Wild, herb und herzlich: Segeln zwischen Nordbretagne und Kanalinseln

Von Michael Amme

Michael ist seit über 20 Jahren als Journalist und Fotograf auf dem Wasser tätig. Der studierte Geograf hat weltweit Reisereportagen in mehr als 100 Charter- und Blauwasserrevieren produziert. Zudem haben den Hamburger viele Segelreisen und seine frühere Tätigkeit als Charter- und Überführungsskipper rund um den Globus geführt. Zusammen mit Sönke Roever ist er die treibende Kraft von BLAUWASSER.DE und ein beliebter Referent auf Bootsmessen und diversen Seminaren (siehe Termine).

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Saint Malo ist das Segelmekka der Nordbretagne

Ein feuchter Regenschleier hängt über dem Hafen. Graue Wolken türmen sich auf dem Horizont, Windböen aus Nordwest lassen die Riggs pfeifen und die Fallen klappern. Wir schultern unsere Segeltaschen und lassen den Parkplatz hinter uns, voraus sehen wir die Mastspitzen wippen, mehr nicht. Die Rümpfe der Segelyachten liegen zehn Meter in der Tiefe, fast so, als hätte jemand den Stöpsel gezogen und fast das ganze Wasser aus dem Hafenbecken herausgelassen. Die Gangway hinab zum Schwimmsteg führt fast senkrecht nach unten. Wir sehen uns fragend an. Ist das normal?

Egal ob Häfen oder Ankerbuchten, immer spielt der Gezeitenunterschied die entscheidende Rolle.

Wir suchen die MAX V, eine Charteryacht vom Typ Sun Odyssey 40.3. Es ist Ende Mai, der Winter war lang und kalt, Zeit, die Segelsaison einzuläuten und den Frühsommer auf der Haut zu spüren. Von Saint Malo aus soll es entlang der Nordbretagne Richtung Brest gehen. Hier gibt es viele hübsche Küstenorte, kleine Inseln, gewaltige Felsküsten, unzählige Leuchttürme, geheime Ankerplätze „und Krustentiere in allen Variationen“, wie Mitsegler Andreas aus Hamburg vor der Abreise zu berichten wusste. Geplant ist eine Urlaubswoche in einem neuen Revier, navigatorische Herausforderungen inklusive.

Mit 14 Meter Gezeitenunterschied ist die Törnplanung eine Liga für sich

Eine konkrete Törnplanung hatten wir, ganz laissez-faire, nicht gemacht. Die Bürotage waren lang, Hafenhandbuch, Tidenkalender und Seekarten fehlten, „das machen wir, wenn wir vor Ort sind“, hatte ich abgewunken, als mich unsere beiden italienischen Mitsegler, Stefano und Chiara aus Genua, nach den Törnzielen fragten. Jetzt wird mir mulmig. Wellenberge rollen auf die Küste zu, der Tidenhub ist gewaltig, und auf dem Navitisch stapelt sich ein Meer aus Karten, Büchern und Plänen.

Um die Unterlagen für die Törnplanung ausbreiten zu können, ist der Salontisch gerade groß genug.

Wie war das noch mal? Bezugsort, Berichtigung, Interpolation. Hochwasserzeiten, UTC, Sommerzeit. Wassertiefen, Kartennull, Süllhöhen. Der Wust an Daten, Zahlen und Fakten ist groß, Uhrzeiten, Gezeitenströmungen, Wasserstände und Geschwindigkeiten müssen berechnet werden, der Staub auf den Theoriekenntnissen wird mit einem Wirbelsturm davongefegt. Trotzdem: Die Törnplanung entlang dieser Küste bleibt kniffelig. Viele Ansteuerungen sind extrem flach oder fallen trocken, und die meisten Häfen können nur um und bei Hochwasser angelaufen werden. Bei dem für die nächsten zwei Tage vorhergesagten starken Nordwestwind sind wir zudem durch Legerwall bedroht, ein sinnvolles Ziel ist nicht in Sicht.

Saint Malo ist auch in der Vorsaison schon sehr belebt und bietet viel Sehenswertes.

Die Planung wird auf später verschoben, jetzt wollen wir erst einmal Saint Malo erkunden. Die Altstadt ist eineinhalb Kilometer vom Hafen Les Bas Sablones entfernt, im steifen Wind bummeln wir auf den gigantischen Festungsmauern entlang, bestaunen das Fort National auf einer der nahen Inseln und trinken in einer Bar in einer der engen Gassen ein Glas Cidre. Später entscheiden wir uns für die Brasserie Le Lion d’Or, Andreas bestellt Muscheln in Weißweinsoße und zum Nachtisch Crème Brulée.

Der Fluss Rance erweist sich als hübscher und geschützter Schlechtwettertipp.

Unerwartet rückt ein neues Ziel in den Fokus: der Fluss Rance

„Fahrt doch einfach nach St. Suliac“, rät Yannick, der Stützpunktleiter unserer Charterfirma bei der Schiffsübergabe. Er zeigt auf den Fluss Rance, an dessen Mündung Saint Malo liegt. „Hier seid ihr geschützt vor dem schlechten Wetter, der Ort ist hübsch, es gibt zwei gute Restaurants, eine Crêperie und einen maritimen Trödelladen.“ Er erzählt, dass über 80 Prozent seiner Chartergäste zu den nahen Kanalinseln segeln, an der bretonischen Küste dagegen bleiben üblicherweise nur ein paar Engländer. 60 Prozent seiner Gäste sind keine Franzosen, die meisten Ausländer kommen aus der Schweiz, „für ihren Segelschein müssen die Schweizer auf dem Kartenblatt von Saint Malo lernen, das macht das Revier für sie so interessant.“

Direkt neben dem Gezeitenkraftwerk liegt die Schleuse, die in den Fluss Rance führt.

„Barrage lock, Barrage lock, this is Sailingyacht MAX V, MAX V“, funke ich auf Kanal 13, mal sehen, ob man hier auch ohne Französischkenntnisse zurechtkommt. Der Flusslauf Rance ist zum Meer hin von einem riesigen Bauwerk abgetrennt, es ist das zweitgrößte Gezeitenkraftwerk der Welt. Der Weg in den Fluss führt nur durch eine Schleuse, die Bestätigung für eine Durchfahrt zur vollen Stunde kommt in passablem Englisch.

St. Suliac am Flusslauf Rance ist ein sehenswerter und in seiner Architektur typisch bretonischer Ort.

Hinter der Schleuse rollen wir die Genua aus, achterliche Winde treiben uns den mäandrierenden Flussverlauf hinauf, trotz dunkelgrauem Himmel, Ölzeug und Gummistiefeln genießen wir die Fluss-Exkursion. Bewaldete Ufer und grüne Felder, kleine Siedlungen und einsame Landhäuser, ein paar Strände und viele Fahrwassertonnen ziehen vorüber. Vor St. Suliac liegt ein riesiges Bojenfeld, wir schnappen uns eine freie Muring, bringen das Schlauchboot zu Wasser und erkunden den verschlafenen, aber hübschen Ort.

In St. Suliac entdecken wir einen Antik- und Trödelladen mit vielen maritimen Stücken.

Die Häfen der Nordbretagne sind verschlossen wie eine Auster

Das Wetter wird schlechter, der Wind nimmt zu, die ohnehin vage Törnplanung ist in Gefahr. Immer wieder studieren wir die nautischen Unterlagen und lernen, dass unser Vorhaben selbst unter moderaten Bedingungen nicht ganz einfach wäre. Häfen an der Küste der Nordbretagne wie St. Quay oder St. Cast sind zwar bei jedem Wasserstand erreichbar, „die Umgebung aber ist leider nicht so schön“, hatte Yannick erzählt. In den hübschen Orten wie Dahoet, Binic oder Paimpol sitzt man dafür fast immer einen ganzen Tag lang fest, „und kommt man am Tag darauf bei Hochwasser wieder weg, ist bei der Ankunft am nächsten Ziel das Wasser häufig schon wieder weg.“

Wie hier in St. Helier auf der Insel Jersey fallen einige Hafenbecken des Reviers auch komplett trocken.

Gar nicht mit einer Kielyacht erreichbar ist eine der populärsten Attraktionen Frankreichs: Mont St. Michel. Mit 14 Metern herrschen in der gleichnamigen Bucht neben Saint Malo die größten Gezeitenunterschiede Europas. Die kleine Insel mitten im Wattenmeer beherbergt ein großes Benediktinerkloster aus dem Jahre 1022, heute zählt der Felsen 3,5 Millionen Besucher jährlich.

Der Törn bekommt ein neues Ziel: Kanalinseln

An Tag drei beruhigt sich das Wetter, wir können die Bücher und Kochlöffel beiseitelegen und das Boot seefest machen. Erst passieren wir den Leuchtturm Le Grand Jardin, dann die 20-Meter Tiefenlinie, Ziel: St. Helier auf Jersey, 35 Seemeilen. Die Entscheidung für die Kanalinseln war unausweichlich, der Wetterbericht hat zum Ende der Woche erneut starke, auflandige Nordwestwinde vorhergesagt. „Ist doch super, die kenne ich noch nicht“, freute sich Andreas, der als Fahrten- und Regattasegler schon viele Häfen dieser Welt gesehen hat.

Kommt die Sonne raus, ist das Meer vor Saint Malo blau wie ein Ozean.

Auf halber Strecke versperrt das Plateau des Minquiers den direkten Kurs, ein meilengroßes Minenfeld aus trocken fallenden Unterwasserfelsen. Wir segeln im Osten daran vorbei und erhaschen am grauen Horizont einen Blick auf die im Westen gelegenen Iles Chausey. „Bei Niedrigwasser sind das 365 Inseln“, hatte uns Yannick erzählt, „bei Hochwasser bleiben nur noch sechs über Wasser.“ Bei der größten, der Grande Ile, liegt nahe einer kleinen Ortschaft ein vielbesuchter Ankerplatz, „sehr hübsch und bei ruhigem Wetter sehr empfehlenswert.“

Auch das Elisabeth Castle in der Zufahrt nach St. Helier liegt auf einer schroffen Insel.

St. Helier ist das Zentrum der Insel Jersey

Die Ansteuerung von St. Helier beginnt um 19 Uhr, zwei Stunden nach Hochwasser. Von der Eastern Passage geht es in die Electric Passage, so passieren wir eine Handvoll Flachstellen und Felsen. Von achtern schiebt der Strom mit zwei Knoten, in der Red and Green Passage bekommen wir das Richtfeuer in Linie, dieses führt uns bis in den inneren Hafen. Vor der Einfahrt in die St. Helier Marina leuchtet eine riesige Digitalanzeige: 3,7 Meter. Das ist die Wassertiefe über dem Süll, das verhindert, dass das Hafenbecken bei Niedrigwasser leer läuft. „Super Jungs, alles richtig berechnet“, gratuliert Schiffbauingenieur Stefano nach dem Festmachen.

Ganz zentral, an Schwimmstegen und mit ausreichender Wassertiefe liegt man in St. Helier auf der Insel Jersey.

Die Kanalinseln gehören nicht zu Großbritannien, sie sind nicht Mitglied der EU, ihr Sonderstatus nennt sich Kronbesitz der britischen Krone. Wir müssen nicht einklarieren, dafür aber die Uhr eine Stunde zurückstellen, beim Hafenmeister in britischen Pfund bezahlen und auf der Straße auf den Linksverkehr achten. Im Seafish Cafe direkt am Hafen gibt es die Premiumversion von Fish and Chips, im Lamplighter, einem Pub mit vielen bunten Zapfhähnen, Teppichboden und roten Kunstlederstühlen, ein Ale-Bier und über 100 Whiskeysorten. Alles very british hier.

Urig, gemütlich und very british geht es in den Pubs der Kanalinseln wie hier in St. Helier zu.

Der Takt der Tide bestimmt den Tagesablauf

Um 5.45 klingelt der Wecker, unter Deck ist es kalt und klamm, weshalb hat ein Charterschiff in der Nordbretagne eigentlich keine Heizung? Nach der Rückkehr aus dem Lamplighter hatten wir die Törnplanung für den kommenden Tag beschlossen: zum Frühstück in die Moulin Huet Bay auf Guernsey, zum Sundowner nach St. Peter Port. Wir quälen uns ins Ölzeug, der Himmel ist grau, der Wind moderat, der Tee heiß.

Zum Frühstück liegt die MAX V vor Anker in der Moulin Huet Bay im Süden der Insel Guernsey.

Vier Stunden und 25 Meilen später fällt der Anker zwischen hohen, steil ins Meer stürzenden und mit dichtem Grün bewachsenen Felshängen. Andreas bereitet englisches Frühstück für alle vor – Spiegeleier, Speck und gebratene Tomaten – dann passiert das Unvorhergesehene: Die Wolkendecke wird dünner, der Himmel reißt auf, an Tag vier der Reise sehen wir zum ersten Mal die Sonne. Das Wasser beginnt zu leuchten, dunkelblau unter dem Boot, karibisch türkis nahe den Felsen – Chiara wird übermütig und stürzt sich mit ihrem Neoprenanzug in die 14 Grad kalten Fluten.

Wer zum Spazierengehen mit dem Schlauchboot am Strand anlandet, sollte die Gezeiten im Blick haben.

Das Niedrigwasser hat einen 100 Meter breiten, goldenen Strand freigelegt, wir schleppen das Schlauchboot bis zur Felskante und klettern auf den Rand der Klippen. Über einen Wanderweg geht es um die Bucht herum, die Luft duftet nach frischen Blumen – gelber Ginster, lila Grasnelken, weiß-gelbe Margeriten. Palmen und Kakteen gibt es auch, die Inseln kennen dank des Golfstroms keinen Frost.

Von den Klippen aus liegt einem die ganze Schönheit der Moulin Huet Bay auf Guernsey zu Füßen.

St. Peter Port auf Guernsey ist städtisch und gemütlich zugleich

Mit frischem Nordwestwind und Sonnenschein geht es hoch am Wind die Ostküste von Guernsey entlang. Im Vorhafen von St. Peter Port wartet dann bereits der Hafenmeister, mit seinem Tender begleitet er unsere Charteryacht bis zum Liegeplatz. Der Hafen wird von einer Häuserfront gesäumt, gleich dahinter liegt die Einkaufspassage. Es gibt mehrere Hafenbecken, in einem fallen die Boote trocken, weiter hinten liegt die langgezogene Hafenmole mit ihrem alten, aus Natursteinen gebauten Leuchtturm. Hier thront auch das historische Castle Cornet, „der Ort ist viel gemütlicher als St. Helier“, findet Chiara.

Mitten im Zentrum von St. Peter Port auf der Insel Guernsey liegt die Marina der Stadt.

Zum Essen wählt Stefano das Boathouse direkt am Hafen aus, eine Mischung aus Bar und Restaurant, „das waren die besten frischen Austern, die ich je gegessen habe“, wird er später sagen. Noch am Abend entdecken wir auf der Seekarte die Dixcard Bay auf der Nachbarinsel Sark, „die Namen klingen doch schön verwegen und nach einem sicheren Piratenversteck“, findet Andreas. Ob uns die Bucht bei Windstärken bis sieben Beaufort einen sicheren Liegeplatz für die nächste Nacht bieten kann? Wir wissen es nicht genau, doch wir haben beschlossen, es zu probieren.

Charmante Gassen mit alten Giebelhäusern führen durch den hübschen Ort St. Peter Port.

Die Attraktion auf Sark ist der Cliff Path La Coupé

Viel los ist hier im Revier zu dieser Jahreszeit nicht, auf See haben wir insgesamt nur eine Handvoll Yachten gesichtet. In der Dixcard Bay ankern zu unserer Überraschung gleich zwei Boote, zwei Tradewind 35, beide gehören zur Offshore-Flotte des Sea Cadets Corps. Die Organisation steht unter der Schirmherrschaft der Queen und versucht, in Partnerschaft mit der Royal Navy, Jugendliche durch nautische Herausforderungen zu inspirieren. „Very bumpy“, bekommen wir von einem der Skipper die Antwort auf die Frage, wie denn hier die letzte Nacht vor Anker war. Ziemlich schaukelig also. Dann lichten die jungen Männer mit der mechanischen Winde ihren Anker und ziehen davon.

Uns bietet die Dixcard Bay auf der Insel Sark bei den vorhergesagten Winden perfekten Schutz.

Die große Bucht gehört uns jetzt ganz allein, das Wasser ist klar bis zum Grund, die gewaltigen Felsformationen leuchten in der Sonne grellgrün. An dem breiten und feinen Sandstrand im Scheitel landen wir das Schlauchboot an, das Wasser eines Bachlaufs stürzt sich die Felsen hinunter, prielartig sucht es sich seinen Weg über den Strand zum Meer.

In der Saison ist die Dixcard Bay eine der beliebtesten Buchten auf der Insel Sark und oft gut gefüllt.

Wir finden den Cliff Path, einen Trampelpfad, der zur berühmten Enge La Coupée führt. Hier ist die Insel nur noch ein paar wenige Meter breit, ein schmaler Brückenweg führt über den steil ins Meer abstürzenden Klippenkamm, der südliche Teil der Insel nennt sich Little Sark. „Es ist superklasse hier“, freut sich Stefano, „ein toller Abstecher.“

Das meistfotografierte Motiv der Kanalinseln ist die Enge La Coupé, die Sark mit Little Sark verbindet.
Auf Little Sark kann man in stilechter Pub-Atmosphäre seinen Spaziergang unterbrechen.

Mit Starkwind zurück nach Saint Malo

„Zweites Reff, kleine Genua“, so heißen die Kommandos am Morgen danach. Die Fallböen zerren bereits am Ankerplatz am Rigg, die Abfahrtzeit ist exakt berechnet, vier Stunden nach Hochwasser Cherbourg. Damit haben wir auf den 50 Seemeilen bis Saint Malo immer mitlaufenden Strom, bis zu dreieinhalb Knoten.

Bis zum Aufbruch an frühen Morgen bietet die Dixcard Bay perfekten Schutz.

Hinter der Abdeckung von Sark werden die Wellen groß und lang, „fast schon wie auf dem Atlantik“, findet Andreas. Manche Wellenkämme brechen sich direkt am Heck, Gischtfontänen fliegen durchs Cockpit, eine Welle findet sogar den Weg bis in den Salon. Vor der Westküste von Jersey wird das Wellenbild chaotisch, „vermutlich reflektiert hier der Seegang“, spekuliere ich, wir preschen mit über zehn Knoten über Grund einfach weiter.

Mit Sonnenschein, Starkwind und rauschender Fahrt geht es zurück Richtung Saint Malo.

Bei der Ansteuerung von Saint Malo wird das Wasser flacher, die Anspannung steigt, keiner an Bord weiß, was der anrollende Seegang für Verhältnisse schafft. Wir befestigen unsere Sicherheitsleinen am Boot, der Strom setzt jetzt seitlich, der Steuermann muss bis zu 40 Grad vorhalten. Ich verfluche den Eigner des Bootes, der keinen Plotter, nicht einmal eine Tochteranzeige des GPS im Cockpit angebracht hat. Ganz dicht zieht das Boot am Leuchtturm Le Grand Jardin vorbei, dahinter geht es in das betonnte Fahrwasser, hier wird die See plötzlich ruppig und steil. Nur unter Genua rasen wir bis kurz vor die Einfahrt der Marina, dann machen wir bei 35 Knoten Wind die Leinen fest.

Die Ansteuerung von Saint Malo ist gespickt mit Untiefen, die betonnte Rinne aber gut zehn Meter tief.

Abwechslungsreich, aufregend, abenteuerlich

So beschaulich die Reise mit der Revierfahrt auf dem Fluss Rance begann, so wild geht sie zu Ende. Wir haben eine Intensivauffrischung in Tidennavigation bekommen, wilde Natur, lebendige Hafenstädte und einzigartige Ankerplätze gesehen. Wir haben charmante Inselbewohner, ein Gezeitenkraftwerk und die idyllischen Ufer eines Flusslaufs kennengelernt. Nur die Küste der Nordbretagne konnten wir nicht erkunden, sie blieb uns verschlossen wie eine bretonische Auster. Doch jetzt haben wir Appetit bekommen, wir kommen wieder, ganz bestimmt.

Die Nordbretagne und die Kanalinseln protzen mit sattgrüner und wildherber Natur.

Charter

Saint Malo ist das Zentrum des Yachtsports mit den meisten Charterangeboten an der Küste der Nordbretagne. Aber auch in anderen Häfen wie in der benachbarten Region Normandie gibt es ebenfalls Chartermöglichkeiten. Das Angebot ist nicht so groß wie im Mittelmeer, dafür aber darf hier auch mit exotischen Schiffsmodellen wie Yachten mit Hubkiel gerechnet werden. Das Preisniveau ist etwas günstiger als im Mittelmeer.

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Weitere Infos zum Revier

Revier

Bis zur ersten Kanalinsel Jersey sind es von Saint Malo aus 35 Seemeilen, bis Guernsey 50, Alderney ist knapp 70 Seemeilen entfernt. Hier befinden wir uns im Seegebiet des Englischen Kanals, etwas weiter im Westen beginnt der Atlantische Ozean. Eine Überquerung des Kanals von Alderney nach Weymouth ist 53 Seemeilen lang. Die Küste der Nordbretagne erstreckt sich von Saint Malo aus in Richtung Westen auf etwa 130 Seemeilen. Südlich von Brest beginnt die Südbretagne und die Bucht der Biskaya. Im Osten liegt die Küste der Normandie.

Vor der Küste von Saint Malo wartet ein kerniges Seegebiet mit vielen Törnoptionen.

Navigation

Saint Malo hat zur Springzeit etwa zwölf Meter Tidenhub, mit den höchsten in ganz Europa. Die Strömungen betragen im offenen Seeraum bis zu dreieinhalb Knoten, in einzelnen Engpässen und Durchfahrten auch bis zum Dreifachen. Etappenplanungen sind somit extrem von den sich ständig ändernden Gezeitenströmungen abhängig. Es gibt unzählige Flachstellen und Felsen, die mal über und mal unter Wasser liegen, auch in den Zufahrten zu den Häfen. Die umfangreiche Betonnung des Reviers sorgt für Sicherheit. Richtet sich die Strömung gegen Wind und Welle, entsteht eine unangenehme See, fließt die Strömung über oder entlang von Flachstellen, muss mit heftigen und zum Teil gefährlichen sogenannten Overfalls gerechnet werden (Verwirbelungen).

Für die Planungen der Etappen und des ganzen Törns braucht es die passenden Unterlagen.

Häfen und Ankerplätze

Fast alle Häfen, auch die auf den Kanalinseln, können nur mit Hilfe einer Barre vor dem Leerlaufen bei Niedrigwasser geschützt werden. Das bedeutet, dass das Ein- und Auslaufen häufig nur wenige Stunden rund um Hochwasser möglich ist. Viele Häfen mit ausreichend tiefen Zufahrten bieten Wartepontons an, die zu jeder Zeit erreichbar sind. Beim Ankern und Anlanden mit dem Schlauchboot unbedingt die stark wechselnden Wasserstände beachten.

Eine Digitalanzeige wie hier in St. Helier auf Jersey zeigt die verbleibende Tiefe bis zur Barre an.

Wind und Wetter

Das Revier steht häufig entweder unter dem Einfluss des Azorenhochs oder unter dem von Tiefdruckgebieten, die durch den Englischen Kanal ziehen. Die vorherrschenden Winde kommen aus West und Nordwest, an sonnigen und klaren Tagen muss mit See- und Landwind gerechnet werden. Selbst im Sommer sollte man sich auf Regen, Wind und häufig ändernde Bedingungen einstellen. Von Juni bis September liegen die Tageshöchsttemperaturen um 20 Grad, die Wassertemperatur erreicht auch im Hochsommer kaum mehr als 16 Grad.

In der Nordbretagne und auf den Kanalinseln sollte mit Wind und Wetter in jeder Konstellation gerechnet werden.

Anreise

Am besten mit dem Auto, in Saint Malo befindet sich ein großer, kostenfreier Parkplatz am Hafen. Von Hamburg und München aus sind es etwa 1.200 Kilometer, von Köln 800, Berlin ist 1.400 Kilometer entfernt. Der Flughafen Saint Malo Dinard wird von Ryanair aus London Stansted angeflogen, der Flughafen von Rennes ist 70, der von Paris 400 Kilometer entfernt (Verbindungen mit Air France). Es gibt auch Flugverbindungen nach Guernsey, von dort aus geht es mit der Katamaranfähre weiter nach Saint Malo.

Literatur & Seekarten

• Hafenführer North Brittany, 2. Auflage 2008, Imray, 43,50 Euro.
• Ideal für Ankerstopps: Peter Cumberlidge, Secret Anchorages of Brittany, 36,50 Euro.
• An Bord darf nur mit französischen Veröffentlichungen gerechnet werden (Bloc Marine, L’Almanach du Marin).
• Für den Landgang: Marcus X. Schmid, Bretagne, Michael Müller Verlag, 24,90 Euro.
• Seekarten von SHOM (Service Hydrographique et Océanographique de la Marine), 1:50.000, je nach Törnverlauf Kartenblätter 7150 bis 7161.

Die Kulisse aus schroffen Felsen, üppig grüner Natur und dunkelblauem Meer ist hier perfekt.

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