regelmäßige Flüge nach Europa und Nordamerika sowie zu anderen karibischen Inseln. Barbados ist somit ein guter Ort für einen Crewwechsel oder für ein Treffen mit der Familie.

Und nicht zuletzt sei erwähnt, dass Barbados eine amerikanische Botschaft hat. Hier können unkompliziert Visa beantragt werden, wenn die USA auf dem Törnplan stehen.

Die wilde Westküste von Barbados. ©Sönke Roever

Tipp: In meinen Augen ist es nicht ratsam, Mitsegler oder Besucher, Flüge buchen zu lassen, die die Atlantiküberquerer unter Zeitdruck bezüglich der Ankunft in der Karibik setzen. Es sollte immer die Möglichkeit gegeben sein Schwierigkeiten auf See mit Zeit begegnen zu können. Daher rate ich grundsätzlich alle Flugtickets in einem Tarif zu buchen, der ein kostengünstiges Stornieren oder Umbuchen erlaubt.

Dauer der Atlantiküberquerung

Im Hinblick auf die Dauer der Überfahrt habe ich mir einmal die Mühe gemacht und Nonstop-Atlantikpassagen mit jenen verglichen, die einen Stopp auf den Kapverden beinhalten. Als Basis hierfür habe ich die verschiedenen Transatlantik-Rallyes genommen, die wir in den vergangenen Jahren organisiert haben.

Ohne Stopover

Die durchschnittliche Nonstop-Atlantikpassage mit einer Länge von 2.700 Seemeilen hat 22 Tage gedauert – 19 Tage die schnellste und 25 Tage die langsamste. Die durchschnittliche Geschwindigkeit lag bei 4,9 Knoten.

Auf dem Atlantik gibt es eine faszinierende Weite. ©️Sönke Roever

Mit Stopover

Die Atlantikpassage mit Stopp auf den Kapverden hatte die folgenden durchschnittlichen Zeiten:

Von den Kanaren zu den Kapverden nach Mindelo (830 Seemeilen) 7 Tage – 5 Tage die schnellste und 9 Tage die langsamste. Die durchschnittliche Geschwindigkeit lag bei 4,9 Knoten.

Von Mindelo nach Barbados (2.020 Seemeilen) im Durchschnitt 15 Tage – 11 Tage die schnellste und 17 Tage die langsamste. Die durchschnittliche Geschwindigkeit lag bei 5,3 Knoten (Ausnahme: Ein Schiff hat 23 Tage benötigt, um von den Kapverden nach Barbados zu gelangen, da es einen Maschinenschaden gab und die gesamte Distanz bei leichten Winden ausschließlich unter Segeln zurückgelegt wurde).

In der Regel haben Crews, die Mindelo angesteuert haben, dort drei Tage verbracht. Daraus ergibt sich eine Gesamtreisezeit von durchschnittlich 25 Tagen. Das sind drei Tage mehr als auf der Nonstop-Atlantiküberquerung. Die Differenz entspricht der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer auf den Kapverden.

Um meine Gedanken zu untermauern, folgen einige Tracking-Grafiken.

Tag 5. ©Cornell Sailing

Tag 5 nach dem Start von Teneriffa: Die meisten Crews gehen es sicher an und wählen einen Kurs, der dicht genug an den Kapverden vorbeiführt und somit einen spontanen Stopp in Mindelo erlaubt.

Tag 9. ©Cornell Sailing

Tag 9: Einige Schiffe haben in Mindelo angehalten und die Reise nach einer Pause fortgesetzt. Andere Schiffe sind auf einem direkten Kurs Richtung Barbados unterwegs und dabei teilweise so weit nördlich gesegelt, dass sie die Möglichkeit eines Stopps in Mindelo sowie die Aussicht auf stabilere nordöstliche Winde in südlicheren Breiten verpasst haben.

Tag 16. ©Cornell Sailing

Tag 16: die Schiffe nähern sich Barbados und jene Crews, die die nördliche Route gewählt haben, sind nicht zwingend schneller – zumal sie ihren Motor deutlich mehr benutzt haben als die anderen Schiffe.

Tag 20. ©Cornell Sailing

Tag 20: die schnellsten Schiffe sind angekommen oder nahe dem Ziel Barbados.

Tag 28. ©Cornell Sailing

Tag 28: mit Ausnahme eines Schiffes, haben alle Crews, die in Mindelo angehalten haben, Barbados erreicht.

Tag 18. ©Cornell Sailing

Tag 18 der Barbados 50 Odyssee im November 2016: Das Tracking zeigt deutlich, dass ein Stopp auf den Kapverden in der Regel eine Überfahrt in einem Feld mit stabilen Passatwinden garantiert. Bis auf drei Schiffe (überdurchschnittlich lange Aufenthalte in Mindelo oder Motorprobleme) sind 30 der 33 Crews auf Barbados angekommen.

Blauwassersegler inmitten der Weite des Ozeans. ©Sönke Roever

Fazit

Mit Bezug auf die vorstehend angeführten Punkte, glaube ich dass ein Stopp auf den Kapverden im Rahmen einer Atlantiküberquerung gerechtfertigt ist, unabhängig davon ob er durch externe Faktoren wie technische Probleme vorgegeben wird oder aber aus freien Stücken von der Crew eingeplant wird, um die Überfahrt in die Karibik in zwei kürzere und in der Folge meistens einfachere Abschnitte zu unterteilen. In jedem Fall aber würde ich nicht den direkten Weg wählen, sondern immer dicht an den Kapverden vorbei segeln und mir so alle Optionen offen lassen. Safety first!

Weiterführendes Wetterrouting

Eine ausführliche, weiterführende Beratung und Software zum Thema “Wetter auf einer Atlantiküberquerung” bis hin zu einem professionellen Wetterrouting kannst du hier bekommen:

WetterWelt

Die Kieler Segelwetter-Experten bieten Wassersportlern von der Wettersoftware über GRIB-Daten und Wetterseminare bis hin zu Törnberatungen von hoch qualifizierten Meteorologen alles zum Thema Wetter.

Bücher zum Thema

Eine sehr gute Planungsgrundlage für die Atlantiküberquerung mit einer  Yacht von den Kanaren in die Karibik bieten diese Bücher.

Atlantic Islands

„Atlantic Islands“ von Anne Hammik und Hilary Keatinge enthält alle wichtigen nautischen Informationen über Madeira, die Azoren, die Kanaren und die Kapverden. In der aktuellen Ausgabe sind auch die Bermudas für eine Atlantiküberquerung im Osten berücksichtigt.

Segelrouten der Welt

Jimmy Cornell ist einer der bedeutendsten Autoren der Blauwasserszene und sein Buch „Segelrouten der Welt“ hat einen festen Platz in den meisten Bordbibliotheken der Blauwassersegler. Diese Auflage berücksicht auch ausführlich den Klimawandel.

Cornells Atlas der Ozeane – Eine Alternative zu den klassischen Monatskarten

Der erfahrene Weltumsegler Jimmy Cornell hat eine komplett überarbeitete Neuauflage seines „Atlas der Ozeane“ herausgebracht. Eine sinnvolle Alternative zu den klassischen Monatskarten (Pilot Charts), die oft veraltet sind.

Weiterführende Beratung

Eine ausführliche, weiterführende Beratung zum Thema “Sicherheitsausrüstung für eine Ozeanüberquerung” kannst du bei einem der folgenden Anbieter bekommen:

Viking – Rettungsinseln

Viking Rettungsinseln sind weltweit auf Sportbooten, in der Berufsschifffahrt oder auf Arbeitsplattformen der Öl- und Windkraftindustrie im Einsatz.

Ocean Signal – EPIRB/PLB

Ocean Signal ist einer der führenden Entwickler und Hersteller von EPIRBs, SARTs, PLBs, GMDSS-Funkgeräten und AIS-Transpondern. Ocean Signal stellt Produkte für die Sport- und Berufsschifffahrt her.

CATCH and LIFT

Die MS SAFETY GmbH entwickelt und fertigt innovative Produkte zum Thema Sicherheit. Dazu gehört auch CATCH and LIFT – ein Mensch-über-Bord-Recovery-System, das in seiner Funktion einzigartig ist.

McMurdo – EPIRB/PLB

McMurdo zählt seit Jahrzehnten zu den fortschrittlichsten Anbietern von SAR (Search and Rescue) Lösungen wie EPIRBs, PLBs oder AIS MOBs und verfügt über ein weltweites Servicenetzwerk.

Crewsaver Rettungsinseln

Crewsaver, seit über 60 Jahren weltweit erfolgreicher Hersteller von Sicherheitstechnik für die Sportschifffahrt, stellt die neuen Rettungsinseln Mariner und ISO für den küstennahen Bereich vor.
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sabine
sabine
1 Monat her

und andersrum? also von west nach Ost?