Wie gelingt der Wiedereinstieg in den Alltag nach einer langen Reise?

Von Antje Paulus

Antje Paulus und ihr Mann Ingo haben 2014/2015 mit ihrer Hanseat 70 AMAZONE eine Atlantikrunde gedreht. 428 Tage waren sie unterwegs und haben 12.000 Seemeilen zurückgelegt.

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Der Wiedereinstieg ist ein individueller Prozess

Rund um das Thema „Wir gönnen uns eine Auszeit“ beschäftigt ein Aspekt potentielle Aussteiger auf Zeit ganz besonders. Und das ist der Wiedereinstieg in den Alltag nach der Rückkehr. So unterschiedlich die Menschen und ihre Lebenssituationen sind, so unterschiedlich wird sich auch der individuelle Wiedereinstieg gestalten.

Uns ist der Wiedereinstieg nach der Reise gelungen, das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Es hängt von ganz vielen verschiedenen Faktoren ab, wie die Zeit danach empfunden und das Leben vielleicht auch neu geordnet wird. So kennen wir beispielsweise die Geschichten von mehreren Ehepaaren, die wir während unserer Reise kennengelernt haben und die sich nach der Rückkehr in Deutschland getrennt haben.

Sehnsuchtsziele wie die Karibik machen den Wiedereinstieg nicht einfacher.

Der Start ist die Basis für die Rückkehr

Ich bin mir sicher, dass es neben Zielstrebigkeit und technischem Verständnis eine ganz wichtige Voraussetzung gibt, eine glückliche Zeit unterwegs zu erleben – nämlich aus einem ausgefüllten und zufriedenen Leben heraus zu starten. Dann sind auch die Weichen für einen guten Wiedereinstieg richtig gestellt.

Eine Auszeit und einen Wiedereinstieg in den Alltag mit „Vollkaskoschutz“ gibt es nicht. Wahrscheinlich ist es auch gerade dieses Risiko, diese Ungewissheit, die viele Menschen letztlich davon abhält, lang gehegte Reisepläne in die Tat umzusetzen.

Die Reiseroute von Antje und Ingo Paulus

„Habt Ihr euch schon wieder eingelebt? Wie ist das, sich nach so einer langen und schönen Zeit wieder an den Alltag zu gewöhnen?“ Diese Fragen wurden uns nach der Rückkehr am häufigsten gestellt. Und auch ich habe während unserer Reise die Frage nach dem Wiedereinstieg in den Alltag einem gestandenen Salzbuckel, den wir unterwegs getroffen haben und der das schon einmal durchgemacht hat, gestellt. „Schwer, sehr schwer.“ Mehr hat er nicht gesagt, als ich ihn auf Lanzarote bei einem Sundowner in unserem Cockpit danach fragte. Eigentlich keine überraschende Antwort und doch hätte ich lieber etwas Anderes, Ermutigenderes, Zuversichtlicheres gehört.

Wie haben wir unseren eigenen Wiedereinstieg erlebt?

Meine eigene Antwort fällt etwas anders aus: Es war nicht leicht, aber gar nicht so schlimm. Wir kamen braungebrannt, voller positiver Eindrücke und mit großem Tatendrang zurück. Im Gepäck hatten wir unglaublich viele wunderbare Erinnerungen, die uns keiner nehmen konnte und von denen wir ein Leben lang zehren werden.

Unser Hanseat 70 – die AMAZONE

Viele neue Bekanntschaften haben wir gemacht, bei manchen wurde eine Freundschaft daraus. Wir haben magische Nächte auf dem Atlantik erlebt, Orte besucht, deren Namen wir zuvor noch nie gehört hatten. Nun sahen wir endlich unsere Familie und Freunde wieder und voller Schwung sind wir an die Aufgaben gegangen, die an Land auf uns warteten. Es gab wieder Jahreszeiten, die Menschen um uns herum sprachen unsere Sprache und wir konnten im Supermarkt um die Ecke Rote Grütze kaufen, die ich auf unserer Reise schon so lange vermisst hatte.

“Magische Momente”

Es war schön, im Oktober in Bremen mal wieder über den Freimarkt zu bummeln, „Eis wie Sahne“ zu genießen und den Duft von gebrannten Mandeln in der Nase zu haben. Aber auch raschelndes Herbstlaub und Tage, die grau und verregnet waren, geheizte Räume und überfüllte Busse gehörten wieder zu unserem Alltag. Da war es wohl ganz normal, dass wir aktiv an der ersten Erkältungswelle des Herbstes teilnahmen.

Einkaufen: Unterwegs oft ein Abenteuer, in der Heimat „normal“

Natürlich hat sich in unserer Heimatstadt einiges verändert, während wir auf Blauwassertörn waren. Diese Veränderungen haben sich aber auf unseren beruflichen Wiedereinstieg durchaus positiv ausgewirkt. Das war besonders für Ingo nicht selbstverständlich. Seine Firma wollte ihn für die Auszeit nicht beurlauben und so blieb nach mehr als zwei Jahrzehnten Betriebszugehörigkeit nur die Kündigung.

Wir haben auf unserer Reise Seglerinnen und Segler getroffen, die Rente bezogen oder in den vorgezogenen Ruhestand gegangen sind, die sich beurlauben lassen konnten oder ihren Betrieb verpachtet oder verkauft haben. Wir haben aber niemanden in unserem Alter von Anfang 50 getroffen, der seine gut dotierte, sichere Arbeitsstelle gekündigt hat. Zu kündigen war für Ingo ein harter, schwerer Schritt, der ihm nicht leichtgefallen ist. Diesen Mut aufzubringen und auf die eigenen Fähigkeiten, die Zukunft und einen gelingenden Wiedereinstieg zu vertrauen, das war eine der größten Herausforderungen dieser Reise – ja, es hat die Reise sogar erst möglich gemacht.

Glückliche Ankunft in der Heimat nach 14 Monaten

Ingo war nach der Rückkehr drei Monate arbeitssuchend und hat währenddessen eine Fortbildung zum Qualitätsmanager sehr erfolgreich abgeschlossen und festgestellt, dass Lernerfolg nicht vom Alter abhängt. Ganz im Gegenteil: Während der Reise hatte er sich besonders als Skipper vielfältigen, physischen sowie psychischen Herausforderungen zu stellen. Diese hat er angenommen und bewältigt, sodass er „hellwach“ und mit großem Elan zurückkehrte. Er hatte sich unter anderem in seiner alten Firma beworben und ist wieder eingestellt worden.

Antje und Ingo Paulus während der Reise

Ich kehrte planmäßig in meine Behörde zurück, musste aber den Arbeitsplatz wechseln und bekam ein neues Aufgabengebiet übertragen. Neue Kolleginnen und Kollegen, neue Anforderungen und Arbeitsabläufe kamen auf mich zu. Mit Interesse und Tatkraft habe ich mich dem gestellt und fühle mich dort sehr wohl.

Unsere erwachsenen Söhne haben Haus und Garten während unserer Abwesenheit sehr gut in Schuss gehalten. Die beiden haben sich zusammengerauft und mit ihrer Zweier-WG eine gute Zeit gehabt, mit allem, was dazugehört – die eine oder andere Party natürlich auch. Unser Jüngster hat während unserer Abwesenheit seine Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen. Auch in dieser Hinsicht ist alles gut gelaufen, obwohl Mama und Papa nicht zu Hause waren. Kurz nach unserer Rückkehr haben die beiden (damals 24 und 22 Jahre alt) gemeinsam eine Wohnung gemietet und eine Studenten-WG gegründet. Nach wie vor haben wir ein vertrauensvolles, enges Verhältnis zu unseren Kindern und genießen es, gemeinsam Zeit zu verbringen. Wir nehmen das nicht als selbstverständlich und sind dankbar, dass es so ist.

Im hektischen Alltag in Deutschland erinnern wir uns gern an die außergewöhnliche Zeit an Bord zurück. So wunderbar es auch war, Familie und Freunde wiederzusehen, so sehr vermissen wir die Sonne, das warme türkisfarbene Wasser und die täglichen Runden, die wir um die AMAZONE geschwommen waren. Natürlich fehlt uns auch das selbstbestimmte Leben im Einklang mit der Natur. Mit den unzähligen tollen Erlebnissen und wunderbaren Eindrücken „im Gepäck“ war der Wiedereinstieg aber auch gut zu schaffen. Wir hatten die vielfältigen Herausforderungen gemeistert und kamen gestärkt mit offenem Blick und körperlicher wie geistiger Vitalität zurück. Die vielfältigen und schönen Erinnerungen sitzen nicht wie ein Stachel im Fleisch, sondern sie beflügeln uns, den Alltag an Land zu bestehen. Hin und wieder träume ich mich zurück an Bord, sitze an der Pinne, spüre den Wind in den Haaren, das Salz auf der Haut und steuere die AMAZONE mit vollen Segeln durch die schäumende See und die Delfine, die uns begleiten, scheinen uns zuzulächeln – that‘s life!

Entspannte Momente auf See an Bord der AMAZONE

Und was wurde aus dem Schiff?

Und unsere Gefährtin, die AMAZONE, wie ist es ihr ergangen? Wir haben sie nach und nach von ihrem Übergewicht befreit und einige Wagenladungen mit Ausrüstung von Bord geholt. Sentimentale Stimmung kam bei mir auf, als die Kokosnuss, die seit Tobago an Bord war, und unser geliebter ADAC-Karibik-Reiseführer mit vielen anderen Dingen, die sich im Laufe der Reise angesammelt haben, von Bord kamen.

Zentimeter um Zentimeter kam unsere AMAZONE weiter aus dem Wasser. Wir haben uns doch gewundert, dass sie trotz der enormen Zuladung ihre guten Segeleigenschaften behalten hatte. 12.000 Seemeilen und 800 Motorstunden haben Spuren hinterlassen, was ja auch nicht sonderlich überraschend ist. Wir haben 14 Monate auf und mit der AMAZONE gelebt, sie ist während der Reise nicht an Land geholt worden, wir haben jede Nacht an Bord verbracht.

14 Monate hat das Paar aus Bremen an Bord gelebt.

Nach unserer Rückkehr Anfang August sind wir nur noch einmal dazu gekommen, mit ihr zu segeln. Ingos Fortbildung ließ es zeitlich einfach nicht zu, mit ihr unterwegs zu sein. Im Herbst kam sie an Land auf ihren Winterlagerhallenplatz. Viele Überholungsarbeiten standen an, wir mussten viel Zeit und Geld investieren, um sie wieder auf Hochglanz zu bekommen.

Fazit zum Wiedereinstieg in den Alltag

Tatsächlich lag der Wiedereinstieg für uns also irgendwo dazwischen – zwischen „sehr schwer“ und „sehr schön, wieder zu Hause zu sein“. Aber dieses Risiko, dass der Wiedereinstieg hart werden oder vielleicht sogar misslingen könnte, mussten wir eingehen. Die Alternative wäre gewesen, gar nicht erst loszufahren. Das kam für uns nicht in Frage.

Wir bereuen es nicht, uns auf das Abenteuer einer Auszeit eingelassen zu haben. Ganz im Gegenteil, wir hatten die beste Zeit unseres Lebens. Tief in uns spüren wir eine große Dankbarkeit, dass wir unseren großen Traum leben durften und es nicht nur beim Träumen geblieben ist. Und ja, wir wollen wieder lossegeln. Kaum dass wir zurück waren, schmiedeten wir schon wieder Reisepläne. Der Langfahrt-Virus hat uns gepackt! Der Countdown läuft unter: https://welt-ahoi.de/

Tipp der Redaktion: Das Buch zur Reise

Antje Paulus hat zusammen mit ihrem Mann Ingo das Buch „14 Monate Sommer – unter Segeln in die Karibik und zurück“ geschrieben. Die beiden begeisterten Segler aus Bremen berichten über die intensiven Vorbereitungen und die unzähligen Reiseerlebnisse, die sie während ihrer 14-montigen Atlantikrunde mit ihrer Hanseat 70 AMAZONE erlebt haben.

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Sepp Krimmer
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Sepp Krimmer

Eine sehr interessante und gut zu lesende Darstellung des “wie geht es weiter”