Unverpackt: Wie Müll auf Langfahrt vermieden wird

Ein Beitrag von

Sonja Schelbach

Seit fast drei Jahren lebt Sonja Schelbach gemeinsam mit ihrem Mann Niels und den Hunden Yuki und Carlito an Bord der SY MarySol, einer Jeanneau Sunshine 36 von 1984. Vor knapp drei Jahren verließen sie ihr Heimatrevier auf Elbe, Nord- und Ostsee und segelten über Afrika und Brasilien bis in die Karibik. Ein besonderes Anliegen der beiden ist der bewusste Umgang mit Ressourcen und die Vermeidung von Plastikmüll. Schon vor ihrer Reise betrieb Sonja in Hamburg zwei Unverpackt-Läden.

80 Tonnen Müll pro Tag

Wir liegen an einer Muring direkt unterhalb des berühmten Zuckerhuts in Rio de Janeiro. Eine Böe dreht die MARYSOL leicht, und plötzlich sehen wir den Christus von seinem erhabenen Platz auf dem Corcovado über die Bucht von Guanabara zu uns hinüberblicken. Noch können wir es kaum fassen, dass wir auf eigenem Kiel von Hamburg aus bis hierher gesegelt sind.

Rio gefällt uns auf Anhieb, die lässig-sympathische Sommeratmosphäre der Stadt ist zu Recht legendär. Vom Ankerplatz aus ist es nur ein kurzes Stück mit dem Dingi bis zum Strand von Urca, an dem ein reges Treiben herrscht: Auslegerkanus werden über den Strand gezogen, zwischen Sonnenschirmen und Liegestühlen schlendern Eisverkäufer, Kinder spielen im weichen Sand. Doch leider findet sich auch an diesem wunderbaren Ort – wie überall auf der Welt – ein Dämpfer: Im Wasser sehen wir nicht nur Schwimmer, Meeresschildkröten, Kanus und Boote – sondern jede Menge Plastikmüll.

Müllvermeidung an Bord ist für uns ein zentrales Thema. An diesem Ort werden wir einmal wieder sehr deutlich daran erinnert, wie unermesslich groß das Problem ist. Schätzungsweise 80 Tonnen Müll gelangen täglich, vor allem über Flüsse, in diese Bucht – eine erschreckende Menge, die uns einmal mehr motiviert, möglichst verantwortungsbewusst mit unseren Ressourcen umzugehen. In diesem Beitrag möchte ich unsere Erfahrungen teilen und Anregungen geben. Denn der beste Müll ist der, der gar nicht erst entsteht.

Das Muringfeld mitten in Rio de Janeiro. ©Sonja Schelbach

Einwegverpackungen von Lebensmitteln und Alternativen

Bei uns an Bord versuchen wir vor allem Verpackungen aus Kunststoff und aus Verbundmaterialien zu vermeiden. Papier, Glas und Metall haben als Einwegverpackungen zwar auch viele Nachteile – beispielsweise wegen des Gewichts beim Transport oder des Energiebedarfs zur Herstellung –, doch sie zerfallen nicht zu Mikroplastik und verursachen nicht die damit verbundenen Probleme für uns und die Natur.

Der erste Schritt ist daher immer die Suche nach Einkaufsmöglichkeiten, bei denen wir Waren lose bekommen. Wenn das nicht möglich ist, wählen wir Alternativen: Lieber die Glasflasche statt des Getränkekartons, die Papier- statt einer Plastikverpackung. Ideal ist es natürlich, wenn Produkte in Mehrwegverpackungen angeboten werden. Dann kommt es auf das Fahrtgebiet an. Solange wir in Deutschland unterwegs waren oder auf kürzeren Fahrten in unseren Sommerurlauben, hatten wir zum Glück die Auswahl und konnten Molkereiprodukte, Säfte und inzwischen auch viele weitere Produkte wie Brotaufstriche, Nussmus oder Tomatenmark in Mehrweggläsern erhalten.

Das Trinkwasser vom Wassermacher füllen wir in 5-Liter-Edelstahlkannen ab. ©Sonja Schelbach

Auch das Thema Trinkwasser kam für uns erst auf den Tisch, als wir uns auf den Weg nach Süden machten. Ab Südeuropa trinkt man in der Regel das Leitungswasser nicht – das gesamte Trinkwasser in Flaschen zu kaufen, verursacht jedoch riesige Mengen an Plastikmüll. Wir waren daher sehr froh, noch in Schottland endlich den Wassermacher eingebaut zu haben und daher auf die Plastikflaschen verzichten zu können. Wir haben ein Jahr auf den kanarischen Inseln und auf Madeira verbracht. Hätten wir in dieser Zeit Trinkwasser in Plastikflaschen gekauft, wäre ein richtiger Berg an Plastikflaschen die Folge gewesen. Etwa 220 der großen 5-Liter-Wasserflaschen hätten in dieser Zeit – nur für uns – den Weg auf den Müll gefunden.

Müll an Bord – wo entsteht er eigentlich?

Um den Müll an Bord zu reduzieren, lohnt es, einfach mal genau hinzuschauen: Was genau tragen wir da eigentlich immer in den Müllsäcken von Bord? Sind es viele Getränkekartons? Oder ist der Beutel voll mit Plastikverpackungen von Lebensmitteln? Sind es Plastikflaschen für Trinkwasser? Oder geht da eine Küchenrolle nach der anderen durch?

Wenn man einmal aufmerksam auf seine Müllproduktion achtet, kann das Ergebnis zuweilen erstaunen. Und genau an dieser Erkenntnis kann man ansetzen und nach Alternativen suchen. Auf diese Weise lässt sich der Müll deutlich reduzieren und man hat sofort ein Erfolgserlebnis. Wer Lust hat, einmal genauer hinzuschauen, was sich zuhause oder unter Deck innerhalb einer Woche an Müll ansammelt, kann einmal am „Zero Waste Day“ teilnehmen, an der „Course Correction“-Challenge von In Mocean.

Eine Woche lang wird dabei der eigene Müll dokumentiert – um bewusst wahrzunehmen, worum es sich eigentlich handelt. Anschließend geht es darum, ein bis drei kleine Kurskorrekturen im Alltag zu finden, mit denen sich Einwegverpackungen vermeiden lassen. Es geht um gegenseitige Motivation und Inspiration, um „Best Practices“ aus der Community, um einfache Veränderungen, die bereits funktionieren – und um das gute Gefühl, Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu steuern.

Ein seltener Fund auf Langfahrt: ein Unverpacktladen in Dundee, Schottland. ©Sonja Schelbach

Wo finde ich Produkte ohne Einwegverpackungen?

Ideal ist es natürlich, wenn man alles einfach ohne Einwegverpackungen kaufen kann. Dann entfällt auch die Entscheidung, ob die eine Verpackung vielleicht besser ist als die andere. In Hamburg war das für uns besonders einfach, denn ich betrieb dort zwei Unverpacktläden. „Wie wird das wohl unterwegs werden?“, fragten wir uns. „Ist das dann immer noch möglich?“ Nach fast drei Jahren auf Langfahrt können wir ganz klar sagen: „Ja, das ist es.“

In Hamburg betrieb die Autorin selbst zwei Unverpackt-Läden. ©Sonja Schelbach

Es gibt auch auf Langfahrt unzählige Möglichkeiten, Lebensmittel, Wasch- und Putzmittel sowie Hygieneprodukte ohne Plastik einzukaufen. Man muss nur die richtigen Orte finden. Sehr hilfreich ist es, an einem neuen Ort eine kleine Internetrecherche durchzuführen, und zwar mit den entsprechenden Suchbegriffen. Im deutschsprachigen Raum sind das z. B.: Unverpacktladen / Reformhaus / Bioladen / Wochenmarkt.

Großeinkauf vor dem Start zur Langfahrt. ©Sonja Schelbach

Unsere Fahrt führte uns zunächst über die Niederlande nach Großbritannien. Dort suchten wir nach: zero-waste shop / farmers market / organic / eco / health food. Einmal waren wir in der Ansteuerung des hübschen kleinen Ortes Lossie an der schottischen Ostküste und unsere Tochter machte Pläne zum Backen, sobald wir angekommen wären. Allerdings fehlten noch einige Zutaten. Eine kurze Recherche ergab: Direkt am Hafen ist ein Unverpacktladen – und der hatte noch etwa eine halbe Stunde geöffnet, nachdem die Leinen fest waren. Der Tag war gerettet!

Häufig hilft Google der Autorin dabei, den nächsten Unverpacktladen zu lokalisieren. ©Sonja Schelbach

Besonders schön ist es für uns allerdings immer, wenn wir einfach über solche Orte stolpern. In Irland wollten wir einmal eigentlich einfach nur einen guten Kaffee trinken. Genau neben dem Café erspähten wir erfreut einen wunderschönen Unverpacktladen. Spannend sind natürlich auch immer die regionalen Besonderheiten: Lose Kartoffelchips mit neutralem Geschmack, die man sich selber würzen kann, findet man beispielsweise sicherlich nur in Großbritannien.

Andere Länder, andere Sitten: Unverpackte Chips mit der Möglichkeit, sie sich selbst zu würzen. ©Sonja Schelbach

Unsere Reise führte uns weiter in die Bretagne. Dort fanden wir die Läden unter den Stichworten vrac / bio / éco. Gerade in Frankreich ist es überhaupt kein Problem, verpackungsfrei einzukaufen. Eigentlich besitzen alle großen Supermärkte und alle Bioläden Abteilungen mit losen Waren. Auf unserer Weiterreise an die Nordküste Spaniens eigneten wir uns die Vokabeln granel / orgánico / eco / mercado an und dann in Lissabon die Begriffe granel / orgânico / ecológico. Überall fanden wir Einkaufsmöglichkeiten und kamen in den kleineren Läden häufig mit den Einheimischen in Kontakt. Das war schön!

Ein Bioladen in Concarneau (Frankreich) mit großem Angebot. ©Sonja Schelbach

Wie funktioniert das im Bordalltag?

Die Lösung ist unglaublich simpel: Statt die Waren in Verpackungen zum Boot zu bringen, bringen wir unsere Verpackungen einfach zu den Waren. Für alle Produkte, die man lose einkaufen kann, haben wir entsprechende Behälter an Bord. Für alles, was man in größeren Mengen benötigt, eignen sich lebensmittelechte Container. Wir haben diese in unterschiedlichen Größen angeschafft, die genau zu unserem Stauraum in der Bilge passen. Darin lagern zum Beispiel Haferflocken und Müsli, Couscous und Mehl, Linsen und Kichererbsen, Nudeln und Reis.

In der Bilge lagern die Vorräte in Containern. ©Sonja Schelbach

Die nächstkleinere Größe sind große Bügelgläser. Sie stehen in einem Fach in der Pantry, so haben wir leichteren Zugriff auf Müsli, Haferflocken oder Kaffeebohnen. Nüsse, Saaten, Trockenfrüchte und Snacks fahren bei uns in Schraubgläsern mit. Die Bedenken, dass uns die Deckel sofort wegrosten, haben sich nicht bewahrheitet. Erst nach 2,5 Jahren haben wir einige aussortieren müssen. Aber Schraubgläser fallen immer wieder an, z. B. von Marmeladen oder Oliven, für Nachschub ist also gesorgt.

Griffbereit in der Pantry: ein Arsenal von WECK-Gläsern. ©Sonja Schelbach

Ansonsten sind die klassischen WECK-Gläser eine gute Alternative. Sie sind äußerst stabil und es kann nichts rosten. Genau wie die Schraubgläser nutzen wir diese auch zum Einkochen. Für Gewürze und einige Backzutaten, wie Backpulver oder Vanillezucker, haben wir kleine Schraubgläser.

Bevor die Einkaufstour startet, übertragen wir unseren Einkaufszettel auf die Behälter. So vorbereitet kann in einem Unverpacktladen alles nacheinander befüllt werden – und fertig ist der Einkauf. Auf dem Boot muss nichts mehr aus Einwegverpackungen umgefüllt werden, sondern kann sofort verstaut werden, das ist wirklich praktisch! Ein sehr positiver Nebeneffekt: Auf diese Weise kommen keine Verpackungen an Bord, in denen sich möglicherweise Ungeziefer eingenistet haben könnte.

Umfüllen ist nach dem Einkauf nicht nötig, denn die Lagerbehälter werden mit in den Unverpackt-Laden genommen. ©Sonja Schelbach

Nicht überall ist es vorgesehen, dass eigene Behälter mitgebracht werden. Solange wir in Europa waren, wurden sehr häufig Papiertüten angeboten. Auf der weiteren Reise waren es dann in der Regel kleine Plastikbeutel. Manchmal lassen sich Tara-Gewichte der Behälter an Ladenwaagen nicht speichern, doch bislang hat sich immer irgendeine Lösung gefunden. Wenn das Abziehen des Tara-Gewichtes gar nicht möglich war, haben wir eine einzige Plastiktüte für den gesamten Einkauf genutzt, die Ware jeweils abgewogen und anschließend direkt in unsere vorgesehenen Behälter umgefüllt.

Was ist zu beachten bei Shampoo, Spülmittel, Putzmittel und Co?

In Europa konnten wir in Bio- oder Unverpacktläden in der Regel Wasch- und Putzmittel einfach wieder in unsere Flaschen nachfüllen lassen. Dort haben wir auch Produkte ohne Plastik eingekauft, wie beispielsweise Zahnpasta, festes Shampoo und weitere Hygieneprodukte. Von Vorteil ist hier, dass nicht nur weitgehend auf die Umverpackungen aus Kunststoffen verzichtet wird, sondern die Produkte auch kein Mikroplastik oder andere schädliche Stoffe enthalten, die von unseren Yachten aus ansonsten ungefiltert im Meer landen würden. Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang auch das Thema Waschmittel.

In Belfast finden wir eine große Auswahl an Produkten. ©Sonja Schelbach

Waschmittel bestehen aus drei Komponenten: einem Tensid, einer Lauge und einem Wasserenthärter. Darüber hinaus enthalten sie weitere Inhaltsstoffe wie Duftstoffe, Füllstoffe, Rieselhilfen, optische Aufheller, Enzyme, Bleichmittel und unterschiedliche Inhibitoren, die beispielsweise das Vergrauen oder Verfärben verhindern. Diese Inhibitoren sind Hemmstoffe, welche flüssigem Waschmittel in der Regel über flüssiges Mikroplastik (Polymere) oder Waschpulver in Pulverform beigefügt werden.

Einkaufen an einem Marktstand auf La Palma, die Verkäuferin war so begeistert von unserer Dose. ©Sonja Schelbach

Im Gegensatz zu Lebensmitteln gibt es bei Wasch- und Putzmitteln unglücklicherweise nur sehr wenige Inhaltstoffe, die auf der Verpackung gekennzeichnet werden müssen. Was auf der Verpackung steht, ist daher in der Regel nicht unbedingt auch der ganze Inhalt. Mikroplastik in fester Form muss gekennzeichnet sein. In flüssiger Form nicht. Häufig steht also auf der Packung: ohne Mikroplastik. Macht man die Inhaltstoffe im Internet ausfindig, dann findet sich sehr häufig flüssiges Mikroplastik (Polymere). Dies ist, wie festes Mikroplastik, nicht abbaubar und stellt ein massives Problem dar.

Da diese Stoffe nicht ungefiltert im Meer landen dürfen, sollte an Bord entweder ein Waschmittel aus dem Bioladen verwendet werden, bei dem man idealerweise im Internet einmal recherchiert, was genau es enthält. Oder man stellt sein Waschmittel ganz einfach selbst her:

Mit 50 Gramm Kernseifeflocken (oder geriebene Kernseife), 75 Gramm Soda und 75 Gramm Natron lässt sich ein Waschpulverkonzentrat herstellen. Davon reicht ein gestrichener Teelöffel (!) für einen Eimer leicht verschmutzter Wäsche.

In einem tropischen Regenguss ist das Trinkwasser dank der Regenrinne schnell nachgefüllt. ©Sonja Schelbach

Was, wenn man keine solchen Einkaufsmöglichkeiten finden kann?

Von den Kanaren aus segelten wir im Herbst 2024 nach Gambia. In diesem Land, welches noch nicht einmal eine Müllabfuhr besitzt, haben wir eine unglaubliche Gastfreundschaft erfahren – aber natürlich keine Bio- oder Unverpacktläden gefunden. So etwas gibt es dort einfach nicht. Wie überall auf der Welt gibt es dort jedoch Märkte, auf denen man fast alle Waren lose bekommt. Es ist zwar üblich, die Waren in kleine Plastiktüten zu verpacken – diese Tüten pflastern die Wege und Straßen des ganzen Landes –, doch wir benutzen zum Einkaufen von Obst, Gemüse und trockenen Waren häufig dünne Stoffbeutel, weil sie leichter und flexibler als Gläser und Dosen sind. Diese wurden auf den Märkten auf Nachfrage gerne befüllt.

Im Gambia River konnten wir unseren Wassermacher nicht benutzen, weil das Wasser dort zu viele Schwebteilchen enthält. Stattdessen begannen wir dort also, unser Trinkwasser am Brunnen zu holen und im Schnellkochtopf abzukochen. In der Trockenzeit scheint in Gambia jeden Tag die Sonne, Strom von unseren Solarzellen hatten wir daher zum Kochen in ausreichender Menge.

Beutel, Dose oder Einkaufsnetz können ebenso wie Mehrwegstrohhalme ganz einfach Einwegplastik vermeiden. ©Sonja Schelbach

Nachdem wir im Februar 2025 den Atlantik überquert hatten, starteten wir unser nächstes Abenteuer in Salvador da Bahia, Brasilien. Es war ein ganz neues Kapitel für uns: Zum ersten Mal in Südamerika. Auch hier konnten wir unseren Wassermacher in den Buchten und Flüssen nicht benutzen. Um dennoch bei den täglichen heftigen Regengüssen ausreichend Wasser auffangen zu können, brachten wir an unseren beiden Solarzellen und auf dem Geräteträger eine Regenrinne an.

In Salvador fährt man überallhin mit dem Uber. Eines Tages sahen wir im Vorbeifahren doch tatsächlich ganz in der Nähe des Hafens einen großen Laden voller loser Waren und machten uns am nächsten Tag auf den Weg dorthin. Tatsächlich: ein Laden, bei dem wir viele Waren ohne Verpackung erwerben konnten.

Zufallsfund in Peru: Der einzige Unverpacktladen im ganzen Land mit einigen bekannten, aber auch sehr vielen unbekannten Produkten. ©Sonja Schelbach

Auch auf der weiteren Reise entdeckten wir immer wieder solche Geschäfte. Sie verkaufen viele uns bekannte Produkte lose, wie beispielsweise Nüsse, Mais oder Mehle. Außerdem erhält man dort sehr viele getrocknete Pflanzenteile zur Zubereitung von Aufgüssen oder anderer Medizin. Die Vielfalt der Pflanzen aus dem Regenwald zu nutzen, hat in Brasilien Tradition. Uns waren die Zutaten jedoch vollkommen fremd und selbst das Übersetzungsprogramm im Handy kannte zumeist keine Antworten.

Den größten Zufall erlebten wir jedoch in Peru: Da unser Visum für Brasilien nach 90 Tagen abgelaufen war, blieb unsere MARYSOL in Rio de Janeiro und wir reisten als Backpacker durch Peru. In einer Stadt, hoch in den Anden gelegen, hatten wir für drei Nächte ein Zimmer reserviert. Und wie staunten wir, als wir die Adresse endlich gefunden hatten: Unten im Haus befand sich ein Unverpacktladen. Die Inhaberin berichtete voller Stolz, es sei der einzige Bio-Unverpacktladen in ganz Peru!

Hafermilch-Produktion an Bord. ©Sonja Schelbach

Aber was tun, wenn wir einfach gar keine Einkaufsmöglichkeiten finden? Ein weiterer großer Vorteil auf einer Langfahrt ist ja: Wir haben Zeit. Zeit, Dinge auch einfach selbst herzustellen. Hafermilch gibt es nur im Verbundkarton oder gar nicht? Gar kein Problem! Hat man Haferflocken und die notwendigen zwei Enzyme an Bord, dann lässt sie sich ganz einfach selbst herstellen.

Hefe gibt es nur in den kleinen Plastikverpackungen? Macht nichts, wir haben ja François, unseren Sauerteig mit an Bord. Kekse nur in doppelter Plastikverpackung? Wir haben uns daran gewöhnt, etwa alle zwei Wochen zwei Bleche Kekse zu backen. So sind unsere drei Dosen immer gefüllt.

Sehr einfach herzustellen sind Kimchi und anderes eingelegtes Gemüse. ©Sonja Schelbach

In unserem Kühlschrank befinden sich stets ein bis zwei Gläser Kimchi. Es ist sehr einfach herzustellen, die Zutaten können variabel gehalten werden, daher bekommt man sie fast überall und wir haben immer eine pikante Beilage parat. In Brasilien gehören Limetten zum Grundnahrungsmittel und kosten tatsächlich fast gar nichts. Also trinken wir selbstgemachte Limettenlimonade oder Eistee. Kräuter oder Sprossen gibt es nur in Styroporschalen und in Folie eingeschweißt? Da freue ich mich über unser Sprossenglas und den kleinen Kräutergarten.

Auch Spülmittel kann einfach an Bord hergestellt werden. ©Sonja Schelbach

Es lassen sich keine ökologischen Reinigungsmittel finden? Das macht nichts, wenn man Kernseife, Natron und Zitronensäure an Bord hat. Aus diesen Zutaten lassen sich Spülmittel, Waschmittel und Putzmittel sehr einfach herstellen. Ohne Plastikverpackung. Und ohne Mikroplastik.

Der Bokashi-Eimer segelt um die Welt. ©Sonja Schelbach

Wie geht man mit organischen Abfällen um?

In unserer Steuerbordbackskiste wohnt neben den Reservekanistern ein Bokashi-Eimer. Darin lassen sich Küchenabfälle fermentieren. Über einen Hahn unten am Eimer kann die dadurch entstehende Flüssigkeit abgelassen und als Dünger für einen Kräutergarten an Bord genutzt werden. Wir kochen jeden Tag frisch, aber dennoch dauert es etliche Wochen, bis der Eimer komplett voll ist. Dann suchen wir nach einer Entsorgungsmöglichkeit.

Im selbstgebauten Hydroponik-Garten wächst gelegentlich sogar eine Erdbeere. ©Sonja Schelbach

Zuhause in Deutschland, mit Haus und Garten, war der Inhalt extrem wertvoll für den Kompost. Das fällt bei unserer aktuellen Lebensweise ja aus, deshalb haben wir ihn schon im Wald vergraben, einer Verwandten auf Teneriffa beim Besuch mitgebracht, ihn in Biomülltonnen entsorgt oder einmal tatsächlich in einer Kompostanlage an einer Wohnsiedlung in Hafennähe in Spanien. Finden wir gar keine dieser Möglichkeiten, entsorgen wir den Inhalt auf See, weit entfernt vom Land.

Möchte man den Flüssigdünger verwenden, dann kann dieser auch für eine Hydroponik-Kultur auf dem Boot genutzt werden. Ich habe diese aus Teilen aus dem Baumarkt gebaut und sie sorgt für frische Kräuter und gelegentlich sogar für eine Erdbeere!

Zero-Waste-Tipps für unterwegs

Leider war auch die Zeit vom zweiten Visum für Brasilien irgendwann zu Ende und wir machten uns auf den Weg nach Norden. In Französisch-Guayana angekommen, waren wir dann ganz plötzlich in Frankreich und zurück in der EU. Hier waren Plastikstrohhalme und Einwegbesteck also wieder verboten. Der Rest von Südamerika benutzt davon leider noch immer Unmengen. Hat man ein Besteck dabei, kann man darauf verzichten. Für die frischen Kokosnüsse – in Brasiliens Norden ebenfalls ein Grundnahrungsmittel – haben wir uns inzwischen Mehrwegstrohhalme angeschafft. Die nehmen in der Handtasche wirklich keinen Platz weg. Ein weiterer, super einfacher Live-Hack ist übrigens: immer ein oder zwei kleine Beutel in der Tasche zu haben. Sie machen eine Papiertüte beim Bäcker ebenso überflüssig wie die Plastiktüte beim Obstverkäufer.

Viel Freude hatten wir unterwegs schon mit der App TOO GOOD TO GO. Das Social-Impact- Unternehmen bietet eine einfache Möglichkeit an, Lebensmittel vor der Verschwendung zu bewahren. Wir haben auf diese Weise Orte besucht, die wir sonst sicher nicht gesehen hätten, und lokaltypische Lebensmittel erhalten, die wir sonst sicher nicht probiert hätten. Auch hier kann man in der Regel seine eigenen Behälter mitbringen.

Beach-Clean-Up auf La Gomera. ©Sonja Schelbach

Ausblick

Abgesehen davon, dass wir nicht zur Plastikmüllverschmutzung beitragen möchten, hat uns das Thema schon unzählige schöne Momente beschert. Überall auf der Welt finden sich Gleichgesinnte. Was für spannende Gespräche wir schon in den Zero-Waste-Shops oder Bioläden geführt haben. Und wie viel Spaß wir bei Beach-Clean-Ups hatten, mit den ganzen tollen Menschen, die wir dabei kennenlernen durften.

Unser Beitrag zum Trash Award 2025. ©Sonja Schelbach

Als unsere Tochter uns in Brasilien besuchte, nahmen wir gemeinsam an einem „Trash Award“ teil. Das gab dem Einsammeln von Plastikmüll am Strand nochmals eine ganz neue Perspektive. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich auszutauschen und gegenseitig zu motivieren. Dass wir uns seit einiger Zeit der „Recycling Fleet“ von In Mocean angeschlossen haben, ist für uns ein echter Mehrwert. Bei In Mocean geht es nicht nur um die Vermeidung von Einwegplastik, sondern auch darum, was mit dem Plastikmüll in Gegenden passiert, in denen es wenig bis keine Infrastruktur für Müllverwertung gibt. Wir haben inzwischen zwei mobile Recycling-Maschinen an Bord, mit denen wir in Schulen, Gemeindezentren oder zusammen mit lokalen Meeresschutzorganisationen Workshops geben, um zu zeigen, wie Plastikmüll in neue Produkte verwandelt werden kann.

Upcycling-Workshop an Bord der MARYSOL. ©Sonja Schelbach

Fazit

So begleitet uns das Thema auf unserer Reise durch diese wunderbare Welt. Wir haben dabei nicht den Anspruch, komplett „Zero-Waste“ unterwegs zu sein – das würde schnell in Stress ausarten und wäre am Ende kontraproduktiv. Sondern wir haben den Ansatz: Alles, was sich vermeiden lässt, versuchen wir zu vermeiden. Das macht Freude, beschert uns spannende Begegnungen und eröffnet uns immer wieder neue Perspektiven.

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Marga
Marga
24 Tagen her

Vielen Dank für diesen schönen Artikel liebe Sonni! Festes Shampoo beispielsweise ist bei mir schon länger an Bord-aber ich liebe den Tip zum Waschmittel Selbermachen-das kannte ich noch nicht und werde ich auf jeden Fall ausprobieren ❤️