Drei Schulfreunde auf Weltreise – Interview mit der Crew von BLUE HORIZON

Von Jochen Schwertfeger

Dipl.-Pädagoge in einer Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und deren Familien und begeisterter Blauwassersegler mit 50.000 Seemeilen Erfahrung.

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Titelfoto: ©BLUE HORIZON

Mit wenig Segelerfahrung, kleinem Budget und altem Schiff machen sich die drei Schulfreunde Jonas, Leonie und Thilo gemeinsam in jungem Lebensalter (alle 22) auf zur Weltreise unter Segeln. Trotz leergefahrenem Dieseltank im strömungsreichen Chenal du Four, Orca-Angriffen auf der berüchtigten Biskaya und einer Grundberührung an der Algarve bei Sagres hat die Crew die erste große Etappe zu den Kanarischen Inseln unbeschadet überstanden. Und auch wenn es einige Schwierigkeiten zu meistern galt, brechen die Segler im Januar 2021 zur Atlantiküberquerung auf.

Im Interview mit Leonie und Thilo. ©Jochen Schwertfeger

Auf la Gomera begegne ich der BLUE-HORIZON-Crew und Leonie und Thilo geben für BLAUWASSER.DE exklusiv das folgende Interview.

Ihr seid mit wenig Segelerfahrung weit gekommen. An welcher Stelle hätte mehr Knowhow geholfen?

Thilo: Auf jeden Fall in den allerersten Segeltagen! Da sind wir sofort raus auf See, haben alles Tuch hochgezogen, dachten, gar kein Problem, dann war da viel Welle, viel Wind! Da waren wir ein bisschen überfordert und da hätte auf jeden Fall mehr Segel-Knowhow geholfen, weil wir dann entspannter an die Sache rangegangen wären. Aber so wurden wir halt ins kalte Wasser geschmissen und haben dann gut und schnell dazugelernt!

Leonie: Bei den ersten Ankerversuchen hätten wir auch mehr Wissen gebraucht, dann wären wir öfter ruhiger eingeschlafen.

Jonas, Leonie und Thilo sind mit einer 11,70 Meter langen Roberts Offshore unterwegs. ©BLUE HORIZON

An welcher Stelle wart ihr besorgt oder hattet gar Angst?

Leonie: Nachts einmal auf der Nordsee! Der Wind kam von vorne und wir konnten den Hafen nicht erreichen. Die Wellen waren so groß und wir kamen mit dem Motor nicht gegenan. Wir konnten uns nicht so richtig helfen mit dem wenigen Wissen, da hatte ich auf jeden Fall richtig Schiss!

Thilo: Und als wir in Cascais einlaufen wollten, gab es auch richtig hohe Wellen. Da ist uns der Baum in einer Patenthalse ohne Bullenstander umgeschlagen und die Travellerschiene wurde rausgerissen. Dadurch hing der Baum ganz draußen und dann war da so ein bisschen Not. Vor allem kam dann auch noch eine große Fähre und Leonie hatte richtig Angst, dass die uns überfährt …

Und welchen Anteil hat dabei die Vorbereitung?

Thilo: Alles! Wir wussten es nicht besser bei der Patenthalse, weil es uns noch nie passiert war. Durch solche Fehler haben wir viel gelernt. Zum Beispiel müssen wir unsere Sachen vorm Segeln von Deck räumen. Am Anfang haben wir alles an Deck liegengelassen, dann kamen die ersten Wellen … Das mussten wir lernen. Da haben uns oft Vorbereitung und Wissen gefehlt. Erst waren wir nur auf dem recht behüteten IJsselmeer unterwegs und wussten gar nicht, dass das alles auf hoher See so krass rumfliegen kann …

Thilo. ©BLUE HORIZON

Die Häfen sind voll mit Booten mit reichlich Ausrüstung. Ihr habt eher einen Style mit Low-Budget. Was vermisst ihr und welche Ausrüstung hättet ihr gerne zusätzlich?

Thilo: Also bis hier auf die Kanaren haben wir vor allem die Windfahnensteuerung vermisst, die wir dann in Lagos nachgerüstet haben. Das war voll das Upgrade gewesen. Das haben wir jetzt erst richtig schätzen gelernt.

Leonie: Wir hatten die Prioritäten vor der Abfahrt woanders gesetzt und haben an die Windfahnensteuerung eigentlich gar nicht so richtig gedacht. Und dann sind wir ohne Autopilot bis Portugal gesegelt, was anstrengend war. Da haben wir sie dann vermisst. Aber sonst? Ich denke, wir vermissen etwas mehr Platz. An Ausrüstung? Gutes Großsegel! Wenn wir die anderen Boote so angucken, haben viele da so eine Badeplattform, das finde ich auch richtig gut. Das vermisse ich manchmal.

Thilo: Und: Wir haben das allerkleinste Cockpit, das es bei der Größe von unserem Boot gibt, einer 11,70 Meter langen Roberts Offshore. Da passen wir eben so zu dritt hin, wenn wir uns hinsetzen. Da können wir uns nicht mal entspannt hinlegen. Wir können uns mit allem arrangieren. Hauptsache wir sind unterwegs! Es gibt keine lebensnotwendigen Sachen, die wir vermissen.

Das Schiff von Jonas, Leonie und Thilo vor der Abfahrt. ©BLUE HORIZON

Ich habe euch bei den Vorbereitungen für die Atlantiküberquerung ein paar Tage über die Schulter geschaut. Obwohl das Schiff Probleme gemacht hat (es gab einen gravierenden Riggdefekt), bleibt ihr gelassen und zuversichtlich. Wie macht ihr das?

Thilo: Gelassen ist auch relativ. Als der Mast für die Reparatur vom Schiff runtergenommen wurde, konnte ich das nicht einschätzen, wie lange das jetzt alles dauert. Und wie gravierend das ist …

Leonie: … aber als wir dann hier viel Hilfe bekommen und die Zuversicht der anderen Leute gespürt haben, hat sich das auch bei uns widergespiegelt. Alle waren optimistisch und haben geholfen und das überträgt sich auch auf uns. Ich denke, dass wir mit der Zeit auch gelernt haben, dass das gar nix bringt, dann hektisch zu werden.

Riggprobleme auf La Gomera. Der Mast wird vom Schiff gehoben. ©Jochen Schwertfeger

Thilo: Und die Langfahrtsegler, die unterwegs sind, sind gelassener als die in unserem Heimathafen, die eigentlich gar nicht unterwegs sind. Zu Hause im Heimathafen haben sie uns auch viel geholfen und ich will die nicht so kritisieren, aber die Einstellung war auf jeden Fall anders – eher sehr kritisch. Die Leute, die wir jetzt mittlerweile treffen, die haben vieles selbst ähnlich gemacht und die gleichen Erfahrungen und sind auch losgefahren und wissen, dass das geht und was man dafür so braucht.

Leonie: Es könnte genau diese Blauwassersegler-Mentalität sein, die uns jetzt erfasst hat und mitreißt. 🙂

Die Crew am Strand von La Gomera kurz vor der Atlantiküberquerung. ©Jochen Schwertfeger

Heißt das, dass ihr am Anfang auch unsicherer und ängstlicher wart?

Leonie: Ja, ich denke schon, so die erste Zeit auf der Nordsee. Da haben wir uns auch mal Sorgen wegen Sachen gemacht, die gar nicht so gravierend waren. Als wir die ersten paar Hundert Seemeilen hinter uns hatten und zunehmend mit anderen Seglern geredet hatten, da wurde das immer lockerer. Da wurden auch wir zuversichtlicher, dass es immer weitergehen wird.

Thilo: Wir haben uns zu Beginn der Reise viel zu viele Gedanken gemacht. Uns gefragt, ob das überhaupt alles funktioniert und so. Mit der Zeit wurden wir immer sicherer und haben uns auch immer sicherer gefühlt und dann konnten wir uns auch mal mit anderen Sachen beschäftigen und den Törn mehr genießen und so …

Was würdet ihr diesbezüglich bei der nächsten Reisevorbereitung anders machen?

Leonie: Vielleicht andere Prioritäten setzen, wie wir das Boot ausstatten oder was wir so brauchen. Verschönerungen, wie die Farbe fürs Deck, die hätten wir uns sparen können und stattdessen erst einmal die Windfahnensteuerung anbauen oder uns ums Großsegel kümmern sollen. Das wären die wichtigen Prioritäten gewesen! Sonst eigentlich nichts – es ist ganz gut gelaufen!

Leonie. ©Jochen Schwertfeger

Thilo: Viele sagen ja, ihr seid so locker einfach so losgefahren, naiv, aber wir hatten schon auch viele Zweifel und haben viel nachgedacht, was dann gar nicht nötig war. Das Funkzeugnis, zum Beispiel. Die Bürokratie hätten wir früher abschließen sollen: Das Flaggenzertifikat hätten wir von zu Hause aus einfacher beantragt.

Entscheidungsfindung an Bord: Ich habe Jonas neulich als Käpt’n angesprochen und das mag er nicht so gerne. Welche Rollen hat jeder an Bord und wie trefft ihr Entscheidungen?

Thilo: Grundsätzlich sagen ja alle, dass man an Bord auf jeden Fall einen Skipper braucht, der im Ernstfall die finale Entscheidung hat, wenn es kritisch wird, damit alle wissen, was Sache ist, und nicht erst mal diskutiert wird. Aber damit tun wir uns sehr schwer, weil wir das nicht so wirklich einsehen, dass einer irgendwie das Zepter in der Hand hat. Und bis jetzt sind wir damit auch gut über die Runden gekommen, wenn alle die Entscheidungen treffen. Bei kritischen Situationen werde ich sowieso direkt handeln und tun, was nach meiner Intuition das Sinnvollste ist.

Leonie: Wir waren uns da immer schnell einig, wenn eine kritische Situation da war. Drüber reden, abstimmen und gar nicht groß diskutieren. Und ansonsten hat jeder seine Rolle, der er/sie nachgeht, und da vertrauen wir uns gegenseitig auch irgendwie.

Jonas. ©BLUE HORIZON

Gibt es denn eine Aufteilung? Wer zum Beispiel das Proviantieren übernimmt, wer sich um das Rigg oder die Maschine kümmert?

Thilo: Leonie ist immer die, die in den Hafen reinfährt und die dann am Steuer steht, weil sie das von Anfang an gemacht hat und auch am besten kann. Joans und ich stehen draußen an Deck und gucken. Und so ist das auch bei den Segelmanövern. Leonie steht am Steuer, fährt in den Wind und wir ziehen die Segel hoch. Und das zieht sich eigentlich komplett durch, so dass sich die Rollen irgendwie von selbst gefunden haben, sowohl beim Segeln als auch bei den Reparaturen. Leonie ist die Klempnerin, Jonas ist der Elektriker, Motor machen alle.

Bei Manövern steht Leonie am Steuer. ©BLUE HORIZON

Und ein Wachsystem hat sich auch schon etabliert?

Leonie: Ja, total! Wir haben immer einen Drei-Stunden-Rhythmus, der fängt um 23 Uhr an und geht dann bis 8 Uhr. Und dann haben wir halt gesagt, gut wir rotieren und wechseln durch, dann hat man nicht immer die gleiche Schicht. Aber irgendwie haben wir uns mit der Zeit eingependelt und unsere Lieblings-Schicht gefunden.

Thilo: Jonas hat immer die Mittelschicht, Leonie macht am liebsten die erste. Ich mache am liebsten die letzte.

Leonie: Ich habe das Gefühl, drei Stunden, das ist auch die Grenze. Vier Stunden wären schon zu lang.

Die Wachen werden im Drei-Stunden-Takt gefahren. ©BLUE HORIZON

Wie geht ihr mit Meinungsverschiedenheiten oder Konflikten um?

Thilo: Reden, reden, reden!

Leonie: Wir reden, bis eine Lösung gefunden wird. Wir reden unheimlich viel. Das ist besser, als die Dinge totzuschweigen. Wir haben es auch schon gehabt, dass über Sachen nicht geredet wurde und dann war eine schlechte Stimmung an Bord. Wenn wir Sachen nicht aussprechen und sie trotzdem mit uns rumtragen, funktioniert es einfach nicht. Es klappt nur gut, wenn wir alles sagen, was uns stört, und das auch ganz offen ansprechen, egal was die anderen davon halten oder nicht. Wichtig ist immer, Kompromisse einzugehen und sich offen zu verhalten, denn bei unserer Konstellation entstehen schon schnell irgendwelche Konflikte. Daher müssen alle sehr rücksichtsvoll sein. Und man muss sich auch mal zurücknehmen und sich sagen: „Das stört mich, aber ist jetzt egal“.

Die große Freiheit: Thilo springt von der ersten Saling ins Wasser. ©BLUE HORIZON

Und gibt es dafür eine Struktur? Habt ihr einen Crew-Rat oder eine andere Institution, wo alles besprochen wird?

Thilo: Nee, so organisiert sind wir nicht! 🙂

Leonie: Ich habe mit meiner Mama letztens telefoniert und darüber geredet und da hat sie vorgeschlagen, dass man sich einmal in der Woche alles von der Seele redet, wo jeder mal so geradeheraus sagen kann: „Das hat mich jetzt gestört“ – vielleicht hilft das.

Thilo: Ja, wir könnten mehrere Meetings einführen zu verschiedenen Bereichen …

Leonie: Ja, das ist gut, so einen festen Termin festzulegen, lass mal machen!

Zu Beginn der Reise ist die Lernkurve steil. ©BLUE HORIZON

Was ist eure Empfehlung an junge Crews, die sich auch ein Schiff kaufen wollen?

Leonie: Leuten wie uns würde ich empfehlen, nehmt jemanden mit beim Schiffskauf, der ein bisschen Ahnung hat. Es muss vielleicht kein Gutachter sein, aber es gab viele Sachen, von denen wir keine Ahnung hatten, die wir auch durch den bloßen Blick nicht gesehen haben.

Thilo: Aber vom Bootstyp her, wenn man so gar keine Ahnung hat wie wir, haben wir genau das Richtige gemacht. Eine Ketsch kann man gut händeln, bei viel Wind ist das immer noch, wenn Du viel Tuch draußen hast, akzeptabel. Der Einmaster hat halt viel mehr Kräfte, bei der Ketsch ist das besser verteilt. Es gibt kleinere Segel und wir können das ohne Winschen noch alles hochziehen. Und ein Stahlboot ist gut. Wir haben eine feste Reling, das Boot ist kompakt und mehr auf Sicherheit als auf Schnelligkeit ausgelegt. Das hilft, wenn man keine Erfahrung hat.

Leonie: Wir wurden auf der Biskaya ja auch von Orcas angegriffen. Die modernen Ruder wären da direkt abgerissen, die Orcas haben unser Schiff 180 Grad gedreht und gegen das Ruder gedrückt … Viele andere Boote wären da kaputt gegangen.

Aufbruch zur Atlantiküberquerung: die Stahlketsch vor La Gomera. ©Jochen Schwertfeger

Und der Abreisezeitpunkt in eurem Leben, also bevor der Ernst des Lebens beginnt? Ist das etwas, was ihr empfehlen könnt?

Thilo: Wenn man finanziell einen Weg findet, finde ich das voll empfehlenswert. Wir sind jetzt jung, jetzt haben wir die Power und Bock da drauf, das zu machen. Warum verschieben? Wenn ich das noch eher hingekriegt hätte, eher noch früher … Es sind so viele Leute, die wir kennen lernen, und so viele Erfahrungen, die wir sammeln. Es gibt so viele Bereiche und was alles möglich ist, nicht nur segelmäßig. Nach der Schule folgt irgendein Studium und viele wissen gar nicht so genau, ob das das Richtige ist. Wir lernen so viele Leute kennen und erleben was, da kann man viel besser einschätzen, was man dann im Leben machen will!

Leonie: Wir lernen unheimlich viel über uns selbst, und es ist gut, das am Anfang zu machen …

Jonas, Leonie und Thilo möchten in jungen Jahren die Welt entdecken. ©BLUE HORIZON

Was können andere junge Crews von Euch lernen?

Thilo: Erst einmal losfahren, dann kann man ja immer noch gucken! In unserem Heimathafen, da liegen Boote, deren Eigner basteln seit vier oder fünf Jahren und die kommen trotzdem nicht los …

Leonie: Decksfarbe kann man unterwegs noch streichen!

Thilo: Klar, man sollte die Scheine machen, damit man legal unterwegs ist. Aber wenn man sich da zu viel reinvertieft und dauernd irgendwelche Scheine macht, dann sind da auch Leute, die sagen, das sei alles so kompliziert und so gefährlich. Ein Segellehrer hat zu uns gesagt, dass zu 50 Prozent die Chance besteht, dass wir unseren Törn überleben. Das sind schon harte Worte und das stimmt so auch nicht.

Der Atlantik ruft. ©BLUE HORIZON

Leonie: Wir haben auch Leute getroffen, die deutlich älter waren und die haben es auch so wie wir gemacht: einfach ein Boot gekauft, keine Ahnung gehabt und trotzdem losgefahren. Viele von denen sind glücklich unterwegs! Das zeigt doch, dass es möglich ist!

Liebe Leonie, lieber Thilo, vielen Dank für das sympathische Gespräch und alles Gute für die anstehende Atlantiküberquerung.

Mehr zu den Abenteuern der BLUE-HORIZON-CREW gibt es hier.

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Ottmar Schneider
Ottmar Schneider
1 Monat her

Coole die drei, ich verfolge die Youtube Videos seit sie Online sind.
Es macht einfach Spaß den dreien zuzuschauen was sie so erleben.
In zwei Jahren starten wir auch von der Ostsee Richtung Mittelmeer.