Ein Beitrag von

Ingrid Schnabl
Ingrid und Robert Schnabl sind seit den 1980er-Jahren begeisterte Fahrtensegler. Mit ihrer ersten Yacht, einer Motiva 42, starteten sie im Jahr 2000 gemeinsam mit ihrer damals dreijährigen Tochter von Kroatien aus zu einer Weltumsegelung. Mit ihrem zweiten Schiff, einer Alubat Ovni 435, sind die beiden seit einigen Jahren im Nordatlantik unterwegs und berichten in Vorträgen regelmäßig von ihren Segelreisen.
Seit zwei Tagen schaukeln wir mit achterlichen Winden von den Färöer-Inseln die Ostküste von Island an. Während der gesamten Strecke haben wir kein einziges Schiff gesehen, auch nicht auf dem AIS-Schirm – selbst auf dem UKW-Funkgerät herrscht absolute Stille. Unzählige Vögel begleiten unseren Kurs, dazu wird es nie richtig dunkel – sehr angenehmes Segeln.
Unser extra für diesen Törn in den Hohen Norden selbst genähter „Wintergarten“ bewährt sich prächtig! So nennen wir die halbe Kuchenbude, mit der die Sprayhood nach achtern verschlossen wird. Die Mühe der Näherei hat sich gelohnt, denn vor allem nachts sitzt es sich schön windgeschützt, warm und bequem mit guter Aussicht im Cockpit.

Dramatisch anmutender Landfall auf Island
Dann ist es so weit: Der Landfall auf Island hat etwas Dramatisches. Erst zwei Meilen vor der Küste steigen die schneebedeckten Berge und grünen Hänge Islands plötzlich aus dem Nebel. Ein überwältigender Anblick. Unsere STRAVANZA, eine Alubat Ovni 435, gleitet bei Sonnenschein in den tiefen Seydisfjördurfloi hinein. Links und rechts des Fjords stürzen Wasserfälle ins Meer und Papageientaucher tauchen vor unserem Bug ab oder fliegen auf. Wir sind überwältigt vom ersten Anblick auf Islands Küste und können es kaum glauben, dass wir tatsächlich in einen isländischen Fjord einlaufen. Am Steg in Seydisfjördur warten schon ein Zollbeamter und der Hafenmeister, sie übernehmen unsere Festmacher und rufen uns ein herzliches „Welcome to Iceland!“ zu.

Kap Langanes – das „Kap Hoorn“ von Island
Von der Ostküste aus wollen wir in den nächsten acht Wochen Island gegen den Uhrzeigersinn umrunden. So geht es von Seydisfjördur weiter nach Norden und es steht gleich einmal die Umrundung der Langanes-Halbinsel an – dem Kap Hoorn von Island. Zum Glück treffen wir davor noch Mike Henderson mit seiner PANGEY, der Brite ist ein sehr erfahrener Islandsegler, hat einen Hafenführer für Island geschrieben und ist in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund. Von ihm erhalten wir aus erster Hand nützliche Tipps für die Umrundung der Langanes-Halbinsel und weitere Empfehlungen für Hafen- und Ankerplätze an der Nord- und Westküste von Island.

Die Reputation des Langanes-Kaps ist schlecht. Meist ist es hinter dichtem Nebel versteckt und wird dazu vom berüchtigten Langanes-Röst umspült. Dieser starken Tidenströmung weicht man am besten aus, wenn man ganz knapp unter Land bleibt, was natürlich nur bei den passenden Wetterbedingungen klappt. Mit Navionics und Radar tasten wir uns trotz Nebel mit dieser Taktik um das Kap herum und bestätigen damit eines der bekanntesten Isländischen Sprichwörter: „Petta reddast!“ – „Wird schon schiefgehen!“
Whale Watching vor Husavik an Islands Nordküste
Mit dem Langanes-Kap im Kielwasser segeln wir entspannt in eine helle Nacht und unser Bug richtet sich Richtung Husavik. Am frühen Morgen prustet es unüberhörbar laut und dicht, direkt neben uns taucht ein Minkwal auf. Majestätisch ruhig kreuzt er unseren Kurs und seine Schwanzflosse verschwindet elegant in den Wellen. Unser erster Wal – wir haben Herzklopfen, sind berührt und hoffen auf weitere Walsichtungen.

Husavik ist ein kleines Fischerstädtchen und das Whale-Watching-Zentrum an Islands Nordküste. Schnell finden wir nach dem Einlaufen einen guten Platz und tauchen ein in die quirlige Hafenatmosphäre. Bunte Whale-Watching-Boote laufen ein und aus und es herrscht durch die vielen Besucher eine fröhliche Ferienstimmung. Abends haben die wenigen Segler den Hafen wieder für sich allein.

Am nächsten Tag zieht ein Tief mit viel Wind und Regen durch, ideal für einen Landgang und den Besuch der luxuriösen Geosea Hot Pools, die hoch oben auf den Klippen über Husavik liegen. Wir entspannen im 38 Grad warmen geothermalen Wasser des Infinity- Pools und genießen von hier aus die Aussicht auf die sturmgepeitschte Bucht. Durchgewärmt und tiefenentspannt kehren wir auf dem Weg zurück in die örtliche Brauerei ein und probieren das Husavik-Öl und die weltberühmten Isländischen Hot Dogs – beides sehr empfehlenswert.

Insel Grimsey – Papageientaucher am Polarkreis
Husavik ist der ideale Absprunghafen für einen Besuch der Insel Grimsey – dem nördlichsten Ziel unserer Sommerreise in den hohen Norden. Die nur fünf Quadratkilometer kleine Insel liegt auf magischen 66° 33‘ Nord und mit dieser Position genau am Polarkreis! Aber nicht nur deshalb gibt es den Wunsch, nach Grimsey zu segeln, sondern auch wegen der Papageientaucher, die hier jeden Sommer zu Tausenden in den Klippen nisten. In den nächsten Tagen beobachten wir ihr geschäftiges Treiben ganz aus der Nähe, schießen unzählige Fotos und können uns gar nicht sattsehen an diesen Clowns unter den Seevögeln.

Während der Inselerkundung hat hinter uns ein Fischtrawler angelegt und nach unserer Rückkehr kommen wir mit der Crew des Kutters ins Plaudern. Prompt bekommen wir einen fangfrischen Kabeljau geschenkt, Fisch vom Feinsten für die nächsten drei Tage! Auf unserer Reise rund Island wird es nicht das einzige Mal bleiben, dass wir von Fischern mit frischem Fisch beschenkt werden.

Für die nächsten Tage ist heftiger Wind und sogar Schneefall angekündigt. Schnell machen wir uns – bei bereits frischen Winden von achtern – auf den Weg zurück ans isländische „Festland“ zum Hafen von Dalvik. Doch dann passiert es: Ein zu spät eingeleitetes Reffmanöver beschert uns einen langen Riss ins Großsegel, Dalvik aber erreichen wir sicher. Bevor der Wind nach dem Festmachen so richtig loslegt, stehen wir bei einsetzendem Schneeregen an Deck, schlagen das Segel ab und zerren es unter Deck. Bei prasselndem Regen surrt unsere Bordnähmaschine, Gott sei Dank können wir den Schaden selbst beheben, denn Segelmacher sind in dieser Gegend nicht zu finden.

Hrisey – die Perle des über 30 Seemeilen langen Fjords Eyjafjördur
Sobald das Tief durchgezogen ist, scheint wieder die Sonne. Das nächste Ziel ist die Insel Hrisey, die auch Perle des Fjords Eyjafjördur genannt wird. Schon nach einem Tag auf dieser wunderhübschen Insel verstehen wir sehr gut, warum sie diesen Namen trägt. Das jährliche Sommerfestival ist gerade im Gang, schnell kommen wir mit den Einheimischen in Kontakt und tauchen ein ins beschauliche Inselleben.

Auf Hrisey fühlen wir uns so wohl, dass wir die Abreise mehrere Male verschieben, die Insel bietet einfach alles, was man sich als Segler wünscht: einen sicheren Hafen mit bequemem Schwimmsteg und Stromanschluss, freundliche, offenherzige Menschen zum Plaudern, einen gemütlichen Pub mit hervorragendem Fish & Chips und frisch gezapftem Bier, dazu wunderbare Wanderwege, ein dampfender Hot Pot mit Aussicht auf die schneebedeckten Berge und sehr viele Vogelarten, die hier im Sommer in großer Zahl nisten.

Auf einer unserer Wanderungen treffen wir auch auf Olav. Er ist ein ehemaliger Fußballnationalspieler und in seinem Ruhestand auf die Insel gezogen, heute nennt er sich einen Heiler. Er erklärt, dass auf Hrisey eine besondere Energie herrscht, die vom gegenüberliegenden heiligen Berg Kaldbakur auf die Insel strömt und sie zu einem magischen Ort macht. Ganz so esoterisch sind wir zwar nicht angehaucht, müssen aber zugeben, dass uns Hrisey ganz besonders bezaubert – aus welchem Grund auch immer.

Das Sommerfestival der Insel endet nach einigen Tagen mit einem riesigen Lagerfeuer um Mitternacht, begleitet von Gesängen der vollzählig versammelten Dorfgemeinschaft. Eine einzigartige Atmosphäre, die uns die Gänsehaut rauf und runter jagt. Der Abschied von diesem magischen Ort fällt schwer, aber die Zeit eilt, denn im nächsten Hafen Siglufjördur wartet unsere Tochter Anna.

Landgang: Kreuz und quer durch Islands Inneres
Praktischerweise hat Anna gleich einen Allrad-Mietwagen mitgebracht. Wir packen unsere Wanderschuhe und Campingausrüstung ein und binden die STRAVANZA gut an, denn für die nächsten zehn Tage lassen wir sie unbemannt im Hafen liegen. Wir wollen Islands beeindruckendes Inneres mit Auto und Zelt erkunden und die Isländischen Hochländer bis hinauf an den Rand der Gletscher durchqueren. Los geht es über holprige, teils schlammige, sandige und felsdurchsetzte Straßen von Nord nach Süd, wir durchqueren zahlreiche Flüsse und zelten an Orten, die sich wie das Ende der Welt anfühlen. Wir duschen im warmen Wasserfall, wärmen uns in natürlichen Hot Pots, wandern über bunte, rauchende Hügel und bizarre Lavalandschaften und bestaunen grandiose Wasserfälle. Es ist eine unglaubliche Fahrt durch Islands Naturwunder, an deren Ende uns die Attribute ausgehen, um diese einzigartigen Eindrücke zu beschreiben.

Spätestens jetzt hat Island uns mit all den bisher erlebten Begegnungen und Abenteuern voll in seinen Bann gezogen. Zurück auf der STRAVANZA sind wir uns einig, dass wir gerade eine Reise erleben, die unsere Seelen berührt und uns die Verbundenheit mit der Natur so intensiv erleben lässt wie selten zuvor.

Hornstrandir Nationalpark: Am Ende der Ankerbucht ein Gletscher
Erholt von den vielen Eindrücken unseres Inlandstrips und schon wieder neugierig darauf, was uns Island noch so zu bieten hat, verlassen wir frühmorgens den hübschen Hafen Siglufjördur und nehmen Kurs nach Westen. 90 Seemeilen sind es bis zum Hornstrandir Nationalpark an Islands Nordwestecke.

Wie mittlerweile immer, machen wir auch hier vor der Ankunft am Ankerplatz noch einen Stopp an der 10-Meter-Linie. Der Angelhaken fliegt über Bord und verlässlich gehen innerhalb kürzester Zeit zwei Kabeljaus der richtigen Größe an die Angel. Wieder bewahrheitet sich, was die Isländer stets behaupten und wir anfangs nicht recht glauben wollten: „Hang the line overboard and after 10 minutes you are done!“

Wir erleben wunderbare, stille Tage in den atemberaubenden Fjorden des Hornstrandir Nationalparks. Gemächlich schlendern wir von Ankerplatz zu Ankerplatz, die wir alle für uns ganz allein haben. In der einzigen im Sommer bewohnten Ortschaft in der Nähe einer alten verfallenen Walkocherei gönnen wir uns Kaffee und Kuchen im gemütlichen Doctor‘s House-Café. Ein Ort, den man nur über den Wasserweg oder einen tagelangen Fußmarsch erreicht. Jeder dieser Fjorde ist anders und jeder neu entdeckte Ort lässt uns staunen – wegen seiner Schönheit, Abgeschiedenheit und unberührten Wildnis.

Der beeindruckendste Ankerplatz ist im Fjord Leirufjördur, wo wir direkt vor dem Gletscher Drangajökull den Anker werfen. Von den Sedimenten, die der Fluss in die Bucht trägt, ist das Wasser milchig-grün. Um dem Gletscher näher zu kommen wandern wir die steilen, unwegsamen Hügel hinauf und stapfen barfuß durch mehrere Bäche. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, mit Picknick, Sonnenschein und unbeschreiblich schöner Natur.

Als Zugabe tauchen dann auch noch Wale im Fjord auf. Ihre Rücken durchbrechen die spiegelglatte See und die Fontänen verraten ihren Standpunkt. Das Wissen um die Anwesenheit dieser sanften Riesen zaubert uns ein breites Grinsen ins Gesicht und wehmütig denken wir an die bevorstehende Rückkehr in die Zivilisation – doch wir müssen weiter nach Siglufjördur, wo uns unsere Tochter wieder verlässt.

Noch mehr Höhepunkte: Islands Westküste
Nach dem Verlassen des Hornstrandir Nationalparks geht es auf Südkurs weiter an Islands Westküste. Wir navigieren durch schmale Passagen und unberührte Buchten, stets umgeben von majestätischen Bergen und erneut begleitet von den sanften Riesen: Buckelwale winken freundlich mit ihren Fluken und präsentieren sich mit beeindruckenden Sprüngen in ihrer ganzen Pracht.
Ein Höhepunkt ist der Dinjandi-Wasserfall, der sich am Ende eines tiefen Fjords verbirgt. Wir liegen als einziges Boot direkt vor dem Wasserfall und bestaunen die majestätischen Wassermassen, die sich in einem breiten Vorhang die Felsen hinunterstürzen. Ein gewaltiges Naturschauspiel der Superlative.

Auf dem weiteren Weg nach Süden leuchtet die Halbinsel Snæfellsjökull am Horizont, das letzte Kap vor Reykjavik ragt weit hinaus in den Ozean. An ihrer Spitze thront der Snæfells-Gletscher, der in der Abendsonne orangerot leuchtet, fast schon kitschig schön.

„Bless!“, sagen die Isländer zum Abschied
Es ist bereits Mitte August und um Mitternacht herum stellt sich wieder so etwas wie Dunkelheit ein. Langsam wird es Zeit, in südlichere Gefilde zu segeln. Mittlerweile liegen wir im Hafen von Reykjavik, direkt im Zentrum vor der berühmten Konzerthalle Harpa. Wir schlendern über die nicht weniger berühmte Regenbogenstraße und genießen nach vielen Wochen in der Abgeschiedenheit die Annehmlichkeiten einer Großstadt: gute Supermärkte, nette Pubs und Cafés, Wäscherei, außerdem gehen wir sogar ins Kino!

Nach einem letzten Stopp auf den Vestmannaeyjar-Inseln ist es dann so weit: An einem grauen Montagmorgen laufen wir aus dem wunderschönen Naturhafen von Heimaey aus und richten den Bug Richtung Südosten – zum 500 Seemeilen entfernten Stornoway in Schottland. Lange noch sehen wir das Eis des mächtigen Vatnajökull achteraus am Horizont leuchten, Islands größtem Gletscher. Wehmütig nehmen wir Abschied von Island: „Bless, Island, du erstaunliches, ungeheuer beeindruckendes Fleckchen Erde!“, rufen wir ihm zu. „Du hast dich tief in unsere Seglerherzen gebrannt. Wir kommen wieder!“
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Wer mehr Fotos und Videos zum Trip rund Island sehen möchte, findet hier das Youtube-Video von Ingrid und Robert Schnabl zur Umrundung Islands.


























