Sturm auf einer Segelyacht – Segelführung und vorbereitende Taktik

Von Uwe Röttgering

Uwe Röttgering fing im Kindesalter an zu segeln. Bislang hat der studierte Jurist mehr als 120.000 Seemeilen zurückgelegt und so ziemlich jede Ecke der Welt besegelt. Dazu gehört auch eine Einhand-Weltumsegelung mit einer 40 Fuß Aluyacht rund Kap Hoorn (über 50.000 Seemeilen in 784 Tagen). Außerdem hat Uwe Röttgering an verschiedenen Offshore-Regatten erfolgreich teilgenommen.

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Vorbereitungen der Yacht für einen Sturm auf See

Nicht wenige Weltumsegelungen auf der sogenannten Barfußroute enden, ohne dass ein Sturm im Logbuch steht. Selbst nach 120 000 Meilen, davon 18 000 in den stürmischen Breiten südlich von 40 Grad Süd, kann ich mich nur an eine Handvoll Sturmerlebnisse erinnern. So selten echte Stürme sein mögen, so fahrlässig wäre es, sich nicht auf diesen Fall vorzubereiten. Wichtigster Punkt in diesem Zusammenhang ist die richtige Besegelung. Allerdings sei vorausgeschickt, dass zum Abwettern eines Sturmes nicht unbedingt Segel erforderlich sind. Nicht wenige Crews haben Stürme mit geborgenen Segeln und festgesetztem Ruder unter Deck in der Koje liegend überstanden. So lange man auf offener See ist, nicht mit Schiffsverkehr zu rechnen hat und sich keine schweren Brecher gebildet haben, ist an dieser unheroischsten aller Sturmtaktiken nichts auszusetzen.

Blauwasseryacht auf hoher See im Sturm

Nichtsdestotrotz gehören Sturmsegel zur Grundausstattung jeder Hochseeyacht. Wie eine Sturmbesegelung aussehen kann, ist in den Offshore Special Regulations der International Sailing Federation (ISAF) nachzulesen, die frei in englischer Sprache im Internet verfügbar sind. Wer mit dem Gedanken spielt, an einer Hochseeregatta teilzunehmen, wird nicht darum herum kommen, sich eine Sturmfock und ein Trysegel genanntes Sturmgroßsegel nach den dort in Regel 4.26 genannten Spezifikationen zuzulegen. Als Fahrtensegler hat man größere Freiheitsgrade, die man unter Berücksichtigung der folgenden Überlegungen auch nutzen sollte.

Regattayacht mit Sturmfock und Trysegel.

Die Sturmfock

Das wichtigste Sturmsegel ist ein Vorsegel, das ca. 25 % der Fläche des Vorsegeldreiecks haben sollte. Leider hat sich die Lösung, die auf den meisten Yachten vorhandene Rollgenua entsprechend einzurollen, als nicht praxisgerecht erwiesen. Dies deshalb, weil eine bis auf ein paar Quadratmeter eingerollte Genua einen schlechten Trimm bzw. Stand hat und der Segeldruckpunkt sehr weit oben liegt. Beide Faktoren haben zur Folge, dass ein solches Segel viel Schräglage und wenig Vortrieb erzeugt. Hinzu kommt, dass das Segeltuch bei dieser Lösung unverhältnismäßig leidet. Ein Rollsegel, jedenfalls wenn es um 75 %oder mehr verkleinert wird, taugt daher nur für halben bis achterlichen Wind. Hoch am Wind ist es kaum zu gebrauchen.

Eine eingerollte Genua hat einen schlechten Stand/Trimm.

Denkbar wäre alternativ, die Rollgenua zu bergen und am Profilvorstag ein Sturmsegel zu setzen. Auf Yachten mit viel Crew mag das funktionieren, die typische Mann-Frau-Crew wird in Anbetracht des beim Bergen der Genua zu bändigenden Tuches, das oft auch nur schwer aus der Nut des Profilvorstages zu ziehen ist, schon bei Starkwind schnell an ihre Grenzen kommen.

Aus diesen Gründen bevorzugen die meisten erfahrenen Blauwassersegler ein zweites Vorstag (ein Kutterstag – nicht mit einem doppelten Vorstag zu verwechseln), an dem eine Starkwind-oder Sturmfock gefahren werden kann. Es ist eine Geschmacks-, Budget- und Komfortfrage, ob man an diesem Stag klassische Stagreitersegel fährt, oder eine zweite Rollanlage.

Sturmfock am Kutterstag einer Fahrtenyacht im Sturm.

Eine Rollanlage an einem inneren Stag ist deswegen vertretbar, weil das an ihr gefahrene (Starkwind-)Segel prozentual deutlich weniger verkleinert werden muss als die Genua, um auf Sturmsegelgröße zu kommen. Entsprechend besser steht das Segel. Seglerisch und vom Sicherheitsaspekt her bietet ein zweites Stag zudem den Vorteil einer besseren Mastabstützung und hat eine Backupfunktion beim Versagen der Rollsegelanlage am Vorstag. Konstruktiv sind bei der Nachrüstung eines zweiten Stages bzw. einer zweiten Rollsegelanlage allerdings einige Hürden zu nehmen. Daher sollte immer ein erfahrener Rigger hierzu befragt werden.

Sollte ein zweites Stag konstruktiv nicht umsetzbar sein, bietet sich als Lösung eine spezielle Segelkonstruktion an, die über der aufgerollten Genua gefahren werden kann. Ein solches Produkt hat unter dem Handelsnamen »GaleSail« eine gewisse Verbreitung gefunden. Tests bescheinigen dieser Art Segel brauchbare Segeleigenschaften auch am Wind. Bemängelt wird aber, das im Vergleich zu einem Segel mit Stagreitern sehr umständliche Setzen und Bergen des Segels.

Das GaleSail im Einsatz – Foto: Hersteller.

Viele der genannten Probleme gibt es nicht, wenn man auf die Rollsegelanlage verzichtet und alle Segel mit Stagreitern am Vorstag fährt. Zusätzliche Optionen kann man sich verschaffen, wenn die drei dann für Fahrtensegler zu empfehlenden Vorsegel (Genua, Fock, Sturmfock) zudem mit Bindereffs versehen werden. Seglerisch ist das sicher eine gute Lösung, die aber den Nachteil hat, dass der Segelwechsel – je nach Tuchgröße – eine sehr sportliche Angelegenheit ist. Für eine Zweipersonencrew würde ich diese Lösung nicht empfehlen.

Last but not least: Wenn es wirklich hart wird und man nur noch unter Sturmfock vor dem Wind ablaufen kann, sollte man die Möglichkeit haben, dieses Segel auszubaumen. Es wird sich nämlich oft nicht vermeiden lassen, dass das Segel back schlägt, wenn die Yacht vom Kurs abkommt. Fasst dann wieder Wind ins Segel, reißt es am Rigg, dass einem Angst und Bange wird. Hier sorgt der Baum dann für einen sicheren Stand des Segels.

Trysegel

Wenn es darum geht, sich von einer Leeküste freizusegeln, man also hoch am Wind unterwegs ist, werden aus Gründen der Segelbalance einige Quadratmeter Tuch hinter dem Mast benötigt. Nur so kann man die maximale Höhe laufen. Die nötige Segelfläche kann von einem Trysegel stammen, einem Sturmgroßsegel mit ca. 25 %der Großsegelfläche, das ohne Segellatten und mit fliegendem Unterliek gefahren wird.

Das Trysegel wird hinter dem Mast mit fliegendem Unterliek gefahren.

Über den Sinn und Nutzen eines solchen Segels gehen die Meinungen unter Fahrtenseglern allerdings auseinander. Dies vor allem deswegen, weil ein Trysegel überaus umständlich zu setzen ist, wenn man nicht über eine zweite Mastschiene verfügt, in der das Segel gesetzt werden kann.

Ohne diese Schiene müssen erst die Rutscher des Großsegels aus dem Mast gefädelt und das Segel sicher aufgetucht werden, um dann die Mastrutscher des Trysegels einzufädeln. Das Großfall muss aus- und wieder eingehängt, die Schoten neu geschoren und – so vorhanden –Lazyjacks ggf. beigebändselt werden. Wer das bei einem aufziehenden Sturm hinter sich hat, wird wissen, warum sich viele erfahrene Segler für ein drittes Reff in ihrem Großsegel statt eines Trysegels entscheiden.

Alternative zum Trysegel. Ein Großsegel mit mehreren Reffstufen.

Wenn das Großsegel über eine ausreichende Tuchstärke verfügt und sich die Großsegelfläche durch das dritte Reff auf 25 bis 30 % der ursprünglichen Fläche verkleinern lässt, ist diese Lösung meines Erachtens ein vollwertiger Ersatz für ein Trysegel. Will man ganz auf Nummer sichergehen, hat man neben dem dreifach reffbaren Groß zusätzlich ein Trysegel an Bord. Denn das gibt unter normalen Bedingungen ein gutes Notgroßsegel ab, wenn das eigentliche Großsegel defekt und mit Bordmitteln nicht mehr reparabel sein sollte oder der Mast durch Bruch nur noch bis zur Hälfte steht.

Gerade für Eigner einer Yacht mit Rollgroßsegel mag es beruhigend sein, im Sturm oder bei einem Defekt der Anlage noch ein Trysegel an Bord zu haben. Zu beachten ist allerdings, dass sich bei einem Mast mit Rollgroß ein Trysegel nur setzen lässt, wenn eine zusätzliche Schiene am Mast angebracht wurde.

Yacht mit Rollgroßsegel. Im Sturm mag es beruhigend sein noch ein Trysegel an Bord zu haben.

Wer im Sturm das letzte Grad Höhe laufen muss oder wenn sich Groß- oder Trysegel nicht setzen ließen, kann zusätzlich die Maschine mit schieben lassen. Zu beachten ist allerdings, dass die Schmierung des Motors bei Schräglage gesichert sein muss. Die zulässigen Krängungswerte finden sich in der Betriebsanleitung des Motors. Auch sollte man sicher sein, dass der Dieseltank so sauber ist, dass im Sturm aufgewirbelte Sedimente nicht zu einer Verstopfung des Kraftstofffilters führen können.

Anrollende Sturm-See von achtern.

Fazit

Für eine Zweipersonencrew auf einer 40-Fuß-Yacht würde ich beispielsweise folgendes Sturm-Setup empfehlen: Eine Sturmfock mit Stagreitern an einem fliegend oder fest gefahrenem Kutterstag, das durch Backstagen nach achtern gesichert ist, sowie ein dreifach reffbares Großsegel.

Und noch ein Tipp: Bei einer Langstreckenfahrt auf offener See ist in der Regel viel Platz vorhanden. Es kann daher sinnvoll sein, einfach ein paar Grad am Ziel vorbei zu fahren, wenn der Kurs dafür angenehmer ist. Es macht einen riesigen Unterschied, ob man 40 oder 60 Grad am Wind fährt. In der Regel ist man gleich schnell am Ziel, da das Schiff mit einem Schrick in den Schoten viel besser, schneller und für die Besatzung ruhiger läuft.

Buchtipp der Redaktion

Von Uwe Röttgering ist das Buch „Die See gehört mir – Allein ans Ende der Welt“ erschienen.

Er ist jung, er hat sein Jura-Studium erfolgreich beendet, und er liebt seine Freundin. Der Lebensweg scheint klar. Und doch ist alles ganz anders, denn seine Leidenschaft ist das Segeln. Mit 30 hat Uwe Röttgering mehr Seemeilen im Logbuch als andere in einem ganzen Leben. Der Börsenboom beschert ihm genug Geld für seinen Traum – eine 12 Meter lange Aluyacht und das finanzielle Polster, um den Einstieg in den Juristenalltag noch ein paar Jahre zu verschieben: Die Welt ruft.

50.000 Seemeilen zieht sich das Kielwasser seiner Reise durch alle Weltmeere. Von Hooksiel über Jan Mayen nach Grönland, den Atlantik der Länge nach bis zu den Inseln der Südpolarmeere, weiter nach Neuseeland, in den Nordpazifik zum Midway-Atoll, über die Südsee nach Chile und um Kap Hoorn herum, einen Abstecher nach Südgeorgien, dann Kapstadt, von dort 6750 Meilen nonstop bis ins amerikanische Newport und schließlich über die Färöer zurück nach Hooksiel.

Selbstironisch, kritisch, humorvoll und voller Begeisterung berichtet hier einer von seinem Leben auf See. Von diesen „26 schönsten, freiesten, spannendsten, aber auch anstrengendsten Monaten“ Uwe Röttgerings zu lesen ist ebenso anregend wie unterhaltsam. Ein absolutes Muss in jeder Segler-Bibliothek und darüber hinaus auch faszinierend für alle, die jung (geblieben) sind und das Abenteuer lieben.

Sechs ausführliche Berichte in der „Yacht“ sowie einige kleinere Reportagen im Fernsehen (WDR) haben diesen jungen, sympathischen Mann bereits bekannt gemacht. Darüber hinaus erhielt er 2003 den begehrten Trans-Ocean-Preis für die herausragendste hochsee-seglerische Leistung des Jahres.

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