Gibraltar: Revierinformation und Törnführer für Segler

Von Sönke Roever

Sönke hat 80.000 Seemeilen Erfahrung im Kielwasser und von 2007 bis 2010 zusammen mit seiner Frau Judith die Welt umsegelt. Er veranstaltet diverse Seminare auf Bootsmessen (siehe unter Termine) und ist Autor der Bücher "Blauwassersegeln kompakt", "1200 Tage Samstag" und "Auszeit unter Segeln". Sönke ist zudem der Gründer von BLAUWASSER.DE und regelmäßig mit seiner Frau Judith und seinen Kindern auf der Gib'Sea 106 - HIPPOPOTAMUS - unterwegs.

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Titelfoto: ©️Sönke Roever

Gibraltar: Ein Stück Großbritannien unter Palmen

Für viele Segler ist Gibraltar ein faszinierender Ort. Ein Stück Großbritannien unter Palmen – mit allem, was dazugehört. Rote Telefonzellen, Bobbys und Pubs. Es wird sogar mit Pfund bezahlt – gleichwohl es sich dabei um eine Gibraltar-Variante handelt. In England sind die Devisen aus Gibraltar beispielsweise ungültig, umgekehrt werden sie jedoch akzeptiert. Nur der Linksverkehr ist in Gibraltar nicht heimisch. Zur Sicherheit steht dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen auf den Straßen, zu welcher Seite man gucken soll. Ganz so wie in London.

Straßenbeschriftung wie in London. Allerdings gilt in Gibraltar Rechtsverkehr. ©Sönke Roever

Die Halbinsel von Gibraltar ist der britischen Krone unterstellt, verwaltet sich selbst und hier leben 30.000 Menschen auf engstem Raum. Ähnlich wie in Monaco ist das Bauland knapp und es wird jeder Zentimeter genutzt. Insofern verwundert es nicht, dass die Bebauung in den letzten Jahrzehnten in die Höhe geschossen ist.

Die beengten Platzverhältnisse sorgen für eine hohe Bebauung. ©Sönke Roever

Je nach Sichtverhältnissen und je nachdem, von wo aus man sich Gibraltar nähert, ist – das Wahrzeichen – ein markanter 426 Meter hoher Felsen über 20 Seemeilen vorher über dem Horizont auszumachen. Entstanden ist der fünf Kilometer lange „Klotz“, als sich vor sechs Millionen Jahren zwei Erdplatten übereinander geschoben haben.

Der markante Felsen von Gibraltar ist weithin sichtbar – eine gute Ansteuerungsmarke. ©Sönke Roever

Die berühmte etwa 15 Seemeilen lange Straße von Gibraltar, an deren Nordseite sich das gleichnamige Britische Territorium befindet, kommt mit bis zu einem Kilometer Wassertiefe ähnlich spektakulär daher, insbesondere wenn man bedenkt, dass sie an ihrer engsten Stelle zwischen Europa und Afrika gerade einmal acht Seemeilen breit ist.

Mehr noch: Mit bis zu 300 Schiffsbewegungen am Tag gilt die Straße von Gibraltar als eine der am meisten befahrenen Wasserstraßen der Welt. Sie ist zudem je nach Saison ein beliebter Tummelplatz für Wale und Delfine, die bis dicht unter Land ihre Bahnen ziehen.

Ein Delfin in der Straße von Gibraltar. Im Hintergrund: Afrika. ©Sönke Roever

Kurzum: Gibraltar ist einer dieser Orte, an denen man gewesen sein sollte – ein Eintrag, der sich gut im Logbuch liest. Doch wie kommt man nach Gibraltar? Wie sind die nautischen Gegebenheiten? Was erwartet uns Segler vor Ort? Und: Lohnt die Reise an das südwestliche Ende Europas überhaupt? Auf all diese Fragen sollen hier Antworten gegeben werden.

Die Anreise nach und die Abreise von Gibraltar

Beginnen wir mit der An- und Abreise. Das Gros der Segler, das in Gibraltar vorbeikommt, ist entweder auf dem Weg zum Mittelmeer oder möchte vom Mittelmeer weiter nach Portugal, Marokko oder zu den Kanaren.

Der Leuchtturm am Europa Point markiert den Eingang zum Mittelmeer. ©Sönke Roever

Von West nach Ost – zum Mittelmeer mit der Segelyacht

Der einfachere Weg ist der von West nach Ost (siehe Wetter). Typische Absprunghäfen an der portugiesischen Küste sind Lagos (180 Seemeilen), die Ria Formosa (140 Seemeilen) oder jeder Hafen dazwischen wie Portimão, Albufeira oder Vilamoura. In Spanien sind Rota (75 Seemeilen) oder Barbate (35 Seemeilen) üblich.

Wer den Absprung an der spanischen Atlantikküste wählt, muss die bis weit vor die Küste reichenden Tunfischnetze beachten. Sie befinden sich an der Oberfläche und sind auffällig markiert. In der Regel werden mit Kardinalzeichen ihre Grenzen abgesteckt. Wer von Portugal kommt, hat diese Hürde nicht, da der Kurs weiter auf See verläuft.

Über die Strömung muss man sich auf diesem Abschnitt wenig Gedanken machen, da sie überwiegend mitläuft (siehe Wetter).

Gibraltar von Westen kommend ist in Sicht. ©Sönke Roever

Von Ost nach West – zum Atlantik mit der Segelyacht

Die meisten Segler, die von Osten kommen, haben, wenn sie Gibraltar erreichen, eine größere Menge Seemeilen im Kielwasser, da das Mittelmeer zu beiden Seiten vor Gibraltar weit ist in der Nord-Süd-Ausdehnung und die wenigsten Segler die Buchten ausfahren – sei es aus Mangel an Attraktivität der Häfen und/oder, weil Ostwind-Lagen seltener sind und es sich dann lohnt, Strecke zu machen.

Typische Absprunghäfen an der spanischen Küste sind Almerimar (135 Seemeilen) oder Cartagena (240 Seemeilen). Wer von Afrika kommt, startet meistens in der spanischen Enklave Melia. Die Strecke von dort beträgt 140 Seemeilen.

Flugverbindungen nach Gibraltar

Gibraltar wird mehrmals am Tag von England aus angeflogen. Die Landung und der Start sind auf der kurzen Start- und Landebahn spektakulär.

Die Navigation in den Gewässern um Gibraltar

Ich finde die Navigation in der Straße von Gibraltar nicht sonderlich anspruchsvoll, vom regen Verkehrsaufkommen einmal abgesehen. Diesbezüglich ist das großräumig angelegte Verkehrstrennungsgebiet zu beachten. Als Yacht fährt man logischerweise am besten außerhalb. Ansprechpartner ist TARIFA TRAFFIC auf UKW-Seefunk-Kanal 16 und Arbeitskanal 10. Eine Hörwache wird empfohlen.

Ansonsten ist das Wasser in den Gewässern rund um Gibraltar sehr tief und rein und die Betonnung entsprechend sparsam, da es im Umkehrschluss wenig zu betonnen gibt.

In der Straße von Gibraltar gibt es viel Schiffsverkehr. ©Sönke Roever

Liegeplätze für Yachten in Gibraltar

Beim Blick auf das Luftbild gewinnt man schnell den Eindruck, dass in Gibraltar diverse Marinas vorhanden sind und in der Folge auch Gastplätze zu finden sein müssten. Dem ist leider nicht so. Ein Teil der Marinas steht für Gastyachten gar nicht zur Verfügung. Sie sind lückenlos mit einheimischen Booten belegt. In Frage kommen daher nur Marina Bay und Queensway Quay Marina. Beide haben den Vorteil, dass sie sehr dicht am Zentrum liegen, umgeben von Restaurants und Bars beziehungsweise Apartmentanlagen.

Das Liegeplatzangebot in Gibraltar ist begrenzt. ©Sönke Roever

Marina Bay

Für den lebhaften Yachthafen Marina Bay mit Bars, Clubs und Restaurants ist längerfristig mit Bauarbeiten zu rechnen, da die Anlage derzeit aufwändig renoviert wird. Am besten fragt man telefonisch beim Hafemeister einen Liegeplatz an. Da Gibraltar bei den meisten Mobilfunkanbietern im Roaming enthalten ist, sollte das ohne „Kostenfalle“ möglich sein. Generell gilt: Die Marina ist stark nachgefragt und einen Liegeplatz zu ergattern, ist eher ein Glücksfall. Einfach Hinfahren hilft, aber nicht immer.

Kontakt
UKW-Seefunk-Kanal 12 oder 71
Telefon: +350 20 07 33 00
E-Mail: pieroffice@marinabay.gi

Der Yachthafen „Marina Bay“ liegt zentrumsnah. ©Sönke Roever

Queensway Quay

In der Queensway Quay Marina ist es ähnlich schwierig, einen Platz zu bekommen. Hier liegt man deutlich ruhiger als im „Disney Land“ Marina Bay. Besitzer kleinerer Yachten dürfen sich am Telefon auch schon mal den Hinweis anhören, dass kein Platz ist, obwohl augenscheinlich genug Plätze frei sind. Mehr noch: Uns wurde am Telefon zudem höflich mitgeteilt, dass man eher auf größere Yachten eingestellt ist. Unser Boot misst 36 Fuß in der Länge.

Kontakt
UKW-Seefunk-Kanal 12 oder 71
Telefon: +350 20 04 47 00
E-Mail: qqmarina@gibnet.gi

Die Marina Queensway Quay bietet nur vereinzelt Gastplätze an. ©Sönke Roever

Alcaidesa Marina in La Línea de la Conceptión (Spanien)

Diese Marina befindet sich unmittelbar hinter der Grenze von Gibraltar im spanischen La Línea de la Conceptión. Hier gibt es immer freie Plätze und das Preisniveau liegt deutlich unter dem von Gibraltar. Ja, man ist hier etwas weiter von Gibraltar „Downtown“ entfernt, aber immer noch sehr dicht dran – je nach Liegeplatz etwa 1,5 Kilometer. Immerhin: Der Weg ist dahingehend abwechslungsreich, dass die Grenze passiert und das Rollfeld des Flughafens überquert werden muss.

Der landseitige Grenzübergang nach Gibraltar wird stark frequentiert. ©Sönke Roever

Wer hier als EU-Bürger mit einer in der EU registrierten Yacht festmacht, spart sich die ganzen Formalitäten, die entstehen, wenn man mit dem Schiff nach Gibraltar ein- und wieder ausklariert.

Kontakt
UKW-Seefunk-Kanal 09
Telefon: +34 956 021 660
E-Mail: marina@alcaidesa.com

Unmittelbar neben Gibraltar liegt auf spanischer Seite die Marina Alcaidesa. ©Sönke Roever

Die Formalitäten beim Segeln in Gibraltar

Wie schon angedeutet, ist es als EU-Bürger am einfachsten, nach Gibraltar auf dem Landwege einzureisen, indem man das Schiff in der nahe gelegenen Marina in Spanien vertäut.

Gibraltar ist ein Britisches Übersee-Territorium. Wer nach Gibraltar per Schiff einreist, verlässt die EU und umgekehrt. Von See kommend gehört es folglich zum guten Ton, die Gastlandflagge von Gibraltar in Kombination mit der gelben Quarantäneflagge (Flagge Q) zu setzen.

Für die Einreise nach Gibraltar werden die gelbe Flagge „Q“ und die Gastlandflagge benötigt. ©Sönke Roever

Während der Fahrt durch die Hoheitsgewässer von Gibraltar ist auf UKW-Seefunk-Kanal 16 beziehungsweise Kanal 12 (Gibraltar Vessel Traffic Service) eine Hörwache sicherzustellen.

Alle Yachten, die nach Gibraltar einreisen, müssen zuvor online ein Formular ausfüllen, das sich „pre-arrival notification for Customs“ nennt – zu finden auf der Webseite von HM Customs Gibraltar.

Da als Yacht weder im kommerziellen Hafen von Gibraltar festgemacht noch im gesamten Seeraum von Gibraltar geankert werden darf, muss eine der Marinas besucht werden. Dort werden dann bei Ankunft in Absprache mit dem Marina-Büro umgehend die Formalitäten erledigt. Konkret: Zoll, Einwanderungsbehörde und Hafenbehörde.

Kontakt
E-Mail: gpaenquiries@port.gov.gi
www.gibraltarport.com

Vor Gibraltar liegen unzählige Frachter auf Reede. ©Sönke Roever

Tipp: Diesel ist in Gibraltar deutlich preiswerter als im benachbarten Spanien. Es ist möglich, ohne Einklarierung in Gibraltar einen Transitstop zum Bunkern zu machen. In dem Zusammenhang seien auch die zahlreichen Frachter erwähnt, die in der Bucht von Gibraltar auf Reede liegen, um abzuwarten oder Treibstoff zu bunkern.

Das Wetter in Gibraltar

Allgemeines zum Wetter im Seeraum von Gibraltar

Das Wetter im Seeraum von Gibraltar hat viele Gesichter. Von Flaute bis Sturm. Von wolkenfreiem Himmel bis dichtem Nebel und von Ententeich bis Seegangs-Hexenkessel. Dabei spielt auch der markante Felsen von Gibraltar mit seinen 426 Metern durchaus eine Rolle. Weht es auf der einen Seite, ist auf der anderen oft mit Flaute zu rechnen.

Das Revier hat viele Gesichter: hier Flaute mit Badewetter auf der Ostseite von Gibraltar. ©Sönke Roever

Grundsätzlich bietet ein Blick auf die Großwetterlage und die gängigen Wetterapps, die die genauen Datenmodelle verwenden, eine sehr gute Grundlage für die Törnplanung. Ich vergleiche für gewöhnlich die Ergebnisse der Apps miteinander. Wenn die Vorhersagen übereinstimmen, deutet dies auf eine stabile Wetterlage hin. Wenn sie voneinander abweichen, ist die Prognose mit Vorsicht zu genießen, insbesondere wenn sie weit in die Zukunft reicht.

Und last but not least kann es in der Bucht von Gibraltar zu lokalen Abweichungen in Abhängigkeit von der Topographie kommen. Hier gilt es, ein wachsames Auge zu haben.

Schaumkronen auf dem Wasser: Es weht in der Straße von Gibraltar. ©Sönke Roever

Windverhältnisse in der Straße von Gibraltar

In der Straße von Gibraltar und der Bucht von Gibraltar gibt es selten Flaute und es weht eigentlich immer ein Wind. Dabei lässt sich beobachten, dass in den Sommermonaten der Wind nachts oft abflaut und über den Tag bis zum Abend kontinuierlich zunimmt.

In der Regel folgt er der Topografie und weht entweder von West nach Ost oder von Ost nach West. Dabei kann es durchaus passieren, dass der Wind Sturmstärke erreicht, wenn er zwischen den hohen Landmassen wie durch einen Trichter hindurchgedrückt und beschleunigt wird. Am stärksten weht der Wind in der Regel an der engsten Stelle bei Tarifa (in der Folge ein Paradies für Surfer), wo er angeblich an mehr als 300 Tagen im Jahr über 30 Knoten erreicht.

Die Topografie von Gibraltar macht es zu einer Wetterküche. ©rocklights/stock.adobe.com

Wenn über Spanien ein Tief liegt, entsteht in der Regel ein stärkerer Südwest- bis Westwind in der Straße von Gibraltar, der Poniente oder Vandaval genannt wird.

Umgekehrt erzeugt ein Tief zwischen den Balearen und der Küste von Afrika einen starken Ostwind, der in der Regel unangenehmen Seegang mit sich bringt und Levante genannt wird. Für gewöhnlich hängt bei Ostwind eine dicke Wolke über der Westseite des Felsens von Gibraltar, die mehrere Tage bleibt. Nicht selten gehen auch Nebel und eine hohe Luftfeuchtigkeit mit dem Levante-Wind einher.

Diese Vorhersage zeigt Ostwind in der Straße von Gibraltar mit Böen über 30 Knoten. ©Sönke Roever/Windy.com

Strömungen in der Straße von Gibraltar

Das Wasser im Mittelmeer verdunstet stark und so gibt es eigentlich immer ein „Gefälle“ zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer (am westlichen Ende der Straße von Gibraltar ist der Wasserstand drei Meter höher als am östlichen Ende). In der Folge ist das Wasser bestrebt, vom Atlantik in das Mittelmeer zu fließen. Gleichzeitig gibt es rund um die Meerenge von Gibraltar nicht unerhebliche Gezeitenströmungen.

Das Segeln in der Straße von Gibraltar kann sehr sportlich sein. ©Sönke Roever

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass das Wasser immer ins Mittelmeer fließt, egal was die Gezeitenatlanten sagen. Dabei gilt: Beim Flutstrom fließt das Wasser grundsätzlich ins Mittelmeer – mitunter recht stark. Und bei Ebbstrom fließt es gegebenenfalls langsamer in das Mittelmeer, aber eigentlich nie heraus. Dazu trägt auch der unterschiedliche Salzgehalt von Atlantik und Mittelmeer bei, der dazu führt, dass das schwere Wasser absackt und in der Tiefe vom Mittelmeer zum Atlantik strömt.

Im Umkehrschluss heißt das, dass es wesentlich einfacher ist, vom Atlantik in das Mittelmeer zu fahren, und man dann im Prinzip keine Gezeitenplanung braucht, weil einem die Strömung immer wohlgesonnen ist und mal mehr und mal weniger stark hilft, aber eigentlich nie gegenan setzt. Das habe ich selbst auch schon öfter so erlebt.

Andersherum sieht es schon deutlich komplizierter aus und es kann Situationen geben, in denen man nur mühsam oder gar nicht aus dem Mittelmeer herauskommt. Etwa bei einer starken Westwind-Lage. Auch das habe ich schon erlebt. Stunde um Stunde sind wir gekreuzt und fast nicht von der Stelle gekommen.

In jedem Fall lohnt es sich, insbesondere bei der Passage vom Mittelmeer zum Atlantik ausführlich die Gezeitenströmung und das Seewetter im Voraus zu studieren sowie eine vernünftige Törnplanung zu machen. Bei der Fahrt selbst kann es helfen, dicht unter Land zu segeln, um eventuell den Neerstrom zu erwischen.

Strömungskarten geben Aufschluss über die zu erwartenden Verhältnisse. ©Mediterranean Spain/Imray

Tipp: Die Strömung variiert je nach Wassertiefe und es lohnt sich, die Strömungskarten genau zu studieren, wenn man von Ost nach West möchte.

Seegang in der Straße von Gibraltar

Der Seegang ist schwer vorherzusagen, da hier verschiedene Aspekte eine Rolle spielen: die Windsee, die Dünung, die Strömung und, nicht zu unterschätzen, der Schwell der zahlreichen Verkehrsteilnehmer, die hier unterwegs sind.

Insbesondere auf den letzten Seemeilen zu den Marinas entsteht selbst bei Flaute zuweilen ein konfuses Wellenbild. Neben den genannten Faktoren mischt sich hier auch noch die Topografie in das Geschehen ein. Denn ebenso steil, wie der Fels von Gibraltar nach oben über den Horizont reicht, ist das Wasser umgekehrt nach unten über 400 Meter tief – und das nur eineinhalb Seemeilen vom Ufer entfernt.

Beim Segeln vor Gibraltar herrscht mitunter ein konfuses Wellenbild. ©Sönke Roever

Man muss deswegen jetzt nicht schlaflose Nächte haben und ich bin hier auch schon mehrfach bei acht Beaufort gesegelt, aber es lohnt sich, die Regeln guter Seemannschaft zu beherzigen. Die Mindestanforderung wäre wohl, alles seefest zu machen und Rettungswesten zu tragen :-).

Hinweis: Wer einen stärkeren Ostwind nutzt, um aus der Straße von Gibraltar zu segeln, kann auf unangenehmen Seegang stoßen, wenn Wind gegen Strömung weht und sich kurze steile Wellen aufbauen können.

Blick nach Spanien von Gibraltar aus gesehen. Im Vordergrund der Flughafen. ©Sönke Roever

Nebel in der Straße von Gibraltar

Im Seeraum von Gibraltar taucht immer wieder Nebel auf. Dabei kann es auch passieren, dass auf der Ostseite vom markanten Felsen Nebel herrscht und auf der Westseite nicht – oder umgekehrt.

Nebel am Europa Point, dem Eingang zum Mittelmeer. ©MrSegui/stock.adobe.com

Typischerweise gibt es an etwa vier Tagen pro Monat im Sommer Nebel. Die Voraussetzung dafür ist in der Regel leichter Wind aus östlicher Richtung in Kombination mit einer hohen Luftfeuchtigkeit. Dann legt sich spätestens am Morgen, wenn die Sonne aufgegangen ist, ein dickes Nebelband über die See bei Gibraltar, es kann im Norden bis zum Küstenort Estepona reichen. Normalerweise verschwindet der Nebel am Nachmittag wieder.

Bei Nebel ist ein Radar sehr hilfreich, da es rund um Gibraltar viel Verkehr gibt – auch High-Speed-Fähren und viele Frachter auf Reede zu beiden Seiten des Felsens. Nicht alle Fahrzeuge senden ein AIS-Signal aus.

In der Straße von Gibraltar ist Nebel keine Seltenheit. ©Sönke Roever

Sehenswertes für Segler in Gibraltar

All jene, die von Spanien beziehungsweise der Marina Alcaidesa entlang der Winston Churchill Avenue nach Gibraltar kommen, müssen erst einmal das Rollfeld des Flughafens überqueren, was zum einen weltweit einmalig und zum anderen eine durchaus interessante Erfahrung ist. Eben noch geht eine Maschine aus London auf der mit 1.829 Meter Länge vergleichsweise kurzen Landebahn in die Eisen und kurz darauf spaziert man über die Bremsspur. Zum Vergleich: Die Landebahn am Frankfurter Flughafen misst 4.000 Meter in der Länge.

Wenn Flugzeuge landen und starten, wird die Autostraße nach Gibraltar gesperrt. ©Sönke Roever

Tipp: Der Flugverkehr in Gibraltar ist sehr überschaubar. Wer das Fluggeschehen live erleben beziehungsweise an der geschlossenen Schranke bei der Landebahn stehen möchte, findet Infos zu den Starts und Landungen auf der Webseite des Flughafens.

Nach der Flugbewegung führt der Verkehr wieder über das Rollfeld. ©Sönke Roever

Hat man das Rollfeld überquert, stößt man beim Gibraltar-Besuch kurz darauf auf die rund einen Kilometer lange Fußgängerzone, die pragmatischer Weise „Main Street“ – also Hauptstraße – heißt. Ihre Seiten flankieren unzähligen Duty-free-Shops, die im Steuerparadies Gibraltar auf kaufwillige Touristen warten: Fluggäste, Kreuzfahrer und uns Segler.

Entlang der „Main Street“ sind viele Geschäfte zu finden. ©Sönke Roever

Am Ende der Fußgängerzone ist die am meisten angepriesene Touristenattraktion der britischen Halbinsel zu finden: die Talstation der Gondel, die Ausflügler auf den markanten Felsen bringt, der von den Einheimischen Upper Rock genannt wird. Es lohnt sich, den oberen Teil des Felsens zu erkunden, der mit vielen Attraktionen aufwartet, wie atemberaubenden Aussichten, in den Berg gegrabenen Tunnelsystemen, einer gigantischen Tropfsteinhöhle und natürlich den berühmten Affen.

Der Upper Rock ragt 426 Meter hoch über den Meeresspiegel hinaus. ©Sönke Roever

Praktisch: Der Zugang zum Berg und zu sämtlichen Attraktionen auf dem Berg erfolgt mit einem einzigen Ticket – dem Nature Reserve Pass. Das ist ein Armband mit Barcode.

Gleich vorweg: Ich halte den Hype um die Berberaffen, die einer Sage nach durch einen Tunnel unter der Straße von Gibraltar ihren Weg auf den Upper Rock gefunden haben, für übertrieben. Bei genauerem Hinsehen habe ich ihr Leben als ein unglückliches zur Touri-Attraktion verkommenes Dasein empfunden. Aber darüber lässt sich sicher vortrefflich bei einem frisch gezapften Ale im Pub streiten 🙂

Auf dem Upper Rock leben die berühmten Affen von Gibraltar. ©Sönke Roever

Tipp: Anstatt mit der Gondel (hochpreisig, Schlange stehen etc.) würde ich mich von einem der zahlreichen Tour-Anbieter mit dem PKW auf den Felsen fahren lassen. Dabei handelt es sich meistens um individuelle Touren, die nicht selten sogar preiswerter als die Gondelfahrt sind. Der Vorteil: Es werden viele Höhenmeter und durchaus auch Strecke auf dem Berg zurückgelegt. Unter der gnadenlos vom Mittelmeer-Himmel scheinenden Sonne fand ich es ganz angenehm, dass wir uns auf die Attraktionen und weniger auf das Hin und Weg konzentrieren konnten. Mit unserem Fahrer haben wir an der letzten Station der Rundtour die Tour vorzeitig beendet, weil wir ins Tal laufen wollten. Das kann ich empfehlen.

Mit der Gondel kann man auf den Upper Rock gelangen. ©Sönke Roever

Wie schon durchklingt, gibt es auf dem Affenfelsen, wie Gibraltar unter Seglern gerne genannt wird, viel zu sehen. Besonders beeindruckend fand ich das Kalksteinhöhlensystem „Saint Michaels Cave“. Die faszinierenden Stalagmiten und Stalaktiten werden ansprechend mit Licht inszeniert und das zieht jährlich nicht ohne Grund eine Million Touristen an.

Eine der Attraktionen von Gibraltar, die Höhle „Saint Michaels Cave“. ©Sönke Roever

Weitere Attraktionen im Upper Rock Nature Reserve sind eine Hängebrücke über eine Schlucht, diverse Aussichtspunkte, ein umfangreiches System aus Wanderwegen, die maurische Festung Moorish Castle und zwei nicht zu verachtende Tunnelsysteme mit einer Länge von über 55 (!) Kilometern, die zu Kriegszwecken in den Felsen gegraben wurden. Einen interessanten Einblick bieten diesbezüglich die Zugänge „Great Siege Tunnel“ und „World War II Tunnel“.

Auf 55 Kilometern Länge durchziehen Tunnel den Upper Rock. ©Sönke Roever

Abschließend sei noch Europa Point erwähnt, der für uns Segler eine Rolle spielt, da er mit einem rot-weißen Leuchtturm auf einer flachen Landzunge das südliche Ende der Halbinsel von Gibraltar und damit den Anfang oder das Ende des Mittelmeeres markiert. Der Landweg hierher lohnt kaum, vielmehr kann man hier auf See je nach Wetter dicht unter Land dran vorbeisegeln.

Unter Segel um die Südspitze von Gibraltar – ein Erlebnis. ©Sönke Roever

Fazit

Ich denke, es ist zwischen den Zeilen klar geworden, dass Gibraltar ein besonderes Stück „Fels“ auf unserem abwechslungsreichen Planeten ist und nicht ohne Grund von Seglern auf dem Weg zum oder vom Mittelmeer gerne besucht wird. Dabei wird den meisten Crews ein Aufenthalt von zwei bis drei Tagen auf der Halbinsel ausreichen – so groß ist sie dann doch nicht. 😉

Man kann sich hier aber auch verlieren, da Gibraltar unglaublich viele Gesichter hat. In jedem Fall ist eine sorgfältige Törnplanung bei der Passage der Straße von Gibraltar wichtig, da man das Wetter und die Gezeiten auf seiner Seite haben sollte, was umso mehr bei der Passage von Ost nach West gilt.

In diesem Sinne viel Spaß auf dem Affenfelsen.

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Stefan
Stefan
4 Monaten her

Toller Artikel mit reichlich Infos. Schade, dass Hinweise oder aktuelle Tipps zu den Orcas fehlen, was ja bei der Passage nicht ganz unerheblich ist. Lieben Gruß aus Barbarte von der Mokendeist, Stefan