Törnplanung mit künstlicher Intelligenz (KI) beim Segeln

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Seit über 15 Jahren bereist Kerstin das Mittelmeer unter Segeln, seit zehn Jahren auch als Skipperin. Törns in der Karibik und auf den Seychellen haben das Fernweh nach exotischen Revieren entfacht. Als freiberufliche Online-Marketing-Managerin betreut sie die Charteragentur Charterwelt, für die sie auch die Revierberichte schreibt.

Kann die Künstliche Intelligenz brauchbare Antworten auf typische Segler-Fragen liefern?

Kerstin Neubauer hat die kostenfreie KI von ChatGPT vor und während eines Griechenland-Törns im Selbstversuch getestet – und ist zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen.

Moderne Technik ist auf Segelyachten eine Selbstverständlichkeit: Plotter, Licht- und Soundsysteme, Bord-WLAN, Solarpaneele, elektronische Steuerungen, Bugstrahlruder, Wetter-Apps – alle Bereiche des Segelns sind betroffen, manche wurden revolutioniert.

Wird nun auch die Künstliche Intelligenz, kurz KI, Einzug an Bord halten? Diese Programme und Tools können bekanntlich texten, komponieren, dichten, programmieren und Bilder kreieren. Aber kann die KI auch segeln? Ein Experiment soll diese Frage beantworten: Ich will herausfinden, ob und wie gut mich die KI bei der Planung, Vorbereitung und Durchführung eines zweiwöchigen Chartertörns in Griechenland unterstützt.

Ziel der Reise sind unter anderem die kleinen Inselorte auf den Kykladen. ©Kerstin Neubauer

Die KI als Hilfe bei der Planung eines Segeltörns

Wir wollen im Juli einen One-Way-Törn von Lavrion bis Sifnos unternehmen und dabei den Saronischen Golf und die kleinen Kykladen besuchen. An Bord befinden sich sechs erfahrene Seglerinnen und Seglern, speziell gesucht sind schöne, vor dem Meltemi geschützte Buchten. Mit diesen Informationen füttern wir ChatGPT und erhalten in Windeseile einen Törnplan, der auf den ersten Blick super aussieht. Bei genauerem Hinsehen stellt sich allerdings heraus, dass die Entfernungen (immerhin in Seemeilen angegeben) nicht stimmen. So gibt die KI für die Etappe von Poros nach Milos 40 Seemeilen an, tatsächlich sind es aber gut 70 Seemeilen.

Die von ChatGPT erstellte Karte zum Revier hat noch Luft nach oben. ©ChatGPT

Zum Thema Buchten kann die KI so gut wie gar nichts Brauchbares liefern („Die Buchten von Antiparos bieten Schutz vor dem Meltemi.“), der Schlusssatz klingt wie ein Disclaimer: „Bitte beachten Sie, dass Wetterbedingungen und andere Faktoren die genaue Route beeinflussen können, daher ist Flexibilität wichtig.“ Aha.

Die KI als Hilfe bei der Törnvorbereitung

Pack- und Einkaufliste, Transfer – auch in dieser Hinsicht liefert die KI nur ansatzweise hilfreiche Tipps. Immerhin schlägt sie vor, sowohl an Segel- als auch an Landschuhe, persönliche Medikamente sowie ein Erste-Hilfe-Set zu denken. Bei den Vorschlägen für die Ausrüstung wird es allerdings skurril: Geschirr und Feuerlöscher für einen Chartertörn? Also bitte. In Sachen Fachliteratur ist ChatGPT ein Totalausfall („Leider habe ich keinen Zugriff auf aktuelle Literatur oder Törnführer.“), gleiches gilt für den Transfer („Erkundigen Sie sich vor Ort nach passenden Transportmöglichkeiten“). Daher beschließe ich, das Thema Einkauf lieber gleich in die Hände erfahrener Crewmitglieder zu geben.

Einige Tipps der KI fürs Packen machen Sinn, andere passen gar nicht für einen Chartertörn. ©Kerstin Neubauer

Das weiß die KI über Sicherheit und Seemannschaft beim Segeln

Seemannschaft umfasst ein exaktes Regelwerk, das die (vielseitigen) Anforderungen an den verantwortlichen Skipper sowie seine Crew beschreibt. Dazu findet sich reichlich Content im Web, den ChatGPT abgreifen könnte, umso mehr erstaunt es, dass die KI fundamentale Punkte wie mangelnde Erfahrung und Überschätzung der eigenen Fähigkeiten unerwähnt lässt. Anders gesagt: Grundprinzipien der guten Seemannschaft werden von der KI fahrlässig vernachlässigt. Die von ihr ausgespuckte Sicherheitseinweisung ist so steif und umständlich formuliert, dass sie an Bord für große Heiterkeit sorgt. Weniger erheiternd ist ihre Beschreibung eines POB-Manövers. Weder kennt die KI die eindeutig festgelegte Abfolge an Kommandos, noch erklärt sie, wie das Manöver grundsätzlich zu fahren ist – ein klares Ungenügend.

Überraschend gut schlägt sich die KI bei der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zum Reffen. Wir erhalten eine ausführliche Antwort, die sogar versteckt die Faustregel „Reffen, wenn man das erste Mal daran denkt“ enthält.

Achtung: Dieser freundliche und für die Sicherheit an Bord zuständige Skipper ist übrigens auch von einer KI generiert ©stock.adobe.com/Tatiana

ChatGPT – das weiß die KI über die nautische Infrastruktur eines Hafens sowie Anlege-Varianten

Wir wollen den uns unbekannten Hafen Adamas anlaufen und wissen, ob es dort Murings gibt. Die KI bejaht Letzteres – das ist allerdings komplett gelogen. Wie in den meisten griechischen Häfen wird in Adamas römisch-katholisch angelegt. Nach dieser Art des Festmachens gefragt, weist uns die KI zur allgemeinen Erheiterung auf die Glaubensrichtung hin. ChatGPT ist offensichtlich nicht in der Lage, aus dem Web die zahlreichen Beschreibungen, Tipps und Trick zu diesem Anlegemanöver zusammenzutragen und kennt nicht einmal die vielzitierte Faustformel, den Anker zwei bis drei Schiffslängen vor dem Liegeplatz auf Grund zu legen. Auch unsere Fragen zu Frischwasser, VHF-Kanal und Liegegebühren in Adamas beantwortet die KI falsch bzw. ausweichend.

Über römisch-katholisches Anlegen weiß die KI nichts – sie kennt nur das gleichnamige Religionsbekenntnis. ©Michael Amme

Die KI beim Segeln als Bord-Animateur

Als bei einer Überfahrt Langeweile an Bord aufkommt, legt ChatGPT einen durchaus gelungenen Auftritt hin. Der Vorschlag, sich doch über Navigation, Seemannschaft und Segeltechniken zu unterhalten, kommt weniger gut an, aber immerhin hat die KI diverse kurzweilige Spiele parat, die man ohne jegliches Equipment an Bord spielen kann und die uns tatsächlich die Zeit vertreiben.

Wer keine Bordspiele mit dabei hat, findet bei ChatGPT unterhaltsame Alternativen. ©Michael Amme

Die KI als Ratgeber für Natur und Umweltschutz

Ein Rudel Delphine begleitet unsere Yacht. Die KI weiß über diese Tiere jede Menge zu berichten, mahnt Rücksicht an, hat einige passable Tipps zum Meeresschutz parat und nennt jene Segelreviere, die sich aktiv um Umweltschutz und Nachhaltigkeit bemühen, etwa die Kykladen oder die Ionischen Inseln. Starke Leistung.

Zu den beliebten Meeressäugern spuckt die KI jede Menge valide Infos aus. ©Michael Amme

Das weiß die KI über Wind und Wetter für Segler

Wir fragen die KI nach der aktuellen Windsituation sowie nach der Prognose für die kommenden Tage – und bekommen zum ersten Mal eine ehrliche und zu 100 % korrekte Antwort: „Als KI-Textmodell habe ich keinen Zugriff auf Echtzeitdaten oder Wettervorhersagen. Es ist wichtig, sich stets auf aktuelle und genaue Wetterberichte zu verlassen, um die Sicherheit auf See zu gewährleisten. Windprognosen können sich ändern, daher ist es ratsam, sich an professionelle Wetterdienste oder örtliche Segelverbände zu wenden.“ Also konsultieren wir lieber den verlässlichen und kompetenten Kollegen Windy.com

Für die Einschätzung von Wind und Wetter ist die KI gänzlich ungeeignet – und gibt das glücklicherweise auch unumwunden zu.

Das weiß die KI über Ankerplätze und Kursermittlung

Gefragt nach dem Ankerplatz in Gerakas liegt die KI zunächst wieder falsch. Ehe sie zugibt, dass sie schlicht keine Antwort hat, denkt sie sich lieber etwas aus. Auf Nachfrage korrigiert sie sich zwar, praktikable Hinweise bekommen wir aber nicht.

In Sachen Kursermittlung hat ChatGPT ebenfalls Nachholbedarf. Sie soll aus Startpunkt (Gerakas), Ziel (Kiparissi), Windstärke (3 Beaufort) und Windrichtung (Südwind) Kurs und Segelstellung angeben. Der angegebene Vorwindkurs ist zwar richtig, allerdings passt die Himmelsrichtung überhaupt nicht. Ein gewisses nautisches Grundverständnis ist aber vorhanden, denn für einen Vorwindkurs bei 16 Knoten Wind schlägt die KI vor, Schmetterling zu fahren oder alternativ Spinnaker, Code Zero beziehungsweise Gennaker zu setzen.

Zumindest nautisches Basiswissen darf man bei der KI voraussetzen. Sie weiß zum Beispiel, auf welchen Kursen man ein Zusatzsegel setzen kann. ©Kerstin Neubauer

Die KI als Hilfe in Notsituationen an Bord einer Segelyacht

In der weiten Bucht von Kiparissi kämpft neben uns die Crew eines Katamarans mit dem Groß, das sich offensichtlich nicht bergen lässt – eine unschöne, zum Glück nicht alltägliche Situation, die aber jeden Charterer mal treffen kann. Die um eine Problemlösung gebetene KI liefert eine wenig aussagekräftige Liste von langatmig beschriebenen Maßnahmen; wirklich hilfreich ist einzig der Tipp, sich in so einem Fall professionelle Hilfe zu holen.

Das weiß die KI über Restaurants und Sightseeing

Richtig fein ist hingegen die Beschreibung der ortsansässigen Tavernen – das funktioniert schneller, bequemer und besser als jede Google-Suche. Gleiches gilt für die lokalen Sehenswürdigkeiten, zu denen wir innerhalb von wenigen Sekunden kompakte, brauchbare Info bekommen. Als klassischer Reiseführer ist die KI also ein Hit.

Wo isst man gut und welche Sehenswürdigkeiten gibt es in der Umgebung – bei diesen Themen ist die KI top. ©Kerstin Neubauer

Das weiß die KI über Buchten

Kann sie uns auch eine schöne Ankerbucht in der Nähe von Porto Cheli empfehlen? Vorgeschlagen wird die Paralia Kounoupiou, eine Bucht mit sehr guter Googlebewertung, die tagsüber zum Baden gewiss nicht verkehrt ist. Sie liegt aber auf der Ostseite, sprich, es gibt keinen romantischen Sonnenuntergang im Meer und auch keine Taverne. Die südlich von Porto Cheli gelegene, malerische Bucht Aks Hinitsas Bay ist mit Sicherheit die bessere Wahl: gegenüber einer kleinen Privatinsel gelegen, türkisfarbenes Wasser und eine ausgezeichnete Taverne, auf deren Terrasse man einen perfekten Sundowner genießen kann. Da schlägt menschliche Erfahrung die künstlichen Intelligenz um Längen.

Auch bei der Suche nach einer Bucht auf der Insel Makronisios lässt uns ChatGPT schwer im Stich. Es wird eine Bucht genannt, die es dort gar nicht gibt, zudem ist sie nach Norden offen ist und bietet kaum Schutz vor Meltemi.

Zu Ankerbuchten liefert die KI nur sehr allgemeine Informationen. Ein ortskundiger, erfahrener Skipper ist ihr da meilenweit voraus. ©Kerstin Neubauer

Das weiß die KI über Ankermanöver

Nun möchte ich wissen, was man beim Ankern bei starkem Wind beachten muss – und ChatGPT schlägt allen Ernstes vor, vor Anker Segel zu setzen. Aufgefordert, ein Ankermanöver für eine konkrete Situation zu beschreiben (Wassertiefe 8 Meter, die Bucht ist nach Süden geöffnet, es herrschen 5 Beaufort aus Nordwest, unser Schiff ist 14 Meter lang und wir verfügen über 70 Meter Ankerkette), liefert die KI im Handumdrehen eine auf den ersten Blick strukturierte und umfangreiche Rückmeldung, die aber in der Praxis völlig unbrauchbar ist, da wichtige Hinweise zu Ausrichtung, Schwojkreis, Kettenlänge usw. nicht angeführt sind.

Sicher Ankern will gelernt sein. Die KI ist in dieser Hinsicht gar keine Hilfe. ©Michael Amme

Fazit: Die KI ist an Bord kein guter Seemann – aber ein unterhaltsamer Leichtmatrose

Nach heutigem Stand ist es in höchstem Maße fahrlässig und unverantwortlich, sich während eines Törns auf Vorschläge und Aussagen einer KI zu verlassen. Die KI ist zwar selten um eine Antwort verlegen, lügt aber zur Not wie gedruckt und liefert nur in wenigen Ausnahmen wirklich verlässliche Informationen. Sogar bei Standardthemen muss man mitdenken und bei Bedarf korrigierend eingreifen, völlig unbrauchbar ist sie in kritischen Situationen.

Als inselbegabter Leichtmatrose, der für Abwechslung, Erheiterung und allgemeine Hintergrundinformationen sorgt, kann sich die KI aber sehr wohl einen Platz an Bord erarbeiten. Zwar ist auch in diesem Bereich nicht immer alles zu hundert Prozent korrekt, es wird aber wenigstens kein Schaden angerichtet.

Für die Planung ist ChatGPT eher unbrauchbar, unterwegs kann die KI aber für Abwechslung sorgen. ©Michael Amme

Fazit

Wohin die Reise führt, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt schwer abschätzen. Schon jetzt gibt es zahlreiche spezialisierte KI-Apps – in wenigen Jahren wohl auch welche, die sich speziell an Segler richten, etwa für die Wind- und Wettervorhersage. Denkbar ist auch eine App, die Zugriff auf sämtliche Revierführer der Welt hat. Sie könnte in Sekundenschnelle Törnpläne erstellen oder Häfen und Ankerplätze detailliert beschreiben. Der menschliche Verstand wird allerdings immer als letztes Regulativ dienen müssen.

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Volker Scholz
Volker Scholz
2 Tagen her

Hallo Frau Neubauer, entweder haben Sie das erste Mal mit KI gearbeitet oder Sie haben durch absichtlich schlechte Anwendung der KI versucht, die Leser ihres Artikels vor unachtsamen Gebrauch der KI zu warnen. Anders kann ich mir die vielen Anfängerfehler nicht erklären, die Sie begangen haben. Man sollte Ki nicht eben schnell mal nutzen, wenn man exakte und sicherheitsrelevante Antworten erwartet. Auch als Google-Ersatz taugt KI nur bedingt. Investieren Sie lieber 20$ und nutzen Sie dann ChatGPT Plus mit seinen viel weit reichenderen Fähigkeiten. Lassen Sie sich von ChatGPT Prompts erstellen, denen Sie ausreichend Kontext und Inhalte mitgeben, die ihre… Mehr lesen »