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Johannes Erdmann überquerte im Alter von 19 Jahren zum ersten Mal einhand den Atlantik. Während seines Schiffbaustudiums schrieb er sein erstes Buch „Allein über den Atlantik“. Nach zehn Jahren als Wassersportjournalist, rund 60.000 Seemeilen im Kielwasser und sieben Jahren auf See gibt er heute seine Erfahrung vom Langfahrtsegeln als Berater und Journalist weiter. Mit Shorecrew.de begleitet er zudem angehende Eigner auf dem Weg zur eigenen Yacht und gehört zum Expertenteam von BLAUWASSER.DE.
Motorpanne im Hafen – lästig, aber lösbar
Der Sommertörn ist mitten im Gange, die letzte Nacht im Hafen war sehr entspannt und schon früh soll es weitergehen auf die nächste Etappe. Doch beim Druck auf den Anlasserknopf der Maschine passiert gar nichts. Kein Rütteln, kein Surren, nur ein leichtes Klicken. Der Motor will nicht mehr.
Ein Defekt am Motor ist immer ärgerlich und kostet häufig Zeit. Gerade im Sommer sind die Mechaniker häufig über Wochen und Monate ausgebucht. Ist endlich ein Mechaniker gefunden, der Zeit findet, einen Blick auf die Maschine zu werfen, dann dauert es häufig einige weitere Tage, bis auch die passenden Ersatzteile geliefert sind und die Reise weitergehen kann. Als der Weltumsegler Wilfried Erdmann einst mit einer Motorpanne an seiner KATHENA NUI mitten im Sommer in Middelfart liegen bleibt und keinen Mechaniker finden kann, macht sich gar ein Motortechniker von der Schlei mit einer baugleichen Maschine im Kofferraum auf den Weg dorthin. Für einen entsprechenden Preis.

Vor Anker wird aus einem Motor-Defekt schnell ein Problem
Während solch ein Defekt auf Sommertörn in der dänischen Südsee nur eine Planänderung mit sich zieht und für gewöhnlich innerhalb einiger Tage behoben werden kann, sieht es auf Langfahrt an einem exotischen Ziel vor Anker schon ganz anders aus, denn häufig sind bis zur nächsten Werkstatt deutlich größere Distanzen zu bewältigen. Als uns vor einigen Jahren auf dem Weg zu den Bahamas die Zylinderkopfdichtung unseres alten Volvo-Diesel auf unserer Contest 33 MAVERICK TOO kaputtgegangen ist, da lagen noch fast 1.000 Seemeilen vor dem Bug bis zum nächsten Mechaniker in Florida. Gegen den Passat zurück in die Karibik kreuzen war keine Option – und auf den vor uns liegenden Bahamas waren Ersatzteile auch nur umständlich und teuer aus den USA zu bekommen.
Warum Motor-Ersatzteile auf Langfahrt unverzichtbar sind
Nun kann nicht jeder Segler auf Langfahrt einen zweiten Motor in Reserve mitführen, um sich bei Bedarf der Teile zu bedienen, so wie der Techniker in Dänemark. Doch kann es sinnvoll sein, zumindest die wichtigsten Verschleiß- und Ersatzteile immer dabeizuhaben. Auch, um in fernen Ländern nicht lange suchen oder auf Teilelieferungen warten zu müssen.

Lernen durch Erfahrung – wie die Ersatzteilliste wächst
Wir hatten auf unseren Langfahrten und vor allem während unserer drei Jahre als professionelle Charterbootskipper auf den Bahamas immer einen bestimmten Stock an Ersatzteilen dabei, die wir auch nicht mehr missen wollen. Als Charterbootskipper bedeutet ein Defekt nicht nur eine Wartezeit und Unmut der Crew, sondern häufig auch einen Verdienstausfall. Deshalb war die Devise an Bord: Alles, was kaputt geht, müssen wir in Reserve dabeihaben.

Jährlich wuchs die Liste und die Menge an Ersatzteilen. Neben den üblichen Wartungsteilen wie Öl- und Spritfilter, Motor- und Getriebeöl, Impeller, Keilriemen und Anoden landeten nach und nach auch Einspritzdüsen, Anlasser, Lichtmaschine, aber auch eine Zylinderkopfdichtung, ein Vakuumventil und ein Wassersammler in unserem Ersatzteillager. Die letzteren drei Teile mögen die wenigsten Segler an Bord dabeihaben – und wir hatten sie auch erst in Reserve, nachdem wir alle drei einmal unterwegs benötigten.

Motorschaden unter Palmen – kein Mechaniker in Reichweite
Während einer 40-Seemeilen-Überfahrt unter Segeln in die Exumas auf den Bahamas versagte beispielsweise das Vakuumventil einer unserer Motoren. Es war eine raue Überfahrt hoch am Wind und als ich die Steuerbord-Maschine starten wollte, machte es nur „Klick“. Der erste Verdacht fiel natürlich auf den Anlasser, den wir zum Glück in Reserve dabeihatten. Mit nur einer Maschine kann ein Katamaran problemlos auch lange Strecken zurücklegen, nur das Ankern war mit lediglich einem Motor etwas umständlich. Wir warfen den Anker an einem geschützten Platz und ich verkündete meiner Crew, dass ich den Anlasser mal eben schnell nach dem Kaffeetrinken tauschen werde.

Als ich eine Schraube des Anlassers nicht optimal erreichen konnte, demontierte ich den Luftfilter – und sah beiläufig, wie sich daran ein Wassertropfen bildete. „Auweia“, war meine knappe Reaktion, denn ich hatte realisiert: Wenn aus dem Luftfilter Wasser kommt, dann hat der Defekt nichts mit dem Anlasser zu tun. Ein schneller Griff zum Ölmessstab bestätigte: Wir hatten Wasser im Motor. Und plötzlich war ich unter Zeitdruck.

Fehlersuche und Reparatur am Motor gegen die tickende Uhr
Was war passiert? Das Vakuumventil, das den Wasserfluss durch den Motor in die Abgasanlage unterbricht, hatte versagt. Wird der Motor gestoppt, dann fließt das Wasser einfach weiter – wie bei einem Schlauch, den man zum Umfüllen eines Spritkanisters ansaugt. Wenn die Flüssigkeit fließt, dann fließt sie. So hatte das Seewasser seinen Weg vorbei an den Flügeln des Impellers bis in den Wassersammler fortgesetzt, wo es langsam anstieg, weil der Abgasdruck bei gestoppter Maschine fehlte, um es mit dem bekannten „Sprotzen“ aus dem Motor zu befördern. Also stieg das Wasser langsam an und gelangte durch den Krümmer bis in den hintersten Zylinder, von dort in die Ölwanne.

Wenn der Kolben versucht, das Wasser zu komprimieren, dann geht meist etwas kaputt. Entweder ein Pleuel, ein Kolbenring oder – wie damals auf den Bahamas – die Zylinderkopfdichtung. Manchmal bleibt jedoch auch alles intakt, worauf ich innigst hoffte. Zunächst galt es jedoch, das Salzwasser aus dem Motor zu bekommen, also demontierte ich die Einspritzdüsen, ließ meine Frau einmal kurz den Startknopf des Motors betätigen, woraufhin der Kolben alles Wasser mit großem Druck aus den Brennkammern beförderte. Dann machte ich mich daran, das Öl-Wassergemisch aus der Ölwanne abzupumpen. Zur Montage der Einspritzdüsen benötigte ich neue Thermoplättchen, die ich glücklicherweise auch an Bord hatte. Ich tauschte den Ölfilter, goss neues Öl auf und machte einen Startversuch. Nach längerem „jodeln“ (mit geschlossenem Seeventil, um die Abgasanlage nicht noch einmal zu füllen), sprang der alte Yanmar schließlich an und rannte, als wäre nichts gewesen. Nach 20 Minuten stoppte ich den Motor, pumpte noch einmal das Öl ab, tauschte den Ölfilter, füllte Öl auf und spülte das ganze System ein zweites Mal für einige Zeit durch. Dann ein drittes Mal. Der Motor war gerettet. Wir sind danach noch gut 2.500 Betriebsstunden damit gefahren, bis wir das Boot verkauft haben.

Der unterschätzte Schwachpunkt des Yachtmotors: Die Abgasanlage und der Wassersammler
Ein weiteres Ersatzteil, das kaum ein Langfahrtsegler mitführt, ist ein Wassersammler. Auf gut 80 Prozent aller Serienyachten sind sie aus Plastik gefertigt und es ist uns vor Jahren bereits einmal passiert, dass solch ein „Waterlock“ zusammengeschmolzen ist. Die Ursachen mussten wir damals rekonstruieren: Vermutlich war der Seewasser-Einlass durch eine Plastiktüte oder Ähnliches blockiert, woraufhin der Motor kein Kühlwasser mehr bekam. Für gewöhnlich dauert es einen Augenblick, bis der Motor heiß wird und der Kühlwasseralarm ertönt. Sobald jedoch die Kühlwasserversorgung blockiert ist, werden die Abgase mit über 300 Grad aus dem Motor in die Abgasanlage gepustet, was recht schnell in einem geschmolzenen Wassersammler resultierte. Die Maschine lief zwar noch, doch wir konnten sie nicht mehr betreiben, ohne das Kühlwasser – und damit die See – Liter für Liter in unser Boot zu pumpen. Wir mussten uns also in den nächsten Hafen schleppen lassen.

Motor-Ersatzteile: Was man dabeihat, geht selten kaputt
Wie es häufig so ist: Was man dabeihat, geht selten kaputt. Wir haben nie wieder einen Wassersammler benötigt, wohl aber mal einem anderen Segler mit unserem Ersatzteil aus der Patsche helfen können. Deshalb lohnt es sich, immer genügend Ersatzteile dabeizuhaben – denn häufig sind es die Dinge, die darüber entscheiden, ob die Reise weitergeht oder nicht. Gerade in abgelegenen Revieren ist eine Crew sehr auf die Maschine angewiesen. Deshalb ist es wichtig, die Motoren penibel genau in den Inspektionsintervallen zu warten, als würden die Motoren fliegen.

Motor-Ersatzteile: Nicht alles mitnehmen – aber das Richtige
Doch es ist wichtig, bei der Mitnahme von Ersatzteilen – ob für den Motor oder für das ganze Schiff – nicht zu übertreiben und für eine ganze Weltumsegelung den erwarteten Bedarf an Ölfiltern und Kühlwasserpumpen mitzunehmen. Häufig ist es im Ausland sogar deutlich günstiger, an Teile zu kommen – Yanmar-Wasserpumpen haben in den USA beispielsweise nur ein Drittel davon gekostet, was wir in Deutschland bezahlt haben. Und selbst Dieselfiltereinsätze der Firma Separ aus Hattingen waren in Fort Lauderdale in den USA erhältlich. Dennoch sollte mit Filtereinsätzen nicht gespart werden, denn weltweit ist die Dieselqualität das größte Problem auf Langfahrten.

Eine Ersatzteilliste ist immer motorspezifisch
Jede Ersatzteilliste wird von Motor zu Motor unterschiedlich sein, deshalb soll dieses Beispiel lediglich als Ansatz dienen, um sich Gedanken über die eigene Ersatzteilliste zu machen. Meine Liste für unsere zwei Dieselmotoren vom Typ Yanmar 3GM30 auf unserem Katamaran bestand aus folgenden Posten:
- Seewasserpumpen-Impeller: 6 Stück
- Kraftstoff-Vorfiltereinsatz: 4 Stück
- Separ-Kraftstofffiltereinsatz: 6 Stück
- Ölfilter: 4 Stück
- Ventildeckel-Dichtung: 4 Stück
- Zylinderkopfdichtung: 1 Stück
- Bolzen/Muttern Zylinderkopfdichtung: 1 Satz
- Ölmessstab Saildrive: 2 Stück
- Keilriemen Seewasserpumpe: 4 Stück
- Keilriemen Lichtmaschine: 5 Stück
- Kraftstofffilter-Gehäuse: 1 Stück
- Kraftstoff-Förderpumpe: 1 Stück
- Einspritzdüsen: 3 Stück
- Startermotor: 1 Stück
- Lichtmaschine: 2 Stück
- Öldrucksensor: 1 Stück
- Kühlwassertemperatursensor: 1 Stück
- Insulator Einspritzdüse: 1 Satz
- Kühlwasserpumpen komplett: 3 Stück
- Krümmer-Dichtung: 2 Stück
- Krümmer: 1 Stück
- Luftfilter-Einsätze: 2 Stück
- O-Ringe Wärmetauscher: 2 Sätze
- Kupfer-Dichtringe Kraftstoffleitungen: 2 Sätze
- O-Ringe Seewasserpumpe: 4 Stück
- Thermostat und Dichtung: 1 Set
- Gummilager Motor: 2 Sets (3 Stück)
- Dichtung Wärmetauscher/Motor: 1 Stück
- Saildrive-Anode: 2 Stück
- Dichtung Saildrive-Anode: 2 Stück
- Saildrive-Membran: 2 Sets
- Saildrive-Gummiabdeckungen außen: 2 Stück
- Simmerringe Saildrive-Welle
- Seewasserbeständiges Fett
- Ölablassschraube Saildrive: 3 Stück
- Vakuumventil: 2 Stück
- Wassersammler LP40: 1 Stück
- Yanmar-Kabelbaum Motor: 2 Stück
- Loctite mittelfest und hochfest
- Ersatz-Dieselschläuche
- Ersatz-Kühlwasserleitungen
Dazu noch Simmerringe, Schrauben, Schlauchschellen, diverse Kühlwasserschläuche und viele kleine Teile, die mir während der Jahre als verschleißanfällig aufgefallen sind.

Ersatzteil-Ergänzungen je nach Motortyp und Einbausituation
Bei manchen Motoren kann es außerdem noch hilfreich sein, einen Motor-Stop-Magneten (Aktuator), ein Motorbedienpaneel (wenn exponiert und ungeschützt montiert) und ein Motorsteuergerät (Volvo-D1-Serie) mitzunehmen. Außerdem eine Stopfbuchse (wartungsfrei) oder Stopfbuchsenpackung, ein Anlasserrelais, Glühkerzen und eine elektrische Kraftstoffförderpumpe (wenn vorhanden).

Fazit
Ersatzteile an Bord sind kein Zeichen von Misstrauen gegenüber der eigenen Technik, sondern Ausdruck von Seemannschaft. Nicht alles lässt sich unterwegs reparieren, aber vieles lässt sich zumindest so weit instand setzen, dass die Reise weitergehen kann – ohne lange Wartezeiten, ohne teure Notlösungen und ohne unnötigen Stress. Entscheidend ist dabei nicht die schiere Menge der mitgeführten Teile, sondern deren sinnvolle Auswahl, abgestimmt auf Motor, Revier und eigenes Können.

Wer seinen Motor kennt, ihn gewissenhaft wartet und die typischen Schwachstellen absichert, verschafft sich auf Langfahrt vor allem eines: Unabhängigkeit. Und genau die ist es, die das Leben an Bord entspannter macht – egal ob in der dänischen Südsee, vor Anker in den Exumas – oder weit draußen auf dem Ozean.





























