Törnbericht: Suwarrow – das Südsee-Eiland der Einsiedler

Von Mareike Guhr

Mareike Guhr ist leidenschaftliche Seglerin, Journalistin und Buchautorin aus Hamburg. In ihrem Kielwasser liegen unzählige Törns in allen Revieren der Welt. Dazu gehört auch eine mehr als vierjährige Weltumsegelung für die sie mit dem Trans-Ocean-Preis ausgezeichnet wurde. Sofern sie nicht auf dem Wasser unterwegs ist, lebt sie in Hamburg und schreibt über das Segeln.

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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus meinem Buch “Blau, türkis, grün”

Suwarrow – ein besonderes Atoll

Es ist ein ganz besonderes Atoll, das wir da anlaufen. Mitten im Pazifik, viele hundert Meilen entfernt von größeren Ansiedlungen. Rarotonga, die Hauptinsel der Cookinseln, zu denen Suwarrow gehört, ist fast 600 Meilen entfernt, also mehr als 1.000 Kilometer. Wir sind hier mit ordentlich Wind durch den Pass gerauscht und haben im Inneren der Lagune bereits einige befreundete Yachten entdeckt. Alle sammeln sich vor der kleinen Insel mit dem bezeichnenden Namen Anchorage Island.

Suwarrow liegt in der Südsee inmitten des pazifischen Ozeans – Karte: Navionics Webapp

Als ich mich durch die Korallenköpfe schlängle, um einen freien Spot zu finden, taucht plötzlich ein kleines Boot vor mir auf. Darin sitzt ein Mann und winkt. „Hierher, komm her“, ruft er. Ich mache mir in der Regel gern selbst ein Bild, bevor ich anderen vertraue. Aber er macht sein Boot bei den Nachbarn fest, springt ins Wasser, taucht mal eben runter und sondiert die Lage. Bei so viel Einsatz muss ich ihm einfach folgen. Er weist mir einen Platz direkt hinter dem Riff zu, und ich lasse den Anker fallen. „Welcome to Suwarrow“, grinst er, als er triefnass zu uns an Bord klettert und sich vorstellt: „Ich bin Charlie, und ich bin Ranger hier.“

Viele Wege führen nach Suwarrow.

Suwarrow ist unbewohnt und nur von einer Unmenge an Tieren bevölkert. Charlie und sein Kollege Henry sind für gut sechs Monate pro Jahr auf dem Atoll, um die Vögel, Krabben und auch die Unterwasserwelt zu schützen, sie zu beobachten und zu zählen. Außerdem kümmern sich die beiden um die Segler, die hier einen Zwischenstopp einlegen.

Suwarrow ist unbewohnt und nur von einer Unmenge an Tieren bevölkert.

„Wenn Ihr fertig seid, kommt Ihr an Land zum Einklarieren, dort drüben“, zeigt er uns. „Kennt Ihr die Geschichte von Tom Neale?“, fragt Charlie gleich als nächstes. Natürlich haben wir von dem Neuseeländer, der in den 50er- und 60er-Jahren hier lange Zeit allein gehaust und ein Buch darüber geschrieben hat, gehört. „Stimmt alles nicht“, erzählt Charlie. „Ich war damals auf der Insel, wir haben hier auch gelebt. Neale war nicht allein“, berichtet er. Wir wollen erst mal ankommen, bevor wir uns mit solcher Art Verschwörungstheorien auseinandersetzen und versprechen, Charlie bald an Land zu folgen.

Die Insel und auch der Ankerplatz sind atemberaubend schön.

Die Insel und auch der Ankerplatz sind atemberaubend schön. Mein Mitsegler Asier springt schnell noch ins Wasser und kontrolliert, ob der Anker wirklich sitzt. Dabei schwimmen schon mehrere kleine Schwarzspitzenhaie um unser Schiff, die vom Rattern der Ankerkette angelockt wurden. Die sind eigentlich harmlos, aber da unsere Nachbarn gerade Fischabfälle von Bord entsorgt haben, was wir am Ankerplatz immer vermeiden, sind die kleinen Haie einigermaßen aufgeregt, und Asier ist schnell wieder zurück an Bord.

Blau, türkis, grün. Die Farben der Südsee.

Wir sind neugierig, wollen bald an Land und lassen das Beiboot zu Wasser. Doch vorher kommen Petr und Pavlina von der Perla Alba angedüst und begrüßen uns. Es wird ein großes Hallo. Die Freunde sind vor ein paar Tagen angekommen und schwärmen: „Es ist total cool hier, ein besonderer Ort!“ Zuletzt haben wir uns in Bora Bora getroffen – kein besonderer Ort mehr, nachdem der Tourismus dort so vieles verändert hat. „Hier gibt es Krabben, die sind sooo groß“, erzählt Pavlina und malt einen riesigen Kreis in die Luft. „Na klar!“, denken wir und haken es unter Seemannsgarn und Wiedersehensfreude ab. Die beiden erklären uns noch, wie man am besten durch die Riffzone zum Dingiparkplatz kommt und rauschen ab in Richtung Insel.

An Land auf Suwarrow

Langsam fällt die Anspannung der fünftägigen Überfahrt ab. Wir sind kollektiv glücklich über unsere Ankunft. „Kommt, keine Müdigkeit vorschützen“, rufe ich und klettere ins Dingi. Als wir drüben ankommen, geht’s erst mal ins „Immigration Office“, das gleichzeitig Treffpunkt der immer wieder wechselnden Inselgemeinschaft, sprich der Segler, ist. Eine offene Palmendachhütte, unter deren Decke jede Menge Wimpel und Flaggen von zuvor eingelaufenen Yachten hängen. Der Segler neigt ja zu dem Wunsch, der Welt seinen Stempel mit einer „Ich war hier“-Marke aufzudrücken. Auch wir sind nicht ganz frei davon. So haben wir beispielsweise in Gran Canaria vor der Atlantiküberquerung die Pier mit unserem Logo bemalt, wie es die Tradition so will. Hier in Suwarrow beschränken wir uns allerdings auf das Bestaunen der Vorgängertaten.

Treffpunkt der Segler: das Immigration Office

Charlie und sein Kollege Henry begrüßen uns ganz offiziell mit einem Stempel im Pass auf ihrer Insel. Wobei Suwarrow grundsätzlich eher die Heimat der Tiere ist, nicht der Menschen. Charlie führt uns herum und berichtet davon, dass die Krabben ihnen alles wegfressen. Jegliche Gemüseanpflanzung habe immer mit Totalverlust geendet. „Die fressen einfach alles, nicht nur Kokosnüsse“, meint er. „Die allerdings am liebsten!“

Wir wollen die ominösen Krabben nun auch endlich sehen. Als aber Charlie dann mit einer ankommt, kann ich es kaum glauben. Pavlina hat wirklich nicht übertrieben Die Coconut Crabs sind riesig. „Die können ziemlich gefährlich werden, wenn man sie falsch anfasst oder ihnen in die Quere kommt“, erklärt Charlie und zeigt uns nicht nur die mächtigen Scheren, sondern auch, wie man die Tiere richtig anfasst – ohne Gefahr zu laufen, einen Finger zu verlieren. Ich halte mich dennoch in gebührendem Abstand.

Die Coconut Crabs sind riesig.

Auf Deutsch heißen die farbenfrohen Kriechtiere „Palmendieb“; nicht zuletzt, weil sie mit ihren kräftigen Beißern tatsächlich Kokosnüsse knacken. Das ein bisschen wie eine Riesenspinne aussehende Tier ist die größte Landkrabbe der Welt. Der Körper misst bis zu 40 Zentimeter und die Spannweite der Beine reicht bis zu einem Meter! Drei bis vier Kilo schwer sind die wunderschön blau-violett oder orange-rot gefärbten kleinen Monster. Und Charlie füttert sie mit Kokosnüssen, die er ihnen netterweise schon geöffnet vorsetzt.

Am nächsten Morgen berichtet Henry, dass ein Tigerhai in der Nacht einen Manta angegriffen und getötet hat. In der Lagune. Nun sind Mantas nicht gerade klein, und ich hätte nie gedacht, dass Haie sie angreifen würden. Bei einer nachmittäglichen Fütterung wird mir erstmals klar, was passiert, wenn ein Hai den Schalter umlegt. Bisher hatte ich es ja immer nur mit friedlichen Haien zu tun. Wir waren inmitten von Hunderten von Haien tauchen, ohne dass mir bange wurde. Jetzt und hier würde ich keinen kleinen Finger in das Becken vor mir stecken. Auf der Außenseite der Insel wirft Charlie Fischabfälle in das Wasser, woraufhin sich gut 20 kleinere Haie verbittert um die Gräten streiten.

20 kleinere Haie streiten sich verbittert um die Fischabfälle.

Das Wasser brodelt, es spritzt, die Haie sind komplett aus dem Häuschen, schlagen mit ihren Schwanzflossen und verbeißen sich nicht nur in der Beute, sondern teilweise sogar in den Nachbarn. Es ist ganz und gar gruselig. Die Haie ticken in ihrem Blutrausch vollständig aus. Wir versuchen, das Massaker mit der Kamera festzuhalten, aber ich komme mir fürchterlich voyeuristisch vor, und außerdem ist fast nur weißer Schaum zu sehen. Nach diesem Erlebnis beobachte ich Haie etwas skeptischer und lerne erst langsam wieder, dass sie nur gefährlich sind, wenn sie angetriggert werden. Natürlich füttert Charlie die Haie absichtlich am Außenriff, damit sie nicht durch den Pass in die Lagune kommen, aber den Tigerhai sehen wir an diesem Tag nicht. Dafür fahren wir am nächsten Morgen zum Mantaspot schnorcheln und treffen an der „Putzstation“ auf fünf riesige Tiere, die wunderschön, ganz langsam und majestätisch ihre Bahnen ziehen.

Tiere, Tiere, Tiere – Suwarrow ist fest in ihrer Hand.

Abends sind wir dann alle zu einem großen Fest am Strand eingeladen. Jede Yacht bringt einen Beitrag zum Büffet mit sowie etwas Benzin für Charlies Außenborder, der damit auf Fischfang war und nun am Grill steht. Die beiden Ranger erzählen Geschichten, singen Lieder von den Cookinseln und berichten von Rarotonga, der Hauptinsel, die wir alle ausgelassen haben. Es wird ein unvergesslicher Abend.

Ein unvergesslicher Abend mit den Rangern Charlie und Henry.

Als wir aber am nächsten Tag mit Charlie zur Vogelinsel fahren, wird uns klar, wer die wirklichen Herrscher dieses Atolls sind. Tausende, wahrscheinlich Millionen von Vögeln leben hier. Die Luft ist erfüllt von ihrem Kreischen. Der Gedanke an Alfred Hitchcocks Meisterwerk muss ganz schnell verbannt werden, damit keine Panik aufkommt.

Obwohl der Himmel unglaublich bevölkert ist und die Eltern offensichtlich mit der Aufzucht unzähliger Küken beschäftigt sind, dürfen wir völlig unbehelligt und ohne einen einzigen verteidigenden Angriff über die Insel marschieren. Es ist atemberaubend, wie unzählige Luftakrobaten in einem für uns nicht nachvollziehbaren Muster durcheinander segeln. Ich warte ständig auf einen Zusammenstoß, aber alles fügt sich. Es ist ein friedliches Miteinander, wenn auch ein lautes. Die Vögel sind hier komplett unter sich. Nur ab und an kommt Charlie vorbei und guckt nach dem Rechten.

Am Strand gibt es ein friedliches Miteinander mit den Bewohnern von Suwarrow.

Als wir nach sechs Tagen voller Eindrücke dieses abgelegene Atoll verlassen, um weiterzusegeln, sind wir vollkommen verzaubert, und ich beschließe, dass ich auf jeden Fall wiederkommen werde. Dann baue ich mir eine Hütte am Strand – wie Tom Neale.

Weitere Infos zu meinen Segelreisen und Mitsegelmöglichkeiten gibt es auf meiner Internetseite: www.magsail.de

Buch-Tipp der Redaktion:

Von Mareike Guhr ist ein fotoreiches Buch über ihre Weltumseglung erschienen. Darin nimmt die Segelsportjournalistin die Leser mit auf einen Törn zu den schönsten und exotischsten Orten auf den sieben Weltmeeren. In einzigartigen Fotos wandert der Blick nicht nur über, sondern auch unter Wasser. Die Erzählungen dazu verdeutlichen ihre Liebe zum Blauwassersegeln mit allen Höhen und Tiefen und auch die Faszination, die von den besuchten Inseln ausgeht.

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Ankunft der Weltumseglerin Mareike Guhr nach 45.000 Meilen

Mareike Guhr ist nach 45.000 Seemeilen von ihrer Weltumsegelung zurück. Ein Bericht über die letzten Meilen auf der Elbe und die Ankunft.

Im Gespräch mit Weltumseglerin Mareike Guhr

Mit dem Katamaran LA MEDIANOCHE bereiste Mareike Guhr (48) aus Hamburg viereinhalb Jahre lang 37 Länder. Sie erkundete 143 Inseln und ließ 45.000 Seemeilen im Kielwasser. Sie zählt damit zu den wenigen Frauen, die eigenverantwortlich die Welt umsegelt haben.

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