Segeln in Holland – mit dem Plattbodenschiff im Wattenmeer trockenfallen

Von Michael Amme

Michael ist seit über 20 Jahren als Journalist und Fotograf auf dem Wasser tätig. Der studierte Geograf hat weltweit Reisereportagen in mehr als 100 Charter- und Blauwasserrevieren produziert. Zudem haben den Hamburger viele Segelreisen und seine frühere Tätigkeit als Charter- und Überführungsskipper rund um den Globus geführt. Zusammen mit Sönke Roever ist er die treibende Kraft von BLAUWASSER.DE und ein beliebter Referent auf Bootsmessen und diversen Seminaren (siehe Termine).

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Titelfoto: ©Michael Amme

Wer von der Kielyacht auf ein Plattbodenschiff umsteigt, erlebt eine neue Welt

KRULLEBOL ist ein knuffiges Schiff. Seine Segel sind rotbraun, der Mast ist aus Holz und das Fall an einer Gaffel angeschlagen. An seinen Bordwänden hängen riesige Holzschwerter, eine Reling gibt es nicht und der Niedergang wird durch eine Holztür mit eingefassten Fenstern und poliertem Messinggriff geschlossen. „Die ist aber süß“, sagt Teenager Nora und springt auf das stählerne Deck.

Moderne Plattbodenschiffe werden immer noch nach ihren alten Vorbildern gebaut. ©Michael Amme

Eine Woche Segelferien in Holland liegen voraus, doch dieses Mal ist vieles anders: die Crew, das Schiff, die Route. Ich bin unterwegs mit zwei Mädchen, Tochter Nora und deren Freundin Johanna. Und das Schiff ist eine Exotin, eine Vollenhovense Bol 8.10, ein modernes Plattbodenschiff, das in Holland gebaut und verchartert wird.

Auf Plattbodenschiffen ist die gute alte Decksarbeit wieder gefragt. ©Michael Amme

Ein Grund für das Chartern eines Plattenbodenschiffes kann die Liebe zur Tradition sein, auch der Charme und die Gemütlichkeit dieser Boote sind ansteckend. Aus seemännischer Sicht drängt sich noch ein anderer auf: Ein Boot ohne Kiel kann problemlos trockenfallen. Vorausgesetzt, es gibt ausreichend Tidenhub. Damit steht die nächste Besonderheit der Reise fest: Wir wollen ins holländische Wattenmeer, mit dem Boot trockenfallen und von Deck aus zur Wattwanderung starten. Weite Horizonte sehen, Muscheln suchen, Wattwürmer ausgraben, vielleicht sogar Seehunde erspähen. So die Theorie. In der Praxis wird es ein Törn mit Tücken, aber dazu später.

Eine Rundreise mit Top-Zielen: IJsselmeer, Friesische Seen, Wattenmeerinseln

Auf der Reise liegen neben dem Wattenmeer noch zwei weitere holländische Topreviere: das IJsselmeer und die Friesische Seenplatte. Das liegt auch daran, weil alle Charterstützpunkte im Binnenland liegen und nicht an der Nordseeküste. Viele davon in Friesland, eine Region mit stolzem Seefahrervolk, eigener Flagge und Sprache. Sogar eine eigene Sportart haben die Friesen, das Fierljeppen, den Stabweitsprung über Wassergräben.

Rund um Friesland gibt es sehr viele geschützte und schiffbare Gewässer. ©Michael Amme

Wer hier segelt, kann durch unzählige Kanäle und Grachten von einem See zum anderen schippern, vorbei an Wiesen, Äckern und Windmühlen. Es gibt Dutzende Yachthäfen und Anlegestellen, liebliche Ortschaften und ungezählte Klapp-, Dreh- und Hebebrücken. Ein geschütztes Revier mit idyllischer Umgebung, perfekt für einen entspannten Familienurlaub oder erste Versuche unter eigenem Kommando.

Brücken und Schleusen machen in Holland den Weg frei für die Sportschifffahrt. ©Michael Amme

Pusten aber, wie heute zu Törnbeginn, gute fünf Windstärken aus West über das Heeger Meer, ist das auch hier keine Kleinigkeit. Unser kleines Plattbodenschiff stampft sich fest, der Diesel röhrt, Gischt spritzt bis ins Cockpit. Erst nach dem Abbiegen in den Kanal Yntemasleat beschleunigt das acht Meter lange Boot wieder auf Marschfahrtgeschwindigkeit, geschätzte fünf Knoten. Geschätzt deshalb, weil es weder eine Logge noch ein GPS gibt, auch einen Tiefenmesser nicht. Die einzigen Navigationshilfen dieser Reise sind ein Kompass und die nächste Landmarke – wieder so eine Besonderheit.

Törnziel Nummer eins: Makkum am IJsselmeer

Auf dem Weg nach Makkum meiden wir das wellige IJsselmeer und wählen den Workumer Trekvaart. In dem schmalen Kanal passieren wir die gepflegten Gärten hübscher Reetdachhäuser, grüne Ufer, muhende Kühe und die kleinen Anlegestellen im 500-Seelen-Nest Parrega. Später, auf der Rückfahrt, werden wir auch die mittelalterliche Seehandelsstadt Workum kennenlernen, ein bezauberndes Städtchen mit Traditionswerft, lebendigem Marktplatz, historischen Giebelhäusern und dem Restaurant Sluiszicht. Hier werden wir am Mittag vor der Abgabe des Schiffes direkt an der Terrasse festmachen und in der warmen Mittagssonne gebackene Champignons auf Toast mit Kräuterbutter genießen.

Besser geht’s nicht: mit dem Boot direkt am Restaurantsteg festmachen. ©Michael Amme

Im Gegensatz zur Friesischen Seenplatte lernen wir das IJsselmeer nur in einer homöopathischen Dosis kennen, insgesamt werden wir auf diesem flachen und komplett tidefreien Binnengewässer keine zehn Seemeilen segeln. Platz und attraktive Ziele gäbe es hier reichlich, die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 30 Seemeilen, und entlang der Ufer finden sich zahlreiche hübsche Hafenorte: Enkhuizen, Medemblik, Lemmer und Makkum zum Beispiel, alles traditionsreiche Fischerei-, Handels- und Seefahrerorte, die vor der Fertigstellung des gigantischen Abschlussdeiches 1932 vom Tidestrom umspült waren.

Auch das alte Makkum lag früher direkt an der tideumströmten Zuiderzee. ©Michael Amme

Am Abend erreichen wir Makkum, in den Kanälen des Ortskerns gibt es erste Liegeplätze, zwei Brücken öffnen, dann fahren wir in eine Schleuse ein. „Papa, hier baumelt ein Holzschuh“, ruft Nora vom Vorschiff, nachdem sich die Schleusentür geschlossen hat, „was soll das?“ Die Erklärung ist einfach: Beim Ausschleusen aus den Binnengewässern wird Brücken- und Schleusengeld fällig, und das angelt der Schleusenwärter mit Hilfe eines an einem Bootshaken hängenden Clogs.

Ganz traditionell wird das Brückengeld noch mit dem Holzschuh eingesammelt. ©Sönke Roever

Das Zentrum von Makkum besteht aus kleinen ein- und zweigeschossigen Giebelhäusern mit Backsteinfassaden, hohen Fenstern und verzierten Eingangstüren. Wir schlendern über Kopfsteinpflastergassen, stöbern in einem Antiquitätenladen, essen Softeis und gehen duschen. „Es ist total hübsch hier“, findet Johanna, „ist es am IJsselmeer überall so schön?“ Vermutlich ja, doch um das herauszufinden, bräuchte es eine zusätzliche Urlaubswoche.

Der alte Ortskern von Makkum ist nur klein, aber trotzdem sehr hübsch. ©Michael Amme

Die Kornwerderzand-Schleuse ist das Tor zum Wattenmeer

Denn das Ziel dieser Reise ist das Wattenmeer und der Traum vom Trockenfallen. Im schummrigen Licht des holzvertäfelten Salons liegen jetzt der Strom- und Wasserstandskalender HP 33, der Törnführer Nordseeküste, Seekarten, Zettel und Stift bereit. „Hinter der winzigen Insel Richel dicht neben Vlieland ist ein idealer Platz zum Trockenfallen“, hatte uns der Stützpunktleiter bei der Einweisung mit auf den Weg gegeben.

Wer ins Wattenmeer möchte, muss seine Kenntnisse in Tidennavigation auffrischen. ©Michael Amme

Das Durcheinander aus Hoch- und Niedrigwasserzeiten, Strömungsrichtungen, Wasserständen, Kartentiefen und Distanzen bringt auch nach einer Stunde Rechnerei kein Ergebnis, „mit dem Trockenfallen wird das morgen nichts, wir können froh sein, wenn wir es überhaupt bis nach Vlieland schaffen“, erkläre ich den beiden Teenagern. Die aber interessieren sich statt für die Törnplanung nur für freie WLAN-Netze, gemeinsam liegen sie in der zum Salon hin offenen Vorschiffskoje und zeigen sich kichernd irgendwelche Youtube-Videos.

Plattbodenschiffe sind knuffig, gemütlich und für ihre Größe geräumig. ©Michael Amme

Das Tor zur Nordsee nennt sich Kornwerderzand, ein großer Komplex aus Vorhäfen, Spülschleusen, Drehbrücken, Schleusenkammern und Museum. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Freizeitschiffe steuern wir die riesige Lorentzschleuse an, auf einen Schlag wird aus einer tidefreien Süßwasserzone ein strömungsreiches Salzwasserrevier. Hier, im Fahrwasser Boontjes, setzen wir zum ersten Mal auf der Reise die Segel.

Die Schleuse von Kornwerderzand ist rund um die Uhr in Betrieb. ©Michael Amme

Talje, Schwert, Gaffel & Co machen das Segeln wieder zum Handwerk

Für Segler von modernen Kielyachten, die sich mit Rollsegeln oder Lattengroß auskennen, ist das Segelsetzen kein selbstverständliches Unterfangen. Auf unserem Plattbodenschiff wird das Großsegel mit Hilfe einer Gaffel gesetzt, die mit einem Piek- und einem Klaufall in die richtige Position gehievt wird. Die Fock wird mit Stagreitern am Vorstag angeschlagen, dann muss das Fall per Hand durchgeholt und an einem Nagelbrett neben dem Großmast belegt werden. Zum Schluss wird, je nach Kurs, mit Hilfe der Schwerttalje das wuchtige Seitenschwert in die richtige Position gebracht.

Alles Handarbeit: Das Gaffelsegel wird mit Piek- und Klaufall gesetzt. ©Michael Amme

Zum Glück gibt es im Wattenmeer keine WLAN-Netze und die Mädchen ziehen, zerren und albern solange auf dem Vorschiff herum, bis die Segel stehen und unser moderner Oldtimer vor dem Wind Fahrt aufnimmt. Mit seinen 75 Zentimetern Tiefgang zieht das Schiff Richtung Zuidoostrak, ein flacher Prickenweg, der bei Niedrigwasser stellenweise trockenfällt. Der Strom zieht, die Sonne wärmt, grüßend ziehen zwei Plattbodenschiffe vorbei, Kielyachten treffen wir auf dieser Route keine.

Alle Fallen werden nur per Hand durchgeholt und dann am Nagelbrett belegt. ©Michael Amme

Am Rande des anschließenden Fahrwassers Inschot werfen wir den Anker in die silbergrau schimmernde See. Ein Muss, damit später bei der Ansteuerung von Vlieland kein Starkstrom das kleine Schiff ausbremst. Wir dösen, lesen und warten, Nora und Johanna planschen mit einem Gummiboot im Wasser und am Nachmittag gibt es auf den hölzernen Bänken der Plicht Kaffee und Kuchen. Pünktlich zum Sonnenuntergang und zusammen mit dem richtigen Strom erreichen wir den idyllisch hinter Dünen gelegenen modernen Inselhafen.

Beim Badespaß in Tidengewässern ist erhöhte Vorsicht geboten. ©Michael Amme

Die Nordseeinsel Vlieland trumpft mit Dorfleben, Dünen und Strand

Vlieland ist ein Juwel. Die gesamte Nordseeseite ziert eine unbebaute und 20 Kilometer lange Strand- und Dünenlandschaft, eine unwiderstehliche Einladung für ausgedehnte Spaziergänge in endloser Weite. Auf der Wattenmeerseite liegen der Yachthafen, der Fähranleger und der Inselort Oost-Vlieland. Früher gab es noch West-Vlieland, doch das ist im Meer versunken. Mit dem Mietfahrrad radeln wir durch die autofreie Dorpsstraat, zum Leuchtturm auf der Vuurboets-Düne und durch einsame Kiefernwälder. „Hier würde ich mit meinen Eltern gerne mal Urlaub machen“, sagt Johanna.

Der Nordseestrand der Insel Vlieland kann schöner nicht sein. ©Michael Amme

Für das Abenteuer Trockenfallen muss wieder gerechnet werden. Über das richtige Vorgehen hatten wir am Nachmittag mit dem Kapitän eines großen Plattbodenschiffs gefachsimpelt. „Einfach drei Stunden vor Niedrigwasser auf den Sand fahren, dann sollte auf jeden Fall noch genug Wasser ablaufen“, hatte der Berufsskipper die Taktik erklärt. Blöd nur, wenn, wie in dieser Woche, nur morgens oder abends Niedrigwasser ist.

„Sieht aus wie ein Anfängerfehler bei der Planung“, sage ich mehr zu mir selbst. Ratlosigkeit macht sich breit, denn abends im Dunkeln möchte niemand zum Wattwandern gehen. Bleibt der Morgen, doch damit das Manöver klappt, müssen wir schon um fünf Uhr früh die Leinen loswerfen. „Klar sind wir mit dabei und stehen auf“, versichern die Mädchen am Vorabend.

Der Hafen von Vlieland ist ein guter Ausgangspunkt zum Trockenfallen. ©Michael Amme

Zum Trockenfallen braucht es den Mut, ein Schiff auf Grund zu setzten

Im Licht der Hafenlaternen tasten wir uns am Morgen aus dem Hafen, frischer Westwind mit fünf Beaufort weht durch die Dunkelheit. Die beleuchtete rote Fahrwassertonne VS 14 ist eine gute Orientierungshilfe, dann wird es gruselig. Voraus liegt eine schmale Fahrwasserrinne mit unbeleuchteten Tonnen, links und rechts davon sind Flachstellen, die bei Niedrigwasser bis zu eineinhalb Meter trockenfallen. Etwas ziellos irren wir in der tiefen Rinne umher, „warum zum Teufel machen wir das hier?“, fluche ich.

Ideal zum Trockenfallen ist ein Niedrigwasser zur Tagesmitte

Dann, mit dem allerersten Licht der Morgendämmerung, nehmen wir Kurs auf Grund, als Tiefenmesser dient der Peilstock. Wäre es nicht besser, wenn sich das Schiff vor dem Auflaufen in den Wind dreht? Wir wissen es nicht, glauben aber ja und schmeißen kurz vor der Grundberührung den Anker. Das Manöver klappt, der Motor geht aus, der Ankerball hoch und der Teekessel an.

Das Ziel ist fast erreicht: Wattwandern vom Boot aus. ©Michael Amme

Die Mädchen verkriechen sich wieder in ihre warmen Schlafsäcke, über Deck fegen graue Wolkentürme hinweg und am Rumpf plätschert das ablaufende Wasser. Eine halbe Stunde später ruckelt es im Schiff, der Boden setzt auf, dann sitzen wir fest. Jetzt sind es nur noch knapp zwei Stunden bis Niedrigwasser. Wird das reichen? Der Wasserstand sinkt immer langsamer, dann steht es fest: Um uns herum bleibt das Wasser knöcheltief stehen. „Warum bist du vorhin nicht einfach weiter gefahren bis zum Aufsetzen?“, fragt Nora enttäuscht. Das wäre tatsächlich besser gewesen, auch, weil gerade Nipptide ist und der Tidenfall geringer ausfällt.

Bei dem halbherzigen Manöver bleibt das Wasser noch knöcheltief stehen. ©Michael Amme

Mit nackten Füße auf geriffeltem Sandboden

Trotzdem klappen wir die beiden Messingstufen am Ruderblatt aus und klettern in kurzen Hosen über Bord. Kaltes Nordseewasser umspült unsere Füße, doch 100 Meter weiter stehen wir auf trockenem, harten Sand. Wir spazieren über eine unendlich weite und geriffelte Sandfläche, unter unseren Füßen knirschen die Muscheln und auf der anderen Seite eines Priels können wir in der Entfernung ein paar Seehunde dösen sehen. „Ich finde, das frühe Aufstehen hat sich voll gelohnt“, sagt Johanna.

Am Ruderblatt von Plattbodenschiffen sind Klappstufen befestigt. ©Michael Amme

Nächstes Ziel: Terschelling. Am schwarzen Brett des Hafenbüros von Vlieland hatten wir durch Zufall einen Aushang entdeckt, der die Versetzung des Fahrwassers Schuitengat bekanntgab. „Es ist ein sehr veränderliches Fahrwasser“, schreibt Jan Werner in seinem Revierführer, „auf dem Weg von Vlieland nach Terschelling ist es aber die kürzeste und logische Passage.“

Im Fahrwasser Schuitengat immer den Tonnen nach. ©Michael Amme

West-Terschelling ist ein lebendiger Inselhafen mit Charme

Mit einem Grinsen im Gesicht erreichen wir Terschelling, am Strand neben der Hafeneinfahrt rasen die Kitesurfer über die Wellen, und an einer Fischbude am Fährhafen gibt es Kibbeling mit Remoulade und Pommes. Mitten im Zentrum des Ortes, am Ende der Einkaufspassage, treffen wir auf den ältesten Leuchtturm der Niederlande, ein wuchtiges und 54 Meter hohes Bauwerk von 1594.

Für den schnellen Hunger überall in Holland zu haben: Kibbeling & Co. ©Michael Amme

Auch auf dieser Nordseeinsel könnte man Tage verbringen, um mit dem Fahrrad durch unendliche Gras- und Dünenlandschaften zu radeln oder am Nordseestrand in den Wellen zu baden. Doch wir müssen weiter, „schade, dass nächste Woche schon wieder die Schule beginnt“, findet Johanna.

West-Terschelling mit seinem riesigen Leuchtturm ist ein Topziel im Wattenmeer. ©Michael Amme

Im Wattenmeer bestimmt die Tide den Tagesrhythmus. Um am vorletzten Tag Harlingen erreichen zu können, braucht es im Schuitengat und im West Meep noch ablaufendes, im mächtigen und tiefen Priel Blauwe Slenk dagegen auflaufendes Wasser. Errechnete Abfahrtszeit: 10.30 Uhr. Mit raumem Wind preschen wir durch den Slenk, neben uns segeln zwei neue 35 Fuß-Kielyachten. Die Boote sind größer und moderner als unser Plattbodenschiff, doch überholen können sie uns nicht. Eigentlich unfassbar, doch der Stützpunktleiter wird uns später erklären: „Ab halbem Wind sind rechteckige Gaffelsegel den Dreieckssegeln moderner Kielyachten überlegen. Zudem tragen moderne Plattbodenschiffe heute große Segelflächen.“

Unglaublich: Unser Traditionsschiff erreicht den gleichen Speed moderner Kielyachten. ©Michael Amme

Fazit: Eine tolle Erfahrung fürs Seglerleben

Auch Harlingen ist eine Wucht, besonders der städtische Liegeplatz in einer Gracht mitten im Zentrum. Doch wer mit einem Plattbodenschiff einen Wochentörn ins Watt unternimmt, behält anderes in Erinnerung: den Umgang mit Taljen, Schwertern, Gaffel & Co zum Beispiel, der viel einfacher ist als gedacht. Das Segeln ohne Instrumente, weite Horizonte und die Erfahrung, dass mit Hilfe richtiger Planung und starken Strömungen schnelle Etappen gesegelt werden können. Dazu kommt die Erkenntnis, dass man zum Trockenfallen besser eine Reisezeit wählt, bei der es rund um Niedrigwasser ausreichend Tageslicht gibt. Und dass es selbst dann an einem nicht fehlen darf: an Mut und Entschlossenheit, ein Schiff auf Grund zu setzen.

So soll es sein, wenn alles klappt: Das Boot liegt platt auf dem Watt. ©Michael Amme

Info: Tipps und Tricks zum Trockenfallen

Sofern in der Seekarte keine Schutzzone ausgewiesen ist, kann man sich im niederländischen Wattenmeer überall trockenfallen lassen. Es sollten aber einige Regeln beachtet werden:

  1. Der gewählte Platz muss Schutz vor Wellen bieten, auch vor Wellen von vorbeifahrenden Fähren oder Fischern.
  2. Gekennzeichnete Kabel- und Pipelinegebiete, Muschelparzellen und Buhnen müssen ebenso gemieden werden.
  3. Mit Hilfe des Peilstocks den Untergrund erkunden und zu weiche oder unregelmäßige Boden und steile Ränder vermeiden.
  4. Nicht zu früh trockenfallen, mindestens zwei Stunden nach Hochwasser. So kann man sicher sein, dass man mit dem nächsten Hochwasser wieder freikommt.
  5. Nicht zu spät trockenfallen, es muss mindestens noch soviel Wasser ablaufen, wie das Schiff Tiefgang hat.
  6. Springtiden mit großem Tidenfall eignen sich besonders gut!
  7. Langsam fahren! Bei der ersten sachten Grundberührung das Schiff in den Wind drehen. Rundherum abstaken und sicherstellen, dass der Untergrund eben ist und das Ruderblatt nicht auf einer Bodenwelle steht.
  8. Ist das Schiff fest und das Wasser weg, Anker ausbringen. Mit langer Leine und in der Richtung, aus der das steigende Wasser kommen wird.
  9. Nicht zu weit vom Schiff entfernen und spätestens zum Zeitpunkt des Niedrigwassers wieder in der Nähe des Bootes sein.
Mit dem richtigen Timing und guter Planung ist Trockenfallen kein Hexenwerk. ©Michael Amme

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