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Sönke hat 100.000 Seemeilen Erfahrung im Kielwasser und von 2007 bis 2010 zusammen mit seiner Frau Judith die Welt umsegelt. Er veranstaltet diverse Seminare auf Bootsmessen (siehe unter Termine) und ist Autor der Bücher "Blauwassersegeln kompakt", "1200 Tage Samstag" und "Auszeit unter Segeln". Sönke ist zudem der Gründer von BLAUWASSER.DE und regelmäßig mit seiner Frau Judith und seinen Kindern auf der Gib'Sea 106 - HIPPOPOTAMUS - unterwegs.
Der ewige Traum vom Segeln im Eis
Seit mehr als einem Jahrzehnt schlummert in mir ein Traum. Ich möchte einmal mit einem Schiff ins Eis fahren. Ich wünsche mir, zwischen Eisbergen zu navigieren, vom Ankerplatz aus einen kalbenden Gletscher zu beobachten und die scheinbar endlose Helligkeit der sommerlichen Nacht zu erleben. Für einen Segler aus Deutschland, dessen Yacht an der Nord- oder Ostsee liegt, ist dieses Abenteuer allerdings sehr weit entfernt. Wer auf eigenem Kiel nach „ganz oben“ in den hohen Norden möchte, muss bis Spitzbergen oder Grönland mindestens 1.500 Seemeilen zurücklegen. Ein Törn, der für viele Segler nur mit erheblichem Zeitaufwand oder gar nicht zu realisieren ist – von der passenden Ausrüstung oder der richtigen Yacht ganz zu schweigen.

Trotzdem ist dieser Traum in mir nie verblasst. Er war immer da, irgendwo im Hinterkopf. Er wartete geduldig darauf, verwirklicht zu werden. Den entscheidenden Anstoß gab schließlich ein Zeitungsartikel über einen Neufundlandtrawler namens CAPE RACE, der mit nur zwölf Gästen an Bord genau jene Regionen in den hohen Breiten bereist, die mich seit Jahren faszinieren. Kein klassisches Kreuzfahrtschiff mit festem Programm, sondern ein kleines Expeditionsschiff, auf dem waschechte Seemannschaft, beeindruckende Naturerlebnisse und das Erkunden entlegener Regionen im Mittelpunkt stehen – Erlebnisse, die dem Fahrtensegeln sehr nahekommen. Kein Massentourismus. Stattdessen einsame Buchten, spektakuläre Landschaften und beeindruckende Orte, die nur wenige Menschen zu Gesicht bekommen.

Die Idee lässt mich nicht mehr los, ein Wort ergibt das andere und meine Familie gibt grünes Licht. So kommt es, dass ich ein paar Monate später über Island nach Ilulissat an der Westküste Grönlands fliege und kurz darauf in einem großen Zodiac-Schlauchboot sitze, um an Bord der CAPE RACE zu gelangen. Vor mir liegt eine einwöchige Expedition zu den Eisbergen der Diskobucht – so steht es auf der Webseite des Veranstalters.
Tatsächlich fühlt sich diese Woche schon nach kurzer Zeit so intensiv an, als würde sie deutlich länger dauern. Es wird eine unglaubliche Reise, deren Eindrücke noch lange im Kopf nachhallen werden. So viel sei an dieser Stelle schon verraten.

Die CAPE RACE ist ein Expeditionsschiff für nur 12 Gäste
Die CAPE RACE wurde 1963 in Kanada von der Werft George T. Davie & Sons als erster vollständig aus Stahl gefertigter Fischtrawler des Landes gebaut. Über Jahrzehnte war sie auf den Grand Banks vor Neufundland und in der rauen Labradorsee im Einsatz – einem der anspruchsvollsten Fischereigebiete der Welt. Entsprechend robust fällt ihre Konstruktion aus.

Die CAPE RACE ist 38,0 Meter lang, 7,5 Meter breit und hat einen Tiefgang von 3,8 Metern. Sie hat eine Eisverstärkung und ist somit ein ideales Schiff, um die eisigen Fjorde und Sunde Grönlands zu erkunden. Nach der aktiven Zeit als Fischtrawler wurde die CAPE RACE mit Liebe zum Detail zu einem Expeditionsschiff umgebaut und umfassend modernisiert – mit viel Holz, Messing und noch viel mehr romantischer Seefahrtsatmosphäre durch beeindruckend viel Liebe zum Detail. Gleichzeitig erfüllt das Schiff alle heutigen Anforderungen an Sicherheit und Umweltverträglichkeit – inklusive modernster Navigations- und Kommunikationstechnik, diversen Sicherheits- und Alarmsystemen sowie Wassermacher, Kläranlage und vielem mehr.

Die CAPE RACE bietet den zwölf Gästen sowie der achtköpfigen Crew genug Raum an Bord, um in den hohen Breiten auf Törn zu gehen. Die kleine Gästezahl ermöglicht flexible Routen und Zodiac-Ausfahrten zu Orten, die größeren Schiffen verschlossen bleiben. Ich bin froh darüber, dass es an Bord der CAPE RACE keinen vorgegebenen Törnplan gibt, der – wie auf einem klassischen Kreuzfahrtschiff – strikt abgefahren wird. Stattdessen ist alles im Fluss, wie die See um uns herum. Das Miteinander von Besatzung und Passagieren erinnert dabei eher an eine gemeinsame Yachtreise mit Gleichgesinnten als an eine organisierte Kreuzfahrt. Dazu gehört auch, dass die Reiseroute für jede Saison neu zusammengestellt wird. Die Ziele liegen überwiegend in den nördlichen Breiten.

Zum aktuellen Programm zählen unter anderem Reisen in die faszinierende Inselwelt der schottischen Hebriden, entlang der spektakulären Küsten Grönlands bis hinauf nach Thule sowie Winter-Expeditionen in die tief eingeschnittenen Fjorde Nordnorwegens, wo die Gäste Polarlichter und Wale erwarten. Der aktuelle Törnplan ist auf der Internetseite der CAPE RACE zu finden.
Ilulissat ist ein sehr guter Ausgangspunkt für die Expedition an Bord der CAPE RACE
Nach einer kurzen, aber sehr professionellen Sicherheitseinweisung und dem Bezug der Kabinen rasselt die Ankerkette durch die Klüse. Routiniert nimmt Kapitän Marc mit der CAPE RACE Kurs auf die Diskobucht, die am Rand der Davisstraße liegt. Bereits in diesen ersten Stunden wird deutlich, dass Grönland ein Land der Superlative ist. Endlose Weiten, immerhelles Licht und jede Menge Eisberge treiben auf dem tiefblauen Wasser – manche kaum größer als ein Segelboot, andere so gewaltig, dass ihre Dimensionen schwer greifbar sind. Als zu allem Überfluss auch noch ein großer Buckelwal seinen schwarzen Körper durch die See schiebt und seinen Blas in den grönländischen Abendhimmel schickt, spüre ich eine erste Ergriffenheit gepaart mit einem Glücksgefühl. Die Reise beginnt.

Die Diskobucht verdankt ihren einzigartigen Charakter vor allem dem berühmten Eisfjord südlich von Ilulissat. Dort schiebt sich der mächtige Gletscher Sermeq Kujalleq (auch bekannt als Jakobshavn-Gletscher), gespeist vom grönländischen Inlandeis, unaufhaltsam Richtung Küste. Es ist Jahrtausende Jahre altes Eis, dass den größten Teil Grönlands bedeckt und im Inneren des Landes eine Mächtigkeit von über 3.000 Metern erreicht. Es bildet nach der Antarktis die zweitgrößte Eisfläche unseres Planeten.

An der Gletscherfront brechen kontinuierlich und tosend gewaltige Eismassen ab. Dann beginnen sie als Eisberge ihre oft monatelange Reise durch den Eisfjord, hinaus in die Diskobucht und schließlich in den Atlantik. Etliche von ihnen passieren wir auf unserem Törn aus nächster Nähe. Jeder Eisberg ist anders, jeder Eisberg ist fotogen. Die Eisberge werden uns den Rest des Törns nicht mehr loslassen. Mehr noch: Sie sind so allgegenwärtig, dass sie jeden Tag prägen und ihm ein wiederkehrendes Element verleihen.

Ein ebenso wiederkehrendes Element sind die hohen, nahezu unüberwindbar wirkenden Berge im Hinterland, die bis tief an die Küste steil abfallen. Mal feucht-dunkel, mal wild-grün, mal gelblich-braun. Sie geben der tiefblauen See um uns herum einen Rahmen, fassen sie wie ein Bild ein. Stellenweise hat der Bilderrahmen Löcher. Dann geben die Urzeitberge den Blick auf das ewige Eis im Hinterland frei oder machen Platz für Gletscher, die rumpelnd und kalbend die Eismassen zum Meer schieben. Die See selbst ist in diesen Tagen friedlich, auch wenn hier Wetterwechsel zur Tagesordnung gehören. Das liegt auch daran, dass der Törnplan seitens der Expeditionsleitung im Einklang mit Wind und Wetter regelmäßig angepasst wird und wir so schwere See vermeiden.

Für mich als Segler hat der Törn an Bord der CAPE RACE einen hohen Reiz. Meine eigene Yacht ist 36 Fuß lang, eine Sloop aus GFK gebaut. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viel Zeit, Vorbereitung, Ausrüstung und finanzielle Mittel erforderlich wären, um mein Boot für eine solche Reise fit zu machen, wird schnell klar, warum die Möglichkeit, einfach an Bord eines top ausgerüsteten Expeditionsschiffes zu gehen, so attraktiv ist.
Das gilt ein Stück weit auch für die Navigation. In einem Revier, in dem unzählige Eisberge treiben und mehrere gewaltige Gletscher unaufhörlich neue Eismassen ins Meer kalben, ist es ein beruhigendes Gefühl, die Törnplanung und die Verantwortung einem erfahrenen Kapitän zu überlassen und bei Interesse von ihm die Spielregeln der Fahrt durchs Eis zu erlernen. Statt ständig selbst das Wetter, das Eis und die Route im Blick haben zu müssen, bleibt Zeit, das Naturerlebnis in seiner ganzen Intensität zu genießen. Für mich als Blauwassersegler ist das eine ungewohnte, aber ausgesprochen angenehme Erfahrung.

Die Crew an Bord der CAPE RACE
Zum Wohlfühlcharakter an Bord trägt maßgeblich die Crew bei, die eine außergewöhnlich hohe Stärke aufweist. Acht Besatzungsmitglieder kümmern sich um zwölf Gäste. Interessant ist dabei, wie vielfältig die Aufgaben an Bord sind und wie selbstverständlich das Zusammenspiel der Akteure funktioniert.

Unser Kapitän Marc ist ein erfahrener Seemann, der mit viel Leidenschaft seit über 30 Jahren auf Schiffen aller Coleur anheuert. Er war unter anderem an der Räumung von Minen sowie am Aufbau von Offshore-Windkraftanlagen beteiligt und hat in Summe Seemeilen für drei Erdumrundungen im Kielwasser. Hinzu kommen zahlreiche Patente und Qualifikationen. Die CAPE RACE ist für ihn wie ein zweites Zuhause. Entsprechend sicher und mit großer Begeisterung führt er Schiff und Mannschaft. Er hat auch eine seglerische Laufbahn, die auf der Elbe beim Jugendkuttersegeln begann, und schnell stellen wir fest, dass uns vieles verbindet.

Die Kommandobrücke der CAPE RACE ist rund um die Uhr besetzt. Entweder, weil das Schiff auch nachts – sofern man die Helligkeit hier oben überhaupt als Nacht bezeichnen kann – unterwegs ist, oder weil am Ankerplatz treibendes Eis beobachtet werden muss. Neben Marc übernimmt diese Aufgabe die 1. Offizierin Annette, eine dänische Einhandseglerin, die mit ihrer 48-Fuß-Segelyacht regelmäßig in der Karibik unterwegs ist.

Komplettiert wird die Crew von sechs weiteren Besatzungsmitgliedern. Köchin Anne überrascht uns jeden Tag aufs Neue mit ihrer kulinarischen Vielfalt und der hohen Bio-Qualität ihrer Gerichte. Servicekraft Annie sorgt mit ihrem nahezu unerschütterlichen Lächeln und ihrer guten Laune für den Service und damit unmittelbar für das Wohl der Gäste.

Nathalia wiederum tritt vor allem als Deckshand bei Ankermanövern und den Fahrten mit dem Schlauchboot in Erscheinung. Sie bereichert die Reise für mich mit ihrer zurückhaltenden, aber stets lustigen polnischen Art. Abgerundet wird die Crew durch Modou, den wir nur selten zu Gesicht bekommen. Der Schwede mit Wurzeln am Gambia River in Westafrika kümmert sich um das Herzstück der CAPE RACE: den großen Maschinenraum. Dort überwacht er die gesamte Technik des Schiffes – angefangen bei der großen 12-Zylinder-Maschine von Caterpillar mit mehr als 1.200 Pferdestärken über die Seewasserentsalzungsanlage, die bordeigene Kläranlage bis hin zu den beiden großen Dieselgeneratoren und zahlreichen weiteren technischen Systemen. Da die CAPE-RACE-Crew ihren Gästen Seefahrt zum Anfassen bietet, dürfen wir am letzten Tage der Reise alle den Maschinenraum besichtigen.

Für die Wissensvermittlung und die Exkursionen an Land sind zwei Expeditionsleiter an Bord – Andreas und Monika. Von ihnen erhalten wir im Rahmen der Mahlzeiten täglich ein kurzes Briefing zum weiteren Tagesverlauf. Dabei geht es längst nicht nur um den Ablauf. Vielmehr vermitteln uns die beiden Wissenschaftler auf unterhaltsame Weise Hintergrundwissen über Eis und Gletscher, Geologie, Flora und Fauna, Plankton und Algen sowie die Geschichte, Kultur und das Leben der Menschen in Grönland und der Arktis. Ergänzt werden diese kleinen Sessions durch Geschichten und Informationen von Kapitän Marc, der immer wieder spannende Einblicke in die Seefahrt und den Betrieb eines Expeditionsschiffes gibt. Zusammen entscheiden Marc und Andreas jeden Tag aufs Neue, im Einklang mit dem Wetter und den aktuellen Bedingungen, welches Törnziel passt und was wir unternehmen.

Das Wetter rund um die Diskobucht
In Grönland ist jeder Tag an Bord der CAPE RACE anders – oder genauer gesagt: jeder Tagesabschnitt. Natürlich gibt es sehr gute Wetterprognosen und Eiskarten, die Kapitän Marc und seiner Crew über das Satelliten-Kommunikations-System Starlink rund um die Uhr wertvolle Anhaltspunkte für die Törnplanung geben. Und dennoch kann sich das Wetter hier innerhalb kürzester Zeit ändern. Negativ wie positiv. Wir haben großes Glück und erleben viele sonnige Abschnitte sowie vergleichsweise angenehme Temperaturen, die in der Regel über dem Gefrierpunkt liegen und teilweise sogar zweistellige Celsiuswerte erreichen. Trotzdem ist es essenziell, richtig gekleidet zu sein.

Ich halte mich beim Packen weitestgehend an eine Liste, die mir im Voraus vom Reiseveranstalter Leguan Reisen, der die Plätze auf der CAPE RACE vermittelt, zugesandt wurde. Dabei geht es nicht um die richtige Abendgarderobe, sondern vielmehr um moderne Outdoor-Bekleidung. Sie ist heutzutage so leistungsfähig, dass man mit wenig Gepäck für nahezu alle Bedingungen gerüstet ist. In meiner Reisetasche habe ich daher dünne, leichte und atmungsaktive Kleidung aus Merinowolle, die nach dem Zwiebelschalenprinzip in mehreren Schichten getragen wird. Das ermöglicht es mir, mich an wechselnde Wetterbedingungen anzupassen. Über den Unterschichten schützt mich ganz außen eine wind- und wasserdichte Segel- oder Outdoorjacke.

Mindestens genauso wichtig sind gute Polar-Gummistiefel. Sie sind nicht nur für Anlandungen mit dem Beiboot ideal, sondern eignen sich auch überraschend gut für viele Wanderungen in der Tundra, die hier die Küste prägt. Sollte dennoch etwas fehlen, ist die CAPE RACE bestens ausgestattet. Für jeden Gast liegen eine vollautomatische Rettungsweste und ein hochwertiger Kälteschutzanzug bereit.

Die auffälligen gelb-schwarzen Kälteschutzanzüge mit dem Spitznamen Biene-Maja-Kostüm halten zuverlässig warm und machen auch längere Aufenthalte an Deck angenehm. So können wir sogar ein Barbecue unter der arktischen Sonne in einer Ankerbucht genießen, obwohl das Thermometer gerade einmal fünf Grad Celsius anzeigt und ein kalter Wind weht. Ein besonderes Erlebnis, das uns allen noch lange in Erinnerung bleiben wird. Nicht zuletzt auch, weil wir die Eiswürfel für die gereichten Drinks von einem kleinen Eisberg abschlagen.

Die Brücke der CAPE RACE, ein besonderer Ort – aus der Sicht eines Seglers
Am sechsten Tag der Reise liegt dichter Nebel über der Diskobucht. Die Sicht reicht zeitweise nur wenige Schiffslängen weit. Statt darüber enttäuscht zu sein, genieße ich es, einfach länger in der Koje zu liegen, ein gutes Buch zu lesen und dem gedämpften Brummen der Maschinen zu lauschen. Solche Tage gehören in der Arktis dazu und verleihen der Reise einen eigenen, teils sehr mystischen Charakter.

Dass die CAPE RACE auch unter solchen Bedingungen sicher unterwegs ist, liegt sowohl an der Erfahrung der Besatzung als auch an der hochmodernen nautischen Ausrüstung mit mehreren GPS-Empfängern, Radar, AIS, elektronischen ECDIS-Seekarten und zwei Echoloten. Sie und die übrigen Navigationssysteme ermöglichen auch bei eingeschränkter Sicht eine sichere Fahrt durch die eisigen Gewässer.

Ich schäle mich aus meiner Koje und suche zum X-ten Mal auf dieser Reise die Kommandobrücke mit ihren großen Fenstern auf. Für mich ist sie ein Ort, der magisch anzieht. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier wechseln sich Kapitän Marc und die 1. Offizierin Annette im Sechs-Stunden-Wachrhythmus ab. Das Besondere daran: Die Brücke ist für die Gäste nahezu jederzeit zugänglich. An Backbord befindet sich sogar eine kleine Sitzecke, von der aus man dem Wachhabenden über die Schulter schauen kann. Fragen sind jederzeit willkommen, und so ergeben sich ganz nebenbei spannende Gespräche über Navigation, Seemannschaft und die umfangreiche nautische Ausrüstung der CAPE RACE. Gerade für Segler ist das ein echter Mehrwert der Reise.
Das Bordleben auf der CAPE RACE
Für die Gäste stehen unterschiedliche Kabinen mit hohen Decken und getäfelten Wänden zur Verfügung. Im Vorschiff befindet sich eine großzügige Dreibettkabine. Hinzu kommen je zwei komfortable Doppelkabinen an Backbord und zwei an Steuerbord im Schiffsbauch sowie zwei Einzelkabinen auf dem darüberliegenden Deck.

Alle Kabinen wurden mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, mit En-Suite-Bädern, Mahagoni-Ausbauten, historischen Lichtschaltern aus Bronze, hochwertiger Bettwäsche, bestickten Handtüchern sowie einer umfangreichen Bordbibliothek. Zur Begrüßung erhält jeder Gast zudem eine wiederauffüllbare Dopper-Flasche für die Wanderungen und ein Shampoo-/Pflegeset von oceanwell. Die Produkte von oceanwell sind biologisch abbaubar und werden auf Algenbasis hergestellt. Sie passen hervorragend zur CAPE-RACE-Philosophie und unterstreichen den hohen Stellenwert, den Umweltverträglichkeit und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur an Bord einnehmen.

Der Tag beginnt für mich meistens mit einer heißen Dusche. Gefolgt von einem heißen Kaffee. Damit lehne ich mich auf dem Bug an einen Poller. Hier finde ich meine morgendliche Stille. So auch am zweiten Seetag. Bei Flaute treiben wir durch einen Sund nahe des Gletscher Equip Sermia. Es geht kein Windhauch und dennoch ist das Wasser immer leicht in Bewegung. Die kleinen Wellen werden von kenternden Eisbergen ausgelöst, zeugen von ihrer Allgegenwärtigkeit. Ein paar dieser weißen Zeitreise-Riesen treiben neben uns seelenruhig auf dem Wasser. Dabei reflektieren sie die kleinen Wellen mit einem meditativ-beruhigenden Plätschern, so dass es nie zu einer völligen Stille kommt, sondern zu einem gleichmäßigen Klangteppich. Schließe ich die Augen, löst dies ein zutiefst zufriedenstellendes Gefühl aus, das süchtig machen würde, würde es nicht gelegentlich durch das gewittergleiche Krachen brechenden Eises irgendwo in der Ferne durchbrochen werden. Während das Echo an den massiven Flanken der die Bucht schützend umarmenden Berge verhallt, kehrt die alte Ruhe zurück. Das Spiel beginnt von vorne. Endlos. Dimensionslos. Zeitlos.

Zeit ist ein gutes Stichwort. Wir reisen hoch im Norden rund um den 70. Breitengrad und mein Zeitempfinden verschwimmt von Tag zu Tag mehr, weil mir die ewige Sommerhelligkeit die Tagesorientierung schleichend nimmt. Deshalb sind die Mahlzeiten auf der CAPE RACE ein wichtiger Bestandteil des Tages. Sie geben ihm die Struktur zurück, sind wie ein roter Faden.

Das Frühstück nehmen wir täglich um 8 Uhr in der Messe im achteren Teil des Schiffes ein. Dort erwartet uns ein reichhaltiges Buffet. Das Mittagessen wird um 13 Uhr serviert. Gegessen wird im holzverkleideten Salon mit großen Panoramafenstern, dänischem Ofen und gestimmtem Klavier – ein Ort zum Wohlfühlen, insbesondere während der Fahrten durch das Eis. Gut beheizt lässt sich von hier aus die vorbeiziehende Landschaft genießen. Dennoch zieht es mich als Segler meist an Deck, denn dort erlebt man die gewaltigen Eisberge und die Landschaft noch intensiver.
Um 19 Uhr wird schließlich das Abendessen serviert, das wie das Mittagessen auch aus zwei Gängen besteht. Tag für Tag bin ich beeindruckt, mit welcher Kreativität Köchin Anna die Gerichte in ihrer vollausgestatteten Kombüse zubereitet. Unabhängig davon stehen Wasser, Softdrinks, Kaffee und Tee jederzeit kostenfrei bereit. Der Konsum alkoholischer Getränke wird gesondert berechnet. Zum Angebot gehören neben Bier und gängigen Drinks auch ausgewählte Weine.

Zodiac-Touren unterstreichen den Expeditionscharakter des Törns an Bord der CAPE RACE
Zwischen den Mahlzeiten unternehmen wir Exkursionen mit den beiden motorisierten Zodiac-Schlauchbooten, die jeweils bis zu zehn Personen Platz bieten. Wir gehen auf kleinere und größere Wanderungen durch die einzigartige Tundralandschaft Grönlands. In den allermeisten Fällen sind wir dabei querfeldein unterwegs, aufgeteilt in zwei Gruppen – je nach individueller Begeisterungsfähigkeit und körperlicher Fitness.

Im Rahmen der Exkursionen erklimmen wir flechtenüberzogene Steinlandschaften, durchstreifen steinige Moränenfelder, durchwaten kleine Bäche, entdecken spiegelglatte Seen, bestaunen kalbende Gletscher, besuchen verlassene Siedlungen oder erkunden lebhafte Küstenorte. Alles ist freiwillig. Allerdings sind die Erlebnisse so abwechslungsreich und faszinierend, dass in der Regel immer alle mit dabei sind.

Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei die Aspekte Nachhaltigkeit, Umweltbildung und Meeresschutz ein. „Die CAPE RACE ist ein kleines Schiff – mit größten Ansprüchen“ schreibt der Gründer und langjährige Verleger des Hamburger mareverlags Nikolaus Gelpke in einer Infobroschüre über die Törns im nächsten Jahr. Als diplomierter Meeresbiologe und Eigner der CAPE RACE ist er regelmäßig an Bord und weiß, wie sensibel das Ökosystem der Arktis ist. Deshalb stehen alle Törns der CAPE RACE für verantwortungsvolles Reisen und den Schutz der Meere.

Mehr noch: Die Cape Race Cooperation arbeitet eng mit Bildungs- und wissenschaftlichen Partnern sowie Initiativen zusammen, die marines Wissen und nachhaltigen, naturschonenden Tourismus in sensiblen arktischen und nordatlantischen Regionen fördern. „Nur was man kennt, kann man lieben, und nur was man liebt, bewahrt man“, lese ich weiter. Außerdem gibt es ein Programm, dass sich „WISSEN – SCHAFFT – ERLEBEN“ nennt. Ihm folgend vermitteln die beiden Expeditionsleiter auch fundiertes Wissen.

Mitunter nutzen wir die Zodiacs nicht zum Übersetzen, sondern für Exkursionen auf dem Wasser. So auch am vorletzten Tag auf See. An der Südküste der Diskoinsel zuckeln wir zwischen Eisbergen und beeindruckend hohen Felsen hindurch. Feuchtigkeit liegt in der Luft, Dunst zieht auf, wandelt die Farben, lässt sie dunkler als üblich erscheinen. Die bis zu 800 Metern hohen Bergwände liegen teilweise unter einem Nebelschleier. Rostrot, braun, schwarz, mächtig, trist, trostlos und mystisch schön. Ich merke, wie die Welt um uns herum ihren Kontrast verliert. Sie wird zu einem strukturlosen Einheitsbrei verwaschen.

Eigentlich ein Wetter zum Verkriechen. Stattdessen sitzen wir im besagten Zodiac und genießen dieses einmalige Naturschauspiel. Gebannt schauen wir Teilnehmer nach oben, während wir mit unseren neongelben Kälteschutzanzügen einen weithin sichtbaren Kontrast zur Tristesse bilden. Wer den Film Herr der Ringe kennt, würde zu dem Schluss kommen, dass wir uns am Eingang zur Hölle Mordor befinden.

Unterhalb der Berge treibt im flachen Wasser bläulich leuchtendes Eis. Es ist immer wieder zum Greifen nahe, wenn wir es passieren. Spätestens jetzt erklären einige Teilnehmer die Beiboot-Tour zu einem der eindrucksvollsten Erlebnisse der Reise, weil wir so dicht am Geschehen sind. Ich schließe einmal mehr die Augen und lausche. Dabei nehme ich den immerwährenden Tanz der See zwischen Klippen und Eis wie ein plätscherndes Lied wahr. Wassergeräusche als Dolby-Surround-Sound, mit Möwenschreien. Intensiv-meditativ. Es ist ein weiteres sehr beeindruckendes Erlebnis. Eines, von denen wir hier im hohen Norden an Bord der CAPE RACE sehr viele erleben dürfen. Die Eindrücke machen mich demütig und dankbar.

So geht es auch Aki und Ralf aus Hamburg. Sie sind zum sechsten (!) Mal an Bord der CAPE RACE dabei. Nach zwei Törns in Norwegen und je einem in Spitzbergen, Schottland und Südgrönland wollen sie nun Westgrönland sehen. „Mit kleinen Gruppen an entlegene Orte reisen und diese intensiv erleben. Das gefällt uns“, sagt Ralf und Aki ergänzt: „Die CAPE RACE ist perfekt dafür.“ Dabei schaut sie in die Ferne, wo vereinzelt weiße Eisberge, die im Gegenlicht wie Frachtschiffe anmuten, in Zeitlupe dahintreiben.

Grönland ist ein faszinierendes Land
Zur Wissensvermittlung an Bord gehören logischerweise auch Informationen zu unserem Seegebiet. Grönland ist ein spannendes Land. Weil es kaum einen Zusammenhalt beziehungsweise keine nachhaltige Verbindung der Bevölkerung gibt. Es fehlt ein Gemeinschaftsgefühl im eigentlichen Sinne. Jedes Dorf, jede Ansiedlung und jeder Ort ist eine Welt für sich. Während wir Besucher daran gewöhnt sind, in unserer Heimat ins Auto oder in den Zug zu steigen, um von einem Ort zum nächsten zu gelangen, ist das in Grönland nicht möglich. Zwischen den Orten gibt es keine Straßen. Wer reisen möchte, muss eigentlich immer ein Boot nehmen. Sie sind überwiegend klein und den Verhältnissen auf See nur an wenigen Tagen im Jahr gewachsen. In größeren Orten existieren auch kostspielige Flug- oder Helikopterverbindungen.

Diese Abgeschiedenheit einzelner Landstriche verdeutlicht auch eindrucksvoll der Hinflug über die mehr als 3.000 Meter hohe Eiskappe im Landesinneren. Hohe Berge sind zum Greifen nah. Überall ist Schnee. Hier waren kaum oder noch keine Menschen. Und hier kommen so schnell auch keine hin. Teilweise weiß ich nicht, ob ich durch das Flugzeugfenster von oben auf Wolken oder schneebedecktes Land schaue. Diese Welt ist konturlos und weiß. Es ist eine Reise durch das Nichts, das harsche Unwirtlichkeit verkörpert. Sie trennt die Ostküste von der Westküste.

Und so bleibt jeder Teil des Landes für sich – in seiner Welt, in seinem Zentrum. Kein Blick über den Tellerrand, kaum Verbund zum Rest des Landes. Da ist die verbindende Komponente am ehesten noch der Support aus Dänemark. Rund 8.000 Euro investieren die Dänen pro Grönländer pro Jahr, wie wir beim Mittagessen an Tag vier von Andreas erfahren. Ohne das Geld aus Kopenhagen wäre Grönland finanziell nicht tragfähig. Denn das Wenige, was sich hier aus der Natur verwerten lässt, reicht nicht aus, um die 55.000 Menschen, die mit Herz und Seele auf das Jagen spezialisiert sind, zu ernähren. Hinzu kommen Fachkräftemangel und geringe Schulbildung so wie lange Perioden der Dunkelheit im Winter mit Bedingungen, die ihresgleichen suchen und Depressionen und Alkoholismus fördern.
Als Außenstehender ist es schwer, diese Lebensart, die so anders ist als die unsrige, zu greifen. Insofern stellen die Besichtigungen verlassener Siedlungen oder lebendiger Küstenorte eine interessante Abwechslung im Bordalltag dar. So auch in Qeqertarsuaq. Die 800-Seelen-Gemeide im Süden der Diskoinsel ist gezeichnet vom Gedanken an das Überleben. Überall liegen Dinge herum. Alles wird aufgehoben, kann wieder verwertet werden – und wenn es nur dazu dient, ein wärmendes Feuer zu machen.

Außerdem ist das Erscheinungsbild der Holzhäuser-Siedlungen, die in vielen bunten Farben getüncht sind, von Wind und Wetter gezeichnet. Ich erblicke abblätternde Farbe, verbeultes Blech, oder verrostete Container. Kälteresistente Schlittenhunde warten an Ketten ebenso auf ihren Einsatz wie bunte Netze, hölzerne Fischkisten, geparkte Schlitten, Schneemobile, Boote oder Strand-Buggies. Die Grönländer sind ein Jagdvolk. Man kann Gewehre im Supermarkt kaufen und im Hintergrund sind auch mal Schüsse über der weiten See zu hören. Robbenjagd.

Blicke ich in die Gesichter der Einheimischen, sind sie nicht selten wettergegerbt mit Furchen in der Haut. Es sind Gesichter, hinter deren Fassade zwischen den schmalen Inuit-Augen vermutlich viele Geschichten gespeichert sind. Dazu gehören Hände, die von harter Arbeit zeugen. Das verwundert nicht! Wer hier wohnt, ist von Dimensionen umgeben, die die Menschen klein und verletzlich in dieser Wilderness am Rande unseres Planeten agieren lassen. Würde ich einen Ort suchen, an dem die See ihren Lebensabend verbringt, ist der vermutlich irgendwo hier in der Nähe. Hier, wo Winterstürme und Schneetreiben das Ozeanwasser alt und stumpf aussehen lassen. Urzeitlich. Unüberwindbar. Jetzt im Sommer ist davon wenig zu spüren. Wir haben viel Flaute und die Fahrt ist äußerst angenehm. All das sind Einblicke, die mich spüren lassen, wie gut es mir in Hamburg geht. Welche unglaublichen Möglichkeiten und Freiheiten wir in Deutschland haben. Aber auch, wie klein unsere Nöte unterm Strich im Vergleich sind.

Das Eis der Diskobucht ist das Salz in der Törn-Suppe
Und dann ist da immer wieder dieses Eis. Egal, wen ich an Bord der CAPE RACE dazu befrage, niemand kann sich daran sattsehen. Es hat tausend verschiedene Gesichter und es hat viel erlebt, weil jeder Eisberg nur mit einer einzelnen Schneeflocke beginnt. Sie kann ihren Ursprung irgendwo über den Weltmeeren haben. Dort verdunstet ein Wassertropfen, wird vom Wind nach Grönland getragen und gefriert in den kalten Wolkenschichten zu einem Eiskristall. Dieses verbindet sich mit anderen Kristallen, wächst zu einer Schneeflocke heran und fällt schließlich auf das grönländische Inlandeis.

Über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte wird der Schnee unter dem Gewicht der nachfolgenden Schichten immer weiter verdichtet, bis aus ihm festes Inlandeis entsteht. Langsam beginnt das Eis, sich in Richtung Küste zu bewegen. Dort bildet es verschiedene Gletscherzungen, von denen schließlich gewaltige Eisberge abbrechen und ihre Reise hinaus auf die See und später in den Atlantik antreten. Irgendwann schmilzt auch der größte Eisberg wieder. Das Wasser kehrt ins Meer zurück – und der Kreislauf beginnt von Neuem.

In der Diskobucht spielt der Gletscher Sermeq Kujalleq am Ende des Ilulissat-Eisfjords bei diesem Kreislauf eine zentrale Rolle. Seine ständig kalbenden Eisberge schaffen ideale Voraussetzungen für ein außergewöhnlich artenreiches Ökosystem. Durch das Abbrechen der gewaltigen Eismassen und ihre Bewegung im Fjord wird nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche befördert. Dadurch gedeihen Phytoplankton und Eisalgen in großer Menge. Sie bilden die Nahrungsgrundlage für Kleinkrebse und andere winzige Meereslebewesen, die wiederum Fischen und den großen Bartenwalen als Nahrung dienen. Wir nehmen unter Andreas und Monikas wissenschaftlicher Anleitung Wasserproben aus der Tiefe und betrachten die winzigen Lebewesen unter dem Mikroskop im geheizten Salon der CAPE RACE. Mir gefällt es, sich in einem Land, das zu gigantisch ist, um es zu begreifen, mit den ganz kleinen Dingen zu beschäftigen.

Besonders eindrücklich erlebe ich das Eis-Naturschauspiel an der südlichen Landspitze von Ilulissat. Im warmen Licht der Mitternachtssonne habe ich das Gefühl, in ein offenes Auge unseres Planeten hineinzusehen. Vor mir liegt eine schier unwirkliche, kraftvolle, ständig in Bewegung befindliche Welt aus zersplittertem Eis, voller Anmut und Schönheit, die mich sprachlos staunend dasitzen lässt. Das Eis im Eisfjord scheint sich förmlich zu stapeln. Und spätestens, als bodennaher Nebel in sanften Schwaden zwischen diesen urzeitlich wirkenden Giganten hindurchzieht, ist die Szenerie an Schönheit nicht mehr zu überbieten.

Ich kneife mich selbst, um mir klarzumachen, dass das hier wirklich existiert, wische mir eine Träne der Rührung von der Wange und merke, wie glücklich ich darüber bin, dass mein Traum, einmal ins Eis zu fahren, den Weg aus meinem Hinterkopf in die Wirklichkeit gefunden hat.

Die CAPE RACE hat eine Sauna an Bord
Das Bemerkenswerte an einer Expeditionskreuzfahrt ist die Möglichkeit, spontan auf die Natur und die daraus resultierenden Rahmenbedingungen zu reagieren. So auch am Abend des vierten Tages. Als sich überraschend eine großflächige Flaute über die weitläufige Diskobucht schiebt und ein feuchter Nebel der warmen Sonne weicht, wird es faszinierend schön. Kapitän Marc stoppt die Maschine. Statt weiterzufahren, lassen wir uns mit der CAPE RACE einfach treiben – unweit einiger gigantischer Eisberge, die mehr als 50 Meter hoch (!) aus dem Wasser ragen.

Während der Kapitän die schiffseigene Sauna mit Birkenholz anheizt, sitzen wir Gäste an Deck und lassen die Szenerie unter der Mitternachtssonne, die hoch am Himmel steht, auf uns wirken. Während bei anderen Urlauben der Sonnenuntergang gelegentlich für Stress sorgt, weil ich ihn nicht verpassen möchte, passiert hier genau das Gegenteil, weil es in Grönland im Sommer keinen Wettlauf mit dem Sonnenuntergang geben kann. Die Sonne geht schlicht nie unter. Es ist alle Zeit der Welt vorhanden, die Landschaft zu genießen, Fotos zu machen oder einfach nur dazusitzen und den Moment zu erleben. Mit einem Fernglas in der Hand betrachte ich die Details der Eisberge auf der glatten See oder das bergige schneebetupfte Land. Es liegt irgendwo weit weg im Hintergrund. Wie alles sonst auf der Welt auch.

Spontan kommt mir ein Bild in den Sinn. Wenn man auf einen Leuchtturm steigt, lässt man für einen Moment die wuselige, hektische Alltagswelt unter sich. Mit etwas Abstand und einem größeren Rundumblick schaut man auf das geschäftige Treiben der Welt hinab und ist für kurze Zeit aus ihr herausgenommen. So ähnlich fühlt es sich hier im hohen Norden an. Ich bin weiter oben. Ich habe Abstand. Ich merke, wie Verpflichtungen nach und nach im Kielwasser verblassen. Stattdessen übernehmen Ruhe und Zeit das Zepter. Ruhe zum Nachdenken und Zeit zum Reflektieren. Der hohe Norden ist dafür ein außergewöhnlich guter Ort.
Dazu trägt auch bei, dass mein Smartphone an Bord im Flugmodus ist. Ich bin seit Tagen offline. Lebe im intensiven Hier und Jetzt. Kann man machen, muss man nicht. Mir tut es gut. Das scheint auch unser Kapitän so zu sehen. „Ist das nicht irre, was für Momente das Eis erschafft, die uns alle an irgendwas erinnern“, spricht Marc mich an, als ich über die Bordwand mal wieder zu einem Eisberg schaue. Marc rückt seine Elbschiffer-Mütze zurecht und ergänzt: „Ich komm gar nicht zum Buch lesen. So schön ist das hier.“ „Ja“, sage ich und füge hinzu, „ich brauch auch kein externes Entertainment, die Natur selbst ist Entertainment genug.“

Diesen Umgang mit der Kommunikation muss man an Bord der CAPE RACE keinesfalls teilen. Wer möchte, kann online sein. Internet über Starlink wird den Gästen im Land mit nur wenig Mobilfunkabdeckung auf Wunsch gegen Aufpreis zur Verfügung gestellt. Das führt dazu, dass eine Mitreisende an Deck plötzlich von neuen stationären Radarfallen, die in Hamburg aufgestellt werden sollen, berichtet. Ich merke, wie egal mir das ist, und richte meinen Blick wieder auf die atemberaubende Natur. Grönland verändert den Blick auf die Welt – und gleichzeitig darauf, was im Leben wirklich wichtig ist. Radarfallen sind es gerade nicht. Die würden hier eh nichts nützen, da alles nur langsam dahinfließt.

Zwei Saunagänge und zwei Bäder im drei Grad kalten Atlantikwasser später sitze ich in ein Handtuch gehüllt an Deck und lasse mich von der Mitternachtssonne wärmen. Hinter der Reling driften immer noch die weißen Eiszeitriesen lautlos mit uns zusammen dahin. Würde ich ein Bild malen wollen, würde ein Tuschkasten mit den Farben sonnengelb, ozeanblau und eisweiß reichen.
Die Sicht reicht in dieser Nacht weit. Sehr weit. Es ist friedlich. Unglaublich friedlich. Und still. Ohrenbetäubend still. Als hätte die Welt die Zeit angehalten. Oder zumindest drastisch verlangsamt. Alles ist im Fluss. Im Zeitlupenfluss, über den der Halbmond fahl am Himmel wacht. Gelegentlich erhebt sich ein Vogel aus der See und bricht mit seinem Flattern die Stille. Andächtig fasziniert stehen wir Gäste an Deck. Kaum einer sagt etwas. Alle spüren den Genuss, das Glück und das Gefühl, etwas Besonderes erleben zu dürfen. Voll und ganz im Hier und Jetzt. Alles an Bord hat sich der Entschleunigung des Eises unterworfen. Ohne Outlook. Ohne Verantwortung. Ohne Pflichten.

Erst weit nach Mitternacht verabschieden wir uns in die Kojen. Wir flüstern beim Gute-Nacht-Gruß, um den erhabenen Moment nicht zu stören. Während ich einschlafe, denke ich an eine Textzeile von Herbert Grönemeyer aus dem Lied „Mensch“. Er singt: „Momentan ist richtig. Momentan ist gut. Nichts ist wirklich wichtig. Nach der Ebbe kommt die Flut.“
Nach sieben intensiven Tagen neigt sich der Törn dem Ende
Am letzten Abend betrete ich noch einmal die Brücke, wo die 1. Offizierin Annette die CAPE RACE sicher durch die Eisberge zurück nach Ilulissat steuert. Sie ist an der rauen Westküste Dänemarks aufgewachsen, ist ein Kind der Küste – mit langen, leicht ergrauten, vom Wind zerzausten Haaren und einem Blick, der bis zum Horizont reicht. Das Eis ist dichter als sonst, und der Weg verlangt ihre volle Aufmerksamkeit. Trotzdem sprechen wir über die Dimensionen dieses Landes. Hier oben scheint einfach alles größer zu sein. Die Berge, die Eisberge, die Wale und selbst die Mücken.

Annette umschifft einen kleinen Eisklotz und erzählt: „Ich bin jetzt im dritten Jahr hier, und trotzdem kann ich immer noch nicht in Worte fassen, wie es hier ist. Man kann es Menschen, die noch nie hier waren, nur schwer vermitteln.“ Ich selbst bin zum ersten Mal hier und nur für vergleichsweise kurze Zeit. Und doch geht es mir genauso. Auch ich finde nur schwer die richtigen Worte für das, was ich auf der CAPE RACE erleben darf, gleichwohl ich es mit diesem Beitrag versuche. Vielleicht liegt es daran, dass hier oben alles so schwer zu greifen ist und sich die Dimensionen unserem gewohnten Maßstab entziehen. Alles wirkt so gigantisch. Es ist, als hätten Riesen diese Landschaft mit ihren bloßen Händen geformt. Ich schaue zu Annette und sage: „Es ist ein wenig wie bei einer Ozeanüberquerung auf einer Segelyacht. Wer sie nie gemacht hat, kann nur schwer nachvollziehen, wie sie sich anfühlt. Genauso ist es mit Grönland. Man kann Bilder zeigen und Geschichten erzählen – doch verstehen wird man diese andere Welt erst, wenn man sie selbst erlebt hat.“ Die CAPE RACE ist ein sehr guter Ort dafür.

Mit der Rückkehr auf den europäischen Kontinent und der Landung in Reykjavík auf Island löst sich unsere kleine Reisegruppe schließlich wieder auf. Wir waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum hätte sein können. Und doch sind wir unterwegs zu einer seefahrenden Gemeinschaft geworden – mit Adresstausch, Abschiedsumarmungen und gegenseitigen Einladungen. Die unterschiedlichen Weiterflüge zerstäuben uns in alle Richtungen. Jeder verschwindet zu einem anderen Gate, steigt im übertragenen Sinne wieder vom erwähnten Leuchtturm auf den Boden der Tatsachen hinab.
Am Gate horche ich vor dem Flug nach Hamburg noch ein letztes Mal in mich hinein und nehme eine große Gelassenheit gegenüber dem Leben wahr. Es ist eine Eigenschaft, die ich immer schon hatte, aber die Gelassenheit ist während dieser Reise in mir noch weiter gewachsen. Zudem ist da eine tiefe Dankbarkeit, dass ich diesen Törn erleben durfte. Es war mit Sicherheit nicht mein letzter an Bord der CAPE RACE. Dafür ist das gesamte Setting einfach zu besonders.
Weitere Informationen unter: www.mscaperace.com

























