Erfahrungsbericht Panamakanal

Von Irene van Adrichem

Irene lebte einige Jahre zusammen mit ihrem Mann Georg und den Kindern Mia und Noah auf Ihrer Yacht ZIG ZAG im Duisburger Hafen- 2015 warf die Familie schließlich die Leinen zur Langfahrt los. Ihre Route führte sie entlang der Barfuß-Route über den Atlantik bis in den Pazifik.

Webseite des Autors
Alle Beiträge ansehen

Die Durchquerung des Panamakanals wirft bei vielen Seglern vorab etliche Fragen auf. Wir haben ihn in diesem Frühjahr passiert und geben daher an dieser Stelle unsere Erfahrungen weiter – vielleicht hilft es euch.

Im Vorwege der Passage müssen einige formale Dinge organisiert werden, auf die wir im Folgenden eingehen werden. Nicht wenige Yachties buchen dafür einen Agenten, der die Kanaldurchfahrt organisiert und dafür ca. 350 US-Dollar kassiert. Daneben gibt es auch hin und wieder Boote, die alles alleine regeln. Das schien laut Schilderungen dieser Segler auch nicht so kompliziert zu sein. Also legten auch wir ohne Vermittler los. Wir fragten uns immer wieder, ob wir was vergessen würden, denn die Schritte waren klar. Den Mehrwert eines Agenten konnten wir nicht erkennen.

Der Panamakanal

Und tatsächlich: Die Organisation ist wirklich recht simpel und kann durchaus eigenständig erledigt werden. Sie besteht aus sechs Schritten:

1. Vermessungstermin vereinbaren

Wir würden empfehlen von Linton Bay oder Portobelo aus (35 Semeilen von Colon entfernt) einen Vermessungstermin zu vereinbaren. Sollte es Wartezeiten geben, liegt man dort definitiv günstiger (Marina oder vor Anker in Linton Bay/in Portobello nur vor Anker möglich) und angenehmer als in Colon am Club Nautico, den Flats oder in der Shelter Bay Marina.

Dicker Frachter in der Schleuse des Panamakanals.

Um den Termin zu vereinbaren, benötigt man eine panamaische SIM-Karte sowie etwas Guthaben (kann man sich auf den San Blas Inseln hier und da schon kaufen, ansonsten am panamaischen Festland, kostet 5 US-Dollar und 10 US-Dollar Guthaben, dann hat man 14 Tage Internet und eine Menge lokale Gesprächsminuten).

Dann ruft man das Vermessungsbüro (Admeasurer’s Office/ACP – Telefonnummer: 4432293) an und bittet um einen Termin. Diesen bekommt man direkt mitgeteilt und per E-Mail erhält man zudem ein Formular. Das füllt man am Computer aus (Schiffs- und Crewdaten) und schickt es per E-Mail wieder zurück. Wir haben innerhalb von drei Tagen einen Vermessungstermin bekommen.

Selbstverständlich hilft es dabei die Richtlinien des Kanals zu beachten 🙂

Ankerplatz in den “Flats”.

2. Vermessungstermin wahrnehmen

Hierzu muss man in den sogenannten Flats ankern oder in der eher kostspieligen Shelter Bay Marina liegen. Wir ankerten in den Flats, die sonst als Ankerplatz nicht zu empfehlen sind, da man schlecht an Land kommt. Es gibt zwar eine Leiter, aber das Dinghy kann man nirgends lassen. Es gibt allerdings eine etwas schaukelige Ausweich-Ankermöglichkeit vor dem Club Nautico, die sehr zentral gelegen ist.

Shelter Bay Marina

Uns wurde gesagt, dass der Vermesser am nächsten Morgen zwischen 8 und 12 Uhr an Bord kommt. Wir riefen also um 7.45 Uhr bei der Vermessungsleitstelle an und teilten mit, dass wir die Flats erreicht hätten. Man sagte uns, dass man uns schon sehen würde und der Vermesser in 20 Minuten da wäre. Er wurde mir einem „kleinen“ Pilotenboot zu uns gebracht. Neben einem Frachter wirkt es vielleicht klein, doch neben unserer ZIG ZAG, naja da sieht so ein „kleines“ Boot ganz schön massiv aus. Der Vermesser sprang galant mit seinen schweren Sicherheitsschuhen an Bord und erklärte freundlich, dass er erst messen würde und wir uns dann mit dem Papierkram auseinandersetzen würden.

Er gab uns das eine Ende vom Messband und zog das andere bis zur äußersten Spitze des Bugkorbs, der achterlichste Messpunkt war unser Windpilot.

Vermessungs-Beamte in der Shelter Bay Marina.

3. Kanalgebühren bezahlen

Als erstes ging es zur Citibank, wo wir 984 US-Dollar für die Kanaldurchfahrt inklusive der Vermessungsgebühren und 891 US-Dollar Kaution auf den Tresen legten. Wichtig: man braucht Cash, ohne kommt man gar nicht erst in die Bank. Nachdem man bezahlt hat, wird einem nochmals mitgeteilt, dass man in einigen Stunden das MCP (Marine Traffic Control) unter 272-4202 anrufen kann um „seinen“ Schleusungstermin zu erfahren.

Unabhängig vom Vermessungstermin hatten wir die letztgenannte Nummer vorher schon einmal angerufen und gefragt wie lange denn die Wartezeit aktuell beträgt. Auf Englisch wurde uns freundlichst das Prozedere erklärt und mitgeteilt, dass die Wartezeit ca. eine Woche beträgt.

4. Termin erfragen

Dienstagsmorgens wurden wir vermessen, Dienstagvormittag haben wir die Gebühren bezahlt und Dienstagnachmittag konnten wir unseren Termin erfragen. Genauer gesagt wurden wir gefragt, wann wir denn durch wollten. Es wäre schon Donnerstag möglich. Also quasi zwei Tage später. Wir wollten aber erst am Freitag – gebongt. Wir sollten 24 Stunden vorher nochmal anrufen, um die genaue Schleusungszeit bzw. mögliche Änderungen zu erfahren.

Die Kanalgebühr ist abhängig von der Schiffsgröße.

Alle Schiffe unter 50 Fuß zahlen einen Einheitspreis und da lagen wir drunter. Dann folgte der Papierkram, die üblichen Schiffs- und Personendaten wurden eingetragen. Im Anschluss folgte eine Aufklärung über die möglichen Schleusungsvarianten (alleine, an einem Hilfsboot und – das wohl üblichste – im Päckchen mit zwei oder drei anderen Yachten). Dann gab der Vermesser uns den Zahlungszettel für die Citibank und bat uns, ihn mit dem Dingi zum nächsten Boot überzusetzen. Wir hatten Glück, wir waren die ersten an diesem Morgen gewesen, hatten nun also noch den ganzen Tag, um Dinge zu organisieren und das Schiff zum Club Nautico umzuankern. Von dort aus kommt man für wenige Dollar per Taxi zur Citibank und kann super verproviantieren.

Fenderschiff. beim Schleusen unerlässlich.

5. Leinen, Fender und Leinenhelfer organisieren

Man braucht etliche Fender (meistens Autoreifen) sowie 4 lange Leinen von mindestens 30 Metern Länge und neben dem Skipper und dem Lotsen an Bord auch noch vier Personen zum Bedienen der Leinen – die Leinehelfer. Hierfür gibt es so viele Vermittler, dass ein Anruf genügt und es werden einem vier 38 Meter lange Leinen, sowie 8 in Folie eingepackte Autoreifen geliefert. Wir haben sie über Roger bezogen, der uns auch auf der Pazifik-Seite des Kanals hervorragend durch Panama City kutschiert hat, um noch all das zu besorgen, was unser Fahrtenseglerherz begehrte.

Der Taxipreis lag bei zwölf US-Dollar pro Stunde; deutlich höher als in Colon, aber Roger wusste genau, wo wir alles am besten bekommen (Wäscherei, Supermarkt, Gemüsemarkt, Baumarkt, Batterieladen, Holzgeschäft, Tankstelle). Da wir ihn einige Tage in Anspruch nahmen, gab es auch ein wenig Rabatt. Er spricht hervorragendes Englisch, dachte mit, was wann als erstes, damit alles möglichst effektiv erledigt werden konnte und begleitete, beriet uns auch über den kompletten Gemüse-/Obstmarkt. Außerdem war er wirklich sehr sympathisch, eher ein Shopping Guide als „nur“ ein Taxifahrer. Diesen Kontakt können wir wirklich sehr empfehlen: Roger 67176745

Für das Schleusen werden auf jedem Schiff vier Leinenhelfer benötigt.

Zurück zu den Leinenhelfern: Jede Yacht benötigt, wie gesagt, zusätzlich zum Skipper vier Leinenhelfer. Wir verholten uns für drei Tage in die Shelter Bay Marina und trafen dort so viele andere Segler, dass wir ohne Probleme Leinenhelfer hätten finden können. Alternativ gibt es Aushänge an der Pinnwand von Backpackern, die helfen wollen oder auch von „professionellen“ Leinenhelfern. Sollte das alles nicht klappen, ruft man eben doch eine Agentur an und fragt dort jemanden an. Sehr viel Gutes haben wir übrigens von Roy Bravo van Emmanuel Agencies gehört. Also wenn eine Agentur benötigt wird, dann diese 🙂

Leinenhelfer-Aushänge an der Pinwand in der Shelter Bay Marina.

Kostenpunkt für einen Leinenhelfer über die Agentur: 120 US-Dollar pro Kopf. Wir hatten vom Marina Manager gehört, dass die Universität ein „Studentenkanalprojekt“ starten möchte und deshalb zwei Professoren als Leinenhelfer Erfahrungen sammeln wollten. Klar, gerne, wie auch immer wir das schlaftechnisch organisiert bekommen 🙂 Super war auch, dass sie Erfahrungen machen wollten und quasi gegen Kost und Logis mithalfen. Genauso wie Irene, eine Backpackerin aus Deutschland. Unser Team war komplett. Ein toller Nebeneffekt war, dass unsere Leinenhelfer unentgeltlich mitfuhren. 360 US-Dollar „gespart“‘.

Zwei unserer Leinenhelfer aus Panama.

6. Kanaldurchfahrt

Freitagabend um 19 Uhr sollten wir uns vor Anker an den Flats befinden. Etwas ungewöhnlich, abends die ersten drei Schleusen zu befahren, aber wird schon. Um 15 Uhr versammelte sich unsere Crew in der Shelter Bay Marina an Bord der ZIG ZAG. Anstelle von den angekündigten zwei Professoren standen nun zwei panamaische Studenten vor uns. Elias; groß, dunkel, sehr gut gekleidet mit Schweißtuch in der Tasche und frischem Hemd auf dem Kleiderbügel. Er wäre auch als Professor durchgegangen mit seinen schwarz polierten Schuhen und seinem Auftreten; nur ein wenig jung?! Er studiert irgend etwas mit Marine.

Rudolpho hingegen wirkte jünger und studentischer. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines Marine Professors ist. Er selbst aber etwas anderes studiere. Irene reiste schon ein paar Monate durch Südamerika und zum Abschluss wollte sie uns gerne durch den Kanal begleiten. Super, alle keine Ahnung aber sehr willig 🙂 Wir lernten uns alle ein wenig kennen und übten den Palstek und das Belegen auf einer Klampe. Schnell war deutlich, wer die schnellsten Knoten machen konnte. Elias war zwar noch nie auf einem Segelboot gewesen, knotete aber schneller als wir alle zusammen! Doch wir hatten Zeit genug bis der Lotse kam und übten fleißig.

Die Aufregung steigt. Auf zu den Schleusen.

Um 20.00 Uhr kam der Lotse per Pilotboot an Bord. Er war sehr freundlich und behilflich.
Noch vor der Schleuse gingen wir längsseits an eine andere Yacht und per Vorder-, Heck und Springleine befestigten wir uns aneinander.

Der Panamakanal hat sechs Schleusen (drei hoch, drei runter). Das Schleusen in Richtung Pazifik läuft in der Regel so ab, dass Yachten am Abend die drei ersten Schleusen passieren und die Nacht auf dem Gatunsee an einer Boje oder vor Anker verbringen. Am nächsten Tag geht es dann durch den restlichen Kanal bis am Nachmittag nach drei weiteren Schleusen der Pazifik erreicht wird. Unsere erste Schleusung war gegen 21.15 und gegen 23.15 Uhr ließen wir auf dem Gatunsee den Anker runter und der Lotse wurde per Pilotboot abgeholt.

In der Schleuse.

Am nächsten Morgen – schon vor 7 Uhr – kam Robin an Bord, ein neuer Lotse. Er war super: Kompetent, sehr freundlich und hatte Spaß daran, mit unseren  kleinen Kindern an Bord zu spielen, von denen eines zudem Geburtstag hatte, so dass wir mit Mini-Maus-Wimpeln und bunten Luftballons durch den Kanal tuckerten.

Es geht entspannt zu am zweiten Tag beim Kindergeburtstag im Panamakanal.

Kurz vor den letzten drei Schleusen gingen wir wieder mit der französischen Yacht zusammen ins Päckchen. In dem Zusammenhang vielleicht noch ein paar Worte zum Schleusen. Man fährt als Päckchen zusammen in die Schleusenkammer und dann fliegen sogenannte Affenfäuste an Deck. Eine Affenfaust ist eine Stahlkugel, um die kunstvoll Tauwerk geschlungen ist, so dass ein affenfaustgroßer Ball entsteht. Ziemlich hart. Die Schleusenhelfer auf den Schleusenmauern werfen zwei Affenfäuste jeweils mit einem dünnen Seil, welches mit Hilfe eines Palstek einmal mit der Vorder- und natürlich auch mit der Heckleine verbunden wird. Dann ziehen die Schleusenhelfer die Leinen ein und legen die eigentlichen Bootsleinen über ein paar Poller.

Eine Affenfaust fliegt zum Schiff herüber.

Nach dem Schleusen laufen die Schleusenhelfer mit unseren Leinen bzw. mit den daran befestigten Verlängerungsleinen zur nächsten Schleuse. Es ist quasi dann „nur“ noch eine Frage von Fieren und Einholen zum richtigen Zeitpunkt. Und natürlich des Steuerns und Gasgebens. Und da wir im Päckchen mit dem anderen Boot schleusten, musste das alles natürlich irgendwie im Einklang passieren, da jedes Boot eine Bug-, eine Heckleine und einen Steuermann hatte. Im Großen und Ganzen hat es bei uns gepasst. Es gab keine Schäden und kein Gebrüll.

Angekommen im Pazifik. Ankerplatz beim Balboa Yacht Club (Panama City).

Fazit

Die Fahrt durch den Kanal ist kein Hexenwerk und man kann sie durchaus alleine organisieren. Auch waren wir sehr glücklich und zufrieden mit unseren Helfern. Wir waren ein super Team und die Schleusungen verliefen besser und besser je weiter wir kamen. Vor allem aber hatten wir Spaß miteinander. Unsere Crew hätte auf jeden Fall einen Sympathie-Preis bekommen und hätte es einen Schönheitspreis gegeben, hätten wir den für Ballons, Luftschlangen und Mini-Maus sicherlich auch gewonnen.

Gefühlsmäßig war es irre, als sich dann die letzten Schleusentore öffneten und der Pazifik vor uns lag. Wir standen auf dem Vordeck, hatten Gänsehaut von Kopf bis Fuß… Bis hierher waren wir schon gekommen. Einmal vom Rhein über den Atlantik und nun lag er vor uns: Der Stille Ozean.

Link zur Webseite der Autoren mit vielen Reiseberichten

Schreibe einen Kommentar...

2 Kommentare für "Erfahrungsbericht Panamakanal"

avatar
  Subscribe  
Aktuellste Älteste Likes
Informiere mich bei
Marco Kossakowski
Guest

Super geschrieben, vielen Dank dafür! Habt noch weiter eine gute Reise, auch wenn sie bestimmt schon bald ended… Immer eine handbreit und Mast und Schotbruch!

Uwe Kramer
Guest

Vielen Dank für die ausführlich Beschreibung. Damit habt ihr mich darin bestärkt das doch auch selbst zu organisieren. Weis man schon vorher ob man mit mehreren Schiffen im Päckchen fährt? Dann brauch ja auch nicht jeder 4Leinenhelfer.
Weiterhin einen schönen und sicheren Törn