Törnbericht: Segeln in Schottland. Eine Reise durch den Kaledonischen Kanal

Von Antonia Pidner

Antonia Pidner kommt aus Tirol in Österreich und nahm sich ein Jahr Auszeit, um mit ihrem Lebensgefährten von der nördlichen Adria über Irland, die Orkneys, die Shetlands, Norwegen und Schweden in die dänische Südsee zu segeln. Von dort brachen sie mit ihrer Fahrtenyacht BEL AMI im Juli 2018 zur zweiten großen Segelreise auf der Ostsee auf.

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Kurs Kaledonischer Kanal

Hohe Berge, steile Klippen, tiefe Fjorde, idyllische Ortschaften – Schottland ist wunderschön. Leider sehen wir bei unserer Segelreise durch die Inselwelt der Inneren Hebriden von der Landschaft nicht besonders viel. Denn meistens versteckt sie sich hinter dunklen Wolken, dichtem Nebel und Nieselregen. Ein Tief nach dem anderen zieht samt Regen und Starkwind über uns hinweg. Das soll sich laut Wettervorhersage nicht so schnell ändern und so nehmen wir früher als geplant Kurs Richtung Norden. Wir verabschieden uns von den Inneren Hebriden und nehmen über den Kaledonischen Kanal Kurs auf die Orkney Inseln.

Das schottische Wetter ist wankelmütig und wechselt zwischen Sonne und Regen.

30 Meter über dem Meeresspiegel

Bei regnerischem Wetter und zum Teil dichtem Nebel nehmen wir Kurs auf den Kaledonischen Kanal. Bevor sich die Schleusen für uns öffnen, ankern wir noch eine Nacht gegenüber von Fort William (56°50,117 N, 005°07,674 W) am südöstlichen Eingang zum Kaledonischen Kanal.

Der Kaledonische Kanal bei Fort William

Dann geht es los: Früh morgens zahlen wir unsere Kanalgebühr und bekommen vom hilfsbereiten Personal auch gleich eine Broschüre mit ausführlichen Informationen über die Liegeplätze, Müllstationen sowie Duschanlagen.

Die Reise durch den Kaledonischen Kanal beginnt.

Dann füllt sich langsam das erste Becken mit Wasser. Gemächlich wird SY BEL AMI in die Höhe gehoben. Wir bedienen an Heck und Bug die Leinen. Mein Mann Martin ist zusätzlich an der Maschine im Einsatz. Die schweren Tore öffnen sich. Es geht weiter in die nächste Schleuse. Rund 14 Mal wiederholt sich dieses Spiel. Dann schwimmt unsere Fahrtenyacht rund 30 Meter über dem Meeresspiegel.

14 Schleusen lang geht es bergauf bis zum höchsten Punkt.

Nach der Hälfte der Strecke geht es ab Fort Augustus schließlich wieder bergab. Insgesamt sind es 29 Schleusen auf einer Kanallänge von 97 Kilometern. Das entspricht der Länge des Nord-Ostsee-Kanals. Manchmal folgen mehrere Schleusen hintereinander und wir ziehen unser Boot einfach von Kammer zu Kammer an einer Leine. Es empfiehlt sich, zwei extralange Leinen mit mindestens 20 Metern Länge auf die Fahrt durch den Kanal mitzunehmen.

„Mit dem Boot gehen“ – wir ziehen es von Kammer zu Kammer.

Ruhige Fahrt entlang schöner Natur

Die Fahrt durch den Kaledonischen Kanal verläuft entspannt: Wir müssen weder den starken Gezeiten rund um die Inneren Hebriden noch Wind und Wetter besondere Beachtung schenken. Es gibt genügend freie Liegeplätze und Schwimmstege, um auf das Öffnen der Brücken und Tore zu warten. Außerdem kann man in den Seen an ausgewiesenen Stellen ankern.

Im Kaledonischen Kanal gibt es genügend freie Liegeplätze und Schwimmstege.

Das Personal entlang des Kaledonischen Kanals ist freundlich und steht immer mit einer helfenden Hand bereit und die Zeit vergeht wie im Fluge. In Summe verbringen wir fünf Tage auf der künstlichen Wasserstraße und den vielen Seen, die sie durchquert – umgeben von dichten Wäldern, hohen Bergen und duftenden Blumen.

Urquhart Castle am Ufer des Loch Ness auf der Reise durch den Kaledonischen Kanal.

Halbzeit im Städtchen Fort Augustus

Am besten gefällt es uns in Fort Augustus. Die kleine Ortschaft am südlichen Ende des berühmten Sees Loch Ness hat neben kleinen Restaurants, Bars und ein paar Lebensmittelgeschäften auch interessante Sehenswürdigkeiten wie das „Caledonian Canal Heritage Centre“ zu bieten. Es gibt Duschen und Müllstationen. Außerdem lassen sich von hier aus schöne Wanderungen und Ausflüge mit dem Fahrrad unternehmen.

Fort Augustus bietet gute Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten.

Der Kanal ist eine Glanzleistung des frühen 19. Jahrhunderts

An den mehrstufigen Schleusen in Fort Augustus umschwärmt uns schaulustiges Publikum. Manchmal fühlen wir uns wie Tiere im Zoo. Aber das Interesse an dieser architektonischen Glanzleistung des frühen 19. Jahrhunderts ist nicht verwunderlich: Zwei Drittel des Kanals – darunter die Seen Loch Ness, Loch Oich und Loch Lochy – entstanden vor rund 380 Millionen Jahren aufgrund einer Verschiebung der Erdplatten auf natürlichem Wege.

Blick auf Loch Ness – das Monster ist nirgends zu sehen.

Ab 1803 wurden sie durch 29 Schleusen verbunden. Zudem wurden die Great Glens – die Gegend zwischen Fort William an der schottischen West- sowie dem Städtchen Inverness an der Ostküste – mit zehn Drehbrücken und vier Viadukten infrastrukturell erschlossen.

Ab Fort Augustus geht es für uns wieder abwärts.

Aus geplanten sieben wurden neunzehn Jahre Bauzeit. Und das Großprojekt kostete letztlich fast doppelt so viel wie veranschlagt. 1822 öffnete der Kanal aber schließlich seine Pforten und garantierte seitdem vor allem der Berufsschifffahrt eine sichere Verbindung zwischen dem Atlantik im Westen und der Nordsee im Osten.

Die letzte Brücke des Kanals

Heutzutage nutzen den Kaledonischen Kanal größtenteils Sportboote oder Ausflugsschiffe, die mit ihren Gästen „Nessies“ Spuren folgen. Das berühmt-berüchtigte Monster von Loch Ness begegnet uns zwar nicht, dennoch hängt über dem See in den schottischen Highlands ein mystischer Schleier.

Mystisches Schottland

Inverness: Hauptstadt der Highlands

Nach fünf Tagen im Kaledonischen Kanal erreichen wir am Nordöstlichen Ende die Stadt Inverness. Wir machen die SY BEL AMI in der gut geschützten Inverness Marina fest. Die Stadt selbst ist klein, aber fein und reich an Geschichte. Aufgrund ihrer strategisch bedeutsamen Lage an der Nordostküste Schottlands war sie stets heiß umkämpft.

Inverness ist eine sehr lebendige und interessante Stadt mit sehr guten Versorgungsmöglichkeiten.

Im örtlichen Museum dokumentieren zahlreiche Exponate die bewegte Geschichte der Highlands und ihrer Hauptstadt. Der museale Bogen spannt sich vom archäologischen Erbe bis zur jüngeren Geschichte Nordschottlands.

Sei es der viktorianische Markt, das Inverness Castle, die St Andrew’s Cathedral oder die Ness Islands im Fluss Ness – auch sonst lässt sich in Inverness einiges entdecken. Geschäfte und Supermärkte gibt es ebenso wie traditionelle Pubs und nette Restaurants. Und so vergeht die Zeit in dieser lebendigen Stadt am Moray Firth schnell. Erst nach vier Tagen lösen wir wieder die Leinen und nehmen Kurs auf die Orkney Inseln. Davon aber ein andermal mehr.