Törnbericht: Segeln im San-Blas-Archipel (Kuna Yala)

Von Sönke Roever

Sönke hat 80.000 Seemeilen Erfahrung im Kielwasser und von 2007 bis 2010 zusammen mit seiner Frau Judith die Welt umsegelt. Er veranstaltet diverse Seminare auf Bootsmessen (siehe unter Termine) und ist Autor der Bücher "Blauwassersegeln kompakt", "1200 Tage Samstag" und "Auszeit unter Segeln". Sönke ist zudem der Gründer von Blauwasser.de und regelmäßig mit seiner Frau Judith und seinen Kindern auf der Gib'Sea 106 - HIPPOPOTAMUS - unterwegs.

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Gastfreundschaft am Ende der Welt

Anfangs ist der Einbaum nur schemenhaft zu erkennen. Immer wieder verschmelzen seine Umrisse mit dem Wasser ringsum. Erst beim Näherkommen sind unter einem ausgeblichenen und mehrfach geflickten Baumwollsegel zwei Männer zu erkennen. Sie kreuzen. Einer steuert, der andere schöpft überkommendes Wasser aus dem schmalen Holzrumpf. Ihr Ziel: Unsere vor Anker liegende Yacht. Kurz darauf folgt ein Aufschießer, Spiere und Segel fallen zu Boden, das Kanu stoppt exakt neben dem Heck.

Einbäume sind das universelle Fortbewegungsmittel im Reich der Inseln.

„Guten Tag. Mein Name ist Mister Green. Ich bin der Sohn des Häuptlings vom Dorf dort drüben und möchte Sie zu uns einladen.“ Kurze Zeit später sitzen der hagere Mann, dem eine ins Gesicht gezogene Kapitänsmütze nicht so recht passt, und sein Begleiter im Cockpit. Die Details der Einladung werden geklärt. Sprachliche Barrieren überwinden wir mit Spanisch- und Englischbrocken und mit viel Gestikulieren.

Für den Nachmittag wird eine Verabredung getroffen: Dorfrundgang, Besuch der Schule und Abendessen im Haus des Häuptlings. Mister Green will sich ums Essen kümmern, wir sollen Getränke mitbringen. Dann klettern die beiden wieder in ihr Boot und schippern vor dem Wind zurück zum Dorf. Als sie schon ein Stück entfernt sind, dreht Mister Green sich noch einmal um und ruft: „Bienvenido in Kuna Yala!“ Kurz darauf sind sie im Dickicht der bis aufs Wasser gebauten Hütten verschwunden.

Das Kuna-Dorf Mulatupu im Osten des Reviers.

San-Blas-Archipel – Inseln wie an einer Perlenschnur

Kuna Yala liegt in Panama. Ein autonomer Landstrich zwischen Obaldia – einem Militärstützpunkt im Osten an der Grenze nach Kolumbien – und Porvenir im Westen nahe dem Panamakanal. Über 100 Seemeilen hinweg reihen sich winzige Inseln und Riffe wie an einer Perlenschnur. Ursprünglich und unberührt. Im Hintergrund das von Regenwald überzogene bergige Festland – wolkenverhangen, feucht, grün, undurchdringbar.

Insel-Hopping vor Traumkulisse: winzige Inselketten reihen sich aneinander

Keine Straße führt in diese Region, in der rund 30.000 Kuna-Indianer immer noch relativ abgeschieden vom Rest der Welt leben, im Einklang mit sich und der Natur. Sie wohnen in Hütten aus rohen Brettern, getrockneten Palmenblättern und hier und dort auch Wellblechplatten. Sie kochen über dem offenen Feuer, schlafen in Hängematten und ernähren sich von selbstgebackenem Brot, Obst, Gemüse, Langusten und Fisch. Mit ihren Einbäumen gelangen sie segelnd von Insel zu Insel. Autos, Einkaufszentren oder gar Internetcafés haben und brauchen sie nicht. Ebenso wenig wissen sie, was ein Magengeschwür oder ein Burn-out-Syndrom ist.

Ankerlieger sind selten – aber willkommen

Unter Seglern ist das Revier als San-Blas-Archipel bekannt – ein Name, der von den spanischen Eroberern stammt und daher den Kuna nicht sonderlich gefällt. Dennoch werden Yachties herzlich empfangen. Wichtig ist jedoch, dass Reisende die Regeln der Dörfer beachten. So darf beispielsweise vielerorts nicht oder nur mit Erlaubnis fotografiert werden, und nach Anbruch der Dunkelheit muss jeder zurück an Bord sein. Auch dürfen sich Fremde nirgends häuslich niederlassen oder gar in einen Stamm einheiraten.

„Wir Kuna legen Wert auf den Erhalt unserer Kultur samt ihrer Traditionen, die wir uns bis heute bewahrt haben“, erklärt Mister Green beim Dorfrundgang. „Jeden Abend kommen wir im Congreso, unserem Versammlungshaus, zusammen und reden.“ An diesen Abenden geben die Häuptlinge ihr Wissen über die eigene Geschichte, die Medizin und auch aktuelle Ereignisse weiter. Zudem werden Streitigkeiten verhandelt.

An Land werden die Segler in der Regel sehr herzlich aufgenommen.

Ausdruck der Eigenständigkeit ist auch die Kleidung der Frauen. Sie schmücken sich mit aufwändig angefertigten Molas: Verschiedene Lagen Stoff werden übereinander genäht, die Motive, die dadurch entstehen, zeigen insbesondere Fische und Vögel. Über eine Woche Arbeit steckt in einem solchen Tuch, entsprechend stolz wird es präsentiert.

Frauen schmücken sich mit aufwändig angefertigten Molas.

Traumhafter Stopp für Blauwassersegler

Mit dem Boot lässt sich das Inselgebiet am besten von Ost nach West durchqueren. Insbesondere Blauwassersegler legen hier gerne auch einen mehrwöchigen Stopp auf dem langen Weg von den Antillen zum Panamakanal ein. Wobei es nur wenige Crews in den Osten, nahe der kolumbianischen Grenze, verschlägt.

Zöllner am Militärposten Obaldia.

„Gerade mal 20 Yachten klarieren hier im Jahr ein“, erklärt uns der Zöllner am Militärposten Obaldia. „200 Schiffe sind es hingegen weiter westlich in Porvenir.“ Kein Wunder. Die Nähe zum als unsicher geltenden Nachbarland schreckt ab. Dabei versucht man in Obaldia, den Seglern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Ankert dort eine Yacht, wird sie nach Anbruch der Dunkelheit mit Scheinwerfern angestrahlt und von der Grenzarmee bewacht.

Leider aber ist auch das Ankern selbst in Obaldia alles andere als angenehm. Ungebremst läuft die Passatdünung bis in den Scheitel der Bucht und macht das Leben an Bord wie auch das Übersetzen mit dem Dingi an Land zur Achterbahnfahrt. Nicht zuletzt scheut mancher Skipper die anschließende Kreuz entlang der Küste. Der Kurs verläuft auf den ersten Meilen zunächst hoch am Passatwind nordwestwärts. Das alles klingt aber schlimmer, als es ist. Wer die Reviererkundung von Osten aus wagt, wird mit Segeln in einem absolut unerschlossenen Revier belohnt.

Oh wie schön ist Panama. Traumkulisse San-Blas-Archipel.

Tradition trifft auf modernste Technik

So auch in Mulatupu, dem Dorf von Häuptlingssohn Mister Green und der mit 2.000 Einwohnern zweitgrößten Kuna-Siedlung im Archipel. Zunächst beuschen wir die Familie des Stammesoberhauptes, dann folgt die Gegeneinladung an Bord. Welten prallen aufeinander. Neugierig wollen die Einheimischen wissen, wozu all die Geräte am Kartentisch dienen. „Mit unseren Einbäumen kommen wir auch ohne überall an“, meint Mister Green. Wie soll man ihm also klarmachen, was Radar oder ein AIS-System ist? Oder dass auf dem Navtex-Empfänger Wettermeldungen gespeichert werden können? Es sind Errungenschaften der modernen Segelwelt, von denen die Kuna weit, weit entfernt sind.

Mit dem Einbaum kommen die Dorfbewohner zu Besuch auf die Yacht.

Letztlich sind es genau diese starken Gegensätze, die den Reiz des Reviers ausmachen. Zumindest, wenn sich die segelnden Besucher darauf einlassen. Da vergeht beispielsweise so manche Stunde mit dem Ansehen von Fotografien aus der Heimat. Auch wenn sich Häuptlingssohn Mister Green nur schwer vorstellen kann, dass in München knapp eineinhalb Millionen Menschen leben, gefallen ihm die süddeutschen Trachten, und er tauft sie liebevoll „Molas Alemanas“.

Später am Tag kutschiere ich in Gruppen nacheinander mehr als 50 Dorfkinder mit dem Außenborder im Schlauchboot umher. Sicher kann man da schon mal Angst ums Material haben, aber die Begeisterung und die strahlenden Augen der Jungen und Mädchen entschädigen für alles.

Die Kinder werden mit dem Außenborder im Schlauchboot umher kutschiert.

Ein Besuch des Englischunterrichts in der Dorfschule steht auf dem Programm: Während Lehrer Simon aus Panama City uns zunächst die Kultur und Geschichte der Kuna näher bringt, helfen wir dem Nachwuchs anschließend beim Konjugieren von Verben. Als Dankeschön werden Geschenke ausgetauscht. Frische Langusten für uns, Reis, Nudeln und Konserven für die Einheimischen.

Das Angebot des Dorfladens fällt vergleichsweise bescheiden aus.

Einsame Rückzugsorte

Dann heißt es weitersegeln. Nach einem kurzen Ächzen der Ankerwinde gibt der lehmige Boden das Grundeisen frei, und unter Motor geht es vorsichtig aus der Bucht heraus. Im Einbaum segeln Mister Green und sein Kompagnon voraus und weisen den Weg durch das Riff. Als das offene Wasser erreicht ist, drehen wir unsere Slup in den Wind. Das Großsegel steigt gen Himmel. Auf Kurs gehen, Fock ausrollen und die Schoten einstellen. Mit vier Windstärken weht eine angenehme Brise, die Segelspaß garantiert. Wellenbildung gibt es kaum, da ein vorgelagertes Außenriff die lange Passatdünung abfängt. Mit halbem Wind gleitet das Schiff angenehm über die kleinen Restwellen weiter nach Westen.

Segeln in Kuna Yala

Als Nächstes wird ein Ankerplatz ohne Siedlung in der Nähe ausgewählt. Schwer ist das nicht, da nur zehn Prozent der rund 350 Inseln bewohnt sind. Nach intensiven Tagen voller neuer Eindrücke ein angenehmes Kontrastprogramm. Ein solcher Rückzugsort ist beispielsweise die Bahia Golondria – eine kreisförmige Bucht, die nur über einen kleinen Einschnitt erreicht werden kann. Mangroven und Vögel sowie Vögel und Mangroven bilden den optischen Rahmen des Geschehens. Sonst gibt es in der Bucht nichts. Gar nichts. Im Süden thront in einem satten Dunkelgrün der Regenwald über den Bergen, im Norden rauscht irgendwo die Brandung übers Riff. Zeit, die Seele baumeln zu lassen.

Das Klischee vom unbeschwerten Leben unter Palmen wird erfüllt.

Außerdem eine gute Möglichkeit, einen Blick in den Törnführer zu werfen und weitere Ziele für die kommenden Tage auszusuchen. Was verbirgt sich hinter so klangvollen Namen wie Holandes Cays oder Coco Bandero, die Jahr für Jahr das Gros der Segler anziehen? In erster Linie sind das Orte, die alle Karibik-Klischees bedienen, schreibt der Autor. Stimmt, wie der Besuch zeigt: Schiffe dümpeln in der Abendsonne, die hinter einer kleinen Sandinsel versinkt. Am Strand liegen eine Handvoll Schlauchboote, deren Hecks von kristallklarem Wasser umspült werden. Palmen krümmen sich im Wind, es riecht nach Feuer, Barbecue, Urlaub.

In Kuna Yala gibt es unzählige Orte, die alle Karibik-Klischees bedienen.

In diesem Teil des San-Blas-Archipels leben weniger Kuna, dafür ankern dort umso mehr Segler. Manche sind seit Jahren vor Ort. „In Deutschland ist unsere Rente zu klein, aber hier können wir uns ein Leben im Paradies leisten“, schwärmt eine braungebrannte Seglerin, die mit ihrem Mann seit drei Jahren auf einem Stahlschiff um die Inseln zieht.

Das Paradies wandelt sich

Doch das Paradies hat auch seine Schattenseiten, wie am Ankerplatz vor dem Dorf Niadup in den Devils Cays auffällt. Unmengen Plastikmüll treiben vom Dorf weg über einen schmalen Sund, bevor sie am gegenüberliegenden Ufer auf den Strand gespült werden.

Plastikabfälle am Strand.

Über Jahrhunderte hinweg haben die Kuna von der Natur gelebt, Abfälle wie Kokosschalen oder Palmenblätter dem Meer überlassen und nie wieder etwas davon gesehen. Inzwischen kommen jedoch regelmäßig Versorgungsschiffe – und damit auch Müll – aus Kolumbien in die Buchten, um Handel zu treiben. Batterien, Taschenlampen, Werkzeuge, Speiseöl, Getränke in PET-Flaschen und Konserven im Tausch gegen Kokosnüsse, Fisch und Langusten. Bis vor einigen Jahren waren Kokosnüsse in Kuna Yala das gängige Zahlungsmittel. Inzwischen hat allerdings der in Panama verbreitete US-Dollar Einzug gehalten. Insbesondere für Luxusartikel wie Generatoren, Fernseher und Außenbordmotoren sowie Diesel und Benzin brauchen sie die westliche Währung, und da kommen die Segler gerade recht.

Spricht man den Saila, wie der Dorfhäuptling in der Landessprache genannt wird, darauf an, geht er sogleich zu einem anderen Thema über und beginnt von der Lebensweise der Kuna in Niadup zu berichten – vermutlich, um von den zuvor kassierten zehn US-Dollar Dorfbesichtigungsgebühr abzulenken. „Jugendliche heiraten ungefähr im Alter von 16 Jahren. Männer stellen die Ernährung sicher, indem sie tagsüber zum Fischen oder auf die Plantagen gehen. Frauen übernehmen die Erziehung der Kinder, die Verwaltung des Geldes und sie nähen Molas“, erzählt er. Die traditionellen Stoffarbeiten werden längst exportiert.

Kassenschlager bei den Touristen: Molas aus Kuna Yala

Doch auch, wenn die Kuna zunehmend geschäftstüchtig werden, ist das im Vergleich zur übrigen Karibik, wo sich mancherorts dreiste Boatboys die Reling in die Hand geben, in Ordnung. Die Segler sind für sie die einzige Möglichkeit, an ein wenig Bargeld zu gelangen. Und da das bisher auf faire Weise geschieht, ist es nicht verwerflich.

Blauwasseryachten ankern vor Banedup.

So auch auf Banedup, einem fußballfeldgroßen Flecken Sand inmitten der Chichime Cays. Nahe der Insel ankern rund 20 Yachten. Als die Sonne sich dem Horizont nähert, lösen sich Schlauchboote von ihren Hecks und nehmen Kurs auf das Eiland. Dort lebt Cajuko mit seiner Familie. Der 50 Jahre alte Mann versteht es, die Crews zu versorgen und bei Laune zu halten. Er backt frische Brötchen, bietet die Eier seiner Hühner feil und verkauft kaltes Bier als Sundowner. „Manchmal wechselt auch eine Mola den Besitzer, und dann freue ich mich“, lächelt er. Das gefällt den Yachties. Mancher bleibt länger als geplant. Doch spätestens im April, wenn die Passatsaison allmählich endet, zieht das Gros weiter nach Colón, dem Tor zum Panamakanal.

Noch Fragen? Kuna Yala ist ein Traumrevier am Rande der Karibik.

Im Kielwasser bleibt ein Revier, das in seiner Form wohl einzigartig ist. Nicht umsonst wird es von Blauwasserseglern, die die ganze Welt gesehen haben, immer wieder als eines der schönsten bezeichnet. Bleibt zu hoffen, dass es trotz zunehmender westlicher Einflüsse noch lange so bleibt – „Bienvenido in Kuna Yala!“

Revier-Infos

Wind & Wetter:
Von Dezember bis April weht ein angenehmer Nordostpassat. Die trockensten Monate sind Januar bis März, ab Juni beginnt die Regenzeit mit wechselhaften, teils starkem Wind. Wetterberichte über Radio, UKW oder Navtex gibt es nicht, einzig Wetter via Kurzwelle oder Satellitenkommunikation.

Navigation:
Das Revier ist mit Vorsicht zu befahren, da es an gutem Kartenmaterial mangelt. Zudem keinerlei Seezeichen. Vielerorts ist Augapfel-Navigation von der ersten Saling aus erforderlich. So planen, dass an Riffpassagen die Sonne über oder hinter dem Schiff steht.

Häfen & Ankerplätze:
Nirgends Marinas, es wird ausnahmslos vor Anker gelegen. Die Versorgungsmöglichkeiten sind sehr eingeschränkt. Vor der Anreise entsprechend verproviantieren. Einzig Diesel kann vereinzelt in kleinen Mengen von den Kuna bezogen werden.

Törnführer:
„The Panama Guide“ von Nancy und Tom Zydler sowie „The Panama Cruising Guide“ von Eric Bauhaus mit wichtigen Wegepunkten.

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Guenther FliszarRudolf Mandorfer Recent comment authors
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Rudolf Mandorfer
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Rudolf Mandorfer

Sehr schöner Bericht…macht Appetit !
Danke und liebe Grüße
Rudi

Guenther Fliszar
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Guenther Fliszar

Danke für euren Bericht! Werden ihn gut verwenden können!