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Johannes Erdmann überquerte im Alter von 19 Jahren zum ersten Mal einhand den Atlantik. Während seines Schiffbaustudiums schrieb er sein erstes Buch „Allein über den Atlantik“. Nach zehn Jahren als Wassersportjournalist, rund 60.000 Seemeilen im Kielwasser und sieben Jahren auf See gibt er heute seine Erfahrung vom Langfahrtsegeln als Berater und Journalist weiter. Mit Shorecrew.de begleitet er zudem angehende Eigner auf dem Weg zur eigenen Yacht und gehört zum Expertenteam von BLAUWASSER.DE.
Yacht-Entsorgung: Wenn das Boot zu Abfall wird
Es gibt diesen einen Moment, den kein Eigner gern erleben möchte: Das Boot ist kein Boot mehr. Nicht mehr fahrbereit, nicht mehr versicherbar, nicht mehr zu retten. Entweder durch Jahre der Vernachlässigung, Materialermüdung – oder aber einen Schaden oder gar Untergang. Was dann von der einstigen Bereicherung eines Lebens unter Segeln bleibt, ist ein massives Problem – sowohl technisch, rechtlich als auch finanziell.

Wer sich auf die Suche nach jemandem macht, der das Boot in seine Obhut nimmt, der findet mittlerweile immer häufiger Betriebe, die genau solche Dienste übernehmen: Sie holen ein Boot vom Lagerort ab und kümmern sich um die Entsorgung. Doch wer genauer hinterfragt und recherchiert, ist oft überrascht, denn die Angebote klingen von Mail zu Mail dubioser. Fachgerechte Zerlegung? Fehlanzeige. Häufig zerschneiden die Dienstleiter die Boote direkt an Ort und Stelle, mit entsprechender Staubentwicklung, und werfen die Meterstücke GFK anschließend auf einen Anhänger. Fachgerechte Entsorgung – nicht nachprüfbar. Nicht selten sind solche Boote, deren Abwrackung beauftragt wurde, gar bei Kleinanzeigen im Internet inseriert.
Dabei sind es oft Tragödien, die mit solch einer Entscheidung einer Abwrackung einhergehen. Menschen, die ihrem treuen Schiff nicht mehr gerecht werden können und die Entscheidung aufgrund des Abschiedsschmerzes schon zu viele Jahre vor sich hergeschoben haben. Oder aber Menschen, die ihr geliebtes Schiff in einem Brand oder Untergang verloren haben und nun würdig davon Abschied nehmen möchten. Genau hier kommen die Bootsbestatter ins Spiel.

Die Bootsbestatter: Zwei Männer, zwei Rollen – ein gemeinsamer Ansatz
Teut Juncker und Andreas Wolter ergänzen sich perfekt. Der eine denkt in Gutachten, Kalkulationen und Rechtsrahmen, der andere steht mit der Flex in der Hand in der Halle. Beide kommen aus dem Wassersport, beide kennen Boote aus jahrzehntelanger Praxis. Und vor allem sind sie Segler, die nachvollziehen können, welch schwere Entscheidung sich häufig hinter einer Terminvereinbarung verbirgt.

Teut Juncker, Anfang 50, ist gelernter Bootsbauer, Versicherungsgutachter und ehemaliger Gebrauchtboothändler in Berlin. Regelmäßig wird er von Versicherungen beauftragt, Schäden zu bewerten – oft solche, bei denen schnell klar wird: Dieses Boot fährt nie wieder.
Andreas Wolter betreibt seit einigen Jahren eine Bootswerkstatt, ist sein Leben lang im Wassersport zu Hause und der Mann für die Umsetzung. Wo andere nur Probleme sehen, überlegt der Praktiker: „Wie bekommen wir das Ding da weg?“
Die unbequeme Wahrheit über gesunkene Boote
Denn oftmals ist allein die Logistik für einen Abtransport nicht nur anspruchsvoll, sondern auch teuer: „Ein acht Meter langes Boot mit rund drei Tonnen Gewicht aus zwei Metern Tiefe zu bergen, kostet schnell so viel wie ein gebrauchter Porsche Carrera“, sagt Wolter. Ein schwimmender Kran mit Plattform schlägt seiner Erfahrung nach schnell mit rund 12.000 Euro netto pro Tag zu Buche – und oft braucht es inklusive aller Vorbereitung drei Tage, bis das Boot auf dem Trailer hinter dem Auto hängt. „Dann ist das Boot aber noch lange nicht entsorgt, sondern lediglich aus dem Wasser“, ergänzt Wolter.
Viele Eigner unterschätzen dieses Risiko dramatisch. „Haftpflichtversicherungen übernehmen solche Schäden in der Regel nicht“, mahnt Wolter, „außer es geht um Umweltschäden in sensiblen Gewässern.“ Selbst Kaskoversicherungen sind meist auf das Drei- oder Vierfache des Bootswerts gedeckelt, weiß der Versicherungsexperte. „Das Problem ist aber: Es sinken selten die neuen, gut gepflegten Yachten, sondern fast immer alte, ungepflegte Boote mit geringem Marktwert“, ordnet Wolter ein.
Die Rechnung ist einfach und nüchtern: Ein alter Stahlkreuzer für 5.000 Euro geht unter. Die Versicherung zahlt zwar möglicherweise 15.000 Euro, doch die tatsächlichen Kosten liegen für solch einen Einsatz häufig bei 30.000 Euro. „Die Differenz bleibt beim Eigner“, warnt Wolter, „und führt in solchen Fällen nicht selten direkt in die Privatinsolvenz.“

Yachten abzuwracken ist kein Hobby – sondern Abfall-Entsorgung
„Wir entsorgen keine Boote, wir entsorgen Abfall“, ergänzt Teut Juncker. Denn rechtlich ist ein nicht mehr fahrttaugliches Boot genau das: Abfall. Mit allen Konsequenzen. „Allein für den Abtransport sind deshalb allerlei Sonderlizenzen nötig“, ergänzt Wolter. „Sobald sich Batterien an Bord befinden, spricht man gar von gefährlichem Abfall. Das Rumpfmaterial GFK ist hingegen Sondermüll.“
GFK wird für gewöhnlich in dafür spezialisierten Anlagen verbrannt, allerdings nur in kleinen Stücken von maximal 30 x 30 Zentimeter. Das bedeutet für die Bootsbestatter: Die Boote müssen vorher vollständig zerlegt werden. Und genau das ist die eigentliche Arbeit.

Die Bootsbestatter bieten vom Liegeplatz bis zur Entsorgung alles aus einer Hand
„Deshalb haben wir uns über die Jahre die nötigen Kontakte und Prozesse erarbeitet, um nicht bei jedem Abwrackfall neu auf die Suche gehen zu müssen, je nach Liegeplatz, sondern möglichst effektiv arbeiten können“, bestätigt Juncker.
Die Bootsbestatter übernehmen dabei den kompletten Prozess, von der Organisation und oftmals auch Durchführung des Abtransports zu ihrer Halle in Berlin über die Zerlegung des Bootes in alle einzeln zu entsorgenden Bauteile. „Vom Bilgewasser und Diesel über die Batterie, das Öl und die Kabel – alles wird zerlegt, weil es einzeln entsorgt werden muss“, sagt Wolter, „bis alles in handlichen Stücken und separiert per Anhänger den Weg zum Entsorger antreten kann.“
Dabei gehen die Bootsbestatter in jeder Hinsicht die Extrameile, denn enthalten die Yachten Edelmetalle wie Blei oder Stahl, dann wird der Erlös der Materialien von der Endsumme abgezogen. „Abgerechnet wird dann nach tatsächlichem Gewicht – nicht nur der Gesamtmasse, sondern in solchen Fällen der Einzelteile. Ist das Blei im Kiel eingegossen, holen wir es dort heraus und wiegen einzeln“, bestätigt Wolter.

Ein Online-Kalkulator bietet Transparenz bei der Entsorgung
Statt Pauschalpreise zu nennen, setzen die Bootsbestatter auf ihrer Website auf einen Online-Kalkulator, über den Eigner die Abwrackung ihres Bootes berechnen können, ähnlich dem Konfigurator eines neuen Bootes – nur rückwärts: Zu Beginn wird die Gesamtsumme des Gewichts eingetragen, dann Abzüge gemacht, Optionen gewählt – und am Ende bekommen ihre Kunden ein realistisches Angebot. „Solange die Werte alle stimmen“, ergänzt Wolter, „denn bei der Abrechnung zählt am Ende die Wiegekarte.“
Die Idee hinter dem Konfigurator ist einfach: Sie möchten für ihre Kunden die Hemmschwelle senken. „Niemand wacht morgens auf und entscheidet spontan, sein Boot zu entsorgen“, sagt Wolter. „Viele Menschen wollen erst verstehen, was auf sie zukommt, ohne dafür zehn Telefonate führen zu müssen und Angebote anzufordern.“

Kein Weiterverkauf, keine Grauzonen
Ein klarer Grundsatz unterscheidet die Bootsbestatter von vielen Mitbewerbern: Es wird nichts verwertet. Kein Weiterverkauf von Teilen, kein ganzes Boot oder Kasko, das später bei Kleinanzeigen wieder auftaucht. „Wenn ein Auftrag zur Entsorgung erteilt wird, dann wird entsorgt“, versichert Wolter. „Alles andere ist in meinen Augen unseriös.“

Wer von seinem Boot einzelne Teile verkaufen möchte, den halten die Bootsbestatter an, sie vorher selbst auszubauen. Denn ihre Erfahrung zeigt: Alles andere endet im Chaos. „Wir haben kein Lager und keine Logistik, um einen Gebrauchtwarenladen zu führen, die Teile ins Internet zu stellen und dann jahrelang zu lagern, bis sie eventuell jemand kauft“, ergänzt Wolter. Er spricht aus Erfahrung. Ein früherer Versuch, für einen Kunden Motoren mit geringer Laufleistung auszubauen und den Erlös zu teilen, brachte am Ende für beide Seiten hauptsächlich Frust.
Am Ende der Entsorgung steht eine saubere Abrechnung nach Wiegekarte des Entsorgers. Fair, nachvollziehbar, transparent. Kunden können durch Vorarbeit Kosten sparen – etwa durch Absaugen von Diesel oder Ausbau von Motoren. „Alles, was sie selbst demontieren, spart ihnen Geld“, ergänzt Juncker, „und im Zweifel können sie selbst mit etwas Geduld noch ein paar Dinge im Internet verkaufen.“

Erfolgsfaktoren der Yacht-Entsorgung sind die Logistik, die Erfahrung und ein Netzwerk
Jeder Auftrag ist anders. So wie die Boote und Eigner. Manche Boote stehen für die Bootsbestatter halbwegs zugänglich – andere hingegen auf Europaletten, eingeklemmt zwischen Hallen oder Bäumen oder müssen erst mühselig aus Dickicht gezerrt werden. „Dass das Boot heil bleibt, ist dabei zum Glück zweitrangig – es soll ja ohnehin weg.“
Die Bootsbestatter verfügen dafür nicht nur über das passende Handwerkszeug und die notwendigen Fahrzeuge, sondern auch über einen eigenen Schlepper sowie ein gewachsenes Netzwerk aus Kranbetrieben, Entsorgern und Marinas. „Das ist kein Job, in den man einfach mal einsteigt“, sagt Wolter. „Dahinter stehen Jahre des Aufbaus von Kontakten, Erfahrung – und Vertrauen innerhalb der Wassersportbranche.“

„Die Bootsbestatter“ – warum der Name Programm ist
Unter dem Strich besteht die angebotene Dienstleistung im Abwracken von Booten. Der Begriff „Bootsbestatter“ jedoch ist bewusst gewählt. Er geht auf eine persönliche Erfahrung zurück: Als vor einigen Jahren der Vater eines der beiden Geschäftspartner starb, prägte der einfühlsame, entlastende Umgang des Bestatters mit der Situation nachhaltig. Dieses Erlebnis wurde zum Namensgeber – und zum Leitbild für die eigene Arbeit.
„Segler verdienen aus unserer Sicht einen ähnlich einfühlsamen Umgang mit dem Thema Abschied“, sagt Wolter und schildert eine typische Situation: „Da steht ein fast 90-jähriger Eigner vor uns, dessen Boot seit Jahrzehnten Teil der Familie war, und sagt mit brüchiger Stimme: Ich kann nicht mehr.“
Mehr noch als dieser Moment blieb Juncker und Wolter jedoch eine Erkenntnis im Gedächtnis: Die größte Sorge vieler Eigner ist weniger das Loslassen selbst, sondern die Angst vor dem, was danach kommt. Vor den nächsten Schritten, vor dem Aufwand, vor den Konsequenzen. Und vor der Frage, wie sich einem immer noch geliebten, aber nicht mehr zu rettenden Boot ein würdevoller Abschied ermöglichen lässt – ohne dass daraus ein weiteres Problem wird.
Juncker und Wolter sind mit dem Segeln aufgewachsen. Sie wissen, was ein Boot im Leben eines Menschen bedeutet. Deshalb geht es nicht nur um Technik und Entsorgung, sondern um Respekt. „Da kann kein Handwerker an der Tür klopfen und aus seiner Sicht einfach ein Stück Abfall abholen“, ergänzt Wolter. „Das braucht Feingefühl.“ Genau diese Rücksicht und dieses Mitgefühl haben die Bootsbestatter zu ihrem Leitmotiv gemacht. Auf Wunsch melden sie das Boot sogar ab, räumen es aus, legen Erinnerungsstücke beiseite und hinterlassen den Platz sauber. Und wenn es dem Eigner wichtig ist, sägen sie sogar das Typenschild aus – damit ein Stück des Bootes bleibt.

Fazit
Das Abwracken von Yachten ist ein Markt, den lange kaum jemand ernst genommen hat – obwohl er stetig wächst. Jahr für Jahr werden allein in Deutschland mehrere hundert neue Yachten zu Wasser gelassen. Die alten GFK-Yachten jedoch, denen man in den 1950er-Jahren noch eine Lebensdauer von höchstens 20 Jahren prognostiziert hatte, sind vielerorts bis heute präsent.
Nach Jahrzehnten im Einsatz sind viele dieser Boote jedoch nicht mehr ansehnlich, ein Refit wirtschaftlich kaum darstellbar – und ein Verkauf entsprechend schwierig. Das Angebot auf dem Gebrauchtbootmarkt ist schließlich groß. Für viele Segler ist es daher oft einfacher, sich für ein anderes, im Zweifel größeres und besser gepflegtes Schiff zu entscheiden, als Zeit und Geld in ein Boot zu investieren, dessen Zukunft bereits entschieden ist.
Beim Abschied von einer alten Yacht brauchen Menschen in genau solchen Situationen vor allem eines: kompetente Ansprechpartner, die Verantwortung übernehmen. Die Bootsbestatter tun genau das – als ausgewiesene Experten, fachlich ebenso wie rechtlich und logistisch. Und gerade in den schwierigen Fällen bringen sie etwas mit, das man nicht lernen kann: das nötige Feingefühl.
Mehr zum Thema unter: www.die-bootsbestatter.de

























Ein vielfach verdrängtes Thema, aber brandaktuell. Wenn man in der Karibik unterwegs ist, begegnet man auf Schritt und Tritt aufgegebenen Booten, sei es noch schwimmend in elendem Zustand oder schon an Land geschwemmt, wo sie oftmals die sonst traumhaft schöne Landschaft verunstalten. Wenn man bedenkt, wieviele Boote von der Industrie jedes Jahr gebaut werden, tut sich hier für die Zukunft ein riesiges Problem auf. Die Bootsbestattung ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber noch viel zu wenig, um das Problem nachhaltig zu lösen. Da werden auch weltweit noch weitere Schritte rechtlicher und logistischer Art nötig werden, und auch… Mehr lesen »
Diese Frage stelle ich mir auch schon lange, aber was mich außerdem interessiert, ist das Schicksal der Unmengen von Charteryachten. Da kommt jedes Jahr eine neue Flotte auf die Meere, und ich frage mich, was mit den alten passiert. Kann man z.B. die alten Rümpfe recyclen und neue draus machen? Oder werden die alle im Atlantik versenkt?