Wettervorhersage-Software für Segler: Daten lesen, interpretieren und richtig handeln.

Von Meeno Schrader

Dr. Meeno Schrader ist Diplom-Meteorologe, TV- und Hörfunk-Wetterexperte sowie Wetterrouter und -berater. Zudem ist der an der Nordsee aufgewachsene Fahrten- und Regattasegler mit mehr als 50.000 Seemeilen im Kielwasser Gründer der WetterWelt GmbH, die mit rund 20 Mitarbeitern weltweit Wassersportler und die Berufsschifffahrt berät.

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Umgang mit Seewetter – agieren statt reagieren

Wer auf Langfahrt geht, der wird es sehr schnell merken: Alles dreht sich um das Wetter. Wen wundert es? Es gibt nur wenige Sportarten, die dermaßen eng mit der Natur verbunden sind, vergleichbar mit Wandern, Bergsteigen oder Fliegen. Wer die Segel setzt, ist dem Wetter komplett ausgesetzt.

Ist das so? Sind wir dem Wetter wirklich komplett ausgesetzt? Für viele Segler hat es den Anschein. Aber dem ist nicht so. Unser Handlungsspielraum ist groß, sehr groß sogar, wenn wir ihn nur nutzen. Oder um es etwas philosophischer auszudrücken: Es geht beim Wetter und seiner Vorhersage nicht darum zu reagieren, sondern zu agieren!

Das Ziel sollte also immer sein, aktiv mit dem Wetter umzugehen und vorher zu wissen, was kommt! Nicht selten höre ich von Seglern, die ich berate, Sätze wie: „Plötzlich war der viele Wind da!“ oder „Von jetzt auf gleich waren wir mittendrin im Gewitter!“. Womit wir genau genommen schon mitten im Thema sind. Denn Wetter, wie viel Wind, womöglich Sturm aber auch Flaute oder Gewitter, bahnt sich an. Langsam entwickeln sich die Veränderungen, in der Regel über Stunden. Und gerade das ist wertvolle Zeit, die wir durch Agieren zu unserem Vorteil nutzen können.

Schlechtes Wetter zieht auf. Noch bleibt genug Zeit zum Reagieren. ©WetterWelt

Welches Seewetter ist gut? Welches Wetter ist schlecht?

Bevor wir zur softwaregestützten Wetteranalyse kommen, müssen wir eine Grundfrage klären. Sie lautet: Was wollen wir eigentlich beim Segeln? Nun, wir wollen zuallererst ankommen, den Zielort erreichen. Ein schwacher, ja scheinbar selbstverständlicher, aber nicht trivialer Wunsch.

Was noch? Wir wollen sicher und heil ankommen! Wir wollen komfortabel unterwegs sein und wir wollen einander vertrauen. Kurzum: Die gesamte Crew an Bord möchte Spaß haben und gerne segeln, die Freiheit und Unabhängigkeit genießen, wie kurz oder lang der Törn auch immer ist, ob Wochenendtörn, Urlaubstörn, Nordatlantikrund oder Weltumseglung.

Spaß und Vertrauen, darauf kommt es an. Darum ist es umso wichtiger, die Crew mit in das Wetter und die Törnplanung einzubeziehen. Dazu gehört auch erst einmal zu klären, was denn „gutes“ und was denn genau „schlechtes“ Wetter ist. Da hat jeder Segler seine eigene, durchaus unterschiedliche Auffassung und Definition. Für den einen bedeutet eine Vorhersage, dass es zu viel Wind geben wird, für den andere sind es „nur“ die Böen, die zu hoch ausfallen. Flaute will keiner, der mit dem Segelboot unterwegs ist – oder zumindest nicht allzu lange.

Welches Wetter ist richtig? Diese Crew genießt den Törn. Für andere Segler ist das vielleicht zu wenig Wind. ©Sönke Roever

Andere Parameter, die eine Rolle spielen, sind das Wellenbild und die Wettererscheinungen: Dauerregen (selten gemocht), Schauer, Gewitter (nie gemocht), Sonnenschein (sehr oft gemocht), Nebel (auch nie gemocht). Darüber hinaus haben viele genaue Vorstellungen, wie warm die Luft bitte sein möge.

Ist die Crew sich einig, welches Wetter möglichst vermieden werden soll, sind die Rahmenbedingungen abgesteckt, das Ziel definiert. So nähern wir uns dem Wetter, bei dem es allen Spaß macht, an Bord zu sein.

Den Törnverlauf nach und mit dem Wetter planen

Nun können wir das Wetter als solches nicht ändern. Manchmal auch nicht die Zeit, in der der Törn stattfinden soll. Oder es fehlt der Seeraum zum Ausweichen oder Umfahren. Zur Strategie gehören daher auch Kompromisse und die Bereitschaft, unter Umständen einen ganz anderen Kurs zu fahren als ursprünglich gewollt.

Ein „Umweg“ ist übrigens oftmals eine bessere Entscheidung, als man denkt. Oder aber – dritte Alternative – der Routenverlauf wird im großen Stil geändert, um am Ende ganz woanders anzukommen, als man ursprünglich wollte. Das ist meine Herangehensweise, wenn wir als Familie oder mit Freunden segeln. Der Weg ist das Ziel – das hat sich schon unzählige Male bewährt. Am Ende hatten alle ihren Spaß, ihre Erholung und die Lust, wieder mit auf Törn zu gehen.

Auch bei grauem Himmel kann segeln Spaß machen, wenn die Crew den gleichen Anspruch hat. ©Sönke Roever

Wie lautet also das Rezept? Der Grundstein wird mit dem Blick nach vorne gelegt. Man muss nicht zu weit, aber weit genug in die Zukunft gucken. Mit weit genug meine ich Zeiträume von fünf Tagen. Warum fünf Tage? Dies ist ein Zeitrahmen, über den die seriösen Vorhersagemodelle eine hohe bis sehr hohe Genauigkeit und Zuverlässigkeit besitzen. Zugleich ist über diese zeitliche Distanz der Ausweichradius groß genug, um schlechtem Wetter mit Ruhe und Sicherheit aus dem Weg zu gehen. Es empfiehlt sich unterstützend noch auf den Zeitraum sieben bis zehn Tage zu gucken. Diese langfristigen Ergebnisse sollten aber bitte immer nur als Trend verstanden werden. Als eine ungefähre Aussage, wohin sich das Wetter entwickeln könnte.

Die Wetterinterpretation erfolgt über eine Software

Soweit die Theorie. Damit kommen wir zur praktischen Umsetzung, schlechtes Wetter zu vermeiden. Hierbei hilft eine professionelle Wetter-Software. Der Blick in die Tageszeitung oder das Anhören der Wettervorhersage im Radio ist nicht ausreichend, da dort nicht die gleiche Informationstiefe zu finden ist.

Wettervorhersage-Software spielt eine wichtige Rolle bei der Törnplanung. ©WetterWelt

Gerade bei längeren Törns oder bei Törns fernab der Küste ist es wichtig, dass die mit der Software abgerufenen Wetterparameter auch offline zur Verfügung stehen und uneingeschränkt mit der Software gearbeitet werden kann. Insbesondere bei vielen Wetterapps für Tablets oder Smartphones ist dies eine Schwachstelle.

Die Internetverbindung wird bei Software, die auch offline funktioniert, lediglich zum Herunterladen aktueller GRIB-Daten oder Wetterkarten benötigt. Wahlweise wird kurzzeitig über das WLAN im Hafen oder über das Mobiltelefon eine Internetverbindung hergestellt. Alternativ kann das Datenpaket auch als Anhang einer E-Mail empfangen werden. So kommen die GRIB-Daten mithilfe eines Satellitentelefons oder einer Kurzwellenfunkanlage mit Pactor-Modem an Bord.

Hinweis: Ich verwende im weiteren Verlauf des Artikel Screenshots aus der von meiner Firma WetterWelt entwickelten Software SEAMAN PRO. Wer die Software ausprobieren möchte, kann sich kostenlos eine vollwertige Demoversion herunterladen und auf dem Rechner oder Notebook (Mac und Windows) installieren.

Mit der Wetterkarte beginnt die Interpretation

Was sind Wetterinformationen ohne eine Wetterkarte? Die Wetterkarte liefert den Überblick, zeigt wo welche Hochs, Tiefs, Warm- und Kaltfronten liegen und wohin sie in den kommenden Tagen ziehen. Bei der Törnplanung empfiehlt es sich, zuerst eine Wetterkarte anzusehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Erst danach öffnet man eine GRIB-Datei, die die Wetterlage regionaler und kleinräumiger darstellt und die Detailinformationen enthält.

©WetterWelt

Diese Wetterkarte zeigt z.B. die Großwetterlage über dem Nordatlantik mit den überregionalen Informationen Hoch (Buchstabe H), Tief (L), Fronten (Rot = Warmfront, blau = Kaltfront, lila = Oklusion), grobes Windfeld und die Regenmengen entlang der Tiefs (bläuliche Flächen). Für ähnliche Karten gibt es im Internet viele Quellen. Aber auch hier gilt es zu prüfen, wie verlässlich das hinterlegte Vorhersagemodell ist.

Tipp: Praktisch ist, wenn die Karten gleich innerhalb der Software abgerufen und dargestellt werden können.

Welche Wetterparameter brauche ich für eine seriöse Törnplanung?

Von einer Wettersoftware erwarte ich, dass sie mir eine Planung des Törns erlaubt, ohne dass ich dafür ein Meteorologe oder ein Computerfachmann sein muss. Sie muss vielmehr die Wetterinfos in sich selbstverständlich und in der Bedienung nahezu intuitiv darstellen. Dabei muss sie Daten zu allen relevanten Seewetterparametern bereitstellen. Dazu gehört für mich persönlich auch zu wissen, wann und wo die Sonne scheint!

Typische Wetterparameter, die für Segler von Interesse sind, sind:

  • Luftdruck (Wetterkarten, Hochs, Tiefs, Fronten)
  • Mittelwind
  • Böen
  • Windsee
  • Dünung (Richtung und Periode als Maß der Länge)
  • Strömung
  • Wetterzustand
  • Temperatur
  • Wassertemperatur
  • Eisgang

Diese Parameter werden in Vorhersagen von unterschiedlichen Instituten errechnet. Das Entscheidende dabei ist, dass das in der Software hinterlegte Vorhersagemodell seriös ist und über fünf Tage in die Zukunft eine verlässliche Prognose abliefert. Nur dann gibt es mir Sicherheit und eine echte Planungsgrundlage für den Törn. Auch wenn sich damit eine Großwetterlage nicht einfach mir nichts, dir nichts aus dem Weg räumen lässt, es lassen sich genau die Wege und Lücken finden, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und mit Spaß unterwegs zu sein. Denn beim Wetter fängt der Spaß ja bekanntlich an!

Eine Wettervorhersage besteht aus verschiedenen Parametern. ©WetterWelt

Richtig Spaß macht es auch für den Laien, wenn es gelingt, das Wetter von unterschiedlichen Seiten betrachtet zu verstehen. Dabei ist es genau diese Vollständigkeit an Wetterparametern, die einander ergänzen und simpel das zu erwartende „Seewetter“ vor Augen führen. So auch in der vorstehenden Abbildung, die das Wetter für das westliche Mittelmeer zeigt. Aktiviert sind die Parameter: Mittelwindgeschwindigkeit, Böen, Wetterzustand und als farbige Fläche die zu erwartende Wellenhöhe.

Die Wetterparameter Mittelwind und Böen

Natürlich interessiert beim Segeln der Wind. Da ist zum einen der Mittelwind, auf den alle starren. Ja, er ist wichtig zu wissen, man kann ihn als den ausgerollten roten Teppich betrachten, auf dem sich alles weitere Wetter abspielt. Da sind zum anderen die sehr wichtig zu wissenden Böen: Wie weit schlägt der Wind nach oben aus? Meist sind es gerade die Böen, die zu starker Krängung, viel Druck im Rigg und auf den Rumpf führen – mehr als Manchen an Bord lieb ist.

Winddaten für Sardinien. Der Mittelwind als Windfeder, die Böen als Zahl. ©WetterWelt

Dazu ein Vorhersagebeispiel: Der mittlere Wind soll mit 15 Knoten, also vier Windstärken, aus 270 Grad, also West, wehen. Dazu soll es Böen bis 28 Knoten – Windstärke sieben – geben. Das zeigt, wie wichtig die Angabe der Böen ist. 14 Knoten sind ein hervorragender Segelwind, 28 Knoten nicht mehr unbedingt. Darauf muss sich anders eingestellt werden hinsichtlich Segelfläche, Crewmanagement, Bekleidung, Sicherheitsausrüstung, Seegang und Krängung.

Wenn ich also vorher weiß, wie stark die Böen ausfallen, dann führt ein vorzeitiges oder zumindest rechtzeitiges Reffen zu Entspannung. Damit wächst meistens auch das Vertrauen innerhalb der Crew, die Situation im Griff zu haben. Das Sicherheitsgefühl ist da, es bleibt mehr Luft und Lust das Segeln auch wirklich zu genießen und Spaß am Segeln zu haben. Entscheidend ist wie gesagt, vorher zu wissen, was passiert!

Wind-Flow-Darstellung auf der Karte

Moderne Softwareanbieter stellen neben den klassischen Windpfeilen auf lokaler Ebene den Windflow animiert dar. Dieser „Flow“ simuliert die Luftströmung, also den Wind, und zeigt auf, wie die Luft um Hindernisse strömt, wie sich Seewind entwickelt oder wo sich Hoch- oder Tiefdruckgebiete befinden.

Die Abbildung zeigt die Wind-Flow-Darstellung für das westliche Mittelmeer bei einer Mistral-Wind-Lage. ©WetterWelt

Die Wetterparameter Windsee und Dünung

Auch beim Seegang möchte ich vorher wissen, was passiert. Seegang entsteht aus der Windsee und der Dünung. Die Windsee wird vom regionalen Windfeld, in dem man sich jeweils aktuell befindet, erzeugt. Die Dünung hingegen entsteht aus einer hohen Windsee weit hinter dem Horizont, also außerhalb der Sichtweite.

In diesem Beispiel ist die Höhe des Seegangs über farbig hinterlegte Flächen abzulesen. ©WetterWelt

Solange zwischen dieser Windsee und der persönlichen Position kein Land im Weg ist, läuft die Windsee viele hundert oder auch tausend Seemeilen über das Wasser. Dabei erhält diese „Fremdwindsee” einen neuen Namen: Dünung.

Sie wird auf ihrem Weg immer länger und erreicht uns meist als lange, manchmal auch hohe Welle. Ihre Richtung hat mit der lokalen Windsee nichts zu tun. Wichtig ist die Länge der Dünung. Hier kommt die Periode als Parameter ins Spiel. Alternativ zur Wellenlänge, die von einem Wellenberg bis zum nächstfolgenden Wellenberg gilt, wird oftmals die Wellenperiode als Längenmaß angegeben. Sie beschreibt, wie lange es dauert, von einem Wellenberg zum nächsten. Ein Beispiel: 10 Sekunden entsprechen einer Wellenlänge von 150 Metern – eine sehr lange Welle, in die eine 12-Meter-Yacht locker 12 Mal hineinpasst. Wenn so eine Welle 3 oder 4 Meter hoch ist, dann wirkt dies meistens bedrohlich, ist es aber nicht. Man fährt langsam die Berge hoch und langsam wieder runter. Je kürzer die Dünung (4 Sekunden Periode = 25 Meter), desto unangenehmer und steiler kann die Dünung werden.

Entscheidend ist: Kommen Windsee und Dünung aus derselben Richtung oder laufen spitz zusammen, dann ist der Seegang recht gleichmäßig und angenehm. Laufen Windsee und Dünung quer zueinander oder laufen sie gar aufeinander zu, dann ist der Seegang von unangenehm bis chaotisch und sehr gefährlich.

Der Wetterparameter Strömung

Da wir gerade beim Wasser sind: Die Strömung spielt eine genauso wichtige Rolle. Sie bestimmt die Geschwindigkeit über Grund und damit das Etmal. Sie hat aber auch einen großen Einfluss auf das Wellenbild. Weisen Wind und Strömung in dieselbe Richtung, ist das Wasser „flach“, die See ist selbst bei höheren Windgeschwindigkeiten verhältnismäßig ruhig und von geringer, gleichmäßiger Höhe. Stehen Wind und Strömung gegeneinander, dann entwickelt sich je nach Windstärke ein kurzes, steiles Wellenbild, das sich bei viel Wind zu einer sehr schweren, bedrohlichen See entwickeln kann.

©WetterWelt

Der Screenshot zeigt die grobe Darstellung und Vorhersage der Wasseroberflächenströmung im Englischen Kanal. Die Strömungspfeile weisen durch Form und Farbe auf unterschiedliche Strömungsgeschwindigkeiten und Richtungen hin. Die Strömungsgeschwindigkeiten sind zudem farbig hinterlegt. In der Mitte des Englischen Kanals ist die nach Osten setzende Strömung somit am stärksten. Vor der holländischen Küste und am östlichen Ende des Kanals ist die Tide bereits wieder gekippt und die Strömung setzt nach Westen.

©WetterWelt

Hier habe ich weiter reingezoomt. Die Darstellung wird feiner. Außerdem gibt es bei manchen Softwareanbietern analog zur Wind-Flow-Darstellung auch eine Strömungs-Flow-Darstellung, die ebenfalls animiert ist. Im Screenshot sind das die blauen Linien. So lassen sich auch bei der Strömung Abdeckungen, Wirbel, Haupt-, Neben- und Meerströmungen erkennen. Lässt man die Animation laufen, wird die Dynamik und Entwicklung sehr gut greifbar. Bei sehr guten Vorhersagemodellen beträgt die zeitliche Auflösung eine Stunde und die räumliche eine Seemeile.

Der Parameter Wetterzustand

Neben den vorstehenden Informationen findet der Wetterzustand selbst oftmals nur eine ungenügende Beachtung. Der Wetterzustand sagt aus, wie das Wetter wird. Bekommen wir Sonne oder Regen? Gibt es Bewölkung oder ist der Himmel klar? Zieht Nebel auf oder haben wir eine gute Sicht? Was ist womöglich mit Starkregen, Gewitter oder Wasserhosen? Kurzum: Im Wetterzustand ist enthalten, was von Sicherheit bis hin zum Wohlfühlen beiträgt.

So wie erst das gemeinsame Betrachten von Windsee und Dünung ein vollständiges Bild ergibt, verrät auch der Wetterzustand einiges über den geplanten Törn und die Rahmenbedingungen. Beim Wind hatte ich schon das Beispiel mit den 14 Knoten mittlerem Wind und den Böen von 28 Knoten aufgeführt. Bleiben wir einmal dabei. Um sicherzustellen, dass die 28 Knoten vom Vorhersagemodell kein falsch berechneter Wert sind, werfen wir nun zusätzlich einen Blick auf den Wetterzustand.

Der Wetterzustand rund um den Kern eines Tiefdruckgebietes. Im Westen scheint eher die Sonne, die Ostseite ist verregnet. ©WetterWelt

Finden wir beim Wetterzustand beispielsweise einen Mix aus Sonne, Wolken und Schauern, sind die Böen erklärt und es ist klar, dass auf See zu der angegebenen Zeit bei einem Mix aus Sonne und Wolken auch einzelne Schauer durchziehen. Es liegt nahe, dass die Böen von bis zu 28 Knoten in den Schauern stecken. Somit ist auch klar, wie der Segeltag aussehen wird. Sehr wahrscheinlich wird es ein schöner Segeltag mit zumeist 14 Knoten Wind aus West. Vereinzelt durchziehende Schauer bringen kurzzeitig Böen bis 28 Knoten aus Schauern heraus.

Wie geht man mit dieser Vorhersage um? Nun, dem Törn steht grundsätzlich nichts entgegen. Wenn Schauerwolken am Himmel auftauchen und auf einen zuziehen, dann kann vor dem Eintreffen des Regengusses die Segelfläche verkleinert werden. Damit wird der Schauer passiert, bis Schauer und Schauerböen abgezogen sind. Danach wird wieder ausgerefft und mit dem sich dann wieder durchsetzenden Mittelwind von 14 Knoten weitergesegelt. Das nenne ich „aktiv mit dem Wetter umgehen“.

©WetterWelt

Auf dem vorstehenden Bild ist ein weiteres Beispiel für diese Thematik zu sehen. Der Ausschnitt zeigt das Seegebiet nordwestlich der griechischen Inseln Gioura und Kira Panagia in den Nördlichen Sporaden. Erst durch Kenntnis des ganzen Wetters wird das Bild deutlich: Der Mittelwind ist mit 20 Knoten aus Ost-Nordost moderat und bietet gute Segelbedingungen. Die Böen erreichen allerdings 34 Knoten. Woher die Böen kommen, zeigt das Wettersymbol. Die Böen stecken in zu erwartenden Gewittern, die jedoch regional beschränkt sind.

Der Wetterparameter Temperatur

Ebenso von Interesse ist die Lufttemperatur in zwei Meter Höhe über Wasser (und Land). Wenn ich schon vor Beginn des Törns weiß, wie warm oder kalt es unterwegs wird, dann kann sich vorher warm genug eingekleidet werden. Niemand muss dann unterwegs, schlimmstenfalls bei Seegang, Krängung und Geschaukel, unter Deck. Eine mögliche Seekrankheit ist durch diese Prävention vermieden.

Der Wetterparameter Wassertemperatur

Die Wassertemperatur ist eine manchmal nützliche, mitunter auch nur gut zu wissende ozeanographische Größe. Über sie lässt sich beispielsweise die Lage des Golfstroms genau identifizieren. Allerdings sind dafür auch die Strömung und die Lufttemperaturen als Vorhersagedaten da. Letztere sind über dem Wasser sehr dicht bei den Wassertemperaturen, müssen also nicht zwingend gesondert als Parameter geführt werden. So bleibt die GRIB-Datei schlank.

Der Wetterparameter Eisgang

Wer ganz was Großes vorhat und die arktischen Gewässer befahren möchte wie Grönland, Spitzbergen, Nordwestpassage oder die Nördliche Ostsee, der benötigt Informationen über die Eissituation: Wann ist wo welches Eis zu erwarten, wie verdriftet es und wo ist es eisfrei? Da ist von großem Nutzen, wenn solche Informationen einfach über die Software an Bord geholt werden können. Bei unserer Software wurden diesbezüglich die Eiskarten des norwegischen und des kanadischen Eisdienstes integriert.

Die Streckenwetter-Berechnung

In meinen Augen ist das Streckenwetter eine der wichtigsten Funktionen bei der Törnplanung überhaupt und deshalb würde ich bei der Auswahl einer Software darauf achten, dass sie diese Funktion hat. Um sie zu nutzen, wird auf der Karte in der Wettersoftware der Kurs abgesteckt und das Streckenwetter unter Berücksichtigung von Abfahrtsdatum und -zeit in Kombination mit aktuellen GRIB-Daten berechnet, wahlweise als Tabelle oder Meteogramm.

Je nach Software ist die Darstellung und Berechnung sehr unterschiedlich. Für die Berechnung ist für gewöhnlich ein Algorithmus hinterlegt, der die Geschwindigkeit des Schiffes in Abhängigkeit vom vorherrschenden Windeinfallswinkel und der Windgeschwindigkeit berücksichtig. Dazu wird in der Regel ein zur Yacht passendes Polardiagramm verlangt.

Polardiagramm einer Dehler 34. ©Seapilot

Bei unserer Software muss nur einmalig nach Installation der Software die Bootsgeschwindigkeit bei halbem Wind und Windstärke vier angegeben werden. Daraus ermittelt die Software eine Geschwindigkeitsmatrix, die auch nachträglich editiert werden kann.

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In diesem Beispiel führt der geplante Kurs von Denia in Spanien nach Marseille in Frankreich. Die Linie ist fast durchgehend grün. Der rote Abschnitt bedeutet allerdings: „hier muss gekreuzt werden”. Das gelbe Schiff markiert die entsprechende Position zum Zeitpunkt, der oben in der Menüleiste angezeigt wird – hier 09. März 2020 um 20.00 Uhr.

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Wenn das Streckenwetter als Tabelle dargestellt wird, werden die jeweiligen Parameter als Zahl oder Symbol aufgelistet. Im Beispiel sind in den linken Spalten Datum und Uhrzeit sowie der geplante COG und die SOG aus dem Geschwindigkeitsdiagramm aufgeführt. In den Spalten nach rechts folgen alle Vorhersagedaten einschließlich des scheinbaren Windes und des Windeinfallswinkels, was logischerweise Einfluss auf die Segelwahl hat.

Anhand so einer Tabelle fällt die Entscheidung, ob der geplante Kurs den Vorstellungen und Wünschen entspricht. Wenn nicht, kann durch Abändern der Startzeit oder durch Änderung des geplanten Kursverlaufs sehr simpel, aber schnell und zielführend hinsichtlich aller Parameter der optimale Kurs gefunden werden.

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Alternativ kann die geplante Route samt Wetterverlauf auch als Meteogramm dargestellt werden. Hier für einen Törn von Gibraltar nach Madeira. Das gelbe Schiff stellt den geplanten Kurs dar, direkt darüber sind die Windpfeile mit Richtung und Geschwindigkeit dargestellt. So lässt sich sofort erkennen, wie Wind und Schiff zueinanderstehen. Die grüne Linie steht für den Mittelwind, die rote Linie für die Böen. Darüber sind noch eine schwarze Linie (Luftdruck) und eine blaue Linie (Lufttemperatur) zu sehen sowie der Wetterzustand in Symbolform. Je nach Anbieter werden auch noch die Wellenhöhe und Dünung grafisch aufbereitet.

©WetterWelt

Wie eingangs bereits erwähnt, ist der direkte Weg oftmals nicht der beste Kurs. Auch wenn der direkte Kurs von Gibraltar nach Madeira zwar kürzer ist, dauert er unter den in diesem Beispiel gegebenen Bedingungen länger. Durch Optimierung der Wegpunkte wurde die grüne Linie gefunden, die den optimalen Kurs zeigt. Dieser Kurs ist zwar länger, aber Wind und Welle fallen günstiger ein und erlauben dadurch eine höhere Geschwindigkeit über Grund, zugleich können die Wellen angenehmer ausgesteuert werden und hartes Gegen-an-Stampfen wird vermieden. Mit anderen Worten: Das Ziel wird bequemer und schneller erreicht!

Nebel möchte wohl jeder auf See gerne vermeiden. ©Sönke Roever

Bei einigen Softwareanbietern gibt es die Möglichkeit über Limits einzustellen, welches Wetter auf dem Törn eher vermieden oder auch erreicht werden soll, beispielsweise hinsichtlich Wellenhöhe, Wind, Böen, Nebel, Gewitter, Regen oder Sonne. Daraufhin wird im „Streckenwetterreport“ markiert, wenn der Kurs durch unerwünschtes Wetter verläuft. Das ist praktisch.

Fazit

Auch wenn die Interpretation von Wetter auf den ersten Blick kompliziert wirkt, ist sie es gar nicht. Das Entscheidende dabei ist, dass mir alle relevanten Informationen auf Mausklick in einer Software zur Verfügung stehen. Es reicht eben nicht, nur auf den Wind im Allgemeinen zu gucken, sondern den Mittelwind und die Böen.

Je größer der Blumenstrauß an Parametern ist, der in der Software zur Verfügung steht, desto klarer ist das Bild, das ich mir machen kann, wenn ich die einzelnen Parameter in den Zusammenhang stelle. Der zweite wichtige Aspekt dabei ist, dass die Software auf ein oder besser noch mehrere Vorhersagemodelle zugreift, die sehr zuverlässig sind – nur dann macht die Törnplanung nach dem Wetter überhaupt einen Sinn.

Das Wetter stimmt! Yachten auf der Ostsee in den schwedischen Schären. ©Sönke Roever

Sind diese beiden Voraussetzungen erfüllt, kann schlechtes Wetter umfahren werden. Sollte dies aus Platzmangel nicht möglich sein, ist die Crew zumindest vorher genau informiert, welche Wetterbedingungen wann zu erwarten sind. Damit kann sich rechtzeitig und in aller Ruhe vorher auf das aufziehende Wetter eingestellt werden. Aktion, nicht Reaktion!

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