Mit der Yacht durchs niederländische Wattenmeer: Gezeitennavigation und -berechnung

Jürgen Bode

Von Jürgen Bode

Jürgen Bode beschloss mit Mitte vierzig, vom Skifahren auf das Segeln umzusatteln. An Bord einer Charterjacht mit Freunden und Familie begeistert ihn die Mischung aus Natur, Technik, Kulinarik, Physik und Psychologie. Das Revier in und um Friesland zählt für ihn zu den abwechslungsreichsten Gegenden der Welt: anspruchsvolle Navigation im Wattenmeer, kurze Schläge im IJsselmeer, beschauliche Landschaften entlang der friesischen Binnenwasserstraßen.

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Die Besonderheiten des Reviers Wattenmeer

Nicht weit vor der Haustür liegt eines der reizvollsten Reviere der Welt: das niederländische Wattenmeer. Es erstreckt sich von den westfriesischen Inseln landwärts zur niederländischen Küste. Es ist durch die Gezeiten geprägt, die im regelmäßigen Rhythmus den Meeresspiegel heben und senken. Im Westen wird das niederländische Wattenmeer begrenzt durch die Insel Texel, an die sich ostwärts die Inseln Vlieland, Terschelling, Ameland und Schiermonnikoog anschließen.

Dem Naturliebhaber offenbart sich in diesem Teil der Niederlande eine einzigartige Tierwelt, die sich in dieser ökologischen Nische gebildet hat und in der Lebewesen ihre Heimat finden, die sich an den steten Wechsel von Überflutung und Trockenfallen angepasst haben: Muscheln, Schnecken, Vögel, Seehunde und viele mehr.

Segler freuen sich über den Variantenreichtum in der Routenplanung, kurze Tagesetappen, attraktive Hafenorte und -örtchen, eine hervorragende Infrastruktur und die besondere Herausforderung, sein navigatorisches Können in diesem Revier zu zeigen!

Viele Segler sind fasziniert von der Tierwelt im Wattenmeer – und sie von uns! ©barmalini/stock.adobe.com

Hinzu kommt bei geeignetem Schiff eine weitere faszinierende seglerische Besonderheit: die Möglichkeit, den Schiffsboden geplant auf Grund zu setzen und das Niedrigwasser abzuwarten („trockenfallen“), um das Schiff zu verlassen und im Watt zu spazieren, bis das Wasser zurückkehrt.

Mit guter Vorbereitung und Vertrautheit mit den Besonderheiten der Tidennavigation ist die Navigation im Watt problemlos zu bewältigen – das ist kein Hexenwerk!

Mit der richtigen Planung kann mit Yachten gezielt trockengefallen werden ©Bianca/stock.adobe.com

Anfahrt und Zugang in das niederländische Wattenmeer

Fast jeder Segler im niederländischen Wattenmeer kommt mit den beiden angrenzenden Revieren in Berührung: das friesische Binnenrevier mit seinen Flüssen, Seen und Kanälen und das IJsselmeer, das als Binnenmeer seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts durch den Abschlussdeich vom Wattenmeer und der offenen Nordsee getrennt ist.

Jedes von ihnen ist einen eigenen Törn wert. Die zahlreichen Charterbasen an oder nahe der friesischen IJsselmeerküste (z.B. in Workum, Heeg, Makkum oder Lemmer) sind die erste Wahl für die Wattenmeersegler. Aber auch der Zugang von Lauwersoog im Osten Frieslands und aus Deutschland über die ostfriesische Inselwelt ist möglich.

Navigatorische Herausforderungen im Revier Wattenmeer

Bei der Planung eines Törns und der Führung einer Yacht durch das Wattenmeer muss unbedingt auf die Gezeiten und die Topografie des Meeresbodens Rücksicht genommen werden.

Wassertiefe

Zunächst muss sichergestellt werden, dass vom Ablegen bis zur Ankunft immer genug Wasser unter dem Kiel der Yacht ist. Zu jedem Teil der Route muss also eingeschätzt werden, zu welcher Zeit er befahren wird und wie tief dort dann genau zu dieser Zeit die Wassertiefe sein wird.

Die Wassertiefe spielt eine wichtige Rolle bei der Navigation im Wattenmeer. ©twixx/stock.adobe.com

Die Zeit des Ablegens wird daher häufig nicht dadurch bestimmt, wann man zum Ablegen bereit ist, sondern wann die Tide passt. Durch den sich stets verändernden Meeresspiegel im Gezeitenrevier gilt: Die aktuelle Wassertiefe an einem Ort ist praktisch nie diejenige, die in der Seekarte vermerkt ist! Beruhigend ist jedoch, dass das Wasser fast immer tiefer ist, als in der Seekarte angegeben.

Wege durch das Watt

Da weite Teile des Meeresbodens auch bei Hochwasser kaum mehr als 2 Meter unter Wasser liegen, ist das Wattenmeer größtenteils nur in Rinnen befahrbar, diese sind jedoch stets ausgezeichnet betonnt und oft auch breiter, als die Bezeichnung suggeriert. Es gibt darüber hinaus auch Fahrwasser, die über das Watt führen. Die höchste Stelle des Watts (und damit der Ort mit der niedrigsten Wassertiefe) wird Wattenhoch („wantij“) genannt.

Das Wattenhoch am Fahrwasser Zuidoostrak. Die geringste Wassertiefe beträgt an der Tonne ZS23 -0,40 Meter; das bedeutet der Boden liegt bei Niedrigwasser (LAT) 0,40 Meter über dem Meeresspiegel. ©Navionics

Aus der allgemein eher geringen Wassertiefe im Revier folgt, dass Boote mit geringem Tiefgang, wie beispielsweise die in diesem Revier typischen Plattbodenschiffe, mehr Freiheit bei der Törngestaltung besitzen.

Veränderung der Wassertiefe durch die Tide

Leider verläuft das Auf und Ab der Tide nicht mit der schönen Regelmäßigkeit einer Sinuskurve. Die meisten werden schon vom Unterschied zwischen Spring- und Nipptide gehört haben.

Bei Springzeit liegen Mond, Sonne und Erde auf einer Linie (Vollmond, Neumond), der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser (Tidenhub) ist groß.

Bei Nippzeit stehen Mond, Sonne und Erde in einem rechten Winkel (Halbmond) zueinander und der Tidenhub ist geringer.

Dieses Zusammenspiel von Mond und Sonne bewirkt oder ergibt die sogenannte astronomische Tide. Seekarten geben Kartentiefen meist relativ zur niedrigstmöglichen astronomischen Tide an (Lowest astronomical tide), auch bekannt als LAT.

Einfluss von Mond und Sonne auf die Gezeiten (Spring- und Nipptide). ©Herbert Bolz/Wikimedia Commons

Außerdem wird durch die Reibung der Erdoberfläche und die Umlenkung der Tidenströmung an Landmassen der Zu- und Abfluss des Meerwassers behindert, sodass jeder Ort sein eigenes typisches Kurvenbild des Tidenverlaufs über die Zeit hat.

Es üben auch meteorologische Faktoren Einfluss auf den Wasserstand aus. Ein hoher Luftdruck senkt den Wasserstand, ein niedriger hebt ihn. Andauernde Winde aus Ost drücken das Wasser aus dem Wattenmeer heraus, der Wasserstand sinkt. Winde aus West wiederum bewirken das Gegenteil.

Strömungen durch die Tide

Die Drehrichtung des Mondes um die Erde bewirkt, dass die Flutwelle von West nach Ost um die Erde wandert. Bei steigender Tide drückt sich das Wasser des Atlantiks und der Nordsee von Westen her durch die engen Räume zwischen den Inseln (auch Seegatten genannt) in das Wattenmeer und erzeugt eine Strömung tendenziell in östliche Richtung. Bei fallender Tide dreht sich die Strömungsrichtung um.

Die Strömung im niederländischen Wattenmeer kann mehrere Knoten stark sein und muss selbstverständlich bei der Berechnung der Fahrt über Grund berücksichtigt werden. Eine querlaufende Strömung kann auch die Einfahrt in einen Hafen erschweren.

Wind und Gezeiten können im Zusammenspiel komplizierten Seegang erzeugen. ©EricGevaert/stock.adobe.com

Darüber hinaus kann das Zusammenspiel aus Strömung und Wind zumindest bei stärkeren Winden von fünf Beaufort und mehr bedeutsam sein. Ein Wind, der entgegen der Strömungsrichtung bläst, baut eine unangenehme, steile Welle auf, die die Crew fordert und unter Umständen sogar in Gefahr bringen kann.

Besondere Vorsicht gilt in den Durchfahrten zwischen den Inseln, den Seegatten, denn dort kann sich in Verbindung mit der Nordseedünung eine unangenehme Grundsee aufbauen.

Insbesondere in den Seegatten ist eine saubere Törnplanung wichtig. ©Michael Amme

Die richtige Vorbereitung für einem erfolgreichen Törn durch das Wattenmeer

Das alles klingt jetzt sehr schwierig. Wir werden aber sehen, dass es mit dem nötigen Rüstzeug nur ein wenig Übung bedarf, um auch dem Segler mit begrenzter Erfahrung begeisternde Erlebnisse im Wattenmeer zu verschaffen.

Die Vorbereitung eines Wattenmeertörns beginnt schon viele Monate vor dem Ablegen. Wie bei jeder Fahrt wird der Skipper die Crew zusammenstellen, die Fahrtzeit und das Fahrtgebiet festlegen und vieles mehr. Bei einem Wattenmeertörn spielen dabei zwei Faktoren eine besondere Rolle: die Wahl des Schiffes und die Fahrtzeit.

Die Bauart der Yacht spielt eine Rolle bei der Törnplanung. ©Michael Amme

Die Wahl des richtigen Schiffes und der Fahrtzeit

Bei der Wahl des Schiffes für einen Törn im Wattenmeer ist besonders auf den Tiefgang zu achten – hier können 10 oder 20 Zentimeter mehr oder weniger schon entscheidend dafür sein, ob eine bestimmte Route befahren werden kann.

Mit einem Tiefgang von mehr als 1,50 Metern ist es zwar durchaus noch möglich, sich im Wattenmeer zu bewegen, das jedoch nur noch in stärker befahrenen, tieferen Rinnen. Viele Möglichkeiten eröffnet ein Tiefgang von weniger als 1,20 Metern, idealerweise sogar 1,00 Meter oder weniger.

Die traditionellen Plattbodenschiffe sind für das Watt gebaut und haben nur geringen Tiefgang. ©Jürgen Bode

Die Wahl der richtigen Fahrtzeit

Bei der Wahl der Fahrtzeit spielen bei den meisten Crews Urlaubszeiten, Bootsverfügbarkeiten und andere Faktoren eine Rolle. Aber wer die Flexibilität hat, sollte die Springzeit der Nippzeit vorziehen. In der Springzeit sind durch den größeren Tidehub auch geringere Tiefen passierbar, und die verfügbaren Zeitfenster rund um das Hochwasser sind länger. Auch das Trockenfallen fällt leichter. Grundsätzlich bietet die Springzeit mehr Wahlfreiheit bei der Törnplanung.

Tritt zudem zur geplanten Reisezeit das Hochwasser eher zur Tagesmitte hin auf, steigen die Törnoptionen noch weiter. Hochwasser am Morgen oder Abend kann mitunter frühes Aufstehen oder spätes Anlegen bedeuten, dafür aber günstigere Bedingungen zum Trockenfallen zur Mittagszeit.

Nautische Literatur für die Törnvorbereitung im Wattenmeer

Für die Literatur zu Gezeitengewässern gilt wie für Seekarten auch: Es gibt sie auch digital, und man kann sich dadurch sämtliche Berechnungen sparen. Es ist jedoch nicht ratsam, sich allein auf elektronische Navigationsunterlagen zu verlassen – Akkus leeren sich, das Boot entfernt sich zu weit von Mobilfunkmasten, digitale Daten können fehlerhaft sein. Zudem sollte der Skipper immer nachvollziehen können, wie es zu den Ergebnissen der Apps kommt. Nicht zuletzt entlockt es der Crew gerne ein Staunen, wenn der Schiffsführer die komplexen Zusammenhänge der Umgebung erklären kann. Deswegen wird hier die Tidenberechnung „zu Fuß“ erläutert.

Kaum ein anderes Revier verändert sich in solch kurzen Zeitabständen. Ein Fahrwasser, das letztes Jahr unbefahrbar war, wurde vom Tidenstrom „freigeschaufelt“ und kann nun bei Hochwasser passiert werden. Umgekehrt versanden Durchfahrten oder Tonnen werden neu gelegt, weil die Rinne ihren Verlauf geändert hat. Folglich ist unbedingt aktuelles Kartenmaterial zu verwenden!

Auf Charterbooten weit verbreitet, der NV.Atlas Nederland Waddenzee (NL2), er kombiniert die niederländischen Seekarten 1811 (Waddenzee West) und 1812 (Waddenzee Ost). ©Sönke Roever

Wichtig: Vor jedem Törn auch die aktuellen Kartenberichtigungen eintragen! Die auf Niederländisch „Verbeterbladen” genannten „berichten aan zeevarenden“ sind auf der Internetseite des niederländischen Verteidigungsministeriums zu finden.

Kartenberichtigungen lassen sich einfach aus dem Internet herunterladen. ©Netherlands Ministry of Defence

Eine gute Ergänzung zur Seekarte ist auch die ebenfalls im Internet erhältliche Liste der Tiefen der Wattfahrwasser. Sie verzeichnet für alle wesentlichen Fahrwasser die tatsächlich geloteten Mindesttiefen und wird jedes Frühjahr aktualisiert.

Meist genauer als die Seekarte: die Liste der Tiefen vom niederländischen Verteidigungsministerium. ©Netherlands Ministry of Defence

Die Gezeitentabellen und -strömungen lassen sich im Atlas „HP33 Waterstanden en Stromen“ ablesen, einer Veröffentlichung des niederländischen Hydrografischen Dienstes. Sie wird jährlich neu herausgegeben, ist kostenpflichtig und befindet sich auf jedem Charterboot. Alternativ lassen sich die Gezeitenangaben für zahlreiche Orte auch bequem im Internet finden, nicht nur als Verzeichnis der Zeiten von Hoch- und Niedrigwasser, sondern auch als Grafik oder als Höhe der Gezeit im 10-Minuten-Abstand, auch im Excel-Dateiformat.

Tabelle der Hoch- und Niedrigwasserzeiten für Harlingen. ©Rijkswaterstaat

Achtung: Falls die Yacht im friesischen Binnenrevier gechartert wurde, unbedingt auch die Brücken- und Schleusenzeiten berücksichtigen. Die stehen beispielsweise im „ANWB Wateralmanak“.

Gezeitenkunde: Die Törnplanung für die Wattdurchfahrt Schritt für Schritt erklärt

Gezeitenkunde: Benachrichtigungen für Seefahrende beobachten

Auf der Internetseite des Verteidigungsministeriums sind auch die aktuellen Nachrichten für Seefahrer (Berichten aan Zeevarenden) zu finden. Informationen über kurzfristige Änderungen, die eventuell noch in keiner Karte oder keinem Revierführer verzeichnet sind, liefert auch die ausgezeichnete Seite der Wattfahrer (wadvaarders), wo unter „Navigatiemeldingen“ Mitglieder ihre Beobachtungen melden.

Beispiel für die „Berichten aan Zeevarenden“. ©Netherlands Ministry of Defence

Besonders zu beachten sind auch die meist befristeten Fahr- und Ankerverbote zum Tierschutz. Sie sind in der Seekarte eingezeichnet, eine Übersicht findet sich auch im Internet auf der Seite von Nautin.

Gezeitenkunde: Den aktuellen Wasserstand ermitteln

Es ist wichtig, sich ein Bild vom aktuellen Wasserstand zu verschaffen. Wie oben erwähnt, ist er nicht nur von den schon weit im Voraus bekannten astronomischen Gegebenheiten abhängig, sondern auch von der Wetterlage. Auf See ist es möglich, per Funk von den Küstenfunkstellen Auskunft zu bekommen, doch findet sich die Information selbstverständlich auch im Internet.

Erwartete Gezeit („verwacht getij“) und Abweichung von der astronomischen Gezeit („afwijking tov astro“). ©Rijkswaterstaat

In der vorstehenden Tabelle ist zu erkennen, dass sowohl die Uhrzeit als auch die Höhe der Gezeit von der astronomischen Gezeitentabelle abweicht. In Folge müssen zu den Wasserständen aus der Standardgezeitentabelle die Abweichungen addiert werden. Diese können leider auch mal negativ sein, sodass die Wassertiefe bei Niedrigwasser noch geringer ist als die auf LAT basierenden Angaben in der Karte.

Achtung: Auch wenn sich LAT als Kartennull weitgehend durchgesetzt hat, verwenden niederländische Nautiker leider noch immer auch den Normaal Amsterdams Peil (NAP), der ungefähr auf der mittleren Meereshöhe der Nordsee liegt. Der Unterschied zu LAT ist ortsabhängig und in der Seekarte eingetragen. In Harlingen beispielsweise liegt LAT 1,34 Meter unter NAP!

Gezeitenkunde: Die Strömung ermitteln

Die Strömung kann an einzelnen Stellen des Wattenmeers bis zu vier (!) Knoten betragen. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn der Wind die Segel füllt, das Wasser am Rumpf vorbeirauscht, aber das Land sich einfach nicht bewegen will! Im Watt wird daher versucht, stets mit der Strömung zu segeln, auch wenn das nicht immer möglich ist.

Manchmal ist es auch ratsam, bei entgegenlaufender Strömung zu ankern und abzuwarten, bis sich die Strömungsrichtung umkehrt (kentert). Kreuzen gegen die Strömung ist meistens aussichtslos. Ab fünf Beaufort sollte überdies eine Wind-gegen-Strömung-Situation vermieden werden, weil sich dann eine unangenehme Welle aufbaut.

In der zuvor beschriebenen „HP33 Waterstanden en Stromen“ befindet sich ein Gezeitenstromatlas, der die Strömungen für jede Stunde des Tages anzeigt.

Mit dem Gezeitenstromatlas ist es möglich, die Strömungen auf dem geplanten Törn besser einzuschätzen sowie die günstigste Ablegezeit und die ungefähre Fahrtdauer zu ermitteln. ©Jürgen Bode

Die Strömungssituation auf einer geplanten Route kann zu sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten über Grund und damit auch der Fahrtdauer führen. Die aus Strömungssicht optimale Ablegezeit zu ermitteln ist nicht ganz einfach, da der Schiffsführer zu jeder Stunde einschätzen muss, wo das Boot sich befinden wird, um an dieser Stelle im Stromatlas die entsprechende Strömung abzulesen, und das für mehrere alternative Ablegezeiten.

Gezeitenkunde: Die Mindestwassertiefe für die Durchfahrt ermitteln

Im nächsten Schritt muss das Zeitfenster berechnet werden, innerhalb dessen ein Wattfahrwasser passiert werden kann. Zuerst wird die gewünschte Kielfreiheit festgelegt, das heißt der Mindestabstand, den wir zur Sicherheit zwischen Kiel und Meeresboden einhalten möchten.

Der Chartersegler mit wenig Kenntnis über das Boot sollte in ruhigem Wasser 0,50 Meter Kielfreiheit anstreben. Werden hohe Wellen (beispielsweise in den Seegatten) erwartet, sollte es entsprechend mehr sein. Die Mindestwassertiefe, die an jedem Ort der Strecke benötigt wird, ist demzufolge der Tiefgang des Boots plus die Kielfreiheit. Also benötigt beispielsweise eine Yacht mit einem Tiefgang von 1,10 Metern und einer angestrebten Kielfreiheit von 0,50 Metern eine Mindestwassertiefe von 1,60 Metern.

Nun wird anhand der Seekarte, oder noch besser: der Liste der Tiefen der Wattfahrwasser, die geringste Tiefe der Fahrtroute ermittelt. Dabei darf nicht vergessen werden, sie um die Abweichung von der astronomischen Gezeit zu korrigieren. Ist die geringste Tiefe der Fahrtroute größer als die angestrebte Mindestwassertiefe, können alle Flachstellen jederzeit passiert werden.

Ein Beispiel: Wir möchten das Noord Meep, eine Rinne südlich von Terschelling, passieren. In der Liste der Tiefen der Wattfahrwasser ist als geringste Tiefe 3,60 Meter (LAT) verzeichnet und die Abweichung von der astronomischen Gezeit haben wir mit -0,20 Meter ermittelt. Die aktuell geringste Tiefe ist also 3,40 Meter. Somit ist für uns mit der geforderten Mindestwassertiefe von 1,60 Meter das gesamte Noord Meep jederzeit passierbar.

„Jederzeit“ heißt aber nicht, dass die Abfahrtszeit keinen Einfluss auf die Fahrbedingungen hat. In jedem Fall muss auch die Strömungssituation auf der Route beachtet werden, die vorherige Berechnung stellt nur sicher, dass immer genug Wassertiefe vorhanden ist.

Das niederländische Wattenmeer verändert im Takt der Gezeiten ständig sein Gesicht. ©roebertdering/stock.adobe.com

Gezeitenkunde: Die Zeit für die Durchfahrt in flacheren Gewässern ermitteln

Die navigatorisch spannendere Situation ist diejenige, in der das Fahrwasser auf der Route nicht jederzeit passierbar ist. Für die Berechnung des Zeitfensters für die Durchfahrt gibt es eine zeichnerische und eine tabellarische Methode.

Die zeichnerische Methode

Zunächst ein Beispiel für die zeichnerische Methode unter Zuhilfenahme der Gezeitenseite der Rijkswaterstaat. Angenommen wir möchten das Molenrak passieren, ungefähr fünf Seemeilen nordwestlich der Schleuse Kornwerderzand. In der Liste der Tiefen der Wattfahrwasser lesen wir eine gelotete Tiefe von -0,20 Meter ab. Das negative Vorzeichen bedeutet, dass der Meeresboden bei Niedrigwasser (LAT) 20 Zentimeter über der Wasseroberfläche liegt, also trockenfällt. Die aktuelle Abweichung von der astronomischen Gezeit ist -0,10 Meter, die geringste „Tiefe“ also -0,30 Meter über der Wasseroberfläche.

Auf der Internetseite waterinfo.rws.nl können die aktuellen Tiefen abgelesen werden. ©Rijkswaterstaat

Da für das Molenrak keine Gezeitentabellen geführt werden, müssen auf der Gezeitenseite der Rijkswaterstaat die Daten von Kornwerderzand als nächstgelegenen Bezugsort ausgewählt werden. Dort erhalten wir die Gezeitengrafik durch Klick auf „Grafiek“, klicken unter „Export/Delen“ auf „Printen“ und bekommen folgende Grafik als PDF angezeigt.

Zeichnerische Ermittlung der Durchfahrtzeit Molenrak. ©Jürgen Bode

Wir addieren die zuvor ermittelte Kartentiefe von Molenrak (0,30 Meter über der Wasseroberfläche) mit unserem Tiefgang (1,10 Meter) und der angestrebten Kielfreiheit (0,50 Meter). Im Ergebnis erhalten wir einen Mindestwasserstand von 1,90 Metern. Tragen wir diesen Wert als Linie in die Grafik ein, ist ein kleiner Bereich der Tidenkurve erkennbar, der über der Linie liegt. In diesem Zeitfenster haben wir ausreichend Wasser unter dem Kiel und können das Molenrak passieren. Hier im Beispiel von etwa 18:00 bis 21:00 Uhr.

Genau genommen gibt es noch einen zeitlichen Versatz zwischen der Tide im Molenrak und dem Bezugsort Kornwerderzand. Er kann in einer Karte in der HP33 abgelesen werden. Die Bezugsorte liegen im niederländischen Wattenmeer jedoch so dicht beieinander, dass der Gezeitenunterschied zum nächstgelegenen Bezugsort meist nur wenige Minuten ausmacht und entsprechend vernachlässigt werden kann.

Die tabellarische Methode

Manchen Seglern ist die zuvor beschriebene Methode zu aufwändig oder zu ungenau. Die Gezeitenseite der Rijkswaterstaat bietet eine Alternative. Durch Klick auf „Tabel“ und unter „Export/Delen“ auf „PDF“ oder „CSV“ wird eine Tabelle angezeigt, die im 10-Minuten-Abstand die Wassertiefe aufführt. Die Berechnung der Mindesthöhe der Gezeit für die Durchfahrt erfolgt wie bei der zeichnerischen Methode (umgekehrtes Vorzeichen der Kartentiefe beachten). Anschließend lässt sich der Bereich der Tabelle leicht eingrenzen, in dem die Wassertiefe die Mindesthöhe der Gezeit übersteigt. In unserem Beispiel ist es von 17:50 Uhr bis ca. 21:15 Uhr.

Tabellarische Ermittlung der Durchfahrtzeit Molenrak. ©Jürgen Bode

Die Zwölftelregel

Der Vollständigkeit halber sei noch die Zwölftelregel erläutert, die als Faustregel in der Literatur zu finden ist. Im Wattenmeer ist sie wirklich nicht mehr als eine Faustregel und kann die oben beschriebenen Methoden nicht ersetzen, weil sie einen weitgehend sinusförmigen Verlauf der Tide voraussetzt, der meist nicht vorzufinden ist. Wenn jedoch nur die Zeiten aus der Gezeitentabelle bekannt sind oder einfach nur ein schneller Überblick verschafft werden soll, ist die Zwölftelregel durchaus hilfreich.

Die Zwölftelregel macht sich zunutze, dass sich die Steigung einer Sinuskurve näherungsweise in zwölf Teile teilen lässt. Dazu ein Beispiel: Wir möchten für unsere Durchfahrt am 2. Juni 2021 einschätzen, wann die Gezeit für den Bezugsort Harlingen eine Höhe von 1,75 Metern erreicht hat. Aus der Gezeitentabelle entnehmen wir eine Höhe der Gezeit bei Hochwasser um 15:58 Uhr von 2,31 Metern und eine Höhe der Gezeit des vorherigen Niedrigwassers um 10:16 Uhr von 0,31 Metern. Daraus ergibt sich ein Tidenstieg von 2,00 Metern. Aufgeteilt in zwölf Teile ergeben sich ungefähr (abgerundet) 16 Zentimeter.

Die Zwölftelregel zerteilt nun eine Sinuskurve von ihrem Tiefpunkt (Niedrigwasser) bis zu ihrem Hochpunkt (Hochwasser) horizontal in 6 Abschnitte – dies entspricht den annähernd 6 Stunden, die von Niedrigwasser bis Hochwasser vergehen. Das Wasser steigt nun folgendermaßen:

Ab 14:16 Uhr ist nach dieser Rechnung eine Höhe der Gezeit von 1,75 Metern erreicht und die Durchfahrt ist möglich. ©Jürgen Bode

Aufgrund der Näherungen und Rundungen „trifft“ das Modell nicht genau das wirkliche Hochwasser, das um 15:58 Uhr eintritt und eine Höhe von 2,31 Metern hat. Aber für eine erste Übersicht ist es genau genug.

Um zu ermitteln, wann die Höhe von 1,75 Metern wieder unterschritten wird, kann natürlich auch anschließend vom Hochwasser wieder bis zum folgenden Niedrigwasser zurückgerechnet werden. Der Tidenfall hat jedoch einen anderen Betrag als der Tidenstieg. Es muss also für den Tidenfall mit dem Wasserstand beim nächsten Niedrigwasser und dem aktuellen Hochwasser ein neuer Zwölftelwert errechnet werden.

Achtung: Die Zwölftelregel gilt nur für Orte mit relativ gleichförmiger Tide. Eine krasse Abweichung von der idealen Sinusform hat beispielsweise die Gezeit in Den Helder – dort treten sogar zwei Hochwasser unmittelbar hintereinander auf.

Der Tidenverlauf von Den Helder. Man beachte den extrem untypischen Verlauf des „doppelten“ Hochwassers und den ausgesprochen steilen Tidenstieg. ©Rijkswaterstaat

Ablegezeit ermitteln

Ist die Durchfahrtszeit bekannt, lässt sich mit „klassischen“ Methoden der Routenplanung die Ablegezeit festlegen. Natürlich muss der Einfluss der Strömung berücksichtigt werden. Es kann durchaus erforderlich sein, zeitweise gegen den Strom zu fahren, um das Zeitfenster der Durchfahrt nicht zu verpassen. Wer knapp kalkuliert hat, sollte lieber früher losfahren und gegebenenfalls vor dem Wattenhoch ankern, bis das Wasser ausreichend gestiegen und die Durchfahrt möglich ist.

Ermittlung der Zeiten und Kartentiefen für das Trockenfallen

Wer das Glück hat, ein Plattbodenschiff oder einen Kimmkieler zu steuern, besitzt die Chance auf das einzigartige Erlebnis, im Watt trockenzufallen. Ein Trockenfallen mit einem Kielboot empfiehlt sich nicht, denn anders als in deutschen Wattenhäfen ist der Meeresboden im niederländischen Watt nicht weich genug, als dass der Kiel im Schlick einsinken würde.

Trockenfallen im Fransche Gaatje. ©Jürgen Bode

Beim Trockenfallen spielen drei Variablen ineinander: Wann, wie lange und bei welcher Kartentiefe ist es möglich trockenzufallen? Auch in diesem Fall kann die beste Zeit zum Trockenfallen zeichnerisch, tabellarisch oder mit der Zwölftelregel ermittelt werden. Ich beschränke mich hier auf die zeichnerische Berechnung, davon ausgehend können leicht die anderen Methoden hergeleitet werden.

Dazu wieder ein Beispiel: Wir planen, in der Umgebung des Molenraks trockenzufallen. Der entsprechende Bezugsort ist Kornwerderzand. Unter Zuhilfenahme der Gezeitenseite der Rijkswaterstaat laden wir die entsprechende Gezeitenkurve.

Zeichnerische Ermittlung der Variablen für das Trockenfallen. ©Jürgen Bode

Als erstes legen wir fest, dass wir zwei Stunden trockenliegen wollen. Es wird eine Horizontale gezeichnet und auf und ab verschoben, bis sie die Gezeitenkurve so schneidet, dass die Höhe der Gezeit für zwei Stunden unter der Horizontalen zu liegen kommt (im Beispiel: 50 Zentimeter).

Anschließend tragen wir eine zweite Horizontale darüber ein, der Abstand ist gleich dem Tiefgang des Boots (1,10 Meter). Die Schnittpunkte mit der Gezeitenkurve markieren den Zeitpunkt des Festkommens (ca. 12:00 Uhr) und des Loskommens (ca. 19:30 Uhr) sowie die entsprechende Höhe der Gezeit (1,60 Meter). Wir liegen also ungefähr 7,5 Stunden fest.

Nun schauen wir uns die Seekarte in der näheren Umgebung an. Um zwei Stunden trockenzufallen, müssen wir mit unserem Schiff auf einer (korrigierten) Kartentiefe von minus 0,50 Meter auf Grund laufen (untere Horizontale; Achtung: Vorzeichenumkehr!). Der Schiffsführer muss dafür sorgen, dass das Schiff zur berechneten Zeit tatsächlich auf Grund läuft. Kommt man später als berechnet fest, liegt die Tide tiefer als geplant, die beiden horizontalen Linien verschieben sich nach unten. Das führt dazu, dass die Yacht früher als berechnet loskommt und die Dauer des Trockenliegens sich verkürzt. Umgekehrt verlängert zu frühes Aufsetzen die Dauer des Trockenliegens.

Die Törnplanung mit Gezeiten erinnert mitunter an das „Büffeln“ für die Schule. ©Michael Amme

Tipp: Trockenfallen bei Nippzeit ist schwieriger als bei Springzeit. Durch den geringeren Tidenhub verlängert sich tendenziell das Festliegen und verkürzt sich die Zeit des Trockenliegens.

Natürlich kann, anstatt der Dauer des Trockenliegens, der Ausgangspunkt der Berechnung auch die Zeit des Festkommens, des Loskommens oder die gewünschte Kartentiefe sein. Die zeichnerische Ermittlung erfolgt aber ganz analog.

Die Zwölftelregel ist ohne viel Rechnen und Zeichnen eine praktische Faustregel. Zumeist wird der Platz zum Trockenfallen in einem Zeitfenster zwischen Hochwasser minus 2 Stunden und Niedrigwasser plus 2 Stunden angesteuert. In dieser Zeit gilt näherungsweise: Wenn sich ein Viertel des Tidenfalls unter dem Schiff befindet, dauert es noch eine Stunde bis Festkommen.

Mit der richtigen Törnplanung kann man im Watt tolle Erlebnisse haben. ©Michael Amme

Fazit

Für die Berechnung der Gezeiten und das Trockenfallen im niederländischen Wattenmeer müssen ein paar Dinge bedacht werden, da wir andernfalls mit der Yacht in eine gefährliche Situation geraten können. Ich hoffe, die vorstehenden Tipps und Tricks helfen diesbezüglich, die Tide und ihre Wasserstände zu berechnen. Ich wünsche unbeschwerte Stunden in diesem einmaligen Revier.

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Roman
Roman
1 Monat her

Die Seefahrtschule und RYA Trainingcenter bietet Gezeitenkurse ,auch online zum Selbststudium. Infos unter nautika.at

TommyB
TommyB
30 Tagen her

ganz toller Artikel. Suuper, vielen Dank. Ich werde nächste Woche zum ersten Mal dort segeln und diese vielen guten Informationen und Tips gebrauchen und anwenden :-).

Jürgen Bode
Jürgen Bode
2 Tagen her
Reply to  TommyB

Sehr schön, Tommy. Dann schreib doch mal bei Gelegenheit, wie du in der Praxis damit klar gekommen bist.

Stormvogel 2
Stormvogel 2
9 Tagen her

Super erklärt und jeder muss die manuelle Berechnung beherrschen, wenn er/sie auf das Wattenmeer fährt. Für alle die, die es können gibt es eine sehr gute App von Nautin.nl: QuickTide. https://www.nautin.nl/wb/pages/getij/quicktide.php Sie kostet wohl 15 € pro Jahr, ist aber meiner Meinung nach, das Geld wert. Neben der berechneten Tide bekommt man auch die erwartete Tide (Berücksichtigung von Windstärke und -richtung – sowie Strömung) für die nächsten Tage angezeigt. Die Daten werden mehrmals täglich aktualisiert. Zur Aktualisierung braucht man natürlich eine Internetverbindung. Aber es ist nicht wirklich notwendig laufend zu aktualisieren. Wir machen das in der Regel einmal täglich. Die… Mehr lesen »