Die schönen Seiten der Biskaya: Vier Alternativrouten

Ein Beitrag von

Wilfried Krusekopf

Wilfried Krusekopf segelt seit 40 Jahren zwischen Norddeutschland, England, Schottland, Irland, Spanien, den Azoren und der Karibik. Nach fünf Atlantiküberquerungen wählte er schließlich die Süd-Bretagne als seine neue Heimat. Seit mehr als 20 Jahren leitet er dort die deutsch-französische Skippergemeinschaft SAIL-BISKAYA. Mit seiner GWENAVEL, einer Hallberg-Rassy 39, unternimmt er von dort aus Törns im Bereich der Biskaya und im Ärmelkanal. Daneben arbeitet er als Segelautor und bietet eine Revier- und Törnberatung für den Ärmelkanal und die Biskaya an.

Wer die Biskaya mit Planung, Wetterfenster und realistischer Etappenwahl angeht, erlebt selten das gefürchtete „Schreckensrevier“ – im Gegenteil: Zwischen Brest, Vendée und Galicien warten zahlreiche geschützte Buchten, charaktervolle Häfen und Inseln, die einen Abstecher mehr als rechtfertigen. Statt die 350 Seemeilen von Brest nach A Coruña am Stück zu segeln – mit entsprechend großem Dreitagefenster – lohnt es sich, die Bucht in kürzeren Seestrecken zu entdecken: Die Gezeiten werden südwärts milder, Großschifffahrtsrouten lassen sich gut meiden, und kulturell wie landschaftlich ist die Strecke sehr lohnenswert.

Der Weg über die Biskaya von Brest nach A Coruña dauert etwa drei Tage, von La Rochelle hingegen einen Tag weniger. ©BLAUWASSER.DE

Die folgenden vier Alternativen zeigen, wie man mit Tages- bis Zweitagesetappen entspannt vorankommt, ohne auf Sicherheit und gute Laune zu verzichten – und dabei genau die Seiten der Biskaya kennenlernt, die ihren schlechten Ruf ad absurdum führen.

Wer die Bucht ein wenig aussegelt, entdeckt schöne Etappenziele in der Bretagne und Spanien. ©BLAUWASSER.DE

Der direkte Kurs von Brest nach A Coruña

Viele Segler möchten gern die rund 350 Seemeilen von Brest bis A Coruña möglichst schnell hinter sich bringen – ganz nach dem Motto des Fahrtensegel-Pioniers Eric Hiscock: „Never miss a good wind!“. Wenn sich also ein stabiles Wetterfenster über mindestens drei Tage ergibt, steht einer direkten Überquerung nichts im Wege.

Allerdings verläuft nur etwa 20 Seemeilen westlich der klassischen Seglerroute die stark befahrene Großschifffahrtsstraße, die vom Verkehrstrennungsgebiet bei Ouessant bis nach Kap Finisterre führt. Bis zu 200 Tanker und Frachter passieren diesen Abschnitt täglich und bilden für den Segler einen „Risikostreifen“ nach Westen. Die meisten Skipper fühlen sich daher wohler, wenn sie mit etwas Abstand zu den stählernen Giganten unterwegs sind.

Sofern das Wetterfenster für mindestens drei Tage gut ausgewählt wurde, ist auf dem Direktkurs weder meteorologisch noch navigatorisch mit Problemen zu rechnen. Die eigentliche Herausforderung liegt weniger im Wetter als im Schlafmangel, der bei drei durchgesegelten Nächten selbst mit eingespielter Crew kaum zu vermeiden ist. Wer gar von Falmouth in Cornwall zur Überquerung startet, muss meist eine Nacht mehr einplanen, um Galicien zu erreichen, und verbringt fast die ganze Passage in der Nähe der Großschifffahrt – kein Ort für entspannten Tiefschlaf.

Daher erscheint es für viele Segler aus Nordeuropa – aus Skandinavien, Deutschland und den Niederlanden – oft sinnvoller, zunächst entlang der französischen Küste nach Westen bis Brest zu segeln und von dort den Sprung nach Galicien zu wagen, anstatt entlang der englischen Küste zu segeln.

Eine trockengefallene Yacht in Camaret-sur-Mer, südlich von Brest – für viele Segler der Absprunghafen über die Biskaya nach Galicien. ©Wilfried Krusekopf

Drei sinnvolle Alternativen zum direkten Diagonalkurs

Wer nicht unter Zeitdruck steht, der sollte nicht die Direktroute von Brest nach A Coruña wählen, sondern stattdessen die Gelegenheit nutzen, die faszinierende Vielfalt der französischen und spanischen Atlantikküste zu entdecken. Es wäre zu schade, die zahlreichen reizvollen Inseln, lebendigen Fischerhäfen und historischen Küstenorte der Bretagne, der Vendée, Asturiens und Galiciens an Backbord liegen zu lassen.

Alternative A: Die Biskaya aussegeln

Mit zwei bis vier Wochen zusätzlicher Zeit lässt sich diese Strecke entspannt in Tagestörns genießen – von Hafen zu Hafen, von Bucht zu Bucht, bis zum Ziel in A Coruña. Der Segler wird in keinem der über 40 sehr reizvollen Häfen enttäuscht werden. Und die Ankernächte vor den acht auf der Strecke liegenden kleinen Inseln werden unvergessen bleiben.

Zwischen den Etappenzielen liegen selten mehr als 30 oder 40 Seemeilen – und auch in der Hochsaison bleibt der Andrang meist überschaubar: Lediglich zwischen Mitte Juli und Mitte August herrscht an manchen Orten etwas mehr Betrieb – jedoch längst nicht in dem Maß, wie man es aus dem Mittelmeer kennt.

Auf der Route entlang der Küste nach Süden ist mit ein wenig Schifffahrtsverkehr zu rechnen. ©Wilfried Krusekopf

Alternative B: Einige Tagesschläge in der Süd-Bretagne, dann rüber

Brest ist die größte Hafenstadt der Bretagne und besitzt neben einem Militär- und Handelshafen auch zwei große Yachthäfen: Die Marina Port Du Chateau liegt in direkter Nähe zum Bahnhof und der Innenstadt, aber ohne Werftbetriebe. Die Alternative Le Moulin Blanc liegt am östlichen Stadtrand und besitzt eine komplette Infrastruktur mit Werften und Ausrüstern. Brest wird zwar oft als Starthafen für die Biskayaüberquerung genannt, muss aber eigentlich gar nicht als Ausgangshafen gewählt werden. Außer für einen Crewwechsel oder Reparaturen ist es keineswegs notwendig, die Großstadt anzulaufen.

Etwa zehn Seemeilen westlich von Brest und tidentechnisch erheblich leichter anzusteuern, liegt in reizvollerer Umgebung der kleine, pittoreske, alte Langustenfängerhafen Camaret-sur-Mer, der nicht nur sehr geschützt liegt vor schwerem Wetter, sondern auch noch über gute Einkaufsmöglichkeiten verfügt.

Doch bevor von hier aus Kurs auf die Süd-Bretagne genommen werden kann, gilt es ein berüchtigtes „Gezeitentor“ zu passieren: das Raz de Sein. So heißt die schmale Passage zwischen dem bretonischen Festland an der Pointe du Raz und der kleinen Île de Sein.

Unter bretonischen Seglern kennt jeder den alten Fischerspruch: „Qui voit Sein, voit sa fin“, – „Wer Sein sieht, der sieht sein Ende.“ In der Tat verlangt diese Engstelle Respekt: Starke Gezeitenströme, zahlreiche felsige Untiefen und häufig auftretender Nebel machen das Raz de Sein zu einem Revier, das nur mit sorgfältiger Planung und zur passenden Zeit gefahrlos passiert werden sollte.

Hohe Atlantikdünung lässt das Segelboot vor der Pointe du Raz fast verschwinden. ©Wilfried Krusekopf

Wind-gegen-Strom-Situationen unbedingt vermeiden

Solange kein Starkwind gegen den bei Springzeit bis zu sechs Knoten starken Tidenstrom steht, lässt sich das Raz de Sein gefahrlos passieren. Setzt jedoch starker Wind – etwa ab sechs Beaufort – gegen die Tide, verwandelt sich die Passage in ein brodelndes Chaos aus stehenden Seen und brechenden Wellen. Dann heißt es: abwarten und auf eine bessere Wind-Tiden-Konstellation hoffen. Für die Planung bedeutet das: Wer mit Generalkurs Süd unterwegs ist, sollte auf Winde aus westlichen, nördlichen oder östlichen Richtungen achten, um mit dem nach Süden setzenden Ebbstrom im Rücken – also beides in dieselbe Richtung – durch das Nadelöhr zu segeln.

Südlich der Pointe Du Raz öffnet sich dann die Bretagne von ihrer sanfteren Seite. Nach der manchmal adrenalinreichen Passage wartet auf Südostkurs, etwa 40 Seemeilen weiter, ein malerischer Ankerplatz zwischen den durch Commissaire Dupin berühmt gewordenen Inseln des Glénan-Archipels. Smaragdgrünes Wasser zwischen fast karibisch anmutenden kleinen Sand- und Felsinseln lädt zum idyllischen Ankern ein. Es fehlen nur die Palmen – und die dazugehörigen Wassertemperaturen.

Karibische Wasserfarben laden an der Îles de Glenan zum Verweilen. ©Wilfried Krusekopf

Auf dem Weg dorthin liegen im Abstand von weniger als 25 Meilen einige charmante Fischerei- und Yachthäfen, die alle einen Besuch wert und sogar tidenunabhängig ohne Sill oder Schleuse anzulaufen sind:

Audierne – ein kleiner Fischerort mit ein paar Gästestegen in einer Flussmündung

Lesconil – eine sehr kleine, aber feine Marina in umgebautem Fischereihafen

Loctudy – eine kleine, aber gut ausgestattete Marina mit Werftbetrieben und Ausrüstern

Fischerboote gehören zu den ständigen Begleitern in der Biskaya. ©Wilfried Krusekopf

Und wer den Kurs etwas weiter nördlich hält, findet entlang der Küste und in den Mündungen einiger Flüsse bei Bénodet und Sainte-Marine weitere geschützte Anker- und Liegeplätze – perfekte Etappenziele für genussvolles Küstensegeln.

Gleich um die nächste Ecke liegt die moderne Marina Port-La-Forêt mit allen erdenklichen Versorgungseinrichtungen, Werften und Servicebetrieben. Nur wenige Meilen weiter lockt das charmante, mittelalterlich gebliebene Städtchen Concarneau, dessen Yachthafen unter den trutzigen Mauern einer Festungsanlage liegt.

Wer Fisch, Austern und Meeresfrüchte mag, ist an dieser Küste ohnehin richtig. Im Fluss Belon, nur fünf Seemeilen weiter östlich, liegt die Heimat der Bélon-Austern, die auf keiner Fruits-de-Mer-Platte fehlen dürfen.

Ein Schlag von nur 25 Seemeilen weiter nach Südosten führt zur felsig aufragenden Île de Groix, vor deren Küste Miesmuscheln gezüchtet werden. Der sehr beliebte und vielbesuchte Fähr-, Fischerei- und Yachthafen Port Tudy lockt selbst im Winterhalbjahr sehr viele Segler an. Wer die wohl urigste aller Seefahrerkneipen am französischen Atlantik kennenlernen möchte, der trinkt ein Bier (oder zwei) im legendären Ti Beudeff.

Der Hafen von Port Tudy ist eng, doch es findet sich immer ein Platz. ©Wilfried Krusekopf

Gegenüber auf dem Festland liegt Lorient, das im Zweiten Weltkrieg völlig zerbombt, dann schnell und etwas nachlässig wieder aufgebaut wurde. Ein Besuch lohnt eigentlich nur, um das Seefahrtmuseum Cité Tabarly zu besuchen, ein Museum zu Ehren von Frankreichs Segellegende Eric Tabarly. Hier liegen seine legendären Yachten PEN DUICK I, II, III, V und VI – eine Pilgerstätte für Fans.

Die PEN DUICK II, III und V im Hafen von Lorient: Drei der legendären Yachten Éric Tabarlys liegen hier heute nebeneinander und bilden ein einzigartiges schwimmendes Museum französischer Segelgeschichte. ©Wilfried Krusekopf

Von Groix zur Nachbarinsel Belle-Île sind es nur weitere 25 Seemeilen. Kein Besucher wird bezweifeln, dass die Insel ihren Namen zu Recht trägt. Die wilde Westküste wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts durch die Bilder von Claude Monet auch in den Salons der Pariser Haute Société bekannt. Der Fähr- und Haupthafen der Insel Le Palais ist im Sommer mehr als quirlig, aber zum Glück gibt es nur zwei Seemeilen entfernt im beschaulichen Sauzon gute Liegeplätze an Bojen und ohne lästigen Autofährenbetrieb.

Die Westseite von Belle-Île besitzt einen ganz besonderen Charme. ©Wilfried Krusekopf

Sollte sich die Großwetterlage inzwischen günstig entwickelt haben, dann ist Belle-Île ein sehr guter Absprungpunkt für die Überquerung der Biskaya nach A Coruña. Die 320 Meilen lassen sich dann in ausreichendem Abstand vom großen Dampfertrack binnen zwei oder drei durchgesegelter Nächte bewältigen. Statt aber mit erheblichem Schlafmangel in den Knochen nach zwei oder drei Nächten direkt in A Coruña einzulaufen, ist es für die meisten Crews wohl angenehmer, zuerst einmal in der perfekt geschützten Ankerbucht von Cedeira auszuschlafen, bevor es in das nur 30 Seemeilen südwestlich liegende quirlige Stadtleben von A Coruña geht

Rund um die Insel Belle-Île finden sich traumhafte Ankerbuchten. ©Wilfried Krusekopf

Alternative C: Küstensegeln bis nach La Rochelle, dann rüber

Statt von Belle-Île direkt nach A Coruña zu segeln, lohnt es sich allerdings durchaus, noch ein paar weitere Tage an der Küste entlang nach Südosten zu segeln, denn die Küste bis La Rochelle hat noch einiges mehr zu bieten. Vorbei an der touristisch recht bekannten Quiberon-Halbinsel geht es weiter in den großen Yachthafen La Trinité-sur-Mer, dem Segler-Mekka Frankreichs und Heimathafen vieler Maxi-Trimarane.

Im Yachthafen von La Trinité-sur-Mer gibt es viele beeindruckende Rennyachten zu bestaunen, wie hier die IDEC SPORT. ©Wilfried Krusekopf

Wer die Tidenströme im naheliegenden Golfe Du Morbihan als willkommene navigatorische Herausforderung sieht, dem bietet das spätmittelalterliche Städtchen Vannes am Nordrand dieses inselreichen Binnenmeeres viel Abwechslung in historisch gewachsener Umgebung.

Weiter nach Südwesten und auf halber Strecke nach La Rochelle liegt die überraschenderweise kaum bekannte Île d’Yeu. Die rund 60 Seemeilen dorthin lassen sich bequem in mehrere kurze Tagesetappen unterteilen – mit Zwischenstopps in Häfen, die jeweils ihren ganz eigenen Charakter besitzen:

Le Crouesty – die drittgrößte Marina Frankreichs, präsentiert sich sehr modern und bestens ausgestattet, mit einer lebhaften Flaniermeile voller Läden und Restaurants, wenn auch ein wenig der maritime Charme anderer bretonischer Häfen fehlt.

Piriac-sur-Mer – bietet eine nette Marina in einem umgebauten Fischereihafen mit historischer Kulisse, ist jedoch nur über ein Sill rund um Hochwasser zu erreichen.

La Turballe – wirkt authentisch und lebendig: halb Fischerei-, halb Yachthafen – dafür aber jederzeit, unabhängig von der Tide, anzulaufen.

Und schließlich Pornichet – praktisch, modern, geschäftig – aber weniger bretonisch-romantisch, dafür mit guter Infrastruktur.

Bevor nun die reizvolle Île d’Yeu erreicht wird, lohnt sich noch ein Abstecher zur Île de Noirmoutier, für seine herrlichen Radtouren bekannt, mit seinem ebenfalls tidenunabhängigen Yachthafen L’Herbaudière.

Ein wirkliches Must-visit ist Port-Joinville, der Fähr-, Fischerei- und Yachthafen der Île d’Yeu. Hier erlebt man authentisch gewachsene Hafenatmosphäre pur, und das in entzückender Umgebung.

In Port-Joinville erlebt man authentische Hafenatmosphäre, gewachsene maritime Kultur und französisches Insel-Flair. ©Wilfried Krusekopf

Doch nicht nur der Hafen Port-Joinville lohnt den Aufenthalt auf der Île d’Yeu. An der Süd- und Westküste gibt es einige in Felsen eingerahmte Ankerbuchten, die landschaftlich ihresgleichen suchen.

Karibisch anmutende Farben vor der Île d’Yeu: In den geschützten Buchten vor der französischen Atlantikküste leuchtet das Wasser an ruhigen Tagen überraschend türkis. ©Wilfried Krusekopf

Eine Tagesreise weiter nach Südosten erreichen wir nach rund 30 Seemeilen das als Regattahafen legendäre Les Sables-d’Olonne – ein Name, der Seglern weltweit ein Begriff ist. Alle vier Jahre fällt hier der Startschuss für das berühmt-berüchtigte Vendée-Globe, der härtesten Regatta Einhand und nonstop um die Welt. Doch auch abseits des Rennfiebers lohnt der Besuch: zwei gut ausgestattete Marinas, ein quirliger Fischmarkt, lebendige Hafenkneipen und das Flair eines traditionsreichen Badeortes, in dem sich das maritime Leben mit einem Hauch mondäner Eleganz mischt. Wer nach längerer Seefahrt als Kontrastprogramm das kulturelle Leben eines etwas extravaganten Badeortes spüren will, der schlendert hier durch die alten Gassen oder die Strandpromenade entlang.

Bis La Rochelle sind es von Les Sables nur etwa 50 Seemeilen. Wer auf dem Weg dorthin die Île de Ré auslässt, macht jedoch einen Fehler. Das bezaubernde, zu Napoleonischer Zeit in hellem Sandstein erbaute Saint-Martin-de-Ré mit seinem dicht belegten Innenstadthafen könnte man als das „Saint-Tropez der Atlantikküste“ bezeichnen – wenngleich zum Glück verträumter und in keiner Weise so glamourös wie der Hafen an der Côte d’Azur.

Saint-Martin-de-Ré gleicht einem Miniatur-Saint-Tropez. ©Wilfried Krusekopf

Von dort sind es nur noch etwa 15 Seemeilen bis La Rochelle. Auf dem Weg dorthin passieren Segler die alten Kaianlagen des Industriehafens und die dunklen Silhouetten ehemaliger deutscher U-Boot-Bunker – ein stilles Zeugnis der Geschichte –, bevor sich der Blick auf die moderne Marina Les Minimes öffnet. Mit über 5000 Liegeplätzen ist sie eine der größten Marinas Europas – aber auch recht anonym.

Zum Glück gibt es eine Meile weiter östlich direkt in der Innenstadt zwei interessantere Hafenbecken, die allerdings nur durch ein Schleusentor nahe am Hochwasser angelaufen werden können. Reservierung ist verständlicherweise zwingend. Man liegt nicht nur geschützt vor jedem Wetter wie in Abrahams Schoß, sondern auch direkt an der Altstadt im Zentrum des kulturellen und kulinarischen Lebens – wie „Gott in Frankreich“.

La Rochelle ist nicht nur wegen seiner sehr prachtvollen Altstadt ein paar Tage Aufenthalt wert. Dank perfekter Infrastruktur und einer TGV-Direktverbindung nach Paris ist der Ort auch für einen Crewwechsel oder die Überwinterung eine gute Wahl.

Wenn sich das ideale Wetterfenster von drei Tagen mit günstigem Wind für eine Fahrt nach Südwesten öffnet, so sind die 320 Seemeilen bis A Coruña von hier in etwa 55 bis 75 Stunden ohne Stress zu bewältigen, denn abgesehen von einigen Fischern auf dem französischen und spanischen Festlandsockel wird man mit der Großschifffahrt kaum in Berührung kommen und die atlantischen Tiefs ziehen im Sommerhalbjahr deutlich nördlicher durch.

Die pittoreske Szenerie von La Rochelle bei Nacht. ©Wilfried Krusekopf

Alternative D: Von La Rochelle 250 Seemeilen nach Südwesten bis Gijón

Nach La Rochelle beginnt eine besonders empfehlenswerte, weil vielseitig interessante Variante, die Biskaya zu überqueren. Statt von hier mit Kurs Westsüdwest A Coruña direkt anzusteuern, führt der Kurs nach Südwesten auf die große Hafenstadt Gijón in Asturien, an der Küste Nordspaniens. Das verkürzt die eigentliche Blauwasseretappe um 80 Seemeilen auf rund 240 Seemeilen, was bei passendem Wind in weniger als 48 Stunden gut zu schaffen ist. Das macht sie ideal für Segler, die im Spätsommer oder Herbst unterwegs sind, wenn stabile Wetterfenster etwas seltener werden.

Von Gijón bis A Coruña sind es dann nur noch etwa 150 Seemeilen, die in fünf oder sechs Tagesetappen entlang der abwechslungsreichen Küste Asturiens und Galiciens problemlos abgesegelt werden können.

Diese Streckenwahl beinhaltet folgende Vorteile:

  • Nach der abwechslungsreichen, inselreichen französische Küste der Süd-Bretagne und der Vendée, lernt die Crew auch die verlockenden Häfen und Ankerbuchten Asturiens und Nord-Galiciens kennen.
  • Die gerade im Sommer oft windarme, aber dennoch dünungsreiche innere Biskaya zwischen Arcachon, Biarritz und Santander wird vermieden.
  • Der Kontakt zur Großschifffahrt ist minimal.
  • Bei gutem Wind genügen ein bis zwei durchgesegelte Nächte.
  • Gerade in diesem Seegebiet der mittleren Biskaya ist die Zahl der Delphine besonders hoch. Auch die Begegnung mit Walen ist keine Seltenheit.

Kaum Wind, aber viel Dünung

Ein Abschnitt der französischen Atlantikküste, der auf der Seekarte verlockend aussieht, in der Praxis aber oft mehr Geduld als Segelvergnügen verlangt, ist der Küstenstreifen südlich von La Rochelle. Wer mit dem Ziel A Coruña unterwegs ist, meidet diesen Bereich am besten – und das aus gutem Grund: Im großen Dreieck zwischen La Rochelle, Biarritz und Santander herrscht statistisch deutlich weniger Wind als im übrigen Teil der Biskaya. Gleichzeitig läuft aber meist eine alte Dünung aus der äußeren Biskaya in dieses Seegebiet – ein Traum für Surfer in Biarritz, aber ein Graus für Segler. Bei kaum Wind schlagen die Segel nur noch träge hin und her, das Boot schaukelt unangenehm – eine der unkomfortabelsten Kombinationen, die man auf See erleben kann.

Große Brecher über einer Sandbank vor Gironde südlich La Rochelle. ©Wilfried Krusekopf

Wer die Küste nach Süden trotz des zu befürchtenden Windmangels weiter und in Tagesetappen kennenlernen möchte, der muss bereit sein, manchmal den ganzen Tag lang zu motoren. Die Häfen bis zur spanischen Grenze – Royan, Arcachon, Capbreton und Anglet – liegen allesamt in Flussmündungen und sollten deshalb nur mit der Flut und nahe am Hochwasser angelaufen werden.

Denn wenn das ablaufende Wasser aus dem Fluss kommt und gleichzeitig vom Atlantik eine alte Dünung heranrollt, dann kann es durch Überlagerung vor den Hafeneinfahrten zu teils schweren Brechern (Grundseen) kommen. Hinzu kommt speziell in Arcachon, dass sich die Sandbänke unter der Dune du Pilat oft im Laufe weniger Wochen unvorhersehbar verlagern. Die Betonnung ist darum nicht immer zuverlässig.

In Spanien zwischen Biarritz und Gijón und auch weiter bis A Coruña sind hingegen fast alle Häfen tidentechnisch problemlos anzulaufen. Der Tidenhub beträgt hier an der gesamten Küste bis A Coruña zwischen 2,5 und 4,5 Metern je nach Mondphase, aber er baut keine starken Tidenströme auf. Maximal werden etwa 1,5 Knoten erreicht.

Entlang der baskischen Küste bis Gijón warten mehrere lohnende Stopps:

Saint-Jean-de-Luz – typischer baskischer Fischer- und Ferienort mit kleiner, atmosphärischer Marina.

Hendaye – eine große, moderne Marina mit beliebtem Sandstrand

San Sebastian – das „kleine Rio“ an der baskischen Küste. Es besitzt nicht nur einen Zuckerhut mit Christusstatue, sondern ähnelt auch mit seiner mondänen Strandpromenade, seinen lukullisch verführerischen Tapas-Bars und dem quirligen Nachtleben in mancherlei Hinsicht seiner brasilianischen großen Schwester. Der Yachthafen ist sehr klein und schnell voll, aber Ankern ist möglich.

Der Ort San Sebastian ähnelt mit seinem langen Sandstrand und dem Zuckerhut der Copacabana in Rio de Janeiro. ©Wilfried Krusekopf

Guetaria – einst ein reiner Fischerort, präsentiert sich heute mit einer modernen Marina – umgeben von uralten Steinhäusern, kleinen Werften und dem geschäftigen Treiben der Fischerflotte. Hier weht noch das authentische Flair des Baskenlands, ergänzt durch gute Restaurants direkt an der Kaipromenade.

Bermeo – ein kleiner, ruhiger und ursprünglich gebliebener Ort. In dem charmanten Hafen mit wenigen Gästestegen liegen Fischerboote und Yachten friedlich nebeneinander – ein Ort, an dem man die Seele baumeln lassen kann.

Bilbao – ein weitläufiger Handels- und Industriehafen, der jedoch gleich mehrere moderne Marinas bietet. Die Stadt selbst hat sich in den letzten Jahren zu einem kulturellen Zentrum Nordspaniens entwickelt – mit dem weltberühmten Guggenheim-Museum, einer lebendigen Altstadt und maritimer Atmosphäre.

Santander – eine größere, geschäftige Stadt mit modernen Yachthäfen und einem markanten Handels- und Fischereihafen. Auch wenn ihr etwas der Charme kleinerer Küstenorte fehlt, lohnt ein Zwischenstopp für Proviant, Reparaturen oder einen Stadtbummel entlang der langen Uferpromenade. Die Marina liegt praktisch direkt am Stadtrand – leider in Hörweite des Flughafens.

Die verbleibenden 90 Seemeilen bis Gijón lassen sich ideal in zwei Etappen aufteilen: Eine Nacht vor Anker im Fluss bei San Vicente De La Barquera bietet sich an, ein Ort wie aus der Zeit gefallen, eingerahmt von grünen Hügeln und alten Steinbrücken. Mit etwas Glück findet sich im kleinen Hafen von Llastres ein Platz längsseits an einem Fischerboot.

Die meisten Skipper werden jedoch direkt von La Rochelle nach Gijón segeln – eine Passage, die in nur zwei Nächten zu schaffen ist.

Gijón ist einen mehrtägigen Aufenthalt wert. Wohl kaum ein Fahrtensegler wird den kulinarischen Verlockungen der Casas, Jamonerías, Tabernas, Mesones und Restaurants in der Altstadt von Gijón widerstehen können, in denen sich die Tische unter Tapas, Schinken und frischem Fisch biegen. Um die dort genossenen Leckerbissen wieder abzutrainieren, fährt man am besten mit Bus oder Leihwagen in die nur 40 km entfernt liegenden, über 2000 Meter hohen Picos de Europa. In dieser eindrucksvollen Bergwelt warten alpine Wanderwege. Kaum ein Mitteleuropäer kennt diese alpenähnliche, aber relativ schwach besuchte Hochgebirgslandschaft in Nordspanien. Bei sehr guter Sicht schaut man von den Bergspitzen bis hinunter auf die tiefblaue Biskaya.

Die Häfen von Gijón bis A Coruña

Die Küste zwischen Gijón und A Coruña ist geprägt von hochaufragenden, zerklüfteten, brandungsgepeitschten Felslandschaften und hohen Bergen im Hinterland. Im Abstand weniger Meilen liegen kleine Ortschaften in geschützten Buchten, einige davon als winzige Fischerhäfen ausgebaut. Spuren einer „modernen“ Industriegesellschaft sucht man hier vergebens. Bei einem Tidenhub zwischen 1,5 Metern bei Nippzeit und 4 Metern bei Springzeit entstehen keine außergewöhnlichen Gezeitenströme. Mit 0,5 bis maximal 1,5 Knoten bleiben sie leicht beherrschbar. Im Sommer bei ausgeprägtem Azoren-Hochdruckkeil bis in die Biskaya und einem Hitzetief über der Iberischen Halbinsel weht an dieser Küste der typische Wind aus Nordost bis Ost recht regelmäßig.

Auf den letzten Seemeilen vor A Coruña zeigt die Küste noch einmal ihren ganz eigenen Charakter – und manchmal auch ihre Launen. Besonders in den Sommermonaten Juli und August tritt hier häufig Nebel auf. Feuchtwarme Luft kondensiert hier über kaltem Wasser, das durch eine Meeresströmung aus der Tiefsee an die Oberfläche gedrückt wird.

Fahrtensegler werden Radar und AIS an manchen Sommertagen zwischen Gijón und A Coruña nicht missen mögen, denn auch einige Frachter ziehen hier zwischen A Coruña, Gijón und Bilbao geradlinig in nur etwa 10 Seemeilen Abstand parallel zur Küste entlang.

Auffällig sind die vergleichsweise niedrigen Leuchttürme dieser Region. Statt hoch oben auf den Klippen zu stehen, befinden sie sich oft in Küstennähe. Der Grund dafür ist die an dieser Küste meist sehr niedrige, dichte Bewölkung, die die Berge regelmäßig in graue Watte packt.

Der Nebel verhüllt das Cabo Ortegal. ©Wilfried Krusekopf

Auf den letzten 120 Seemeilen bis A Coruña liegen in Asturien und Galicien folgende Häfen in weniger als 40 Seemeilen Abstand zueinander. Alle sind unproblematisch anzusteuern:

Avilés – mittelgroßer Industriehafen in einem Fluss, mit ein paar Yachtstegen nahe der Innenstadt

Cudillero – zwischen hohen Felsen gut geschützter, reizvoller Fischerei- und Yachthafen am Rand einer vom Tourismus nicht unberührten Kleinstadt

Ribadeo – gut geschützter kleiner Yacht- und Fischereihafen unterhalb einer netten, authentisch gebliebenen alten Kleinstadt am Berg, gute Versorgungsmöglichkeiten

Viveiro – guter kleiner Yacht- und Fischereihafen, in einer tief eingeschnittenen Bucht, in der auch geschützt geankert werden kann. Angenehme Kleinstadt mit sehr guten Versorgungsmöglichkeiten

Bares / El Barquero – sicherlich einer der schönsten Ankerplätze an der spanischen Nordküste nahe am grandiosen Felskap Estaca de Bares, wunderschöne Sandbucht zwischen hohen Felskaps. Kleines Dorf mit Bar und Restaurant am Strand. Bei Wind aus Osten allerdings ungeeignet

Cariño – kleiner Industrie- und Fischereihafen ohne Yachtstege, aber mit guten Ankermöglichkeiten bei Wind aus Süd, Südwest oder West

Cedeira – kleiner, urwüchsig gebliebener Fischerort in einer gegen alle Windrichtungen perfekt geschützten Bucht zwischen hohen Bergen. Es gibt zwar keinen Yachthafen, aber dafür allerbestes Ankern auf geringer Tiefe mit viel Platz. Die Versorgungsmöglichkeiten sind mäßig, aber dafür ringsherum reizvolle Berglandschaft mit tollen Wandermöglichkeiten.

Der Stadthafen von A Coruña – kurze Wege in die Innenstadt. ©Wilfried Krusekopf

A Coruña: Der Hotspot aller Langfahrtsegler auf Kurs in Richtung Gibraltar, Kanaren oder Karibik

Kaum ein Segler, der mit Kurs Südwest in Richtung wärmerer Gefilde unterwegs ist, läuft nicht diesen schon von den Griechen und Römern geschätzten Naturhafen an. Architektonisch und kulturell bietet die Stadt historisch gewachsenes Flair und dazu eine maritime Infrastruktur, die keinen Seglerwunsch offenlässt. Jede Reparatur ist machbar. Der schon zu römischen Zeiten erbaute Leuchtturm Torre de Hércules schickt ab Sonnenuntergang alle 20 Sekunden seine vier Lichtblitze über das Meer und erinnert daran, dass vor mehr als zwei Jahrtausenden diese Küste auch ohne elektronische Hilfsmittel angesteuert wurde.

Direkt am Rande der Altstadt wurde einer der ehemaligen Fischerhäfen in eine Marina mit etwa 300 Liegeplätzen verwandelt. Eine zweite, sehr große und etwas unbeseelte Marina liegt außerhalb der Stadt.

Ein Sinnbild für Spanien: der Jamón Serrano unter den Decken der Restaurants. ©Wilfried Krusekopf

In kulinarischer Hinsicht kommt der Segler in A Coruña und in ganz Galicien voll auf seine Kosten:
Ob Langostinos (große Garnelen), Percebos (Entenmuscheln), Mejillones (Miesmuscheln): Die Vielfalt an Meeresfrüchten und Fischen ist schier grenzenlos. An Bord länger haltbar hingegen ist ein Jamón Serrano, der in manchen Tapas-Bars gleich dutzendfach unter der Decke hängt.

Der Tintenfisch ist eine weitverbreitete Delikatesse in Galicien. ©Wilfried Krusekopf

Ein Schlemmer-Besuch in der urigen Jamoneria „La Leonesa“ mitten in der Altstadt gehört einfach zu einem Landgang in A Coruña dazu. Wer danach noch etwas Bewegung sucht, kann den vielen Pilgern folgen: Der legendäre Camino de Santiago beginnt gleich hier – und wer mag, kauft sich in A Coruña einen Wanderstock statt neuer Segelhandschuhe.

Fazit

Die Biskaya ist kein Gegner, den man bezwingen muss, sondern ein Revier, das man entdecken darf. Wer sich von der Vorstellung löst, sie möglichst schnell „hinter sich zu bringen“, wird mit abwechslungsreichen Küsten, sicheren Etappen, gewachsenen Hafenorten und pittoresken Ankerplätzen belohnt. Am Ende zählt nicht, wie schnell man in A Coruña ankommt – sondern, wie viele dieser besonderen Orte man auf dem Weg dorthin erlebt hat.

Revierwissen aus erster Hand

Wilfried Krusekopf ist mehrfacher Buchautor, lebt seit über drei Jahrzehnten in der Bretagne und segelt seit mehr als 40 Jahren einhand und mit Crew in Nordsee, Ärmelkanal, Biskaya und Nordatlantik. Auf diesem Erfahrungshintergrund bietet er auch eine Törn- und Revierberatung für Skipper an, die auf eigenem Kiel diese mancherorts schwierigen Gewässer besegeln wollen.

Näheres dazu auf: www.sail-bretagne-atlantic.eu

Daneben leitet Wilfried Krusekopf eine deutsch-französische Skippergemeinschaft, die in der Bretagne Trainingstörns im Gezeitensegeln für zukünftige Skipper anbietet. Details siehe www.sail-bretagne-atlantic.eu

Kontakt:
Wilfried Krusekopf
Revier- und Törnberatung Ärmelkanal-Biskaya
Organisationsleitung SAIL-BISKAYA
7, Kerhouet-St. Maur
56370 Sarzeau
Frankreich
Tel. 0033 67 07 76 598
E-Mail: sail@biskaya.de

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Roberto
Roberto
3 Monaten her

Toller Bericht! Die Bildunterschrift zu „Die PEN DUICK II, III und V im Hafen von Lorient“ ist nicht korrekt. Das Bild stammt aus Le Palais, dem Hauptort der Belle-Île (links im Bild die Citadelle Vauban).