Törnbericht Biskaya: Von den Azoren nach Brest – ein Segeltörn für Hartgesottene?

Von Matthias Demeter

Matthias Demeter ist von Beruf Lehrer und segelt seit vielen Jahren. An seiner Schule leitet er eine Segel AG. Als Charterer segelte er in Italien, der Türkei, Spanien und Thailand. Als er die Möglichkeit der Teilnahme einer Überführung von den Azoren nach Brest bekam, griff er begeistert zu.

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Dauergäste auf diesem Segeltörn: Delfine

Manchmal sieht man sie nur ganz kurz: Ein glatter, schwarzer Rücken hebt sich aus dem Wasser, dann zeigt sich die Flosse, kurz darauf verschwindet sie wieder im tiefblauen Meer. Ein anderes Mal begleiten uns mehrere Delfine eine Viertelstunde oder länger. Sie gleiten am Schiff vorbei, lassen sich zurückfallen, verschwinden in der Tiefe und tauchen wenig später wieder auf. Scheinbar mühelos können sie die neun Knoten Geschwindigkeit unserer X482 mithalten.

Delfine sind Dauergäste auf der Überfahrt.

Wir sind unterwegs von den Azoren nach Brest, um unsere Segelyacht JOSEPHINA, eine 15 Meter lange X-482, zu überführen. Wir – das sind wir vier: Tine ist Grundschullehrerin und segelt seit ihrer Jugend, sie hat lange Törns auf der THOR HEYERDAHL und der FRIDTJOF NANSEN mitgesegelt und arbeitet als Skipperin in Kiel. Tobi ist von Beruf Landschaftsgärtner und ebenfalls seit Jahren auf dem Wasser unterwegs, meistens in Holland. Mit Schiffsführer Joachim bin ich bereits im vergangenen Jahr zusammen von Estland aus hinüber in die finnischen Schären gesegelt. Drei Erfahrene und ich, der noch die eine oder andere Erfahrung sammeln muss.

Am Steg in Camret sur Mer: unsere Segelyacht JOSEPHINA, eine X-482.

Von Horta aus geht es immer Kurs Ost

Vor einigen Tagen sind wir in Horta gestartet, seitdem segeln wir immer Kurs Ost. Wir haben das Groß im zweiten Reff und die Fock auf ein Drittel eingerollt, trotzdem bringen uns die 33 Knoten Wind aus Südwest schnell und stetig voran: Die Etmale liegen um die 200 Seemeilen.

Unsere einzige Aufgabe: Wir müssen das Schiff auf Kurs halten

Unser Leben an Bord wird von den Wachen bestimmt, von zwei langen Wachen tagsüber (6 bis 12 Uhr und 12 bis 18 Uhr), die ich als weniger anstrengend empfinde, und von den Nachtwachen – dazu später. Rundherum eine sich ständig verändernde Kulisse: „Dass es so viele Grautöne gibt …“, denke ich. Die Wellenberge und -täler rollen heran und verschwinden unter unserem Kiel, und eigentlich besteht unsere einzige Aufgabe darin, das Schiff auf Kurs zu halten.

Schönes Segeln. Am Ruder wird stündlich gewechselt.

Wir wechseln stündlich am Ruder, doch die Krängung erfordert eine sehr ungewöhnliche Körperhaltung hinter dem Steuerrad. Wir müssen sie nach kurzer Zeit immer wieder korrigieren, sonst schläft das eine Bein ein oder die Schulter beginnt zu stechen. Und ist einer von uns mal einen Moment unaufmerksam, braucht er gar nicht auf den Kompass zu schauen – der Wind „klingt“ plötzlich anders in den Segeln und jeder weiß sofort: Dieser Kurs stimmt nicht!

Von Horta aus geht es immer nach Osten. Weiter und weiter …

Besser als gar kein Kaffee: Krümel-Kaffee

Wir gehen immer zu zweit Wache, daher kann sich die Person, die gerade nicht am Ruder steht, auch um andere Dinge kümmern: Sie kann Verpflegung organisieren oder die notwendigen Logbucheinträge erledigen. Und sie kann Krümel-Kaffee kochen, den eigentlich niemand so richtig mag, der aber, wenn die Filtertüte mit dem Kaffeepulver das zweite Mal durch die Kombüse geflogen ist, die einzige Alternative bleibt.

Besonders wichtig auf so einem Törn: aktuelle Wetterinformationen

Rückblick: Bei der Planung und Vorbereitung der Überführung stand immer wieder die Frage nach dem Wetter im Mittelpunkt. Anfang April ist das Azoren-Hoch noch nicht so stabil wie im Mai, daher ist es wichtig, das richtige Wetterfenster zu erwischen. Wir entschlossen uns daher, eine Beratung von Meeno Schraders Firma WetterWelt in Kiel in Anspruch zu nehmen.

Besonders wichtig: aktuelle Wetterinformationen!

Um tatsächlich jeden Tag aktuelle Informationen erhalten zu können, musste auch noch für die entsprechende Infrastruktur gesorgt werden. Wir entschieden uns für ein Panasonic Toughbook sowie für ein Iridium Satellitentelefon. Auf dem Rechner (mit 12-Volt-Netzteil) installierten wir die Seaman Pro-Software und das Programm Onsatmail. Um ein Backup für die Navigation zu haben, lief auf dem Toughbook noch die NV-Chart-App mit den Atlantikkarten 1 bis 3. Über das Iridium-Telefon schickten wir jeden Tag unsere Position an WetterWelt und bekamen per Mail die entsprechenden Informationen. Die ausgewerteten Wettermodelle waren stets aktuell und entsprachen fast auf die Stunde genau der Wetterentwicklung. Zusätzlich luden wir noch die täglich aktualisierten GRIB-Daten in den Seaman Pro (Kartendarstellung).

Ein durchziehendes Tief in der Biskaya macht einen Strich durch die Rechnung!

Die Biskaya ist bekannt für schweres Wetter

Unser ursprünglicher Plan lautete, nonstop von Horta nach Brest zu segeln, doch nun macht uns ein durchziehendes Tief in der Biskaya einen Strich durch die Rechnung. Das ist hier keine Seltenheit: Das Seerevier der Biskaya – vor der französischen Westküste und der spanischen Nordküste gelegen – ist berüchtigt und bekannt für seine schweren Verhältnisse, für seine Stürme und für hohe Wellen. Zum Glück werden wir rechtzeitig über die bevorstehende Wetteränderung informiert, unsere Wetterberater machen uns einen anderen Vorschlag: Wir sollen La Coruna in Spanien ansteuern.

La Coruna bleibt im Kielwasser achteraus.

So anstrengend wie schön: die Nachtfahrten

Es wird wieder Nacht, und in den Nächten dauert jede Wache vier Stunden lang. Besonders in diesen Wachen wird klar, was eine Windsteueranlage wert wäre, wenn sie denn vorhanden wäre – gerade bei kleiner Crew. Es gibt zwar einen Autopiloten an Bord, doch den können wir nur einsetzen, wenn die Maschine läuft.

Dennoch sind die Nachtwachen schön: Es gibt helle Nächte mit einem herrlichen Sternenhimmel und Nächte, in denen es so finster ist, dass schon der Bug des Bootes von einer schwarzen Wand verschluckt wird. Das ist vor allem dann beklemmend, wenn wir mit hoher Geschwindigkeit in so ein „schwarzes Loch“ hineindonnern. Dann ist die See voraus nicht zu sehen und die Wellen sind erst zu spüren, wenn sie gegen unseren Bug krachen. Auch seitlich kommt die Gischt nachts aus dem Nichts.

Geschafft! Nach einer Nachfahrt geht wieder die Sonne auf.

Im Plotter wimmelt es von AIS-Signalen

Inzwischen macht sich die lange Zeit auf See bemerkbar: Wir sind müde, die Körperpflege beschränkt sich auf eine morgendliche Katzenwäsche. Und die Gerichte, die in der Kombüse gekocht werden, sind nur noch einfachster Natur. Meist gibt es Nudeln, Reis oder Kartoffeln, dazu Gemüse, Cornedbeef oder Ei.

Ich habe das Gefühl, dass Hunger und die Lust zu kochen proportional zu Belastung und Müdigkeit abnehmen!

Mehr als vier Tage liegen hinter uns, als wir auf die Costa de la Muerte zusteuern und das Verkehrstrennungsgebiet Finisterre queren. Wir peilen den rechten Winkel zur Querung an und versuchen, die 23 Seemeilen möglichst schnell hinter uns zu bringen. Im Plotter wimmelt es von AIS-Signalen und zu allem Überfluss wird der Nebel immer dichter. Es wirkt gespenstisch, dass da so viele große Pötte unterwegs sein sollen – wir aber keinen zu Gesicht bekommen. Als die Nacht hereinbricht, steuern wir die spanische Küste hoch Richtung La Coruña, die Hundewache (2 bis 6 Uhr) sieht schon die Leuchtfeuer. Um 9 Uhr machen wir nach fünfeinhalb Tagen und knapp 1.000 Meilen im Hafen von La Coruña fest.

Der Herkulesturm in La Coruna

La Coruña – Galiziens schöne Hafenstadt

La Coruña – die schöne Hafenstadt Galiciens, die mit dem Herkulesturm aus dem 2. Jahrhundert auftrumpft, dem ältesten noch intakten und in Betrieb stehenden Leuchtturm der Welt. Es ist Sonntagabend, in der Altstadt von La Coruña wird die Fastenwoche vor Ostern eröffnet. So erleben wir, wie tonnenschwere Heiligenfiguren auf vielen Schultern durch die engen Gässchen der Altstadt geschleppt werden und Kinder Heiligenbildchen verteilen. Vielleicht kann etwas Heiligenschutz auf dem Weg über die Biskaya ja nicht schaden?

Über die Biskaya – das berühmt-berüchtigte Seegebiet

La Coruña – Brest. Der Wind weht stetig, es gibt kaum Welle. In der Rückschau in Brest werde ich denken, dass dieses der schönste Tag auf unserem Törn gewesen ist – mit einem hellen und klaren Nachmittag und einer sternenklaren Nacht. Doch für den zweiten Tag unserer Biskaya-Überquerung hatte der Wetterbericht einen zunehmenden Wind auf um die 30 Knoten vorhergesagt. Keine Böen.

Das Wetter auf der Biskaya ist leider rau …

Nun nimmt der Wind zu. Uns treiben 33, 34 Knoten voran, in Böen 42 Knoten. Wir nehmen die Fock ganz weg und laufen nur mit Groß im zweiten Reff weiter. Aber gegen 17:00 Uhr schlafen Wind und Welle wieder ein. So steuern wir ganz entspannt auf die französische Küste zu und legen am Abend in dem kleinen Fischerort Camaret-sur-Mer an. Die alte Kapelle über dem Hafen lässt nur erahnen, wie viele Gebete hier für eine gute Heimfahrt gesprochen wurden.

Das Segeln hat uns zur Crew zusammengeschweißt

Von hier aus sind es nur noch ein paar Seemeilen bis nach Brest. Dann wird Skipper Joachim die JOSEPHINA mit neuer Crew nach Kiel weitersegeln. Und ich werde zurückschauen auf einen Törn mit viel Wind, reichlich Welle und mit vielen Delfinen. Und auf Tage, in denen das Segeln eigentlich fremde Menschen zu einer tollen Crew zusammengeschweißt hat.

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