Segeln in Holland: Vecht und Seenplatte Loosdrecht

Von Michael Amme

Michael ist seit über 20 Jahren als Journalist und Fotograf auf dem Wasser tätig. Der studierte Geograf hat weltweit Reisereportagen in mehr als 100 Charter- und Blauwasserrevieren produziert. Zudem haben den Hamburger viele Segelreisen und seine frühere Tätigkeit als Charter- und Überführungsskipper rund um den Globus geführt. Zusammen mit Sönke Roever ist er die treibende Kraft von BLAUWASSER.DE und ein beliebter Referent auf Bootsmessen und diversen Seminaren (siehe Termine).

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Selbst mit einer Kielyacht sind diese traumhaften Binnenreviere befahrbar

Ein paar Schäfchenwolken zieren den stahlblauen Himmel, die Vormittagssonne wärmt, ein kleiner Lufthauch streicht über die blaugraue See. Eine Oceanis 321 gleitet unter vollen Segeln zwischen zwei winzigen Schilfinselchen hindurch, der holländische Skipper steuert seine Yacht mit freiem Oberkörper Richtung Süden. Drei Jugendliche fahren dahinter im Polyfalken einen Aufschießer, Segel flattern, der Anker plumpst ins Wasser, jauchzend springen die Teenies hinterher.

Auf der Seenplatte Loosdrecht (auch: Loosdrechtse Plassen) tummelt sich ein buntes Potpourri an Booten.

Auf der Insel Markus Pos gegenüber rascheln die Laubbäume im Wind, frisch gemähte Rasenflächen reichen bis an die mit viel Schilf bewachsenen Ufer, es gibt einen kleinen Hafen mit hölzernen Stegen und einen goldgelben Strand. Wie im Freibad liegen die Besucher auf ihren Handtüchern und Decken in der Sonne, Eltern bohren ihre nackten Zehen in den warmen Sand, Kinder planschen am flachen Ufer.

Grüne Wiesen, feiner Sandstrand und blaues Wasser sind die Zutaten auf der Insel Markus Pos.

Alle Besucher auf dieser nur 250 Meter breiten Insel sind mit dem eigenen Boot gekommen, viele ziehen später einfach weiter. Auf eine der anderen Inseln oder zurück ans Festland, in einen der über drei Dutzend Sportboothäfen, in denen über 4.000 Segel- und Motorboote liegen. Die Zahlen deuten darauf hin, dass es sich hier um ein bedeutendes und großes Wassersportrevier der Niederlande handelt.

Die Seenplatte Loosdrecht ist winzig, aber abwechslungsreich

Doch weit gefehlt! In Wahrheit sind die Loosdrechtse Plassen nur zwei mal zwei Seemeilen groß! Der Grund, warum hier trotzdem so viele Boote sind, könnte an der Lage liegen. Das Revier ist über die Vecht mit dem Markermeer und damit mit Amsterdam, dem Ijsselmeer und der Nordsee verbunden. So kann jeder, der in Holland mit einem Boot unterwegs ist, dieses Mikrorevier erreichen. Das Beste daran: Die gerade mal 13 Seemeilen lange Anreise über den Fluss Vecht ist ein weiterer Höhepunkt, doch dazu später.

Sieht aus wie ein Hochseerevier, ist aber die Seenplatte Loosdrecht mit einem der vielen Häfen.

„Wer Spaß an einer etwas turbulenten Ferienatmosphäre hat, der sollte in dieses einmalige Wassersport- und Naherholungsgebiet fahren.“, schreibt Jan Werner in seinem Holland-Törnführer. Zugegeben, für eine hochseetaugliche Yacht mit Langkielversion ist das Revier nicht geeignet. Wird die Tiefe der Vecht bis zum Abzweig in die Loosdrechtse Plassen noch mit 2,20 Meter angegeben, rät der Törnführer, in die Plassen selbst nur mit bis zu 1,45 Meter Tiefgang einzubiegen.

In der ehemaligen Sumpflandschaft gibt es heute viele Yachthäfen

Ursprünglich war diese Wasserfläche eine Sumpflandschaft, die vor hunderten von Jahren trockengelegt wurde. Erst trug man im entstandenen Moor den Torf ab, dann baggerte man es bis zum Grundwasserspiegel aus. Die daraus entstandenen Seen verbanden sich zu den heutigen Loosdrechtsen Plassen, die im Westen Dutzende bis zu zwei Kilometer lange und schiffbare Stichkanäle haben. Hier, an den Kanalenden, liegt ruhig und abgeschieden das erste Dutzend Yachthäfen.

Der Hafen der Gooise Watersport Vereniging im Norden der Seenplatte ist eine moderne Marina.

Richtig was los ist in den Häfen am Nordufer, auf gut drei Kilometer Länge reiht sich eine Steganlage an die nächste. Hotels, Yachtclubs, Werften, Bootsvermietungen, Restaurants und Geschäfte bieten hier ihre Dienste an. Vor dem Hafen der Gooise Watersport Vereniging finden regelmäßig Regatten statt, etwas weiter im Westen steht der gut besuchte Beachclub De Dikke am Ufer. Eingerichtet mit extravaganten Stühlen, Lampions, Polstermöbeln und Perserteppichen werden hier zu Mittag Burger und am Abend frische Fischgerichte serviert.

Kalte Getränke und Eis werden im Revier auch direkt auf dem Wasser verkauft.

Idyllische Schilfufer laden zum Festmachen ein

Entlang der weniger bebauten Ufer ducken sich gediegene Einfamilienhäuser mit reetgedeckten Dächern unter die mit Erlen und Weiden bepflanzten Grundstücke. Idyllische Plätze mit eigenem Bootssteg, Schilfufern und Terrassen, von denen die glücklichen Bewohner ihre Beine ins Wasser baumeln lassen können. Wer Ruhe sucht, findet abseits der Häfen auf den Inseln und entlang der Stichkanäle einsame Anlandeplätze, an denen man bis zu drei Tage kostenlos liegen und die freie Natur genießen kann.

Mehr Ruhe und Abgeschiedenheit, um vom Alltag abzuschalten, ist kaum möglich.
Auf den Loosdrechtse Plassen findet jeder Bootstyp sein Glück.

Auf der Insel mit dem Namen Robinson Crusoe gibt es ein Wassersportzentrum für Menschen mit Behinderungen, bei Boomhoek ganz im Osten hallenartig überdachte Wasserliegeplätze und im Hafen nebenan liegen bis zu 20 Meter große Motoryachten. Die kleinen Loosdrechtse Plassen überraschen durch ihre Vielfalt, locker kann man sich hier ein paar Tage von einer Uferseite zur nächsten und wieder zurück treiben lassen. Oder zu neuen Ufern aufbrechen und im Westen durch die gebogene Mijndense-Schleuse in die Vecht wechseln.

Ein Unikum ist die gebogene Schleuse, die die Seenplatte Loosdrecht mit der Vecht verbindet.

Die Vecht – der schönste Fluss Hollands

Immer wieder wird dieser kurvenreiche Seitenarm des Rheins als der schönste Fluss Hollands bezeichnet, viele nennen ihn sogar die Loire der Niederlande. Warum? Weil sich der malerische Wasserarm durch eine grüne Landschaft mit parkähnlichen Grundstücken schlängelt, auf denen alte Landhäuser, Herrensitze und Schlösschen stehen. Immer gibt es etwas zu gucken: Kunstvolle Gartenpavillons ziehen vorüber, kleine Ortschaften, idyllische Anleger, Caféhäuser, Obstplantagen, stylische Hausboote, restaurierte Windmühlen, Traditionsschiffe und historische Hebebrücken. Holland pur.

Das Beste an der Vecht ist die Schiffbarkeit mit stehendem Mast und bis zu 2,20 Meter Tiefgang.

Zum Glück gehört diese einst wichtige Schiffsverbindung heute ganz den Sportbootkapitänen, der Warenverkehr ist schon seit über hundert Jahren auf den nahe gelegenen, schnurgeraden Amsterdam-Rijnkanal ausgewichen. Auf dem Weg bis ins Markermeer gibt es nur eine Schleuse bei der Mündung in Muiden, und die neun beweglichen Brücken öffnen unkompliziert bei Bedarf (bis auf eine Eisenbahnbrücke mit festen Zeiten). Starke Strömungen muss hier niemand befürchten, fast unmerklich fließt das Flüsschen an den lieblichen Ufern vorüber.

Auf der Vecht erwartet den Segler Idylle pur mit vielen grünen Ufern.

Mit der schönste Teil der Vecht beginnt gleich hinter den Loosdrechtsen Plassen. Vom Steuerstand aus gleiten die Blicke über die Gärten und Terrassen der prächtigen Anwesen aus vergangenen Jahrhunderten, Trauerweiden wachsen über die Ufer hinaus bis ins Wasser und am Ufer steht die wuchtige Windmühle de Hoop von 1901 und streckt ihre hölzernen Flügel in den blauen Sommerhimmel. Gemächlich gleiten Boote jeder Bau- und Antriebsart durch die Postkartenidylle, ein Schriftzug auf einer der roten Fahrwassertonnen erinnert an die hier zulässige Höchstgeschwindigkeit von 6 Kilometern pro Stunde.

Für die Kinder im Optimisten ist die geschützte Vecht ein ideales Übungsrevier.

Hausboote und Wassergrundstücke sind begehrt

Jedes Grundstück hat seinen eigenen hölzernen Steg, vom Paddelboot über das kleine Motorboot bis zur hochseetauglichen Kielyacht ist hier alles vertäut, was schwimmt. „Ja, hier zu wohnen ist ein Traum“, erzählt ein Anwohner aus Loenen, der gerade die Cockpitpersenning seines GFK-Klassikers löst, „ein bisschen wie Dauerurlaub“.

Ein Wassergrundstück an der Vecht ist wie ein Leben im Dauerurlaub.

Fast noch besser haben es die Bewohner der vielen, am grünen Ufer festgemachten Hausboote. Mit der Kaffeetasse in der Hand genießen sie auf ihren mit Loungesesseln möblierten Terrassen die stille Umgebung, das sanfte Plätschern des Wassers und den frischen Duft der Laubbäume und des Flusses.

Wer Mast und Segel hat, lässt sich im Fluss auch vom Wind antreiben. Wie von Geisterhand öffnen sich auf dem Weg zur Mündung die Brücken, moderne Bauwerke mit nur einem Flügel genauso wie wunderschöne alte, mit hölzernen Handläufen verzierte Stahlkonstruktionen und Kettenläufe, die gleich zwei Brückenflügel in die Höhe zerren.

Bei der Brücke in Vreeland kann man direkt vor den Korbstühlen des Restaurants festmachen.

Eine davon ist in Vreeland, davor hat das Hotel und Restaurant De Nederlanden auf einem Grünstreifen seine Sonnenschirme und Korbsofas aufgestellt. Ein herrlicher Ort für eine Kaffeepause, auch die befestigten Ufer laden zum Festmachen ein. Auf der Speisekarte stehen Kalb und Kabeljau und am Abend wird ein Acht-Gänge-Menü für knapp 97,50 Euro angeboten. Aber keine Sorge, entlang des Flusslaufs gibt es auch weniger hochpreisige Gastronomie mit Terrassen direkt am Wasser.

Wer möchte, findet überall entlang der Vecht auch einsame und kostenfreie Liegeplätze.

Die Vecht ist Entschleunigung pur

Hinter Nigtevecht steht plötzlich eine braun-weiße Kuhherde knietief im Fluss. Ein paar Boote liegen mit dem Bug auf der flachen Böschung, Kinder planschen neben den Wiederkäuern im Wasser und zwischen ein paar Seerosen schnattert eine Entenfamilie um die Wette. Genau hier stehen ein paar mit Brettern verbundene Dalben zum Festmachen im Fluss, kostenlose Anlegestellen wie diese gibt es viele. Wenn hier der Borddiesel verstummt und der Schiffsverkehr nach der letzten Brückenöffnung zum Erliegen kommt, raschelt nur noch das Schilf im Wind.

Auf der Vecht kommen sich Mensch, Tier, Schiff und Natur stets ganz nahe.

Weesp nebenan versprüht mit seinen 18.000 Einwohnern dagegen fast schon städtisches Flair. Die alte Festungsstadt hat zwei Yachthäfen und ist nur 12 Kilometer Luftlinie vom Zentrum in Amsterdam entfernt. Der schönste Platz für Gastlieger ist die Gracht im Zentrum, direkt an der Schleuse stehen auch die rustikalen Holztische des Cafés Toeters & Bellen. Für einen Aperitif der perfekte Platz, hier tauchen die warmen Sonnenstrahlen der Abendsonne die Besucher in goldgelbes Licht.

Weesp ist ein lebendiges Örtchen, das Café Toeters & Bellen eine lohnenswerte Adresse.

Im historischen Muiden mündet die Vecht ins Markermeer

Muiden bedeutet Mündung, hier fließt die Vecht in die alte Zuidersee, das heutige Markermeer. Die Lage hatte dem winzigen Städtchen bis 1894 bescheidenen Reichtum gebracht. Dann öffnete der Amsterdam-Rhein-Kanal und die Schifffahrt auf der Vecht kam zum Erliegen. Doch heute herrscht in den alten Schleusen wieder Hochbetrieb, jährlich passieren über 30.000 Sportboote die knarzenden Holztore. Es gibt Werften, Yachthäfen und das Wahrzeichen der Stadt, das gewaltige Schloss Muiderslot von 1280. Eine Wasserburg, die als Museum geöffnet ist und so restauriert wurde, wie sie im Mittelalter ausgesehen hat.

Die Schleuse von Muiden ist in den Sommermonaten im Dauereinsatz.

Dahinter öffnen sich das Markermeer und die Randmeere, etwas weiter das Ijsselmeer und die Nordsee. Im Gegensatz zu der Beschaulichkeit der letzten Tage wirken die Ausmaße plötzlich riesig und unübersichtlich, fast schon bedrohlich. Offene See, weite Distanzen und Wellen – mit Pech werden Etappenziele hier wieder zu Herausforderungen. Also Vorsicht vor Vecht und Loosdrechtsen Plassen, denn die Frage der Zukunft wird lauten: Wo noch kann ich so geschützt, entspannt und idyllisch meinen nächsten Urlaub verbringen?

Mit viel Liebe zum Detail ist die Vecht ein makellos herausgeputztes Revier.

Charter

Vor Ort gibt es ein paar kleine Bootsvermieter, die neben Jollen auch Kajütboote vermieten. Wer das Revier mit größeren Charteryachten befahren möchte, findet im nahen Markermeer ein großes Angebot, genauso wie im nur eine Tagesreise entfernten IJsselmeer.

Chartermöglichkeiten im Revier gibt es viele, vor allem auch im nahen Markermeer.

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Weitere Infos zum Revier

Revier und Navigation

Von der Seeschleuse in Muiden sind es etwa 13 Seemeilen zu den Loosdrechtse Plassen, die selbst nur zwei mal zwei Seemeilen groß sind. Zusammen gibt es zwei Schleusen und acht bewegliche Brücken. Maximaler Tiefgang auf der Vecht bis 2,20 Meter, auf den Plassen sind bis 1,45 Meter empfohlen. Masthöhe: bis 29 Meter.

Wer im Markermeer unterwegs ist, sollte Vecht und Loosdrechtse Plassen nicht auslassen.

Brücken und Schleusen

Ganzjährig in Betrieb, Öffnungen bei Bedarf, Kernzeit zwischen 9.00 und 19.00 Uhr, in der Saison länger, Pausenzeiten beachten. Die Eisenbahnbrücke bei Weesp hat feste Zeiten (in der Saison viermal täglich).

Die Eisenbahnbrücke bei Muiden ist das einzige Hindernis mit festen Öffnungszeiten.

Häfen und Ankerplätze

Dutzende Anlegestellen, teilweise ohne Zugang zum Land, erlauben kostenloses Liegen (für maximal drei Tage an einem Platz). In den Häfen sind die Liegegebühren sehr moderat, Strom und Duschen kosten meist extra.

Wer am grünen Ufer festmacht, darf keine Infrastruktur erwarten und zahlt dafür aber auch nichts.

Literatur & Seekarten

• Jan Werner, Holland 1, Delius Klasing Verlag
• ANWB-Karte I, Vechtplassen (bildet das ganze Revier ab)
• ANWB-Karte P/R, Detailkarte für Loosdrechtse Plassen (wichtig wegen der genauen Tiefenangaben)